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Full text of "Ignaz Philipp Semmelweis, sein Leben und Wirken: Urteile der Mit- und Nachwelt"

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Ignaz Philipp Semmelweis, 
sein Leben und Wirken 

Fritz Schürer von Waldheim 





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PURCHÄSED FROM THE INCOME OF THE 

SAMUEL WHEELER WYMÄN 



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Nach einem aus dem Jahre 1857 stammenden Aquarell. 



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Sein Loben und Wirken. 



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Mit 2 Portrait^. 



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Ignaz Philipp Semmelweis. 



Sein Leben und Wirken. 



Urteile der Mit- und Nach-w^elt 



Von 

Dr. Fritz SchQrer von Waldheim 

prakt. Arzt in Wien. 



Mit 2 Portraits. 



WIEN und LEIPZIG. 

A. HARTLEBEN'S VERLAG 

1905. 

(AUo Renhte vurbelmlt.en.j 



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nr 



„Wäre jede 
gelehrten nur ei 
wie viel würde 




so vieler System - 
Arzt geworden, 
onnen haben!" 



über Hippokrates. 



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III — 



Vorwort. 



Semmelweis' Hauptwerk, die „Ätiologie des Kindbettfiebers", er- 
schien im Jahre 1861 im Verlage von A. Hartleben. Das Buch ist 
seit Jahren vergriffen. Von dem jetzigen Besitzer der Verlagsbuch- 
handlung, Herrn Eugen Marx, auf diesen Umstand aufmerksam ge- 
macht, nahm ich Einsicht yi das denkwürdige Werk und bemerkte zu 
meinem Bedauern, daß demselben zahlreiche Mängel anhaften. Es 
enthält eine Fülle interessanter Beobachtpngen, Erklärungen, Erleb- 
nisse etc., doch in so unvorteilhafter Anordnung, daß das Ganze nicht 
unterrichtet, sondern verwirrt. Ein Leser unserer Zeit hat nicht mehr 
die Geduld, dergleichen zu studieren, weshalb ein Neudruck keinen 
Zweck hätte. Die Persönlichkeit des Mannes und sein Schicksal begann 
mich aber lebhaft zu beschäftigen; je mehr ich erfuhr, desto gewaltiger 
wuchs mir seine Bedeutung, und um so unerklärlicher dünkte mich die 
Nichtbeachtung seiner Verdienste. Baron Berger's anziehende Semmel- 
weis-Novelle, welche gerade damals erschien, fand in mir den be- 
geistertsten Leser. Der kurze Hinweis, daß Hebra, Skoda und Roki- 
tansky Förderer des jungen Semmelweis gewesen, veranlaßte mich, mit 
der Ungeduld eines Schatzgräbers weiter zu forschen. Die größten 
Männer der Wiener medizinischen Schule hatten sich für Semmelweis 
eingesetzt, und dennoch war dieser gescheitert! Wie kam das? Hatte 
sich überhaupt schon jemand mit Semmelweis' Leben und Wirken ab- 
gegeben? Medizinische Bücherkataloge meldeten nur von einer kurzen 
Lebensbeschreibung, der von Professor He gar, welche gar manches 
Rätselhafte verstehen lehrte und meine Neigung für Semmelweis nur 
erhöhte. Es war kein Zufall, daß zuerst ein Reichsdeutscher Semmel- 
weis zum Gegenstand einer biographisch-psychologischen Studie machte, 
denn im Deutschen Reiche wußte man seine Verdienste schon seit mehr 
denn dreißig Jahren zu würdigen, während in Österreich die Erinnerung 
an sein glorreiches Wirken von seinen Gegnern und deren Schülern 
Jahrzehnte hindurch geflissentlich unterdrückt wurde, so daß ganze 
Generationen von Ärzten daselbst heranwuchsen, welche in den Vor- 



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- IV — 

lesungen seinen Namen kaum zu hören bekommen hatten, und die 
medizinische Literatur Österreichs keine Schrift aufweist, welche sich 
mit seinem Leben und Schaffen befaßt. Und so erinnert denn auch 
heute in Wien nichts, rein gar nichts, weder eine Straße oder ein Platz, noch 
eine Gedenktafel oder ein Denkmal daran, daß im Jahre 1847 Semmel- 
weis als junger Arzt des Allgemeinen Krankenhauses eine Entdeckung 
gemacht, durch welche der ganzen Menschheit Heil widerfahren ist! 

Diesem empörenden Unrecht, das Wien und Österreich zur Schande 
gereicht, ein Ende zu bereiten, beschloß ich, in Form einer ausführ- 
lichen Biographie dem Manne ein literarisches Denkmal zu setzen, 
welches die ganze Größe seiner Taten der Nachwelt kündet. Es war 
eine dankbare Aufgabe, die ich mir damit gestellt, denn gar Manches 
in Semmelweis' interessantem Lebenslaufe harrte noch der Aufklärung, 
und speziell über seinen Aufenthalt in Wien war bisher nichts Näheres 
bekannt geworden. Da bot sich mir als Wiener eine günstige Gelegenheit, 
in den hiesigen Archiven und Bibliotheken Nachforschungen anzustellen 
und auch persönliche Erinnerungen zu sammeln. Noch waren ja einige 
von denen am Leben, welche in Semmelweis' Dasein eine Rolle gespielt. 

Durch die Zeitung war mir bekannt geworden, daß in Budapest 
seine Witwe, Frau Maria Szemerenyi, lebe. Ihre Mitteilungen schienen 
mir vor allem wichtig. Auf eine briefliche Anfrage erhielt ich sofort 
eine freudig zustimmende Antwort und in der Folgezeit in einer Reihe 
von Briefen ausführliche Berichte über Semmelweis' Leben, auf ver- 
schiedene Fragen vielfach wertvolle Auskunft, und schließlich zur Ver- 
vielfältigung Semmelweis' Unterschrift sowie ein Aquarell, welches ihn 
im Alter von 39 Jahren, auf der Höhe seines Schaffens, zeigt. Einige 
höchst wichtige Angaben machte meine Tante, Frau Hofrat Johanna 
V. Hebra, die nun achtzigjährige Witwe Ferdinand Hebra's, welche mich 
unter anderem auch auf den gleichfalls hochbetagten, in Wien lebenden 
Hofrat Dr. Franz Hektor v. Arneth aufmerksam machte. Dieser, das 
Muster eines hochgebildeten vornehmen Arztes des alten Wien und 
von einer seltenen Frische des Geistes, hatte die Güte, mir einen 
Separatabdruck der Verhandlungen der Petersburger kaiserlichen Ge- 
sellschaft der Ärzte vom Jahre 1861 zu überlassen, und zeigte meinem 
überraschten Blicke eine zweite Semmelweis-Biographie von Sanitäts- 
rat Dr. Brück, 1887 bei Prochaska erschienen, deren in keinem der 
gebräuchlichen Bücherkataloge Erwähnung getan ist. Bruck's Werk- 
chen erwies sich als eine glückliche Ergänzung meiner eigenen Arbeit, 
indem dieser hauptsächlich über Semmelweis' Tätigkeit in Ungarn, seine 
Mitarbeiterschaft am „Orvosi hetilap", seine Vorträge in der Budapester 
königlichen Gesellschaft der Ärzte u. dglneue Mitteilungen machte. Manche 
irrige Auffassungen, namentlich über Semmelweis' Verhältnis zu Wien, 
falsche Daten, zahlreiche Lücken und eine nicht besonders übersichtliche 



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— V — 

Darstellung ließen mich eine richtigere Schilderung für doppelt notwendig 
halten. 

Seine Exzellenz Geheimrat Hegar in Freibi^rg i. B. hatte die 
Liebenswürdigkeit, Hirschler's handschriftliche Erinnerungen an 
Semmelweis, eine Übersetzung der von Dr. Fleischer 1872 gehal- 
tenen Gedenkrede, statistische Tabellen des St. Rochusspitales in Buda- 
pest, sowie die treffliche, unserem Buche beigefügte Photographie 
Semmelweis' aus dem Jahre 1861 mir zur Verfügung zu stellen. 

Seine Exzellenz der Minister für Kultus und Unterricht^ Dr. Wilhelm 
V. Hartel, gestattete mir die Einsicht in alle auf Semmel weis 
bezüglichen Akten des Unterrichtsministeriums in Wien, wobei der 
Herr Hilfsämterdirektor Anton Herzig mir mit Rat und Tat freund- 
lichst zur Seite stand. Hier und im Dekanate der Wiener medizinischen 
Fakultät, wie endlich im Pedellenamte der Wiener Universität konnte 
ich mit Hilfe der Herren Beamten zahlreiche Tatsachen von Bedeutung 
feststellen, welche neues Licht werfen auf Semmelweis' wichtigsten 
Lebensabschnitt, seine Tätigkeit in Wien. 

Herrn Dr. Alfred Freiherrn v. Berger verdanke ich den Hinweis 
auf Professor Kußmaul's „Jugenderinnerungen eines alten Arztes", 
dem Gynäkologen Dr. Johannes Kyri die Kenntnis von Professor 
Freund's Äußerung über Semmelweis, und dem Direktor der Nieder- 
österreichischen Landes-Irrenanstalt, Regierungsrat Dr. Adalbert Til- 
kowsky, eine Abschrift des ProtokoUes, welches in dieser Anstalt in 
den Augusttagen des Jahres 1865 über Semmelweis' Krankheit und Tod 
geführt worden ist. 

Allen diesen liebenswürdigen Mitarbeitern an dem vorliegenden 
Werke spreche ich hier nochmals meinen herzlichsten Dank aus. 

Den Schätzen der Wiener Bibliotheken konnte ich zahlreiche neue 
Beiträge*) zur Geschichte der Semmelweis'schen Lehre entnehmen, 
welche uns mit lebendiger Unmittelbarkeit in die alten Zeiten zurück- 
versetzen. Das gesamte von mir benutzte Material, welches trotz 
seines Umfanges nicht ein vollständiges genannt werden kann, ermög- 
licht eine volle Einsicht in unseren Gegenstand. Ich habe es gleich den 
wichtigsten Arbeiten von Semmelweis ganz oder auszugsweise zum 
Abdruck bringen lassen, um den Leser in den Stand zu setzen, mit 
Hilfe dieser meist schwer erreichbaren Literatur sich selbst ein Urteil 
über Semmelweis' Gegner zu bilden. Nichts auch gibt uns ein rich- 
tigeres Bild seiner schlichten Größe, als diese oft so einfältigen, un- 
logischen Erörterungen, diese mitunter unglaublichen Aussprüche seiner 
Widersacher. Da erst erkennt man, wie hoch Semmelweis über der 
Mehrzahl seiner Zeitgenossen stand! 



*) Sind im Literaturverzeichnis mit * verflehen. 



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VII 



Inhaltsübersicht. 



Seite 

Vorwort III 

Inhaltsübersicht VI! 

1818--1845. Kindheit und Jugendjahre 1 

1846—1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfiebers. 

Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreise von Wien 8 

1850—1855. Geburtshelfer, Primararzt in Pest. Untätigkeit. Heiteres Leben. An- 
wachsen der gegnerischen Stimmen 92 

1855—1857. Universitätsprofessor in Pest. Reformversuche. Rege wissenschaft- 
liche Tätigkeit. Verheiratung. Allgemeine Verwerfung der Infektions- 
theorie llß 

1857—1860. Vorarbeiten zur „Ätiologie des Kindbettfiebers". Weitere Urteile 
von Zeitgenossen. Mitarbeiter des „Orvosi hetilap". Vollendung des 
Werkes 1.S9 

1860-1863. Die „Ätiologie des Kindbettfiebers". Offene Briefe. Verhandlungen 

der St. Petersburger Gesellschaft der Ärzte 154 

186.3—1865. Gynäkologische Arbeiten. Umschwung der öffentlichen Meinung zu- 
gunsten der Semmelweis'schen Lehre. Krankheit und Tod 195 

Das Urteil der Nachwelt * 224 

Schlußbetrachtungen 247 

Inhaltsverzeichnis . . 251 

Literaturverzeichnis 254 



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Kindheit und Jugendjahre. 

1818 bis 1845. 

Als viertes Kind der deutschen Eheleute Joseph und Therese 
Semmelweis wurde Ignaz Philipp am I.Juli 1818 zu Ofen geboren 
und römisch-katholisch getauft. Sein Vater war daselbst Kaufmann, 
seine Mutter eine Tochter des dortigen Kaufmannes Müller. Ignaz 
besuchte zunächst die Volksschule und das Gymnasium in dem damals 
durchwegs von Deutschen bewohnten Ofen. Er soll ein sehr guter 
Schüler gewesen sein. Die Schulen in Ungarn, zumal die Gymnasien, 
standen freilich nicht auf der Höhe, und in der Tat erwarb er sich 
eine recht mangelhafte Gjrmnasialbildung. Bekanntlich wird heute noch 
auf unseren Mittelschulen die schriftliche Ausdrucksweise über alles 
gepflegt und darüber das Sprechen, die freie Rede fast gänzlich ver- 
nachlässigt Semmelweis machte es trotzdem zeitlebens große Schwierig- 
keiten, schriftlich in gehöriger Weise sich auszudrücken. Schreiben be- 
deutete für ihn einen sauren Kampf mit Grammatik, Orthographie und 
Interpunktionen. Daher seine „angeborene Abneigung gegen alles, was 
Schreiben heißt".*) und dies, obgleich er sprachliche Gestaltungsgabe, 
Phantasie, Schwung und Wärme der Empfindung in hervorragendem 
Maße besaß. Kein Zweifel also, daß das Ofener Gymnasium nichts 
taugte, ungünstig wirkte auch das Bestehen zweier Landessprachen. 
Man lehrte beide, und keine gründlich. Senmielweis' von Haus aus ge- 
ringes Rednertalent wurde natürlich im Gymnasium noch weniger aus- 
gebildet. Er blieb sein Leben lang ein mittelmäßiger Sprecher; sein 
deutscher Vortrag war schwerfällig, unbeholfen und niemals frei von 
Dialekt. Im gewöhnlichen Verkehre sprach er höchst ungezwungen in 
Wiener Mundart, sein Ungarisch aber war „immer von dem eigentüm- 
lichen Akzente tingiert, der österreichische Eingewanderte sofort als 
solche erkennen läßt".**) 

Schwer sollte Semmelweis büßen für die unzulängliche Art seiner 
Ausbildung. Das eine Gute hatte aber das Ofener Gymnasium, daß es 
seinem Zögling nicht zuviel „Wissen" in den Kopf stopfte. Semmelweis 



*) Semmel weis, Ätiologie, p. V. 

**) Hirschler^s Aufzeichnungen. Dies läßt wohl darauf schließen, daß seine 
Eltern oder Großeltern ans Osterreich nach Ungarn eingewandert waren« 

Y. Waldheim, Ignaz Philipp Semmelweii. 1 



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— 2 — 

ward ein frischer, aufgeweckter Jüngling, heiter und lebenslustig, tat- 
kräftig, mit einem offenen Sinn für die Natur und ihre unendlichen 
Geheimnisse. Sein Auge blieb unverdorben, sein Gedächtnis von aus- 
gezeichneter Klarheit und Sicherheit, weil beide niemals überlastet 
wurden. Er saß nicht soviel über den Büchern, daß seine ihm angeborene 
geniale Beobachtungsgabe verkümmerte; er füllte sein Gehirn nicht so 
sehr mit der Gedankenwelt der Vergangenheit, daß er verlernte, selbst- 
ständig zu denken. Ohne allen Autoritätsglauben, nahm er naiv das Recht 
für sich in Anspruch, zu sehen und zu denken, wie seine Augen, sein 
Hirn ihn lehrten. Und der schließliche Erfolg zeigte, daß die Art, wie er sah 
und daxjhte, die richtige war. Gegenüber einer ganzen Welt von Gelehrten 
behielt der Mann mit der mangelhaften Gymnasialbildung Recht! 

Nachdem er die zwei Jahre ' Philosophie an der Universität zu 
Pest gemacht hatte, trat die große Frage an ihn heran: Was werden? 
Des Vaters Ehrgeiz wollte aus ihm einen Auditor der kaiserlichen 
Armee machen, und obwohl die inzwischen auf zehn Köpfe heran- 
gewachsene Familie ein eingeschränkteres Leben nötig machte, scheute 
ersterer nicht davor zurück, seinen braven Sohn nach Wien auf die 
Universität zu senden. Im Herbst 1837 reiste der neunzehnjährige 
Student dahin und inskribierte als Jurist. Doch die Juristerei ent- 
täuschte ihn und gerne ließ er sich gelegentlich von einem befreun- 
deten Mediziner überreden, die Anatomie zu besuchen. Dort, in den 
finsteren Räumen der ehemaligen Gewehrfabrik in der Schwarzspanier- 
straße, in den übelriechenden Sezierkammem lauschte Semmelweis dem 
Vortrage des tüchtigen Anatomen Professor Josef Berres, und kam 
mit einem Schlage zu der Erkenntnis, daß sein Sinnen und Trachten 
der Naturforschung, der Medizin gelte. Sofort sattelte er um. Für den 
erstjährigen Mediziner waren damals folgende Vorlesungen vorge- 
schrieben: Einleitung in das medizinisch-chirurgische Studium, spezielle 
Naturgeschichte, systematische Anatomie, Botanik. In letzterem Fache 
hatte Semmelweis das Glück, noch dem Vortrage des berühmten J. F. 
V. Jacquin lauschen zu können. 

Vielleicht wegen der geringeren Kosten, wohl auch, um der Fa- 
milie nahe zu sein und das Ungarische nicht ganz zu verlernen, absol- 
vierte er den 2. und 3. Jahrgang an der Pester Universität. Dort hörte 
er zunächst höhere Anatomie und Physiologie, allgemeine Chemie, 
Pharmazie und Tierchemie, dann allgemeine Pathologie und Therapie, 
Ätiologie, Semiotik, Materia medica et chirurgica, Diätetik und Rezep- 
tierkunst. Seine damaligen Pester Professoren scheinen einen nach- 
haltigeren Eindruck auf ihn nicht hervorgerufen zu haben, wenigstens 
gedachte er später derselben niemals. In den Schuljahren 1840/41 und 
1841/42 sehen wir Semmelweis behufs Absolvierung des 4. und 5. Jahr- 
ganges wieder in Wien. Daselbst hörte er zunächst Geburtshilfe bei 
Klein, Chirurgie bei Wattmann, Ophthalmologie bei Rosas, Verband- 
und Instrumentenlehre, sodann Veterinarkunde, gerichtliche Medizin, 
Medizinalpolizei, spezielle Pathologie und Therapie der inneren Krank- 
heiten bei V. Hildenbrand und besuchte fleißig die Kliniken. 



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— 3 — 

Stets frei von Nahrungssorgen, bei seinen Kollegen beliebt „wegen 
seines heiteren Wesens und biederen Charakters",*) lebensfroh, ein 
Genußmensch im besten Sinne des Wortes,**) verlebte er als flotter, 
zugleich fleißiger Studio gar wonnige Zeiten. 

Zur Erlangung des medizinischen Doktorates unterzog er sich 
der ersten strengen Prüfung aus Naturgeschichte, Anatomie, Botanik, 
Semiotik, allgemeiner Pathologie und Therapie, sowie spezieller Patho- 
logie und Therapie der inneren Krankheiten am 8. November 1843 mit 
dem Erfolge „sat bene", dann dem 2. Rigorosum (Chemie, Materia 
medica et chirurgica, Diätetik und Rezeptierkunst, Ophthalmologie, ge- 
richtliche Medizin und Medizinalpolizei) am 6. Februar 1844 mit dem 
gleichen Erfolge.***) Für seine Dissertation hatte sich Semmelweis, dem 
damaligen Medizinunterrichte entsprechend, ein Thema aus der Botanik 
— „De vita plantarum" — gewählt, ein Beweis, wie sehr ihn die 
Naturwissenschaften überhaupt interessierten, aber auch, wie sehr ihn 
Jacquin und sein trefflicher Nachfolger, Professor St. L. Endlicher, 
für ihr schönes Fach zu begeistern vermochten. Bei der Disputation 
über seine Dissertation am 2. März 1844 erreichte er den Kalkül „bene",***) 
und am 2. April 1844 sollte ihm das Diplom eines Doktors der Medi- 
zin überreicht werden. Allein Semmelweis erschien nicht, ebensowenig 
eine schriftliche Entschuldigung, t) Er war nämlich plötzlich abgereist, 
um nach Ofen an das Krankenlager seiner sterbenden Mutter zu eilen. 
Nach ihrem Tode kehrte er nach Wien zurück und am 21. April 1844 
fand seine Promotion statt. In das Promotionsbuch, welches im Pedellen- 
amte der Wiener Universität aufbewahrt wird, trug er seine Unter- 
schrift ein in der Rubrik: „Erklärt, nicht in Wien bleiben zu wollen." 

Für das Magisterium der Geburtshilfe, das nun zu erringen war, 
bereitete sich Semmelweis besonders sorgfältig vor, denn Geburtshilfe 
war sein Lieblingsgegenstand. Den zweimonatlichen, praktischen Kurs 
bei Dr. Johann Chiari, dem Assistenten der Gebärklinik für Ärzte, 
machte er zweimal mit. Zu diesem Kurse drängte sich stets eine große 
Zahl von Medizinern und Ärzten, In- und Ausländern, „Ärzten aus 
allen Ländern der zivilisierten Welt'';tt) ©r war berühmt wegen des 
kolossalen Beobachtungsmateriales, welches das Wiener Gebärhaus, das 
größte der Welt, darbot. Damals trug sich ein Fall zu, dessen sich 
Chiari und Semmelweis später oft noch erinnerten. fff) Eine Frau, 
welche an fibrösen Gebärmutterpolypen litt, wurde auf die Klinik 
gebracht, um operiert zu werden. Alsbald erkrankte sie jedoch unter 
fieberhaften Erscheinungen und starb. Die Sektion wies die pathologisch- 
anatomischen Befunde des Kindbettfiebers nach. Assistent Chiari, 
welcher nur um ein Jahr älter war als Semmelweis, huldigte natürlich 



*) Hipschler. 

**) Arneth, mündliche Mitteilungen. 
♦**) Nach dem Rigorosenkatalog im Dekanat der medizinischen Fakultät zu Wien. 

t) Nach dem Doktorenkatalog des PedeUenamtes der Universitfit Wien, 
ff) Semm., Ätiologie des Kindbettfiebers, p. 74. 
fff) Semm., Ätiologie, p. 428. 



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_ 4 — 

der zu jener Zeit allgemein verbreiteten Anschauung, daß das Kind- 
bettfieber (auch Wochenbett- oder Puerperalfieber genannt) epidemisch 
auftrete, und erklärte den Fall in der Weise, daß die epidemischen 
Einflüsse manchmal so bösartig seien, daß selbst nicht im Puerperal- 
zustande befindliche Individuen vom Puerperalfieber ergriffen würden. 
Seine richtige Erklärung fand der Fall erst nach Jahren durch Semmel- 
weis' Lehre. 

Wohl vorbereitet, bestand letzterer die Prüfung „bene" und wurde 
am 1, August 1844 zum Magister der Geburtshilfe promoviert.*) Da- 
mals entschied er sich, Geburtshilfe und Gynäkologie als sein Spezial- 
fach zu wählen, nicht etwa angezogen durch die Persönlichkeit des 
Professors dieses Gegenstandes, sondern rein aus Interesse für dieses 
Fach, Abgesehen von dem verstorbenen Jac quin und von Endlicher 
flößte ihm keiner der offiziellen Verschleißer der Wissenschaft beson- 
dere Begeisterung ein. Desto mehr aber schätzte er einige jüngere 
Lehrer, deren Stern im Kampfe mit der offiziellen Schule erst im Auf- 
gehen begriffen war, deren Bedeutung jedoch nur scharfblickende 
Studenten ahnen mochten. Das waren Rokitansky, Skoda und 
Hebra. 

Rokitansky wurde gerade damals (1844) im Alter von 40 Jahren 
zum o. ö. Professor der pathologischen Anatomie ernannt, dessen Vor- 
lesungen von nun an für die Studierenden obligat waren. Semmelweis 
hatte sie schon als inobligate besucht und mit großem Eifer dort 
seziert, wobei er schon auf gynäkologische Studien Bedacht nahm. 

Skoda, damals 39 Jahre alt, blickte auf eine bewegte Laufbahn 
zurück. Als Sekundarius des Allgemeinen Krankenhauses hatte er sein 
später so berühmt gewordenes Lehrbuch der Perkussion und Auskul- 
tation (1839) geschrieben, für dasselbe jedoch nur den Spott des ton- 
angebenden inneren Klinikers, des Professors v. Hildenbrand, ge- 
erntet, der ihn seinerzeit in der Staatsprüfung hatte durchfallen lassen. 
Auch der Direktor des Allgemeinen Krankenhauses, Schiffner, war 
ihm nicht wohlgesinnt, und als von Seite seiner Abteilungspatienten 
Klagen einliefen, daß er sie durch das viele Klopfen und Abhorchen 
belästige und ihre Qualen vermehre^ versetzte ihn Schiffner an die 
Irrenanstalt. Indes, sein bisheriger Chef, Primarius Dr. Ratter, hatte 
den Mut, sich des Verfolgten anzunehmen, indem er ihm auch ferner- 
hin seine Abteilung zur Verfügung stellte. Dadurch wurde es Skoda 
ermöglicht, seine Untersuchungen fortzusetzen. Auf die Dauer freilich 
war diese Lage unleidlich, Skoda suchte fortzukommen, und noch im 
Jahre 1839 übernahm der geniale Diagnostiker die Stelle — eines 
Polizeibezirksarztes in St. Ulrich an. Doch er hatte einflußreiche Gönner, 
welche seine wissenschaftlichen Leistungen zu würdigen verstanden, so 
den Präses der medizinischen Fakultät in Prag, Professor Dr. Ignaz 
V. Nadherny, sowie den trefflichen Freiherrn v. Türkheim, der als 
Vizedirektor der Studien-Hofkommission und Referent für Medizinal- 



*) Pedellenamt. 



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— 5 — 

angelegenheiten der eigentliche Leiter des Studien wesens war. „ Unter 
seinem Schutz erhob die freie Forschung ihr Haupt und bereitete den 
Boden vor, auf dem sich eine neue Blüteperiode der Medizin ent- 
wickeln sollte".*) Dieser wahre Freund der Wissenschaft, dessen treuer 
Mitarbeiter der wegen seiner Unbestechlichkeit bestgehaßte Hofsekretär 
Hermann v. Huze**) war, setzte es im Jahre 1840 durch, daß im All- 
gemeinen Krankenhause eine Abteilung für Brustkranke errichtet und 
trotz des Widerstandes Hildenbrands und Schiffners der Polizei- 
bezirksarzt Skoda zum ordinierenden Arzte derselben ernannt wurde. 
Im nächsten Jahre erhielt Skoda überdies das Primariat der 6. Ab- 
teilung für Hautkrankheiten und innere Leiden, die sogenannte Aus- 
schlagsabteilung, welcher der 25jährige Dr. Ferdinand Hebra zunächst 
als Hilfsarzt, dann als Sekundararzt zugeteilt wurde. Letzterer begann 
hier alsbald dermatologische Kurse zu lesen, während sein Vorgesetzter, 
Primarius Skoda, auf der Brustkrankenabteilung die Perkussion und 
Auskultation lehrte. 

Ein eifriger Besucher dieser ganz neuartigen, nicht obligaten 
Vorlesungen war Semmelweis, und mächtig war der Einfluß dieser 
zielbewußten Forscher auf ihn. Trotzdem war und blieb die Geburts- 
hilfe und Gynäkologie sein Lieblingsfach, und diese Leidenschaft ver- 
mochte ihm nicht einmal der langweilige Fachprofessor auszutreiben. 
Johann Klein, geboren 1788 in Schlesien, war zuerst Assistent Boer's, 
des großen Meisters der Geburtshilfe der alten Wiener Schule, wurde 
1819 als Professor der Geburtshilfe nach Salzburg geschickt und üb.er- 
nahm nur drei Jahre später die Leitung der Gebärklinik in Wien, als 
Nachfolger seines nicht freiwillig zurückgetretenen Lehrers. Boer, der 
für den ersten Mann seines Faches in Europa galt und bei Kaiser 
Joseph n. in großer Gunst gestanden hatte, war gerade deshalb den 
Nachfolgern des großen Kaisers und dem Klerus verhaßt. Unter Metter- 
nich wagte man es endlich, ihn wegen seiner angeblichen Eigen- 
mächtigkeiten einer Disziplinaruntersuchung zu unterziehen. Da er sich 
in seinen Vorlesungen nicht an das vorgeschriebene Lehrbuch hielt und 
die Hebammen-Schülerinnen statt an der Leiche nur am 
Phantom üben ließ, wurde er „wegen ganz besonderer Widerspenstig- 
keit" seiner Stelle enthoben. Unter den Bewerbern um die erledigte 
Stelle galt Klein für den unbedeutendsten; Boer hatte ihn ausdrück- 
lich als solchen bezeichnet, aber gerade deshalb berief man ihn an die 
Stelle, um den verhaßten Josephiner zu kränken.***) Der damals erst 
34jährige Mann, von dessen wissenschaftlicher Tätigkeit sich niemand 
etwas Besonderes versprach — er hat auch nachher außer einigen Artikeln 
in medizinischen Journalen nichts veröffentlicht -— erwies sich den 
Behörden gegenüber gefügiger als sein großer Vorgänger, ließ die 



*) Puschmanii, Die Medizin in Wien während der letzten 100 Jahre. 1884. 
**) Zu diesem kam einmal ein Erzherzog und empfahl jemanden für eine er- 
ledigte Stelle. Huze antwortete: „Wenn er es verdient, kaiserliche Hoheit, wird er 
die SteUe bekommen." Er bekam ri* nicht. 

***) Nach Puschmann, Med. in Wien, und Kussmaul, Jugenderinnerungen. 



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— 6 — 

Hebammen an Puerperalleichen üben und erreichte es, daß die Sterb- 
lichkeit von 0-847o ini Jahre 1822 unter Boer, bereits im Jahre 1823 
auf 7'467o stieg und sich in der Folgezeit meist auf gleicher Höhe 
erhielt. 

Was für ein Kirchenlicht Klein war, erhellt aus folgendem Vor- 
fall, der sich in der wissenschaftlichen Plenarversammlung des Dok- 
torenkollegiums der medizinischen Fakultät in Wien am 22. April 1852 
zutrug. Dr. Nusser, der spätere Wiener Stadtphysikus, war in einem 
wirksamen Vortrage dafür eingetreten, daß gemäß den modernen An- 
schauungen die Geburtshilfe weniger theoretisch und mehr praktisch 
unterrichtet werden möge. Klein, gegen dessen verknöcherte Unter- 
richtsmethode der Vorschlag sich richtete, antwortete, die Theorie der 
Geburtshilfe mache die Zeit von 6 Monaten notwendig, während der 
Student in 2 Monaten hinlänglich Zeit habe, sich praktisch auszubilden. 
Die Ausführung der Operationen durch die Kandidaten selbst 
könne er aber durchaus nicht zugestehen, denn er könne die 
Verantwortung für die Folgen nicht übernehmen! Auf Dr. 
Nusser 's Entgegnung, es wäre doch zweckmäßiger, den Schüler unter 
Aufsicht des Professors und Assistenten operieren zu lassen, statt daß 
der diplomierte, aber nicht geübte Geburtsarzt in der Privatpraxis 
ohne Aufsicht und Leitung zu operieren gezwungen sei, erwiderte 
Klein, daß dies allenfalls traurig sei, er habe aber für die Folgen 
nicht einzustehen! 

Wenn ein Mann von solchen geistigen Qualitäten in Semmelweis 
die Vorliebe für Geburtshilfe und Gynäkologie nicht ertöten konnte, 
so mußte diese Vorliebe in letzterem in der Tat tief wurzeln. Noch 
am selben Tage, da er Magister der Geburtshilfe geworden war, stellte 
er sich dem Professor Klein vor als Bewerber um die in 2 Jahren neu 
zu besetzende Stelle eines Assistenten der Klinik. Klein, der ihn als 
fleißigen Schüler kennen gelernt hatte, nahm seine Bewerbung günstig 
auf und erlaubte ihm, als Aspirant für die Assistentenstelle fortan die 
Klinik täglich zu besuchen. Diese herrliche Gelegenheit, zu lernen, 
nutzte Semmelweis weidlich aus, und da ihm daneben keine Zeit übrig 
blieb, an der gynäkologischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses 
zu praktizieren, so erwirkte er sich von dem ihm gewogenen Professor 
Rokitansky die Erlaubnis, sämtliche weibliche Leichen der Toten- 
kammer allmorgendlich untersuchen und diejenigen von ihnen, welche 
nicht zu Sektionen bestimmt waren, sezieren zu dürfen, damit er das 
Erlebnis seiner Untersuchung durch den Sektionsbefund kontrollieren 
könne.*) Mit seltener Ausdauer führte er diese eigenartigen Unter- 
suchungen durch, und fast kein Tag verging, wo er nicht vaginale 
Leichenuntersuchungen und Sektionen vornahm — unmittelbar vor 
der Morgen Visite im Gebärhause! In letzterem verbrachte er den 
größten Teil des Tages, oft auch der Nacht, teils als stiller Beobachter, 
teils aktiv an Untersuchungen und Operationen sich beteiligend. Neben- 



*) Semm., Ätiologie, p. 72. 



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— 7 — 

bei studierte er auch Chirurgie, übte sich in Operationen an der Leiche 
und Würde am 30. November 1846 Doktor der Chirurgie.*) 

Damals wurde er auf kurze Zeit wankend in seinem Entschlüsse, 
sein Leben der Geburtshilfe zu widmen. War es Professor Klein's 
Ignoranz und Oberflächlichkeit, oder war sein Gemüt erschüttert durch 
das grauenvolle Wüten des Kindbettfiebers, welches so zahlreiche, oft 
gerade die blühendsten Menschenleben vernichtete — Semmelweis ver- 
suchte plötzlich, bei Skoda, dem neuen Professor der inneren Medizin, 
Assistent zu werden. Hildenbrand's Nachfolger, Professor Lippich, 
war nämlich zu Ende des Jahres 1845 gestorben, und die medizinische 
Fakultät hatte sich folgenden famosen Temavorschlag geleistet: 
Schroff, Raimann, Hornung. Hierzu forderte die Studien-Hof- 
kommission auf Betreiben des wackeren Baron Türkheim ein Gut- 
achten vom Protomedicus von Böhmen, Dr. Ignaz R. v. Nadherny, 
und dieser hervorragende Mann empfahl ganz andere Namen, Skoda, 
Helm, Oppolzer. Daraufhin wurde mit Übergehung des Fakul- 
tätsvorschlages Skoda zu Beginn des Jahres 1846 zum ordent- 
lichen Professor für interne Medizin ernannt. Sein klinischer Assistent 
wurde jedoch nicht Semmelweis, sondern der um 2 Jahre ältere 
Dr. Gustav Löbel, der bisher schon als Hilfsarzt auf der Brustkranken- 
abteilung gewirkt hatte. 



*) Pedellenamt, Wien. 



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— 8 — 



Assistent — Dozent. 

1846 bis 1850. 

Am 27. Februar 1846 wurde Semmelweis mittels Dekretes der 
Fakultät als provisorischer Assistent der ersten geburtshilflichen Klinik 
angestellt Als solcher hatte er zwar das Recht, aber nicht die Pflicht, 
alle Kreißenden zu untersuchen, und da er nun schon etwa 2 Jahre 
bestandig an der Klinik gearbeitet hatte, so interessierten ihn natürlich 
nicht mehr die Geburten mit normalem Verlaufe, weshalb er sich 
darauf beschränkte, die seltenen, ungewöhnlichen Geburtsfälle zu unter- 
suchen. Im pathologisch-anatomischen Institut sezierte er fleißig fort, 
und nur zu oft hatte er Gelegenheit, Sektionen von Puerperal- 
leichen der II. Gebärklinik beizuwohnen, welche der Assistent dieser 
Hebanunenklinik, Dr. Zipfel, vornahm. 

Damals wohnte er in der Alservorstadt, zusammen mit einem 
Fester Kollegen, Ludwig v. Markusovsky, der gleichfalls Medizin 
studierte. Die Freundschaft, die sich zwischen beiden entwickelte, wurde 
mit den Jahren immer inniger und sollte beiden reichen Segen bringen. 
Indes, erwarb hier Semmelweis einen treuen, edlen, begabten Freund, 
so entriß ihm dasselbe Jahr (1846) in Ofen den geliebten Vater. Nun 
stand er allein da in der Welt. 

Am 1. Juli 1846 war die zweijährige Dienstzeit des bisherigen 
Assistenten Dr. Breit zu Ende und Semmelweis wurde sein Nach- 
folger als „ordentlicher*' Assistent der I. Geburtsklinik. Jetzt war es 
seine Pflicht, täglich vor der AJprgenvisite jede Patientin der Klinik 
zu untersuchen, um dem Professor über den Zustand jeder einzelnen 
Bericht erstatten zu können. Zum Zwecke des Unterrichtes der Schüler 
mußte er bei der Nachmittagsvisite sämtliche Kreißende untersuchen 
und außerdem Tag und Nacht bereit sein, alle nötigen Operationen 
auszuführen. Trotz dieser kolossalen Anforderungen an seine Arbeits- 
kraft — heute gibt es an derselben Klinik vier Assistenten und über 
ein halbes Dutzend Operateure — gab Semmelweis seine gynäkologischen 
Untersuchungen im pathologisch-anatomischen Institute nicht auf. Er 
mußte sie nun sehr zeitlich in der Früh vornehmen, um dann noch 
mit den klinischen Untersuchungen vor der Morgenvisite fertig zu 
werden. 



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— 9 — 

Tätigkeit macht glücklich, doch bei Semmelweis mischte sich in 
seine Arbeitsfreudigkeit beständig der Schmerz, sehen zu müssen, wie 
viele seiner Pfleglinge trotz bester Fürsorge Tag für Tag von dem 
Würgengel Kindbettfieber dahingerafft wurden. Die Geburtshilfe 
liebte er als Arzt und Menschenfreund so sehr, weil man hier in 
vielen Fällen den Leidenden in Wahrheit zu helfen vermochte. Da 
konnte man durch operative Eingriffe Menschenleben tatsächlich 
retten! Da konnte der Arzt sich als Künstler betätigen, da gab es 
sichtbare Erfolge ! Aber ach wie oft mußte er es mit ansehen, wie die 
Mütter, deren Leben er durch eine Operation gerettet hatte, nach- 
träglich an Kindbettfieber elendiglich zugrunde gingen! Und wieviel 
Hunderte von Wöchnerinnen ereilte dasselbe Schicksal, bei denen 
nicht die geringste Operation nötig gewesen war! Oft gerade die 
jugendlichsten, kräftigsten Mütter, die zum erstenmal einem Kinde das 
Leben geschenkt hatten! Und dabei alle Behandlung, die liebevollste 
Pflege vollkommen machtlos gegenüber der verheerenden Seuche! 
Wer von ihr ergriffen wurde, war fast sicher dem Tode verfallen. 
All den Jammer täglich, stündlich immer wieder erleben zu müssen, 
ohne Wandel schaffen zu können; blühende Menschenleben hinsterben 
zu sehen, ohne helfen zu können — für einen warmfühlenden Arzt 
wie Semmelweis ein hartes Los, eine Quelle stets erneuter Seelenpein ! 
Sein Gemüt wurde von den nicht endenwollenden Sterbeszenen so 
erschüttert, daß die furchtbare, rätselhafte Krankheit schließlich seine 
Gedankenwelt vollkommen beherrschte, ihn unaufhörlich beschäftigte. 

Glücklichere Kollegen, die von Haus aus weniger mit Gemüt 
belastet waren, konnten inmitten solcher Todesorgien ohne Ende ihren 
Gleichmut bewahren, konnten sich damit befassen, neue Operations- 
methoden, neue Instrumente zu erfinden — Semmelweis aber blutete 
das Herz und all sein Denken heftete sich auf die Frage : Was ist das 
Kindbettfieber? Worin besteht sein Wesen, was ist seine Ursache? 
Mit wahrem Feuereifer warf er sich auf das Studium der Seuche. Am 
Krankenbett, im Seziersaal, am Büchertisch — immer galt sein Sinnen 
und Trachten dem Kindbettfieber, und bald kam er zu wichtigen 
Ergebnissen, zu Erkenntnissen, die der landläufigen Lehre über das 
Wesen der Krankheit völlig widersprachen. 

Was die hervorragendsten Vertreter der Geburtshilfe in Deutsch- 
land damals über das Kindbettfieber lehrten, faßt Hegar*) in folgender 
Übersicht kurz zusammen: 

„Man nahm ziemlich allgemein zwei Faktoren der Genese an, von denen 
der eine von außen her einwirkt, der andere in besonderen Zuständen des 
Organismus während Schwangerschaft und Geburt gelegen ist. 

Als äußeren Faktor beschuldigte man gewisse Einflüsse atmosphärischer, 
kosmischer und tellurischer Art, für welche man vielfach den Ausdruck 
Genius epidemicus gebrauchte. Einige hatten dabei mehr einfache Verände- 
rungen der genannten Potenzen, wie solche der Temperatur, des Feuchtig- 



*) Hegar: Ig. Pb. Semmelweis. Sein Leben und seine Lehre, zugleich ein 
Beitrag zur Lehre der fieberhaften Wundkrankheiten. 1882. 



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— 10 — 

keitdgehaltes u. a. im Auge. Andere dagegen nahmen an, daß infolge solcher 
Veränderungen ein besonderes, schädliches Ding sich entwickle, welches sich 
durch die Luft verbreite, ein Miasma. Der Genius epidemicus könne sich 
über viele Landstrecken ausdehnen, jedoch auch auf einen engeren Bezirk, 
wie auf eine Stadt, beschränkt bleiben. Ein Miasma vermöge sich selbst nur 
in einem bestimmten Gebäude, in einem Hospital heranzubilden, besonders 
bei starker Zusammenhäufung der Schwangeren und Wöchnerinnen. 

Von manchen, jedoch durchaus nicht von allen, wurde dabei noch weiter 
angenommen, daß bei einer gewissen Litensität und Ausbreitung der Krank- 
heit sich ein Kontagium entwickle. Hierbei wurde der alte, dogmatische Be- 
griff des Kontagiums festgehalten, nach welchem dieses ein spezifisches Virus 
darstellt, welches nur im kranken Organismus entstehen kann und von dem- 
selben, durch Kontakt auf ein anderes Lidividuum übergehend, in diesem 
dieselbe Krankheit hervorbringt. 

Bei dem zweiten ursächlichen Faktor dachte man bald mehr an die 
durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett modifizierte Blutbeschaffen- 
heit, bald mehr an die Veränderung in den festen Teilen des Körpers, ins- 
besondere an die in dem Sexualsystem. Unter dem Einfluß der Krasenlehre 
entstand die Anschauung, nach welcher die den Schwangeren zukommende, 
eigentümliche Veränderung des Blutes (Faserstoffvermehrung) an keine 
Grenzen gebunden sei und sich so zu steigern vermöge, daß schließlich Ab- 
sätze in Form von Exsudaten an der Innenfläche und Außenfläche des Uterus 
zustande kämen. Aus der hyperinotischen könne sich dann durch weitere 
Steigerung eine pyämische und selbst eine putride Blutkrase entwickeln. 

Diese vermöge sich jedoch auch direkt durch den Einfluß des äußeren 
Faktors, des Miasmas, auszubilden. Die durch Schwangerschaft und Wochen- 
bett hervorgebrachten eigentümlichen anatomischen Zustände der Sexual- 
organe ließen hier einen locus minoris resistentiae entstehen. Dies erkläre 
die Häufigkeit der Absätze oder Ausscheidungen aus dem veränderten Blut 
oder die Einwirkung des durch die Atemorgane aufgenommenen und im Blut 
zirkulierenden Miasmas auf jene Teile. Doch wurde wohl auch gelehrt, daß 
der schädliche Stoff in den Geschlechtsorganen selbst seinen Eintritt finde 
und dort direkt die dem Puerperalfieber zukommenden Läsionen erzeuge oder 
dies erst vollbringe, nachdem er vorher die Blutmasse vergiftet habe. 

Übrigens war dabei noch die Ansicht ganz allgemein, daß sämtliche, 
dem Puerperalfieber eigentümliche, anatomische Alterationen idiopathisch 
durch Traumen, schlechte Kontraktion des Uterus, Erkältung, Diätfehler etc. 
entstehen, und daß dann die Blutveränderungen, wie sie bei jener Krankheit 
vorhanden sind, sich sekundär ausbilden könnten." 

Alte Praktiker schwörten auf folgende Theorie: Die Unterdrückung 
der Menstruation bewirke eine Ansammlung unreiner Säfte im Blute, 
welche normalerweise in Gestalt der Lochien abfließe. Bleibe der 
Lochialfluß aus, dann erzeugten die unreinen Säfte das Puerperal- 
fieber. Dieselbe Folge trete ein bei „verhaltener Milch". Andere wieder 
sahen in einer „rotlauf artigen Entzündung der Eingeweide" das Wesen 
der Krankheit. 

Ob man nun dieser oder jener speziellen Theorie huldigte, allge- 
mein angenommen war im kontinentalen Europa jener Zeit die An- 
schauung, daß das Kindbettfieber epidemisch auftrete, und die diese 
damals geradezu selbstverständliche Grundanschauung war es, an der 



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— 11 — 

Semmelweis zuerst zu zweifeln begann. Wie kommt es, fragte er sich, 
daß die atmosphärisch-kosmisch-tellurischen Einflüsse, welche das 
Kindbettfieber über ganze Länderstrecken verbreiten sollen, durch eine 
Reihe von Jahren vorzüglich die Frauen der ersten geburtshilflichen 
Klinik Professor Kleines dahinrafften, während sie in derselben Stadt, 
im selben Gebärhause auf der durch ein gemeinschaftliches Vorzimmer 
mit der I. Klinik verbundenen IL Klinik des Professor Bartsch die 
Frauen so auffallend verschonten, daß vergleichsweise nur ein Drittel 
derselben der Seuche erlag? Die beschuldigten atmosphärisch-kosmisch- 
tellurischen Einflüsse müssen auf die Lidividuen entweder vor ihrer 
Aufnahme ins Gebärhaus oder während ihres Aufenthaltes daselbst 
wirken. In beiden Fällen bleibt es unverständlich, weshalb konstant 
durch eine ganze Reihe von Jahren eine so große Verschiedenheit in 
den Mortalitätsverhältuissen zweier benachbarter Kliniken eintreten 
kann. 

Diese Erwägungen allein drängten Semmelweis die Überzeugung 
auf, daß es keine epidemischen Einflüsse sein können, welche die 
schreckenerregenden Verheerungen unter den Wöchnerinnen der 
L Gebärklinik hervorrufen. Und nachdem einmal diese Überzeugung 
sich seiner bemächtigt hatte, fanden sich bald andere Gründe, welche 
ihn in seiner Überzeugung mehr und mehr bestärkten. 

Nicht nur in der IL Gebärklinik, auch in den übrigen Teilen der 
Stadt Wien und auf dem Lande draußen war zur Zeit, als das Puerperal- 
fieber auf der Klein 'sehen Klinik am heftigsten wütete, von epidemi- 
schen Erkrankungen nichts zu merken. 

Und wie bekämpft man eine solche Gebärhausepidemie am wirk- 
samsten? Durch Schließung der Anstalt! Die Schwangeren sind nun 
genötigt, in ihren meist dürftigen Wohnungen, also unter für die Ge- 
sundheit weit ungünstigeren Verhältnissen und den atmosphärischen 
Einflüssen ärger ausgesetzt, zu gebären und — bleiben gesund. Was 
würde man dazu sagen, wenn man, um einer Choleraepidemie Herr zu 
werden, empfehlen würde, die Choleraspitäler zu schließen? 

Es ist klar, atmosphärische Einflüsse bedingen das Puerperalfieber 
nicht, die Ursachen müssen in der I. Gebärklinik selbst liegen, es 
handelt sich nicht um Epidemien, sondern um an die Ortlichkeit 
gebundene Erkrankungen, um Endemien. Mit dieser Erkenntnis hatte 
Semmelweis wieder einen Schritt vorwärts getan. Der an der herr- 
schenden Anschauung Zweifelnde, atmosphärische Einflüsse Leugnende 
war zu einer positiven Ansicht gekommen. 

Nun erwog er die möglichen Ursachen der angenommenen 
Endemie. Man hatte schon öfter lokale Gründe für die größere 
Sterblichkeit auf der I. Gebärklinik namhaft gemacht. Behördliche 
Kommissionen, die zusammentraten, so oft das Puerperalfieber ganz 
besonders wütete, beschuldigten der Reihe nach die verschiedensten 
Umstände, so die Überfüllung, die Verseuchung des Lokales, die un- 
vorteilhafte Lage desselben, die medizinische und geburtshilfliche Be- 
handlung, Diätfehler, die schlechte Ventilation, die Wäsche, den un- 



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— 12 — 

iinterbroohenen Unterrioht; das verletzte Schamgefühl der Frauen, die 
auf der I. Klinik in Gegenwart von Männern entbinden mußten; ihre 
Angst und Furcht vor der übelberüchtigten Klinik; ihre Verwahrlosung 
von Haus aus. Man beschuldigte also endemische Ursachen, sprach 
aber trotzdem immerfort von Epidemie. Rasch war Semmelweis mit 
sich im Reinen, daß all diese Weisheit hoher Kommissionen keinen 
Pfifferling wert sei, denn ein jeder dieser Übelstände bestand in 
gleichem oder noch höherem Orade auf der II. Klinik, und doch war 
dort die Sterblichkeit an Puerperalfieber um zwei Drittel geringer. 
Indem Semmelweis bei jeder Anschuldigung sich immer fragte: 
Gibt es diese Übelstände nicht auch auf der anderen Klinik? — 
zeigte er, daß er allein mehr Verstand hatte als alle die titelschweren, 
ordentragenden Kommissionsmitglieder zusammengenommen. 

Die n. geburtshilfliche Klinik war stets voll besetzt, weil sich 
alles zur Aufnahme auf diese drängte; auf der Klein'schen Klinik 
hingegen gab es immer Platz, weil die Frauen sie fürchteten und ihre 
Aufnahmstage mieden. Nie kam es daher vor, daß man gezwungen 
gewesen wäre, wegen Überfüllung die Aufnahme vor der gesetzlichen 
Zeit an die II. Klinik abzugeben, wohl aber sehr oft umgekehrt. 

Die Annahme einer Art Verseuchung der Lokalitäten stimmte 
nicht recht mit den Tatsachen, denn die I. Klinik war ein Neubau, 
während die 11. Klinik in dem alten Gebärhaus untergebracht war, in 
welchem schon zu Boer's Zeiten und Anfangs unter Kleines Leitung 
das Puerperalfieber zeitweise verheerend aufgetreten war. In höherem 
Grade verseucht mußte also das alte Gebäude der II. Klinik erscheinen. 

Die unvorteilhafte Lage inmitten des großen Allgemeinen Kranken- 
hauses hatte die Kl ein 'sehe Klinik mit der des Professors Bartsch 
gemeinsam; sie lagen ja nebeneinander und hatten ein gemeinschaft- 
liches Vorzimmer. 

Die medizinische und geburtshilfliche Behandlung war auf beiden 
Kliniken dieselbe. Auf beiden wurde nach Boer's Grundsätzen ge- 
handelt, und gegenüber dem Kindbettfieber war man hier und dort 
ebenso ohnmächtig, wie die internen Kliniker und Primarärzte, welche 
häufig wegen Platzmangels transferierte Kindbetterinnen in ihre Be- 
handlung bekamen. 

Die Speisen wurden für beide Anstalten von demselben Traiteur 
geliefert, auf beiden Kliniken war dieselbe Diätnorm vorgeschrieben. 

Ventiliert wurde auf beiden Kliniken in gleicher Weise durch 
öffnen der Fenster. 

Die Wäsche beider Kliniken wurde in der Waschanstalt des 
Pächters mit der Wäsche des Krankenhauses vermengt der Reinigung 
unterzogen. 

Den ununterbrochenen Unterricht hatten beide Kliniken gemein- 
sam, auf der ersten wurden Mediziner und Ärzte, auf der zweiten 
Hebammen unterrichtet. 

Auf welche Weise das verletzte Schamgefühl der vor Männern 
Gebärenden imstande sein sollte, eine Krankheit wie das Kindbottfieber, 



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— 13 — 

Exsudationsprozesse hervorzurufen, vermochte Semmelweis nicht ein- 
zusehen. Im übrigen konnte er überhaupt nicht bemerken, daß die 
Frauen sich vor den Ärzten schämten, wohl aber, daß sie Furcht hatten 
vor der Klinik, weil in der ganzen Stadt bekannt war, welch große 
Zahl von Toten dieselbe alljährlich lieferte. Nur mit Schrecken betraten 
die Gebärenden die Anstalt und hielten sich für verloren. Wie sollte 
aber die Furcht, ein psychischer Zustand, materielle Veränderungen 
von der Art des Kindbettfiebers erzeugen? Und zu Beginn, als das 
Gebäude der I. Klinik neu errichtet war, herrschte ja noch keine 
Furcht, und doch zog der Tod sofort in seine Räume ein. 

Auf beiden Kliniken gab es naturgemäß teils Frauen aus bürger- 
lichen und Arbeiterfamilien, teils in Not und Elend lebende Weiber, 
verkommene Dirnen. Ein Unterschied wurde bei der Aufnahme nicht 
gemacht. 

Selbst die religiösen Gebräuche machte man für die Seuche ver- 
antwortlich. „Die Kapelle des Krankenhauses," erzählt Semmelweis,*) 
„hatte eine derartige Lage, daß der von dort kommende, die Sterbe- 
sakramente spendende Priester in das Krankenzimmer der zweiten 
geburtshilflichen Klinik gelangen konnte, ohne die übrigen Wöchnerinnen- 
zimmer zu berühren, während er an der ersten geburtshilflichen Klinik 
fünf Zimmer passieren mußte, weil das Krankenzimmer der ersten 
Abteilung in der Richtung zur Kapelle das sechste war. Die Priester 
pflegten im Ornate unter Glockengeläute eines vorausgehenden Kirchen- 
dieners, wie der katholische Ritus es mit sich bringt, sich zu den 
Kranken zu begeben, um sie mit den heiligen Sterbesakramenten zu 
versehen. Man trachtete zwar, daß dies durch 24 Stunden nur einmal 
geschehe, aber 24 Stunden sind für das Kindbettfieber eine sehr lange 
Zeit, und manche, die während der Anwesenheit des Priesters noch 
ziemlich wohl war und deshalb mit den heiligen Sterbesakramenten 
nicht versehen wurde, war nach Verlauf von einigen Stunden schon 
so übel, daß der Priester neuerdings geholt werden mußte. Man kann 
sich denken, welchen Eindruck das öfter im Tage hörbare verhängnis- 
volle Glöckchen des Priesters auf die anwesenden Wöchnerinnen her- 
vorbrachte. Mir selbst war es unheimlich zu Mute, wenn ich das 
Glöckchen an meiner Türe vorbeieilen hörte; ein Seufzer entwand 
sich meiner Brust für das Opfer, welches schon wieder einer unbe- 
kannten Ursache fällt. Dieses Glöckchen war eine peinliche Mahnung, 
dieser unbekannten Ursache nach allen Kräften nachzuspüren." 

Semmelweis appellierte an das Humanitätsgefühl der Diener 
Gottes und erreichte es ohne Anstand, daß die Priester künftighin auf 
einem Umwege, ohne Glockengeläute, ohne ein anderes Zimmer zu 
berühren, sich unmittelbar in das Krankenzimmer begaben, so daß 
außer den Anwesenden des Krankenzimmers niemand die Gegenwart 
des Priesters inne wurde. Aber die furchtbare Sterblichkeit auf der 
I. Klinik nahm deshalb nicht ab. 



*) Ätiologie, p. 3a. 



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— 14 — 

Die von den verschiedenen Kommissionen angeschuldigten Um- 
stände hatten also in Semmelweis' Augen keinen praktischen Wert, sie 
brachten ihn auf der Suche nach der unbekannten Ursache des Kind- 
bettfiebers, der größeren Sterblichkeit auf seiner Klinik, um keinen 
Schritt vorwärts. Was er selbst aber am Krankenbette beobachtete, 
vermehrte seine Ratlosigkeit und Verwirrung, denn jede Erklärung 
fehlte. 

Alle Kreißenden, bei welchen die Eröffnungsperiode 24, 48 Stunden 
und darüber dauerte, erkrankten beinahe ohne Ausnahme, oft schon 
während der Geburt, und starben an rasch verlaufendem Kindbett- 
fieber. Es handelte sich dabei in der Regel um Erstgebärende, weil 
nur bei solchen in der Regel ein so zögernder Verlauf der Eröffnungs- 
periode vorkommt. Oft machte Semmelweis in den praktischen Kursen 
seine Hörer aufmerksam, daß dieses oder jenes blühende, junge, vor 
Gesundheit strotzende Mädchen während oder nach der Geburt an 
Puerperalfieber erkranken und rasch dahinsterben werde, weil die 
Eröffnungsperiode bei ihr sich verzögere — und immer ging seine 
traurige Vorhersage in Erfüllung. 

An der Hebammenklinik des Professor Bartsch war ein ebenso 
zögernder Verlauf der Eröffnungsperiode ganz ungefährlich. 

Aber nicht allein diese jugendlichen Mütter, auch deren neu- 
geborene Kinder erkrankten und starben. An welcher Krankheit? 
Die landläufige Lehre bezeichnete das Kindbettfieber als eine den 
Wöchnerinnen ausschließlich zukommende Krankheit. Semmelweis er- 
kannte, daß die Krankheit auch schon während der Geburt auftreten 
könne, und als er die Leichen der Neugeborenen sezierte, fand er zu 
seiner Überraschung den anatomischen Befund, abgesehen von der 
Genitalsphäre, identisch mit dem Befund in den Leichen der an Puerperal- 
fieber verstorbenen Wöchnerinnen. Die Kinder wurden also gleichfalls 
vom Kindbettfieber ergriffen. Daher die große Sterblichkeit unter den 
Neugeborenen der L Klinik, daher die geringe Sterblichkeit derselben 
an der IL Klinik, wo die Mütter selten erkrankten! 

Es ereignete sich häufig, daß Schwangere auf dem Wege ins 
Gebärhaus, auf der Gasse, auf dem Glacis, unter den Toren der Häuser, 
an denen sie eben vorübergingen, von Geburtswehen überrascht, da- 
selbst entbanden und dann nach der Geburt, mit dem Säugling in 
der Schürze, oft bei der ungünstigsten Witterung ins Gebärhaus 
wanderten. Nicht selten geschah es auch, daß wohlhabendere Mädchen 
bei Hebammen entbanden und sich mittels Wagen ins Gebärhaus 
bringen ließen, wo sie, um der Wohltat der unentgeltlichen Aufnahme 
ihres Kindes in das Findelhaus teilhaftig zu werden, angaben, sie 
seien auf dem Wege von der Geburt überrascht worden. Alle diese 
Frauen und Mädchen, die oft unter so ungünstigen Umständen ent- 
banden und gleich nach der Geburt aufstehen mußten, um nach dem 
Gebärhaus zu gehen oder zu fahren, sie alle erkrankten, wie Semmel- 
weis als Erster bemerkte, auffallend selten. Und man hätte doch 
erwarten sollen, daß Frauen mit diesen sogenannten Gassengeburten, 



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~ 15 — 

die unter so schwierigen Verhältnissen vor sieh gingen, mindestens 
ebenso häufig vom Kindbettfieber ergriffen würden, als jene Frauen, 
welche auf der geräumigen Klinik gleichsam unter dem Schutz der 
medizinischen Wissenschaft niederkamen. 

Hier war ein Unterschied mit der II. Klinik nicht zu finden, auch 
dort erkrankten Gassengeburten in den seltensten Fällen. 

Wöchnerinnen, welche eine vorzeitige Geburt durchgemacht hatten, 
erkrankten ebenfalls auffallend selten, auf beiden Kliniken in gleicher 
Weise. Auch diese Beobachtung erschien sonderbar, da man doch 
hätte erwarten sollen, daß die Schädlichkeit, welche die Geburt vor- 
zeitig einleitete, die Disposition zu einer Puerperalerkrankung erhöhe. 

Auf der Hebammenklinik erkrankten die Wöchnerinnen nur ver- 
einzelt, zerstreut zwischen gesunden Nachbarinnen; auf der Ärzteklinik 
hingegen ereignete es sich sehr oft, daß ganze Reihen von Wöchnerinnen, 
wie sie nebeneinander in den Betten lagen, plötzlich zu fiebern an- 
fingen, ohne daß auch nur eine zwischen ihnen gesund geblieben wäre. 
Wie waren alle diese Erscheinungen zu erklären? Semmelweis war 
allerdings zu der Überzeugung gekommen, daß die vielen Fälle von 
Kindbettfieber nicht einer epidemischen, sondern einer endemischen, 
also lokalen Ursache ihre Entstehung verdankten, und daß die Krank- 
heit der Neugeborenen gleichfalls echtes Kindbettfieber sei; er hatte 
die Beobachtung gemacht, daß bei verzögerter Eröffnungsperiode das 
Puerperalfieber oft schon während der Geburt zum Ausbruch komme. 
Aber das Nichterkranken der Gassengeburten und vorzeitigen Geburten 
schien ihm nicht vereinbar zu sein mit der Annahme einer endemischen 
Ursache, und dem reihenweisen Erkranken seiner Wöchnerinnen 
stand er ratlos gegenüber. „Alles war in Frage gestellt, alles war un- 
erklärt, alles war zweifelhaft, nur die große Anzahl der Toten war 
eine unzweifelhafte Wirklichkeit." *) Diese Ergebnislosigkeit seiner 
heißen Bemühungen, das Fortwüten der Seuche, die grauenvolle Angst 
der neuankommenden Schwangeren vor der ihm anvertrauten Klinik, 
die Mißachtung, welcher er und die übrigen an der Ärzteklinik 
bediensteten Personen bei den Hausleuten begegnete — all das brachte 
in Semmelweis „eine jener unglücklichen Gemütsstimmungen hervor, 
welche das Leben nicht beneidenswert machen."**) Niedergeschlagen, 
verzweifelt, ratlos, wie er war, schaffte er, „einem Ertrinkenden gleich, 
welcher sich an einen Strohhalm anklammert,"***) auf der Klinik die 
Rückenlage ab und führte dafür die Seitenlage ein, aus keinem anderen 
Grunde, als weil sie auf der IL Klinik üblich war, damit nur ja alles 
so geschehe wie auf dieser. 

Aus seiner trostlosen Stimmung wurde Semmelweis im Oktober 
1846 herausgerissen durch ein Vorkommnis, das ihm eben damals 
vielleicht nicht allzu schmerzlich gewesen sein mochte, das aber an 



*) Ätiologie, p. 52. 

♦♦) Ätiologie, p. 61. 

♦♦♦) Ätiologie, p. 62. 



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— 16 — 

sich empörend genug war. Der frühere Assistent Dr. Breit hatte 
nachträglich um eine zweijährige Dienstesverlängerung angesucht, 
Professor Klein befürwortete sein Gesuch» und so geschah das Un- 
erhörte: der „ordentliche" Assistent Semmelweis wurde wieder auf 
2 Jahre zum provisorischen degradiert und Dr. Breit am 20. Oktober 
wieder als „ordentlicher" eingesetzt. Man wird wohl nicht fehlgehen, 
wenn man aus dieser skandalösen Geschichte den Schluß zieht, daß 
Professor Klein schon damals Semmelweis nicht mehr leiden mochte 
und froh war, ihn loszubekommen. 

So war denn mit den vier Monaten Juli, August, September 
und Oktober 1846 Semmelweis' erste Dienstzeit zu Ende. Zwei Jahre 
Wartezeit hatte er wieder vor sich. Wie sie nützlich verwenden? Er 
faßte den Entschluß, eine Studienreise nach England zu unternehmen. 
Dort stand die Geburtshilfe auf hoher Stufe und hatte eine Reihe aus- 
gezeichneter Vertreter. In den Gebärhäusern richtete das Kindbett- 
fieber bei weitem nicht solche Verheerungen an wie auf dem Kontinent, 
und was die theoretische Auffassung dieser Krankheit anbelangt, so 
huldigte man im allgemeinen der Anschauung, das Kindbettfieber sei 
eine kontagiöse Krankheit, von einem Individuum auf das andere 
übertragbar. Von dem Wunsche beseelt, den Ursachen der furchtbaren 
Seuche endlich auf die Spur zu kommen, wollte er die Hospitäler in 
England, Irland und Schottland persönlich kennen lernen, um zu er- 
fahren, welchen günstigen Umständen die geringe Sterblichkeit daselbst 
zugeschrieben werden könnte. Er begann also ernstlich englisch zu 
lernen und reichte beim medizinischen Dekanat um Bewilligung eines 
Reisebeitrages ein.*) 

Im November 1846 trat wieder eine behördliche Kommission zu- 
sammen, um dem Sterben auf der I. geburtshilflichen Klinik Einhalt 
zu tun, und diesmal gewann die Ansicht die Oberhand, daß die vielen 
Erkrankungen bedingt seien durch rohes Untersuchen von Seiten der 
Studierenden und Ärzte, namentlich der Ausländer. Die Zahl der 
Praktikanten wurde von 42 auf 20 herabgesetzt, Ausländer fast ganz 
ausgeschlossen und die vaginalen Untersuchungen bedeutend ein- 
geschränkt. Der Erfolg war überraschend. Die Sterblichkeit sank von 
10-77% im November auf 6'377o im Dezember, 3'2l7o im Jänner 1847, 
l-92Vo im Februar! 

Zu Ende dieses Monates wurde Dr. Breit zum Professor der 
Geburtshilfe an der Hochschule in Tübingen ernannt und sollte sein 
neues Amt mit Beginn des Sommersemesters, Ende März, übernehmen. 
Damit war der Plan der Englandreise zu Wasser geworden. Um aber 
mit frischen Kräften seine neue Dienstzeit zu beginnen, entschloß sich 
Semmelweis rasch zu einer Reise nach Venedig. Vom Dekanat der 
medizinischen Fakultät erhielt er die Reisebewilligung und einen Reise- 
beitrag,**) und am 2. März 1847 ging es in Gesellschaft zweier Freunde 



*) Nach den Akten des medizinischen Dekanates der Universität Wien. 
**) Dekanatsakten. 



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— 17 — 

nach dem sonnigen Süden, nach der alten Lagunenstadt. Dort be- 
geisterte er sich an den herrlichen Kunstschätzen. Gekräftigt, wie neu 
geboren durch die Fülle neuer Eindrücke, kehrte er schon am 20. März 
wieder zurück nach Wien, und nur wenige Stunden nach seiner An- 
kunft übernahm er sein ernstes Amt auf der Klinik. 

Das Erste, was er erfuhr, war eine traurige Nachricht. Dr. Jakob 
Kolletschka, o. ö. Professor der Staatsarzneiwissenschaft an der 
Wiener Hochschule, mit dem Semmelweis gelegentlich seiner anatomi- 
schen Studien im pathologischen Institute bekannt geworden, war, 
48 Jahre alt, am 13. März*) an Leichenvergiftung gestorben. Während 
einer Sektion hatte ihn ein Mediziner mit dem Skalpell in den Finger 
gestochen, und die kleine Verletzung hatte genügt, eine Blutvergiftung 
herbeizuführen, welcher der Bedauernswerte binnen wenigen Tagen 
erlag. Semmelweis war von diesem Todesfalle tief erschüttert, denn 
er verehrte in ihm den tüchtigen Gelehrten, wie seinen Gönner und 
Freund. 

Mit verjüngten Kräften ging Semmelweis wieder an die alt- 
gewohnte Arbeit. Er nahm seine allmorgendlichen gynäkologischen 
Studien in der Totenkammer wieder auf und widmete seine übrige 
Zeit völlig der Klinik und dem Studium des Puerperalfiebers. Die 
gehobene Stimmung, in der er von Venedig zurückgekehrt, war frei- 
lich schnell verflogen. Zuerst die Nachricht von KoUetschka's Tode, 
dann wieder das Umsichgreifen des Kindbettfiebers auf seiner Klinik! 

Unter Breit war, wie erwähnt, die Sterblichkeit im Februar auf 
1-92% gesunken. Bereits im März, in dessen letzten 10 Tagen Semmel- 
weis wieder als Assistent fungierte, war sie auf 3-60<^/o gestiegen und 
erreichte im April gar die schreckliche Höhe von 18*27%! Es war 
zum Verzweifeln! Schien es doch, als wenn sich das Unglück just an seine 
Fersen heftete! 

Um diese Zeit — es mag anfangs oder Mitte Mai gewesen sein 
— fesselte ihn plötzlich der Befund, welchen die Sektion der Leiche 
Kolletschka's ergeben hatte. Er mochte schon damals bei seiner 
Rückkehr von der Sektion gehört, doch als trauernder Schüler und 
Freund auf die genaueren Details gerne verzichtet haben. Irgend ein 
Zufall, vielleicht ein Gespräch mit Kollegen, brachte ihn nach Ablauf 
eines Monates wieder auf diesen Sektionsbefund, und was er da ver- 
nahm, überraschte ihn außerordentlich. Die Sektion hatte ergeben: 
Lymphangoitis und Phlebitis der erkrankten oberen Extremität, beider- 
seitige Pleuritis, Pericarditis, Peritonitis, Meningitis und eine Metastase 
in einem Auge. 

Als Semmelweis von diesem Sektionsbefunde hörte, durchzuckte 
sein Hirn der Gedanke: Der gleiche Befund wie bei den 
Puerperalleichen! Wie? Führt die Infektion mit Leichengift zu 
derselben Krankheit, an der so viele hundert Wöchnerinnen 
und Kinder sterben? 



♦) Nach der Verstorbenenllate der „Wiener Zeitung" (1847, I, p. 618). 
T. Waldheim, Ignaz Philipp Semmelweii. 2 



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— 18 — 

Die ganze Nacht verfolgte ihn das Bild von Kolletsehka's 
Krankheit, tausenderlei Gedanken stürmten auf ihn ein, und je mehr 
er in den folgenden Tagen nachgrübelte, mit um so größerer Ent- 
schiedenheit und Klarheit drängte sich seinem Geiste die Identität 
der Leicheninfektion mit dem Kindbettfieber der Wöchnerinnen 
und Neugeborenen auf. Genau denselben allgemeinen Leichenbefund 
fand er hier wie dort. Bei allen die gleiche Entzündung des Bauch- 
felles, Brustfelles, Herzbeutels, der Hirnhaut; bei allen Metastasen. 
Entzündung der Venen und Lymphgefäße bei den Wöchnerinnen im 
Bereiche des Genitalsystems, bei Kolletschka an der verletzten 
Extremität. Bei diesem war die veranlassende Ursache und der Her- 
gang der Krankheit bekannt: Er erlitt eine Verletzung am Finger. 
Aber wie oft verletzt man sich, ohne daß weitere Folgen eintreten! 
Warum kam es bei Kolletschka zu so bösartiger Lymphangoitis und 
Phlebitis, zur Vergiftung des ganzen Blutes? Das erschwerende Moment 
lag offenbar darin, daß ihm mit einem Sektionsmesser der Stich bei- 
gebracht wurde. Schon viele Forscher vor ihm waren an den Folgen 
solcher Sektionsverletzungen zugrunde gegangen. Sektionsinstrumente 
sind mit übelriechenden Kadaverteilen verunreinigt. Diese gelangen 
bei der Verletzung in die Wunde und erzeugen die Entzündung der 
Venen und Lymphgefäße, durch diese die Blutvergiftung. Bei den 
Wöchnerinnen findet sich gleichfalls Phlebitis, Lymphangoitis, aber im 
Genitalsystem — ha! Ein neuer Gedanke ließ Semmelweis* Herz 
schneller schlagen: Bei der Wöchnerin wird der Genitaltrakt 
mit Leichengift infiziert!! Wodurch? Durch den untersuchenden 
Finger, der vorher Kadaverteile berührt hatte. Aber man wäscht sich 
doch vor der Untersuchung mit Seife und Wasser! Gut, aber riecht 
nicht die Hand trotzdem noch stundenlang nach Kadaver? Indes, soll diese 
kleinste Spur von Kadaverteilchen, die dem Auge nicht mehr sichtbar und 
nur unserem Geruchssinn erkennbar ist, in der Tat bei flüchtiger Berüh- 
rung — der untersuchende Finger ist überdies gefettet — die Scheide, das 
Innere des Uterus so verunreinigen, daß eine tödliche Krankheit daraus 
entsteht? Jawohl, das Kadavergift muß schon in kleinsten Mengen wirksam 
sein, denn gerade kleine Verletzungen, wenn sie nur tief gehen, Stiche, 
sind am gefürchtetsten. Die Kreißende wird aber doch nicht verletzt bei 
der Untersuchung! Bei letzterer in der Regel wohl nicht, obwohl der 
Nagel leicht Schleimhautrisse machen kann, aber bei Operationen. Das 
sind meist Quetschungen, flache Abschürfungen, keine Stiche. Dafür ist 
es eine Schleimhaut; diese resorbiert viel rascher als die äußere Haut. 
Aber Operationen sind doch nur höchst selten notwendig! Richtig, aber 
blutet es nicht auch bei einer normalen Geburt? Da entstehen Ver- 
letzungen von selbst, durch das Hindurchpressen der Frucht. Und die 
Blutung nach dem Abgang der Nachgeburt? Woher kommt sie? Von 
der Placentarstelle, die eine wunde Fläche darstellt! Die Wöchnerin 
ist eine Verwundete! Der Finger trägt das Kadavergift in das Ge- 
nitale und die wunde Placentarstelle wird nachträglich dadurch infiziert. 
Kindbettfieber ist kadaveröse Blutvergiftung. 



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— 19 — 

Daher also die große Sterblichkeit an seiner Klinik!! 
Hier untersuchten, operierten Ärzte, Mediziner, welche zu anderen 
Stunden des Tages Leichen sezierten — auf der II. geburts- 
hilflichen Klinik wurden dagegen Hebammen unterichtet, welche 
mit Sektionen niemals zu tun hatten. Dort kamen nur Professor 
Bartsch und sein Assistent, Dr. v. Arneth, in Betracht; beide hatten 
nur selten im pathologischen Institut zu tun. Der frühere Assistent 
hingegen, Dr. Zipfl, hatte fleißig pathologisch-anatomische Studien 
betrieben, und tatsächlich waren auch während seiner Dienstzeit mehr 
Todesfälle an Kindbettfieber vorgekommen, als vorher und nachher 
auf der Hebammenklinik. 

Und er selbst! Unglücksmensch! Was hatte er als Aspirant und 
Assistent nicht alles seziert! Jeden Morgen, unmittelbar vor der 
klinischen Visite! Hatte den Leichengeruch nie recht losbekommen! 
Wie viele Gebärende hatte er ahnungslos infiziert! Nur Gott allein 
mochte die Zahl derer kennen, welche seinetwegen frühzeitig ins Grab 
gestiegen waren! Sein Vorgänger Dr. Breit hatte sich mit anatomischen 
Studien nicht abgegeben, da gab es auch weniger Todesfälle auf der 
Klinik. Von dem Tage an, da er selbst aber ordentlicher Assistent 
geworden war, stieg wieder die Sterblichkeit erheblich und erhielt sich 
auf schrecklicher Höhe, bis Dr. Breit abermals Assistent wurde. Da 
kam allerdings auch der Kommissionsbeschluß. Der hatte Erfolg, weil 
nun seltener untersucht wurde, da die Zahl der infizierenden Schüler 
auf 20 herabgesetzt war. 

Wie verhielt es sich nun mit den klinischen Beobachtungen, die 
er gemacht hatte? Ließen sie sich jetzt erklären? Warum erkrankten 
so häufig Erstgebärende mit verzögerter Eröffnungsperiode? Weil sie 
während dieser Verzögerung um so häufiger untersucht wurden! Je 
mehr unreine Finger untersuchten, desto mehr kadaveröse Stoffe 
wurden dem G^nitalschlauch zugeführt, desto leichter erfolgte die In- 
fektion. Warum starben auch die Kinder? Weil die Blutvergiftung 
der Mutter durch die Placenta auch dem Blute der Frucht mitgeteilt 
wurde. Das Neugeborene starb an Sepsis. Warum war der Verlauf bei 
Gassengeburten und Frühgeburten meist so günstig? Weil in solchen 
Fällen die infizierenden Untersuchungen vor der Geburt wegfielen. 
Woher kam das reihenweise Erkranken? Von dem Arzte oder Schüler, 
der frisch von einer Sektion kam und die Frauen alle der Reihe nach 
untersuchte. 

Nach und nach konnte Semmelweis sich alle Erscheinungen in 
geradezu wunderbarer Weise deuten ! Was früher rätselhaft erschienen, 
das lag nun vor ihm in schauriger Klarheit. Ein beseligendes 
Gefühl erfüllte seine Brust, daß er die Wahrheit endlich entdeckt hätte. 
Ja, es war die Wahrheit, davon war er felsenfest überzeugt, und in 
dieser Überzeugung handelte er nun auch. Sogleich gab er das Sezieren 
auf, forderte von den Schülern die größte Reinlichkeit und war in 
bezug auf seine eigenen Hände erst dann beruhigt, als jeder Leichen- 
geruch verschwunden war. 



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— 20 — 

Am 24. Mai 1847 hatte er dem Primarius Dr. Hebra einen wich- 
tigen Dienst zu leisten. Dessen Gattin Johanna sah ihrer ersten 
Niederkunft entgegen. Schon nach Beginn der ersten Wehen eilte 
Semmelweis, um den besorgten Hebra zu beruhigen, nach dessen 
Wohnung in der Aisers traße Nr. 19, gegenüber dem Allgemeinen 
Krankenhause, und leistete selbst den geburtshilflichen Beistand von 
Anfang bis zu Ende. „A Büaberl is' 's!" rief er der glücklichen Mutter 
zu, als das Kind geboren war. Hans v. Hebra, der spätere Professor 
der Dermatologie, durfte sich rühmen, unter Semmelweis' Beistand zur 
Welt gekommen zu sein. Das Befinden von Mutter und Kind blieb an- 
dauernd günstig, nicht das geringste Fieber stellte sich ein.*) Semmel- 
weis mußte mit peinlichster Reinlichkeit vorgegangen sein. Wie wäre 
die Geburt einen Monat früher verlaufen? Unter dem Beistand des ge- 
rade vom Seziersaal kommenden Semmelweis?! 

Für die Zwecke der Klinik genügten Seifenwaschungen nicht. 
Die Schüler, namentlich die ausländischen Ärzte, brachten viele 
Stunden des Tages in der Anatomie zu, und da vermochte selbst die 
gründlichste Waschung nicht, den Leichengeruch von den Händen zu 
bannen. Um dies rasch zu erreichen, mußte man trachten, die an der 
Hand klebenden Kadaverteile chemisch zu zerstören. Ende Mai 1847**) 
erprobte Semmelweis Chlorina Liquida, und siehe da, es beseitigte den 
Leichengeruch gänzlich! Mit Zustimmung des Professors ordnete er 
nun an, daß ein jeder Arzt, der die Klinik betrat, seine Hände in dem 
aufgestellten Chlorbecken zu reinigen hatte. 

An welchem Tage er diese bedeutungsvolle Anordnung traf — 
es war der Geburtstag der Antisepsis — konnte er später nicht 
mehr angeben. Berauscht von den erlösenden Gedanken, die sein Ge- 
hirn durchtobten, flössen ihm die Tage dahin wie im Traume. Jede 
Stunde, jede Minute brachte ihn vorwärts in der Erkenntnis, den 
Wechsel von Tag und Nacht bemerkte er nicht 

Professor Klein hielt nichts von Semmelweis' Reformideen, aber 
er ließ ihn gewähren, teils weil er mußte, denn er konnte nicht das 
Odium der Leicheninfektion seiner Wöchnerinnen auf sich nehmen, 
teils aus Bequemlichkeit, denn um die Klinik kümmerte er sich nur so- 
weit, als er „Fälle" brauchte für die Vorlesung. Der eigentliche Leiter 
der Klinik war der Assistent. So konnte dieser sein neues Desinfektions- 
verfahren energisch durchführen. Schüler und Wärterinnen wurden zu 
größter Reinlichkeit angehalten, und Semmelweis sah mit nie ermüden- 
dem Eifer, mit unerbittlicher Strenge darauf, daß seine Anordnungen 
genau befolgt wurden. Der Erfolg der Desinfektionen war überraschend ! 

Von über 187o ini April sank die Sterblichkeit im Mai, gegen dessen 
Ende erst die Chlorwaschungen begonnen wurden, auf 12"24, im Juni 
schon auf 2-38, im Juli auf 1*20% herab ! Wer war seliger als Semmelweis ! 



*) Mündliche Mitteilungen der Hofratswitwe Johanna v. Hebra. 
**) Nicht Mitte Mai, wie Semmelweis später glaubte. Bei der Qeburt Hans- 
Heb ras wendete er Ohloriösung noch nicht an. Skoda gab in seinem Vortrage im 
Herbst 1849 richtig an: Ende Mai 1847. 



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— 21 — 

Das Erlöschen der so viele Jahre vergeblich bekämpften ^Epide- 
mie" machte in ärztlichen Kreisen Wiens großes Aufsehen. Hebra, 
Skoda, Rokitansky, Primarius Haller interessierten sich für die 
Sache und ließen sich von Semmelweis eingehend berichten. Sie 
„zweifelten keinen Augenblick, daß sich die Ansicht als richtig er- 
proben werde".*) Sein eigener Chef freilich hielt das Ganze für — Zu- 
fall, für ein Werk des günstigeren Genius epidemicus ! Angesichts dieses 
Umstandes, daß Semmelweis bei seinem unmittelbaren Vorgesetzten 
kein Verständnis fand, fühlte Skoda sich verpflichtet, den Direktor 
der medizinisch-chirurgischen Studien, Regierungsrat Dr. Wilhelm Edlen 
V. Well, auf die Entdeckung aufmerksam zu machen, und erwartete, 
daß dieser bei der Wichtigkeit des Gegenstandes sofort die Einsetzung 
einer Untersuchungskommission veranlassen werde. Allein Professor 
Klein erfuhr offenbar von diesem Schritte Skodas, dessen Eintreten 
für Semmelweis zugleich eine Demonstration gegen dessen klinischen 
Vorstand bedeutete, und wußte v. Well zu bestimmen, die Anregung 
des Professors der internen Medizin nicht weiter zu beachten. Dies 
war der Anfang einer Fehde zwischen Klein und Skoda, welche in 
der nächsten Zeit immer erbitterter werden und für Semmelweis die 
schlimmsten Folgen nach sich ziehen sollte. Professor Klein, sein 
Gegner, war sein Feind geworden. 

Auf der Klinik nahm indessen das segensreiche Werk der Des- 
infektion ungestört seinen Fortgang. Nachdem Chlorina liquida sehr 
hoch im Preise stand, wurde der ungleich billigere Chlorkalk in An- 
wendung gezogen und erwies sich als ebenso wirksam. Bald aber 
mußte Semmelweis die traurige Erfahrung machen, daß seine edle Be- 
geisterung nicht alle Ärzte und Mediziner der Klinik für die große 
Sache zu gewinnen vermocht hatte. Es gab einige gewissenlose Igno- 
ranten, die sich über des Assistenten Steckenpferd lustig machten und, 
trotzdem sie gleichzeitig in der Anatomie arbeiteten, es mit der vor- 
geschriebenen Desinfektion nicht gar zu genau nahmen. Im September 
1847 stieg die Sterblichkeit plötzlich auf 5-23%. Semmelweis entdeckte 
die Frevler und sagte ihnen gehörig seine Meinung, wie das seine Art 
war. Er sprach immer gerade heraus, was er dachte, und nun gar, 
wenn ihm eine derartige Gewissenlosigkeit begegnete! Sein Zorn, seine 
Empörung war furchtbar und ließ ihn nicht gerade schonende Worte 
wählen. Das half wenigstens. Man hatte Respekt bekommen. 

Im Herbst 1847 belegten die Badenser Doktoren Bronn er und 
Kußmaul den geburtshilflichen Operationskurs bei Semmelweis. Sie 
fanden den Kurs „ganz vorzüglich". Als Semmelweis von ihnen hörte, 
daß sie beide Assistenten des alten Naegele in Heidelberg gewesen 
wären, den er so tief verehrte, nahm er sie auf wie Freunde. Er för- 
derte ihre Studien, soviel er nur konnte, und verschaffte ihnen im 
Winter 1847 die ersehnte, damals nicht leicht zu erlangende Erlaubnis, 
im Gebärhause sechs Wochen zu praktizieren. Mochte er die ganze 



•) Skodas eigene Worte (Vortrag, gehalten in der Akad. der Wissensch. 1849). 



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- 22 — 

Nacht durchwacht haben, sie erschienen ihm niemals ungelegen. So 
kam es, daß von allen Bekanntschaften, die Kußmaul damals in Wien 
machte, ihm die von Semmelweis in angenehmster und dankbarster 
Erinnerung geblieben ist. Nach seiner Beschreibung*) war Semmelweis 
„mehr als mittelgroß, breit und stark gebaut, sein Gesicht rund mit 
etwas vortretenden Backenknochen, seine Stirne hoch und das Kopf- 
haar dünn; er hatte auffallend fleischige, geschickte Hände, ein leb- 
haftes Temperament, große Arbeitskraft und Arbeitslust, ein warmes 
und gewissenhaftes Herz". Seine große, segensreiche Entdeckung „be- 
schäftigte ihn fortwährend und war der Gegenstand unserer täglichen 
Gespräche mit dem trefflichen Manne". An anderer Stelle nennt Kuß- 
maul ihn den „gemütvollen Mann". 

Semmelweis' klinischem Chef begegnete Kußmaul wiederholt im 
Gebärhause, „Klein machte auf uns den Eindruck eines ganz gewöhn- 
lichen Praktikers. Solange wir in seiner Abteilung beschäftigt waren, 
kam er ab und zu in den Gebärsaal, hielt sich jedoch immer nur 
kurze Zeit darin auf und ignorierte meinen Freund und mich völlig, 
vielleicht, weil er, nach der Versicherung der österreichischen Prak- 
tikanten, die Ausländer nicht leiden mochte. Eines Abends aber ging 
er sogleich, nachdem er eingetreten war, an das Bett der Gebärenden, 
die ich zu besorgen hatte, und fragte mich -nach dem Stande der 
Geburt, worauf ich genaue Auskunft gab. Soweit verfuhr er nach der 
Ordnung, dann aber verstieß er gegen Takt und Sitte. Wollte er meine 
Angabe kontrollieren, so mußte er selbst nachuntersuchen oder den 
Assistenten Semmelweis dazu auffordern, er rief aber die Hebamme 
ans Bett, um nachzuprüfen. Dies wäre schon einem Studenten gegen- 
über unpassend gewesen, mir, einem approbierten Arzte gegenüber, war 
es ganz ungehörig, doch mußte ich es hinnehmen und jedenfalls zu- 
nächst schweigend das Weitere abwarten. Vermutlich, um ihm zu ge- 
fallen, erklärte die Hebamme meine richtige Angabe für unrichtig. 
Klein warf mir daraufhin einen strafenden Blick zu mit der Frage, 
was ich dazu sage? Ich erwiderte ruhig, die Hebamme irre sich, ihr 
Befund sei falsch, der meinige richtig. Nicht nur ich, alle anwesenden 
Praktikanten und Semmelweis, der hinter Klein stand und über seinen 
Vorgesetzten sichtlich aufgebracht war, waren gespannt, was er jetzt 
tun werde. Er schwieg, überlegte einen Augenblick und prüfte, wie es 
sich vorher geschickt hätte, selbst. Ich war meiner Sache so sicher, 
daß ich auch Klein, im Falle er der Hebamme zugestimmt, wider- 
sprochen hätte; Semmelweis kannte gleichfalls meine Fertigkeit in 
diesem ABC der Geburtshilfe und war entschlossen, wie er mir nachher 
sagte, wenn nötig, gleichfalls nachzuprüfen und für mich einzutreten. 
Es war jedoch nicht nötig. Klein war ehrlich, nickte mir freundlich zu 
und sagte: „Sie haben recht!" — Es war ihm, wie die Österreicher 
meinten, nur darum zu tun gewesen, den Ausländer zu demütigen. — 
Für die Bestrebungen seines Assistenten fühlte Klein keine Teilnahme". 



•) Kuß maul, Jugenderinnerungen, 1899. 



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— 23 — 

Im Oktober und November 1847 waren Kußmaul und Bronner 
Zeugen zweier neuer wichtiger Entdeckungen, welche Semmelweis auf 
seiner Klinik machte. Im Oktober wurde eine an verjauchendem 
Medullarkrebs des Uterushalses leidende Kreißende auf Bett Nr. 1 des 
Kreißzimmers aufgenommen, bei welchem Bette die Visite immer be- 
gonnen wurde. Nach der Untersuchung dieses armen Weibes wuschen 
Semmelweis und die Schüler sich die Hände mit Wasser und Seife, 
wie das nach jeder Untersuchung vorgeschrieben war, und unter- 
suchten die übrigen Kreißenden. In den folgenden Tagen erkrankten 
sämtliche 12 Wöchnerinnen, die mit ihr gleichzeitig entbunden worden 
waren, und 1 1 davon starben. Für Semmelweis war dieses Unglück die 
Quelle einer neuen Erkenntnis : Nicht bloß die an der Hand klebenden 
Kadaverteile, auch Jauche, von lebenden Organismen her- 
rührend, erzeugt das Kindbettfieber! Es müssen daher die Hände 
auch nach jeder Verunreinigung mit Jauche in Chlorwasser 
gewaschen werden, um die Jauche zu zerstören. 

Im November dieses Jahres wurde eine Müllersmagd vom Lande 
mit verjauchender Caries des linken Kniegelenkes auf das Wochen- 
zimmer gebracht. Abermals kam es zu einer kleinen Endemie, welche 
sich auf diejenigen Entbundenen beschränkte, die mit der Müllersmagd 
gleichzeitig im Wochenzimmer lagen. Letztere war in ihren Genitalien 
vollkommen gesund; der Finger, der sie untersucht hatte, konnte da- 
her nicht andere infizieren. Semmelweis schloß daraus, daß die jauchigen 
Exhalationen des cariösen Kniegelenkes die Luft des Wochenzimmers 
im hohen Grade schwängerten und daß diese verpestete Luft den 
Wöchnerinnen durch die nach der Geburt klaffenden Genitalien in die 
Gebärmutterhöhle drang, woselbst die Jaucheteile resorbiert und da- 
durch das Kindbettfieber hervorgerufen wurde. Der Träger der Kadaver- 
und Jaucheteile konnte also der untersuchende Finger, aber auch 
die atmosphärische Luft sein. 

Hebra erschien die Sache nun spruchreif. Er war gleich Skoda 
empört über Professor Klein's ebenso kurzsichtiges wie gehässiges 
Verhalten, sein bescheidener Freund Naz (Ignaz) tat ihm leid. Er be- 
schloß, ihm eine kleine Freude zu bereiten, ihm trotz Klein Aner- 
kennung zu verschaffen. Und so überraschte er ihn denn vor Weih- 
nachten mit folgendem Artikel im Dezemberheft 1847 der von ihm 
redigierten Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien: 

Höchst wichtige Erfahrungen 
über 

die Ätiologie der in Gebäranstalten epidemischen 
Puerperalfieber. 

Die Redaktion dieser Zeitschrift fühlt sich verpflichtet, die fol- 
genden, von Herrn Dr. Ig. Semmelweis, Assistenten an der ersten 
geburtshilflichen Klinik des hiesigen k. k. Allgemeinen Krankenhauses, 
gemachten Erfahrungen in Hinsicht der Ätiologie der beinahe in allen 



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— 24 — 

Gebäranstalten herrschenden Puerperalfieber hiermit dem ärztlichen 
Publikum mitzuteilen. 

Herr Dr. Semmelweis, der sich bereits über 5 Jahre im hiesigen 
k. k. Krankenhause befindet, sowohl am Seziertische, als auch am 
Krankenbette in den verschiedenen Zweigen der Heilkunde sich gründ- 
lich unterrichtete, und endlich während der letzten 2 Jahre seine 
spezielle Tätigkeit dem Fache der Geburtshilfe zuwendete, machte es 
sich zur Aufgabe, nach der Ursache zu forschen, welche dem 
so verheerenden, epidemisch verlaufenden Puerperalprozesse 
zugrunde liege. Auf diesem Gebiete wurde nun nichts ungeprüft 
gelassen, und alles, was nur irgend einen schädlichen Einfluß hätte 
ausüben können, wurde sorgfältig entfernt. 

Durch den täglichen Besuch der hiesigen pathologisch- anatomischen 
Anstalt hatte nun Dr. Semmelweis den schädlichen Einfluß kennen 
gelernt, welcher durch jauchige und faulige Flüssigkeiten auf selbst 
unverletzte Körperteile der mit Leichensektionen sich beschäftigenden 
Individuen ausgeübt wird. — Diese Beobachtung erweckte in ihm den 
Gedanken, daß vielleicht in Gebäranstalten von den Geburts- 
helfern selbst den Schwangeren und Kreißenden der furcht- 
bare Puerperalprozeß eingeimpft werde, und daß er in den 
meisten Fällen nichts anderes als eine Leicheninfektion sei. 

Um diese Ansicht zu erproben, wurde auf dem Kreißzimmer der 
ersten geburtshilflichen Klinik die Anordnung getroffen, daß jeder, 
der eine Schwangere untersuchen wollte, zuvor seine Hände 
in einer wässerigen Chlorkalklösung (Chlor, calcis unc. 1. Aquae 
fontanae libras duas) waschen mußte. Der Erfolg war ein über- 
raschend günstiger; denn während in den Monaten April und 
Mai, wo diese Maßregel noch nicht gehandhabt wurde, auf 
100 Geburten noch über 18 Tote kamen, verhielt sich in den 
folgenden Monaten bis inklusive 26. November die Anzahl der 
Toten zu der der Geburten wie 47 zu 1547, d. h. es starben von 
100 2'46. Durch diese Tatsache wäre vielleicht auch das Problem gelöst, 
warum in Hebammenschulen ein so günstiges Mortalitätsverhältnis im 
Vergleich zu den Bildungsanstalten für Geburtshelfer herrscht, mit 
Ausnahme der Maternite in Paris, wo — wie bekannt — die Sektionen 
von Hebammen vorgenommen werden. 

Drei besondere Erfahrungen dürften vielleicht die soeben aus- 
gesprochene Überzeugung noch weiters bestätigen, ja sogar den Um- 
fang derselben noch erweitern. Dr. Semmelweis glaubt nämlich nach- 
weisen zu können, daß 

1. durch vernachlässigtes Waschen einiger mit Anatomie 
sich beschäftigende Schüler im Monate September mehrere 
Opfer gefallen sind; daß 

2. im Monate Oktober durch die häufige Untersuchung 
einer an verjauchendem Medullarsarkom des Uterus leidenden 
Kreißenden, wonach die Waschungen nicht beobachtet wurden, 
sowie endlich 



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— 26 — 

3. durch ein am Unterschenkel einer Wöchnerin vorhan- 
denes, ein jauchiges Sekret lieferndes Geschwür mehrere von 
den mit dieser gleichzeitig Entbundenen infiziert wurden. 

Also auch die Übertragung jauchiger Exsudate aus 
lebenden Organismen kann die veranlassende Ursache zum 
Puerperalprozesse abgeben. 

Indem wir diese Erfahrungen der Öffentlichkeit übergeben, stellen 
wir an die Vorsteher sämtlicher Gebäranstalten, von denen schon 
einige durch Herrn Dr. Semmelweis selbst mit diesen höchst wichtigen 
Beobachtungen bekannt gemacht wurden, das Ansuchen, das Ihrige zur 
Bestätigung oder Widerlegung derselben beizutragen." 

Das warme Lob, das Hebra hier seinem Schützling spendete, 
sowie einige irrtümliche Auffassungen und Angaben schließen jeden 
Zweifel darüber aus, daß Hebra diesen Artikel selbst, ohne Mithilfe 
seines Freundes verfaßt hat. Er spricht von dem „epidemisch verlaufenden 
Puerperalprozesse"; während doch Semmel weis zu allererst die Über- 
zeugung gewonnen hatte, es müsse sich um eine Endemie, um ende- 
mische Ursachen handeln; von dem schädlichen Einflüsse jauchiger 
und fauliger Flüssigkeiten auf selbst unverletzte Haut, während 
Semmelweis gerade von Kolletschka's Fingerverletzung ausgegangen 
war; von einer Wöchnerin mit jauchigem Unterschenkelgeschwür, 
während dieselbe an verjauchender Caries des linken Kniegelenkes 
gelitten hatte. Semmelweis' Grundgedanken gab er jedoch richtig wieder, 
und es muß hier, zum Verständnis der späteren Vorgänge, darauf hin- 
gewiesen werden, daß schon in dieser ersten Publikation klar gesagt 
wurde: Das Puerperalfieber ist in den meisten Fällen eine 
Leicheninfektion, mitunter aber auch eine Infektion durch 
jauchige Exsudate aus lebenden Organismen. 

Mit vollem Recht führte Semmelweis die meisten Puerperal- 
erkrankungen auf Leicheninfektionen zurück. Man hat heutzutage 
keinen Begriff, wieviel damals, in den dreißiger und vierziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts, allüberall seziert wurde! Schon im Jahre 
1796 war eine Verordnung*) erschienen, in welcher alle Ärzte und 
Wundärzte Niederösterreichs aufgefordert wurden, möglichst häufig 
Sektionen anzustellen und merkwürdige Präparate an das Wiener 
allgemeine Krankenhaus zu senden. So wurde es allerorten, in der 
Stadt wie auf dem Lande, üblich, daß jeder Arzt seine verstor- 
benen Patienten und Patientinnen sezierte. So viele Todesfälle 
in der Praxis, so viele Sektionen. Und nach solchen wusch man sich 
und eilte, den Leichengeruch noch an Händen und Kleidern mit sich 
tragend, zu chirurgischen Operationen und geburtshilflichen Fällen! 

Noch mehr Sektionen täglich gab es natürlich in den Spitälern. 
Der § 15 des Studienplanes von 1810*) bestimmte, daß alle klinischen 
Leichen in Gegenwart des Professors und der Schüler der Klinik 
seziert werden müßten. Die Professoren und Assistenten führten diese 



•) Pu seh mann, Medizin in Wien. 



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— 26 — 

Sektionen selbst aus. Und bezüglich des geburtshilflichen Unterrichtes 
hieß es im § 13: 

^Das Studiendirektorat wird Sorge tragen, daß der Professor der 
Entbindungskunst die Schüler und Schülerinnen nicht nur am Phantome, 
sondern, soviel es möglich ist, am Leichname von Frauen mit 
toten Kindern übe, was unendlich lehrreicher ist als die Übungen 
am Phantome'*!! Boer sträubte sich gegen diese greulichen Übungen 
und wurde entlassen. Sein Nachfolger Klein gehorchte, und das 
„epidemische" Kindbettfieber war von nun aus der Anstalt nicht mehr 
zu bannen. 

Semmelweis hätte nun selbst zur Feder greifen und in einer 
Abhandlung seine Erfahrungen mitteilen, Hebra's irrige Angaben 
richtigstellen und seine ganze Auffassung bekanntgeben sollen. Er 
hatte mehr zu sagen, als Hebra, der Dermatologe, darüber sagen 
konnte. Er mußte unter anderem den Fall mit der Kniegelenkscaries 
erörtern und seine Erklärung, Infektion der Wöchnerinnen — nur 
solcher — durch die mit Jaucheteilen geschwängerte Luft, darlegen. 
Die medizinische Welt erwartete auch allgemein, daß Semmelweis mit 
seiner Entdeckung und allen näheren Angaben nun selber vor die 
Öffentlichkeit treten werde. Er aber scheute das Schreiben, und nun 
gar gelehrte Publikationen! Er wählte andere Wege. Er beschränkte 
sich darauf, für seine Entdeckung mündlich, von Mann zu Mann, zu 
agitieren, und unter seinen Schülern fand er denn auch bald begeisterte 
Anhänger, die sich darauf freuten, in ihrer Heimat die neue Heilslehre 
zu verkünden, so der Engländer Dr. F. H. C. Routh, der Holländer 
Dr. Stendrichs, die Deutschen Kußmaul, Bronner und Schwarz. 
Routh nahm England auf sich, Stendrich schrieb an Professor 
C. B. Tilanus in Amsterdam; Schwarz an Professor Michaelis in 
Kiel, indem er Hebras Aufsatz beifügte; Dr. v. Arneth, der Assistent 
an der Wiener Hebammenklinik, an Professor Simpson in Edinburg, 
und Kußmaul übernahm es, den alten Naegele in Heidelberg für 
die Sache zu gewinnen. Professor Skoda, dem es bekannt war, daß 
auf der Prager Ärzteklinik die Seuche in gleich erschreckender Weise 
wütete, während sie auf der Hebammenklinik seltener Opfer forderte, 
schrieb an seinen Gönner und Freund Nadherny und bat ihn, seinen 
Einfluß als Präses der medizinischen Fakultät in Prag zugunsten der 
heilbringenden Lehre geltend zu machen, und dieser teilte Semmelweis' 
Entdeckung zunächst dem medizinischen Lehrkörper mit, während er 
Skoda's Brief an seinen Schwiegersohn sendete, Hof rat Kiwis ch 
V. Rotterau, Professor der Geburtshilfe in Würzburg, der selbst ein 
großes Werk über Puerperalkrankheiten geschrieben hatte. Kiwisch 
eilte infolgedessen im Jahre 1848 und dann ein zweites Mal im Jahre 
1849 nach Wien, um sich mit Semmelweis in der ihn hoch interessierenden 
Angelegenheit zu besprechen und dessen Prophylaxe durch persönliche 
Anschauung kennen zu lernen. 

Von Seite der kleinen Semmelweis-Gemeinde wurden noch andere 
Briefe an Vorstände in- und ausländischer Gebärhäuser gerichtet, aber 



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— 27 — 

bezeichnenderweise wurden sie überhaupt nicht beantwortet. Die erste 
Antwort, die mit umgehender Post eintraf, war aus dem fernen Edin- 
bürg, von Professor J. Y. Simpson, dem berühmten Geburtshelfer, 
dessen 50 erste Chloroformnarkosen damals gerade großes Aufsehen 
gemacht hatten. 

Simpson's Brief war nach Semmelweis* Aussage*) „mit Schmä- 
hungen angefüllt. Er habe auch ohne Arneth's Schreiben schon ge- 
wußt, in welch beklagenswertem Zustande die Geburtshilfe sich in 
Deutschland und namentlich in Wien befinde. Ursache der großen 
Sterblichkeit daselbst sei nur die grenzenlose Verwahrlosung, 
welcher die Wöchnerinnen ausgesetzt seien; so würden z. B. gesunde 
Wöchnerinnen in Betten eben Verstorbener gelegt, ohne daß auch nur 
das Bettzeug gewechselt würde. Arneth's Brief beweise auch, daß die 
englische geburtshilfliche Literatur in Wien ganz unbekannt sei, denn 
sonst müßte man dort wissen, daß in England das Puerperalfieber 
längst für eine kontagiöse Krankheit gehalten werde, zu deren Ver- 
hütung man Chlorwaschungen anwende. 

Arneth und Semmel weis fühlten sich durch diesen Brief nicht 
veranlaßt, die Korrespondenz mit Simpson fortzusetzen. Indes, mochte 
auch die Form ungehörig sein und war die Annahme, daß Semmelweis 
nun gleich den Engländern das Puerperalfieber für eine kontagiöse 
Krankheit halte, eine irrige — so ganz unrecht hatte Simpson nicht. 
Seine Vorwürfe waren keine Schmähungen, denn sie waren begründet. 
Die Gebärhäuser Österreichs, Deutschlands und Frankreichs waren 
damals in der Tat grenzenlos verwahrlost gegenüber den englischen. 
Auf dem Kontinent hatte man noch keine Ahnung von dem Werte 
der Reinlichkeit, wie sie im Norden, in Großbritannien, auch in Holland, 
allgemein geübt wurde. 

Und die englische geburtshilfliche Literatur war zu jener Zeit 
wirklich in Wien, in Deutschland so gut wie unbekannt. Schuld daran 
trug der angesehene Gynäkologe, welcher in Canstatt's Jahresberichten 
das Referat über die englische geburtshilfliche Literatur übernommen, 
Professor Kiwisch, der, selbst ein bahnbrechender Forscher, den 
einen großen Fehler hatte, Arbeiten anderer gewohnheitsmäßig zu 
unterschätzen. 

In seinen Referaten während der Jahre 1842 bis 1845 hatte 
Kiwisch von den auffallenden Beobachtungen der englischen Geburts- 
helfer Roberton, Storrs, Reedal, Sleight, Hardey, Allen, 
Churchill, Campbell, Elkington u. a. berichtet, welche in England 
ungeheueres Aufsehen erregten. Diese Ärzte hatten unmittelbar nach 
Sektionen und Operationen bei Geburten Beistand geleistet und alle 
von ihnen entbundenen Frauen waren an Puerperalfieber zugrunde 
gegangen. Sie enthielten sich in Zukunft der Sektionen, überwiesen 
Abszesse, Erysipele etc. anderen Kollegen zur Behandlung, reinigten 
sich gründlich, wechselten die Anzüge und hatten in ihrer geburts- 



•) Ätiologie, p. 282. 



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— 28 — 

hilflichen Praxis nunmehr keine Todesfälle zu beklagen. Auf Grund 
dieser zahlreichen Erfahrungen waren die englischen Ärzte zur Über- 
zeugung gekommen, daß das Puerperalfieber durch ein spezifisches 
Kontagium hervorgerufen werde, welches von Kranken auf Gesunde 
übertragen werden könne. 

Storrs stellte folgende Thesen auf: 

1. Das Puerperalfieber ist durch Berührung mitteilbar. 

2. Es stammt von einem tierischen Gifte, besonders dem Rotlauf, 
zuweilen vom Typhus. 

3. Eine Puerperalkranke kann bei anderen Rotlauf, Typhus er- 
zeugen, bei Männern ein dem Puerperalprozeß ähnliches Fieber. 

4. Jede Behandlung ist erfolglos. 

Und was sagte Kiwisch als Referent zu diesen bedeutsamen 
Beobachtungen und Maßnahmen der britischen Ärzte? 

Das Referat des Jahres 1842 schloß er ohne jede Bemerkung. 
Mit Recht schrieb Semmelweis später den Satz nieder: „Wäre sich 
Kiwisch bewußt gewesen, welch segensreiche Wahrheit in diesen Er- 
fahrungen enthalten ist — hätte er nicht unwillkürlich Freuden- 
äußerungen getan, daß es endlich gelungen, das gebärende Geschlecht 
von seiner größten Geißel zu befreien?"*) 

Dem Referat vom Jahre 1843 fügte Kiwisch folgende Bemer- 
kung bei: 

„Nach des Referenten Ansicht bedürfen die Behauptungen des Ver- 
fassers wohl noch einer genaueren Nachweisung und mehrseitiger Berich- 
tigung." 

Dem Referat vom Jahre 1844: 

„Referent erlaubt sich bezüglich dieser Mitteilungen von El kington 
keine Bemerkungen, da ihm nicht bekannt ist, inwieweit sie vollkommen ver- 
läßHch sind." 

Erst im Anschluß an das Referat für das Jahr 1845 sah er sich 
bemüssigt, zu den immer wiederkehrenden Beobachtungen der Eng- 
länder Stellung zu nehmen: 

„Referent. Es muß jedenfalls auffallen, daß derartige Beobachtungen, 
die von englischen Ärzten so häufig mitgeteilt werden, auf dem Kontinente 
im Verhältnis sehr selten und von einzelnen sehr erfahrenen Ärzten gar nicht 
gemacht werden. So muß Referent anführen, daß es ihm, ungeachtet er seit 
mehreren Jahren dieser Untersuchung viel Sorgfalt zugewendet hat, bei ge- 
botener reichlicher Gelegenheit nie möglich wurde, Erfahrungen, die für jene 
Behauptungen nur halbwegs entscheidend gewesen wären, zu sammeln. So 
häufig derselbe nach, vorgeiwmmetien Sektionen von an septischen Puerperalfieber 
Verstorbenen sich ohne angewandte besondere Vorsicht zu Entbindungen und zu 
Wöchnerinnen begeben mußte^ so konnte er doch in keinem einzigen Falle wahrnehmen^ 
daß dies für die Wöchnerinnen von irgend einem bemerkbaren Nachteile gewesen 
wäre. Nie konnte er den Ursprung des Puerperalfiebers durch Infektion von 
einem gangränösen Erysipel entdecken, und ebensowenig in den Gebär- 
anstalten, in welchen er funktionierte, jemals eine Erkrankung einer Nicht- 

•) Ätiologie, p. 430. 



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— 29 — 

Wöchnerin wahrnehmen, die man nur mit Wahrscheinlichkeit durch ein Puer- 
peralfieber veranlaßt hätte ansehen können. 

Die nähere Deutung dieser abweichenden Erfahrungen und Ansichten 
dürfte vielleicht die Zukunft bieten."*) 

Dank dieser — heute uns ungeheuerlich erscheinenden — Bemer- 
kungen des angesehensten Geburtshelfers und Begründers der Gynä- 
kologie in Deutschland blieben die Erfahrungen der englischen Ärzte 
in Deutschland nahezu gänzlich unbemerkt. 

Professor Tilanus in Amsterdam richtete am 9. März 1848 an 
Semmelweis folgenden Brief:**) 

„Ich rechne es mir zur Pflicht, im Interesse der Wissenschaft Ihnen 
meine Ansichten, auf Erfahrung gegründet, über die Ursachen des epidemischen 
Verhaltens der Puerperalfieber in Gebäranstalten nicht vorzuenthalten, während 
ich Ihre durch Dr. Stendrichs an mich gerichtete Frage beantworte. 

Ich habe 20 Jahre lang, welche ich Vorstand von der hiesigen Anstalt 
war, diese Sache aufs genaueste geprüft und keinen Anlaß gefunden, von der 
Meinung abzuweichen, welche hier schon lange vor mir gehegt wurde, daß 
die Verbreitung und Andauer dieser ELrankheit unter den Wöchnerinnen, 
wenn solche einmal aus epidemischen atmosphärischen Verhältnissen, wozu 
vorzüglich die Constitutio annua im Winter und Frühjahre bei häufig ab- 
wechselnder Witterung gehört, hat angefangen, auf Rechnung der entschie- 
denen Kontagiosität zu stellen ist. 

Einesteils ist meine Überzeugung gegründet auf den öfters deutlich 
nachweisbaren Ursprung der Krankheit von einem schon während der Geburt 
kranken Individuum, bisweilen schon krank in die Anstalt aufgenommen, das 
in kurzem unterlag, und ihre Übertragung auf Gesunde, welche zugleich oder 
bald nachher entbunden waren und sich in der Atmosphäre der ersten Kranken 
befunden hatten, noch ehe die ominöse Krankheit diagnostiziert war. Anderen- 
teils zeigte öfter das baldige Ende der Epidemie, wenn die Geburten einige 
Tage an Anzahl abnahmen oder gänzlich ausblieben, und die Kranken 
konnten isoliert werden, so daß ihre Pflege Personen überlassen wurde, 
welche sich von folgenden Geburten und von neuen Wöchnerinnen aufs 
genaueste enthielten. 

Es versteht sich, daß für solche Erfahrungen eine relativ kleine Anstalt 
(in der unseren kommen im Durchschnitte 400 Geburten im Jahre vor) 
allein geeignet ist, und das erklärt auch, wenn ich nicht irre, warum die 
entgegengesetzte Ansicht sich solange in großen Anstalten aufrecht erhalten 
hat, obgleich die Erklärung durch Mitteilung eines Kontagiums weder in 
Theorie noch in Analogie etwas gegen sich hat. Am auffallendsten ist doch 
die Analogie mit dem Eiterungsfieber und der Eiteratmosphäre, welche in 
mit chirurgischen Kranken belegten Sälen die frisch Verwundeten bedroht. 
Und eine Neuentbundene ist doch gewiß, selbst in physiologischem Zustande, 
eine frisch Verwundete. 

Was Ihre Meinung vom Leichenkontagium als Ursache der Krankheit 
anbelangt, so stimme ich dieser aus meiner innersten Überzeugung bei. In 
früheren Jahren habe ich in einzelnen Fällen diesen Ursprung so nach- 
gewiesen, daß ich seitdem die rigorosesten Maßregeln habe, um diesem Un- 
glücke vorzubeugen. 

•) Ätiologie, p. 430, 431. 
••) Ätiologie, p. 310. 



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— 30 — 

Der Assistent und die Studierenden, welche Touchierungen machen und 
Geburten beiwohnen, müssen sich gänzlich von anatomischen Geschäften ent- 
halten. Die Sektionen von an Puerperalfieber Gestorbenen werden von Indi- 
viduen der medizinischen oder chirurgischen Abteilung oder von anderen 
Studierenden gemacht, höchstens ist es solchen, die an den ersten Tagen 
nicht an der Eeihe sind, erlaubt, diesen beizuwohnen und die Resultate zu 
sehen, aber streng verboten, die Hände hierbei zu verunreinigen. Es ist meine 
Überzeugung, daß wir die uns anvertraute Menschheit nicht der Wißbegierde, 
welche auch seinerzeit früher oder später kann befriedigt werden, opfern 
dürfen. 

Daß die Nachteile durch sorgfältige Reinigung mit Chlorkalklösung ge- 
mindert werden können, will ich zugeben (wir wenden immer diese an, so- 
wohl in der Anstalt für die Wärterinnen der Kranken als am Seziertisch), 
aber gänzlich zu heben durch diese Vorsorge sind sie nicht. 

Wir kennen die Natur des Leichengiftes nicht und können nicht wissen, 
ob es destruiert wird durch unsere Desinfektionsmittel. Für dies spricht 
jedenfalls die Erfahrung nicht, wenn wir beachten, daß weder Puerperalfieber 
noch Eiterungsfieber oder Spitalbrandeffluvien durch Reinigung von Zimmern 
und Beräucherung mit Chlordämpfen getilgt werden, wenn nicht zugleich die 
infizierten Räume auf lange Zeit verlassen und einem ununterbrochenen Luft- 
strome ausgesetzt werden. 

Es freut mich, zum Schlüsse hierbei mitzuteilen, daß in diesem Winter, 
nachdem ich das Schreiben von Herrn Dr. Stendrichs erhalten habe, die 
Gesundheit der Wöchnerinnen in unserer Anstalt im ganzen günstig war, so 
daß wir bloß einzelne Fälle von sporadischem Fieber erlebt haben. Auf 
133 Geburten von November bis Februar sind zwei gestorben. Im Dezember- 
monate drohte die Krankheit beim Anfange der Winterkälte epidemisch auf- 
zutreten, da 5 Neuentbundene innerhalb 3 Tagen heftig ergriffen wurden, 
aber alle wurden durch eine energische antiphlogistische Behandlung glück- 
lich gerettet. Seitdem ist die Witterung hier 6 Wochen lang beständig kalt 
geblieben und hat sich später kein Frost wieder eingestellt. Eine solche nicht 
oft abwechselnde Beschaffenheit der Witterung ist in unserer Gegend eine 
Ausnahme, besonders im Frühjahre. Im vorigen Jahre kamen von Jänner bis 
April 12 SterbefUUe vor, von Mai bis September kein einziger und im 
Oktober 2. 

Die Geburten waren in den letzten Monaten ziemlich gleichmäßig ver- 
teilt, so daß keine Überfüllung stattgefunden hat und der Wechsel der 
Lokale, welcher in den letzten Jahren auf meine dringende Instanz so aus- 
gebreitet war, daß sie in gewöhnlichen Zeiten nur zur Hälfte belegt sind, 
regelmäßig stattgefunden hat. 

Ich schließe mit dem Wunsche, daß Ihre Bemühungen im Interesse 
der Menschheit einen kräftigen Stoß mögen geben dem verderblichen Un- 
glauben an Kontagiosität dieser £j*ankheit und Schädlichkeit des Leichen- 
giftes, das noch vor kurzem seinen Vertreter gefunden hat in dem sonst so 
tüchtigen Kiwisch v. Rotterau, dessen Versicherung, daß er gleich nach 
Sektionen sowohl Kreißende als Entbundene häufig besorgte, gewiß schauder- 
haft klingt, gleichzeitig Unerfahrene zur verwegenen Nachlässigkeit treibend. 
Leider bleiben noch eine Menge schädlicher Einflüsse, welche bei der all- 
gemeinen Disposition der Wöchnerinnen die Krankheit hervorrufen können, 
außer unseren Bereich und wird also keiner dem Glauben Grund geben, als 
wäre bei unseren Ansichten die Ausrottung derselben eine leichte Sache." 



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— 31 — 

Tilanus war also Epidemiker und Kontagionist Er kannte die 
Gefährlichkeit des Leichenkontagiums und untersagte deshalb Sektionen, 
ließ auch Chlorwaschungen vornehmen. Seine theoretische Auffassung 
war ein unlogisches Gemenge teils englischer, teils kontinentaler An- 
schauungen, nichtsdestoweniger war sein praktischer Standpunkt, dank 
dem englischen Einfluß, dem der deutschen und französischen Geburts- 
helfer weit überlegen. 

Die dritte Antwort*) kam von Professor Michaelis in Kiel, dem 
Verfasser des Meisterwerkes »Das schräg verengte Becken''. Dieser 
schrieb an Dr. Schwarz: 

„Ihr Brief vom 21. Dezember 1847 hat mein höchstes Interesse erregt. 
Ich war wieder in der größten Not. Unsere Anstalt war infolge des Puer- 
peralfiebers vom 1. Juli bis 1. November geschlossen. Die drei zuerst wieder 
Aufgenommenen erkrankten, eine starb und zwei wurden nur eben gerettet. 
Wir wollten also die Anstalt schon wieder schließen. Indessen besserte sich 
der Gesundheitszustand wieder; zwei neu Erkrankte wurden leicht geheilt, 
nur eine starb noch im Februar. Seitdem sind alle gesund. Ihre Mitteilungen 
gaben mir zuerst wieder einigen Mut; der Beweis der Wirksamkeit der Chlor- 
waschungen, so weit er. in Wien geführt ist, ist schon aus der großen An- 
zahl von Bedeutung. Ich führte sie sogleich in der Anstalt ein, und niemand, 
weder Kandidaten noch Hebammen, dürfen seitdem untersuchen, ohne daß 
sie sich mit Chlor gewaschen haben. Auch gebraucht es schon eine Hebamme 
in der Stadt, die mehrere Frauen entband, die später am Puerperalfieber 
litten. 

Nach Kopenhagen habe ich Abschrift Ihres Briefes geschickt. Aus 
eigener Erfahrung, die so gering ist, dem großen Wiener Experiment gegen- 
über sprechen zu wollen, würde anmaßend sein. Dennoch kann ich es nicht 
unterlassen, Ihnen einiges mitzuteilen, dessen Zusammenhang man in kleinerer 
Weise gerade leichter übersehen kann. 

Seit vorigem Sommer, wo meine Cousine am Puerperalfieber starb, die 
ich nach der Geburt untersuchte, zu einer Zeit, wo ich Puerperalkranke 
touchiert und Leichen seziert hatte, war ich überzeugt von der Übertragung. 
Es fiel mir dann noch ein, daß schon einige Monate früher eine Frau in der 
Stadt, zu der mich Dr. Freund gerufen, ebenfalls am Puerperalfieber ge- 
storben war. Ich verweigerte daher meinen Beistand bei der Geburt 
4 Wochen lang. Eine Gebärende, der ich helfen sollte, mußte deshalb einen 
anderen Arzt rufen ; es war Prolapsus fiiniculi umbilicalis ; er reponierte. Der 
Arzt sezierte viel, anatomisierte täglich; die Entbundene erkrankte am Puer- 
peralfieber, wurde gerettet, aber hat eine Exsudatmasse am Uterus. Die 
Hebamme, welche hier Beistand leistete, hat wenigstens noch zwei, vielleicht 
drei Fälle von Puerperalfieber in der Stadt gehabt. Soviel von der Fort- 
pflanzung des Fiebers. 

Was die Sicherung durch Chlorwaschungen anbelangt, die ich als sehr 
kräftig empfehlen kann, da die Hände den Geruch tagelang, ungeachtet 
wiederholten Waschens, bewahren, was bei Chlorwasser nicht der Fall ist: 
seit Einführung dieser Waschungen ist mir bei keiner von mir oder meinen 
Eleven Entbundenen auch der gelindeste Grad des Fiebers wieder vor- 
gekommen, jenen einen Fall im Februar ausgenommen, bei dem indes, wie 



•) Ätiologie, p. 286. 



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— 32 — 

ich vermute, ein schlecht gereinigter Katheter gebraucht wurde, und der 
isoliert blieb. Nach dem schlimmen Anfang aber im November erwartete ich die 
bösartigste Epidemie. tJbrigens beschränkt sich meine Erfahrung auf etwa 
80 Fälle, da wir nur wenig Schwangere aufnehmen. Ich danke Ihnen für 
Ihre Mitteilung deshalb vom ganzen Herzen; sie hat vielleicht schon unsere 
Anstalt vom Untergänge gerettet; und ein neues Hospital zu erwerben in 
diesen Zeiten, wäre vielleicht unmöglich gewesen. Ich bitte Sie, mich dem 
Dr. Semmelweis zu empfehlen und auch in diesem Sinne zu danken, er hat 
vielleicht einen großen Fund getan. 

Sie wissen, daß das Puerperalfieber bei uns eigentlich erst seit 1834 
eingezogen ist. Dies ist aber auch ungefähr die Zeit, seitdem ich mich des 
Unterrichtes tätiger angenommen habe, und namentlich das Touchieren der 
Kandidaten regelmäßiger eingeführt ist. Auch diese Sache läßt sich also in 
Zusammenhang bringen. 

Kiel, am 18. März 1848." 

Michaelis hatte also, wie aus seinen ziemlich wirren Mitteilungen 
zu entnehmen ist, sofort nach Erhalt von Dr. Schwarz' Brief die 
Chlorwaschungen begonnen, worauf im Jänner 1848 nur 2 Wöchnerinnen 
leicht erkrankten und eine im Februar starb, im März jedoch alle ge- 
sund blieben. So aufrichtig er auch Semmelweis' Verdienst anerkannte, 
er konnte doch nicht die Bemerkung unterdrücken, daß er seit dem 
Sommer 1847, seit dem Tode seiner Cousine, überzeugt war von der 
Übertragung des Leichengiftes auf Gebärende. Warum hatte er dann 
nicht daraus die Konsequenzen gezogen? Er schmeichelte sich, die 
Sache selbst erkannt zu haben, und bedachte nicht, daß er sich damit 
nur bloßstellte. Die Wahrheit aber war, daß ihm der Gedanke der Ge- 
fährlichkeit des Leichengiftes einmal gekommen sein mochte, derselbe 
sich jedoch niemals zur Überzeugung verdichtete. 

Im April 1848 brachte Michaelis in der „Neuen Zeitschrift für 
Geburtskunde", Bd. 27, Heft 3, pag. 392, eine Übersetzung des Berichtes, 
welchen der Kopenhagener Professor Dr. Levy über die Gebärhäuser 
und den praktischen Unterricht in der Geburtshilfe in London und 
Dublin in der „Bibliothek for Laeger" veröffentlichte, und schrieb 
dazu folgende Vorrede:*) 

„Bei einer Reise, die ich vor kurzem vollendete, hatte ich Gelegenheit,, 
mich von der Treue der Darstellung des vorliegenden Berichtes zu über- 
zeugen ; eine Überzeugung, die auch jedem Leser schon aus dem Fleiße und 
der Gründlichkeit der Darstellung sich aufdrängen muß. 

Der Hauptgesichtspunkt bei der Untersuchung des Verfassers war die 
Erforschung der Verhältnisse, unter welchen das Puerperalfieber erscheint, 
und die Angabe der Mittel, welche man zu dessen Besiegung glückhch an- 
gewendet hat. Die englischen Anstalten bieten in diesem Punkte vor allen 
die wichtigsten Resultate dar, denn sie sind meistens von dieser Pest der 
Gebärhäuser zeitweise arg heimgesucht worden, haben es aber in den letzten 
Dezennien durch Gesundheitsmaßregeln glücklich dahingebracht, daß die 
Sterblichkeit der Wöchnerinnen in allen Londoner und Dubliner Anstalten 
nur 1% eben übersteigt. 

•) Ätiologie, p. 153. 



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— 33 — 

Auf dem Kontinente sind wir von so glücklichen Resultaten leider 
noch weit entfernt. Mit Ausnahme einiger kleinerer, bisher verschonter An- 
stalten wütet die Krankheit, wie es scheint, mit dem Alter der Anstalten 
immer häufiger und verderblicher. Sie bedroht schon die Existenz der für 
das Gedeihen der Wissenschaft und den praktischen Unterricht so notwen- 
digen Gebarhäuser. Leider ist dieser Fall bei der unter meiner Leitung 
stehenden Anstalt eingetreten, und es scheint, den Umständen nach, in 
Kopenhagen das Gleiche der Fall zu sein. An beiden Orten wird man zu 
einem Neubau seine Zuflucht nehmen müssen; und wenn die Begierung auch 
zu einem solchen diesesmal noch die nötigen Mittel bewilligt, so wird ein 
abermaliges Mißlingen fast notwendig die Aufhebung des Gebärhauses nach 
sich ziehen. 

Diese drohende Gefahr aber schwebt nicht allein über uns, sie wird 
seinerzeit alle ähnlichen Anstalten erreichen, in denen die Herstellung eines 
besseren Gesundheitszustandes nicht gelingt. 

Mit fortschreitender Bildung und Humanität wird auch an Orten, wo 
bisher die öffentliche Stimme sich gleichgiltig gegen die furchtbare Auf- 
opferung von Menschenleben verhielt, sich dieselbe einst mächtig erheben 
und ist dann ihres Sieges völlig gewiß: man wird die Anstalten aufheben 
oder gesund machen müssen. Zum Heile und Ehre der Wissenschaft aber 
ist es zu wünschen, daß man es zu diesem Zwange nicht kommen lasse; 
daß man früher Hand ans Werk lege, ehe die Volkswut alles zerstörend 
über den Haufen wirft. 

Daß von einer therapeutischen Behandlung der einzelnen Krankheits- 
&lle die Tilgung dieser Pest nicht zu erwarten ist, brauche ich dem in der Sache 
Erfahrenen nicht zu beweisen. Vielmehr ist dieses nur durch durchgreifende, 
streng befolgte Maßregeln der Eeinigung und Ventilation usw. zu erlangen, 
scheint aber nach den Erfahrungen der Engländer auf diesem Wege auch 
sicher erreichbar zu sein. 

Wir müssen uns unseren Kollegen in England für dieses Beispiel 
fruchtgekrönter Bemühungen, für diese uns gewährte Ho£&iung einer besseren 
Zukunft zum Danke verpflichtet fohlen; wir können nichts Besseres tun, 
als uns durch den Augenschein über ihre trefflichen Einrichtungen zu 
belehren. 

Mit der größten Zuvorkommenheit wurden uns die Anstalten gezeigt, 
und mit einem solchen Führer, wie Professor Levy's Schrift, wird man es 
möglich finden, selbst in sehr kurzer Zeit durch den Augenschein zur voll- 
ständigen Kenntnis der englischen Einrichtung zu gelangen. 

Ln vorigen Jahre hat man in Wien die glückliche Entdeckung gemacht, 
daß durch eine Eeinigung der Hände mit Chlor vor dem Untersuchen die 
Krankheit in der Abteilung des Gebärhauses, wo sie bisher fürchterlich 
wütete, in auffallender Weise beschränkt wurde. In der Zeit der Anwendung 
dieses Mittels sank die Zahl der Toten auf fast ein Zehntel der sonst 
gewöhnlichen herab; ein äußerst glänzendes Eesultat. 

Ohne Zweifel wird Dr. Semmelweis, dem wir diese Entdeckung verdanken, 
das Nähere hierüber nächstens veröffentlichen; und täuscht nicht alles, so eröffnet 
sich durch Anwendung dieses Mittels neben den allgemeinen Desinfektions- 
mitteln eine glücklichere Zeit für unsere Gebärhäuser. Ich verdanke die 
Kenntnis der Wiener Erfahrungen der gütigen Mitteilung des Herrn Dr. 
Hermann Schwarz aus Holstein, dem ich hierfär meinen Dank öffentlich 
abzustatten nicht unterlassen kann.^ 

V. W o 1 d h e I m , Iffnaz Philipp Semmelwcie. 3 



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— 34 — 

Wenige Monate später versank Michaelis, wie einer seiner 
Schiller später Semmel weis in Wien erzählte,*) in tiefe Melancholie. 
Er konnte sich von dem Gedanken nicht mehr losreißen, den Tod so 
mancher Gebärenden, vor allem seiner Cousine, wenn auch unbewußt, 
herbeigeführt zu haben. Eines Tages ließ sich der unglückliche Mann 
bei Hamburg von einem Eisenbahnzuge zermalmen. 

Im Herbst 1848 übernahm Professor Litzmann seine Klinik in 
Kiel.**) 

Professor Lewy in Kopenhagen, dem Michaelis eine Abschrift 
des Schwarz'schen Briefes zugesendet hatte, veröffentlichte denselben 
sofort in dänischer Übersetzung in den ^Hospitals-Mitteilungen", I. Bd. 
1848, p. 204 bis 211 und fügte folgende kritische Betrachtungen***) 
hinzu : 

„I. Bei aller Achtung und Anerkennung des verdienstlichen Strebens, 
das sich in den Untersuchungen des Dr. Semmelweis kundgibt, glaube ich 
die durch dieselben in mir hervorgerufenen Betrachtungen und Zweifel um 
so weniger zurückhalten zu dürfen, als ich mich durch den mir zugestellten 
Brief ziu" Mitteilung desselben aufgefordert fühle. 

Vor allem mag es zu bedauern sein, daß weder die Beobachtungen 
selbst, noch die darauf gegründete Ansicht mit der Klarheit und Präzision 
hervortreten, die in einer so wichtigen ätiologischen Angelegenheit zu wünschen 
wäre. Denn ungeachtet es sowohl aus den apriorischen Voraussetzungen als 
aus den angeführten Tatsachen selbst hervorzugehen scheint, daß die präsu- 
mierte Leicheninfektion, der Annahme nach, stattfinden kann und stattgefunden 
hat, ohne Berücksichtigung, ob der Infektionsstoff aus Puerperal- oder 
anderen Leichen herrühre, so würde doch eine strenge Untersuchung absolut 
fordern, daß diese Verschiedenheit der Lifektionsquellen nicht allein beachtet, 
sondern auch einer Sonderung der angestellten Beobachtungen zugrunde 
gelegt wäre. In wissenschaftlicher Beziehung und namentlich für die 
Kontagiositätsfrage des Puerperalfiebers müßte es nämlich von großer 
Bedeutung sein, zu wissen, ob die präsumierte Leicheninfektion nur kada- 
verösen Puerperalstoffen oder allen kadaverösen Effluvien überhaupt anzu- 
rechnen sei, und allenfalls, ob die durch Leicheninfektion hervorgerufenen 
Puerperalkrankheitea sich unter identischen oder verschiedenen Formen 
manifestierten, je nach der Verschiedenheit der kadaverösen Infektionsquelle. 
Es wird nämlich einleuchtend sein, daß, solange nur von Puerperalleichen 
die Rede ist, sich die Frage noch auf dem Gebiete, wenn auch an der 
äußersten Grenze, der Kontagiosität beschränkt, da es sich doch um das 
Produkt oder Residuum einer bestimmten Krankheit handelt, das durch 
Überführung auf eine dazu besonders disponierte Person dieselbe Krankheit 
veranlassen kann, wogegen in den Fällen, wo der Infektionsstoff von allen 
anderen Leichen herrühren mag, jeder Gedanke an ein spezifisches Kontagium 
aufgegeben werden muß und statt dessen die Infektion der Blutmasse, falls 
eine solche stattfindet, mit der von vielen Experimentatoren an Tieren durch 
direkte Einfuhrung putrider animalischer Stoffe in den Organismus hervor- 
gerufenen Blutinfektion zusammengestellt werden muß. Daß hierdurch ein 



•) Ätiologie, p. 288. 

••) Ätiologie, p. 289. 

•••) Ätiologie, p. 293. 



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— 35 — 

Zustand hervorgebracht werden kann, der mit der puerperalen Pyämie viel 
Ähnlichkeit hat, ist unzweifelhaft; aber nicht weniger fest steht die Er- 
fahrung, daß das Puerperalfieber unter mehreren anderen Formen sich 
manifestiert, und eben deshalb wäre es wünschenswert gewesen, daß die 
Untersuchung mit weniger Indi£Ferentismus über die Frage um die ver- 
schiedene Quelle, Natur und Wirkung der kadaverösen Infektionsstoffe hin- 
weggegangen wäre. 

IL Die quantitative Begrenzung der Kontagien ist unberechenbar; es ist 
möglich, daß schon ein einzelnes Atom unter günstigen Bedingungen zur 
Fortpflanzung des Krankheitsprozesses genügt; ja, in Kontagiositätsfragen 
läßt sich a priori kaum irgend einer Möglichkeit ein gewisser Grad von 
Berechtigung absprechen. Hätte daher Dr. Semmelweis vom Standpunkte der 
Kontagiosität seine Ansicht von der Leicheninfektion auf Puerperalleichen 
allein beschränkt, würde ich um so weniger zur Verneinung geneigt sein, 
als ich selbst, ohne übrigens Kontagionist zu sein, aber allein aus skrupulöser 
Berücksichtigung der kontagionistischen Möglichkeiten schon seit mehreren 
Jahren darauf geachtet habe, daß keiner der Ärzte der hiesigen Anstalt am 
selben Tage, da er an der Obduktion einer Puerperalleiche tätigen Anteil 
genommen hat, mit irgendeiner Gebärenden in Berührung gekommen ist, 
wobei ich weniger die Überführung eines palpablen Ansteckungsstoffes durch 
die Exploration, als die mögliche Einwirkung des den Händen, Haaren und 
Kleidern anhängenden Leichendunstes vor Augen gehabt habe. — Aber, wie 
schon bemerkt, das spezifische Kontagium scheint d^m Dr. Semmelweis von« 
geringer Bedeutung zu sein, ja es wird seinerseits so wenig beachtet, daß 
in seinem Aufsatze von der direkten Überführung der Krankheit von kranken 
auf naheliegende, gesunde Wöchnerinnen gar nicht die Rede ist. Ihm ist es 
nur zu tun um die aUgemebe Leicheninfektion, ohne Eücksicht auf die dem 
Tode vorausgegangene Krankheit. Und in solcher Auffassung, gestehe ich, 
scheint seine Ansicht mir nicht die Probabilität für sich zu gewinnen. Denn, 
abgesehen von der ohne Zweifel etwas übertriebenen Vorstellung von der 
Absorptionsfähigkeit des gesunden Muttermundes, die in den Wirkungen der 
auf denselben gebrachten Arzneistoffe kaum ihre Bestätigung findet, scheinen 
doch alle mit Überführung putrider Stoffe in den Organismus angestellten 
Versuche darzutun, daß die dadurch hervorgebrachten Wirkungen sowohl in 
Schnelligkeit als Intensität von quantitativen Verhältnissen abhängig sind, 
und daß namentlich die schnell tötende putride Infektion, selbst durch direkte 
Einbringung der putriden Stoffe in die Blutmasse, doch mehr als homöo- 
pathische Dosen der Giftstoffe erforderlich macht. Und viel höher wird man 
doch, aus Achtung für den Reinlichkeitssinn der Wiener Studierenden, den 
in einem Nagelwinkel verborgenen Ansteckungsstoff oder die Ausdünstung 
der bald nach anatomischen Arbeiten zur Exploration an Gebärenden ver- 
wandten Finger nicht anschlagen können. 

in. Um seine einmal gefaßte Ansicht zu prüfen, verordnete Dr. Semmel- 
weis die Chlorwaschungen, natürlicherweise in der Absicht, jede Spur von 
kadaverösen Residuen an den Fingern zu vertilgen. Würde aber das 
Experiment nicht viel einfacher und sicherer gewesen sein, wenn man sich 
darüber geeinigt hätte, wenigstens für die Zeitdauer des Versuches sich von 
aUen anatomischen oder anatomisch-pathologischen Arbeiten fern zu halten, 
wozu man sogar die Studierenden für den zwei- bis dreimonatlichen Cursus 
im Gebärhause büligerweiöe verpflichten könnte. Im hiesigen Gebärhause 
sind wir, ohne irgend etwas Experimentelles damit zu bezwecken, allein aus 
Skrupulositätsrücksichten auf kontagionistische Möglichkeiten schon vor mehr 

3* 



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— Se- 
als einem Jahre so weit gegangen, daß vorschriffcsweise keiner der Ärzte, 
Hebammen oder Wärterinnen der Anstalt mit einer obduzierten Puerperal- 
leiche in nähere Berührung kommt; und ohne zu wissen, welchen Anteil 
dieses Fräkautionsmittel unter mehreren anderen an dem verbesserten Ge- 
sundheitszustand der Anstalt gehabt haben mag, bin ich der Meinung, daß 
es fortgesetzt werden mag, so daß wir in Obduktions&llen auf den wohl- 
wollenden Beistand auswärtiger Kollegen rechnen müssen. 

rV. Jedoch — wird man sagen — scheinen die Resultate des Ver- 
suches, trotz aller Bedenklichkeiten dagegen, die Ansicht des Dr. Semmel- 
weis zu bestätigen. „Scheinen", bleibt die Antwort, aber auch nicht mehr; 
jeder nämlich, der durch eine längere Beihe von Jahren dazu Gelegenheit 
gehabt hat, das periodische Steigen und Fallen der Kränklichkeit in Gebär- 
anstalten zu beobachten, wird ohne Zweifel eingestehen müssen, daß uns zur 
Würdigung der gewonnenen Resultate wesentlich darüber Aufschluß mangelt, 
ob nicht auch in früheren Jahren die Anstalt ebenso günstige Perioden ge- 
habt hat, als in den letzten 7 Monaten, wozu eine genaue statistische Mit- 
teilung über die monatlichen Krankheits- und Todesfälle erforderlich wäre. 
Dieser Mangel bleibt um so fühlbarer, wenn man sich erinnert, daß vor un- 
gefähr 3 Jahren der Professor Klein in den medizinischen Jahrbüchern der 
k. k. österreichischen Staaten, Jänner 1845, einen of&ziellen Bericht über die 
Wirksamkeit der Gebärklinik in den 7 Jahren (1836 bis 1843) geliefert hat, 
wonach das Sterbeverhältnis 1 : 15, wenn auch traurig genug, doch über 
.100% besser sich stellt, als das Sterbeverhältnis, womit die Rrcsultate der 
Ghlorwaschungsperiode am nächsten verglichen worden sind. Möglich, ja so- 
gar wahrscheinlich ist es, daß dieser Unterschied weniger von einem konstant 
besseren Gesundheitszustand, als von einzelnen besonders günstigen Perioden 
herrührt, aber eben deshalb wäre es, beim Mangel genauer statistischer Mit- 
teilungen denkbar, daß auch die Resultate der letzten 7 Monate, zum Teil 
wenigstens, von periodischen Zufälligkeiten abhängen könnten, zum Teil viel- 
leicht von der eben durch das Experiment hervorgerufenen strengeren Berück- 
sichtigung der Reinlichkeit im allgemeinen. 

V. Wenn die Resultate des Experimentes für eine Zeit, wie im Sep- 
tember und Oktober, weniger den Erwartungen entsprochen haben, meint 
Dr. Semmelweis die Ursache davon nachweisen zu können, teils in Vernach- 
lässigung der Ghlorwaschungen seitens der Studierenden, teils in Infektion 
der Gebärenden durch ichoröse Geschwürsekrete aus noch lebenden Orga- 
nismen, in einem Falle nämlich von einer mit Markschwamm der Gebär- 
mutter, in einem anderen Falle von einer mit unreinem Geschwüre des 
Schienbeines behafteten Wöchnerin; so daß hierdurch seine ursprüngliche 
Ansicht nicht bloß eine Bestätigung, sondern einen unendlich weiten Gesichts- 
kreis gewonnen hat, indem allerlei ichoröse Sekrete noch lebender Orga- 
nismen darunter einzurechnen sein werden. Leugnen läßt sichs aber nicht, 
daß die in dieser Hinsicht zitierten Erfahrungen allzu flüchtig skizziert sind, 
als daß die Kritik einen Schluß aus ihnen gestatten könnte. Namentlich 
müßte es von Wichtigkeit sein, zu wissen, ob die Wöchnerinnen mit Mark- 
schwamm der Gebärmutter, den ichorösen Geschwüren des Schienbeines zur 
selben Zeit am Puerperalfieber erkrankt waren, da in solchem Falle die 
Puerperalkontagionisten das spezifische Kontagium der präsumierten ichorösen 
Infektion entgegenstellen würden. Im entgegengesetzten Falle würde die erst- 
genannte Patientin der Infektionsansicht offenbar sehr zuwider sein, während 
es, die zweite betreffend, unerklärlich bleibt, in welchem näheren Verhältnisse 



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— 37 — 

die ichorösen Geschwüre mit der Vaginalexploration der anderen Gebärenden 
als mit der Exploration der Patientin selbst gestanden haben möchten. 

Hinzufügen kann ich, daß wir im hiesigen Gebärhause häufig genug 
chronisch ichoröse Fußgeschwüre bei Gebärenden angetroffen haben, ohne 
irgend eine infizierende Wirkung davon bemerkt zu haben, weder auf die 
Patientinnen selbst, noch auf andere Wöchnerinnen. Und wenn Dr. Semmel- 
weis großes Gewicht auf den seiner Meinung nach viel günstigeren Gesund- 
heitszustand der Gebäranstalten legt, die ausschließlich für den Hebammen- 
unterricht bestimmt sind, so möchte er doch bedenken, daß ichoröse Sekrete 
lebender Organismen in gleichem Maße in beiderlei Anstalten vorkommen, 
und daß, wenn die Infektion so leicht geschähe, wie er es anzunehmen 
scheint, sich in einer so großen Anstalt wie die Hebammenabteilung in Wien 
sehr oft, wenn nicht zu jeder Zeit, eine oder andere Kranke finden müßte, 
die als Infektionsquelle hinreichen würde, um den übrigens sehr merklichen 
Unterschied der sanitären Verhältnisse beider Abteilungen der Wiener An- 
stalt zu verringern oder ganz auszugleichen." 

In dieser langatmigen, zum Teil schwulstigen Auseinandersetzung 
die einzige richtige Bemerkung war jene über die allzu flüchtige 
Skizzierung der zwei Fälle vom Oktober und November 1847, welche 
kleine Endemien zur Folge hatten. Alles andere atmete die unver- 
kennbare, unendliche Überlegenheit des Kritikers über den Kritisierten. 
Hier der Professor, die längere Erfahrung, dort ein jugendlich unge- 
stümer Assistent — es konnte kein Zweifel herrschen, wer es besser 
verstünde und wer Fehler über Fehler machte. Am geistreichsten war 
wohl der Vorwurf, Semmelweis hätte feststellen sollen, welche Formen 
von Puerperalfieber durch das Gift von Puerperalleichen, welch andere 
Formen durch das Gift anderer Leichen erregt würden. Und Absatz IV! 
Der günstige Gesundheitszustand seit den Chlorwaschungen, hervor- 
gerufen durch das „periodische Fallen der Kränklichkeit"! 

Das erinnert an unsere heutigen Diphtherie-Epidemien, deren 
Heftigkeit, wie besonders schlaue Köpfe herausgebracht haben, ungefähr 
seit Einführung der Behring'schen Serumtherapie, aber ganz unab- 
hängig von dieser, beträchtlich abgenommen haben soll! Man sieht, 
alles, alles schon dagewesen! 

Dozent Dr. Zipfl, der mit Semmelweis im allgemeinen Kranken- 
hause zusammentraf, gratulierte diesem zu seinem Erfolge und ver- 
sicherte, die Sache habe ihm gleichfalls dunkel vorgeschwebt, aber die 
Fakta seien auf der Hebammenklinik nicht so schlagend gewesen; auf 
der Ärzteklinik wäre er bestimmt zu derselben Überzeugung ge- 
kommen. Semmelweis erwiderte, nun sei es klar, weshalb die Sterblich- 
keit auf der Hebammenklinik während Zipfl's Assistenzzeit so groß 
gewesen sei: er habe so oft seziert! Zipfl gab dies zu, und als 
Semmelweis fragte, ob er diesen weiteren Beleg für seine Lehre in 
der Öffentlichkeit anführen dürfe, bejahte Zipfl ohne weiteres und 
fügte die treffende Bemerkung hinzu, es sei ja keine Schande, ein 
Verehrer der pathologischen Anatomie zu sein.*) 



•) Ätiologie, p. 438. 



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— 38 -- 

Im April 1848 erneuerte Hebra seine Propaganda für des Freundes 
Entdeckung durch einen zweiten Artikel,*) der gleichfalls in den Mit- 
teilungen der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien erschien. 

Fortsetzung der Erfahrungen über die Ätiologie der in Gebär- 
anstalten epidemischen Puerperalfieber. 

Im Dezemberhefte 1847 dieses Journales wurde von Seite der 
Redaktion desselben die höchst wichtige Erfahrung veröffentlicht, die 
Herr Dr. Semmelweis, Assistent an der I. geburtshilflichen Klinik, in 
Hinsicht auf die Ätiologie des in Gebärhäusern epidemischen Puerperal- 
fiebers gemacht hat. 

Diese Erfahrung besteht nämlich (wie es den Lesern unserer 
Zeitschrift noch erinnerlich sein wird) darin, daß Wöchnerinnen haupt- 
sächlich dann erkrankten, wenn sie von Ärzten, die ihre Hände durch 
Untersuchungen an Leichen verunreinigt und nur auf gewöhnliche 
Weise gewaschen hatten, untersucht (touchiert) wurden; während ent- 
weder keine oder nur sehr geringe Erkrankungsfälle stattfanden, wenn 
der Untersuchende seine Hände früher in einer wässerigen Chlorkalk- 
lösung gewaschen hatte. 

Diese so höchst wichtige, der Jenner'schen Kuhpockenimpfung 
würdig an die Seite zu stellende Entdeckung hat nicht nur seither im 
hiesigen Gebärhause ihre vollständige Bestätigung erhalten,**) sondern 
es haben sich auch aus dem fernen Auslande beifällige Stimmen er- 
hoben, welche die Richtigkeit der Semmelweis'schen Theorie be- 
glaubigen. Eingelangte Briefe, und zwar aus Kiel von Michaelis, und 
aus Amsterdam von Tilanus sind es, welchen ich diese bestätigenden 
Mitteilungen entnehme. 

Um jedoch dieser Entdeckung ihre volle Giltlgkeit zu gewinnen, 
werden hiermit alle Vorsteher geburtshilflicher Anstalten freundlichst 
ersucht. Versuche anzustellen und die bestätigenden oder widerlegenden 
Resultate an die Redaktion dieser Zeitschrift einzusenden." 

Hebra erschien die neue Lehre durch den rapiden Rückgang 
des Puerperalfiebers auf der L geburtshilflichen Klinik während der 
letzten 10 Monate, während welcher die Chlorwaschungen geübt wurden, 
vollständig bestätigt. In einem Jahre starben nun nicht mehr, als früher 
oft in einem Monat! Und im ganzen März 1848, im April nicht ein 
einziger Todesfall, nicht einmal eine Erkrankung an Puerperalfieber! 
Wahrlich, das war eine segensreiche Entdeckung, Jenner's Kuhpocken- 
impfung vergleichbar! Hebra ist der Erste, der diesen Vergleich zieht. 
Nochmals fordert er die Vorsteher geburtshilflicher Anstalten auf, 



•) ÄÜologie, p. 279. 
••) Indem im Monat Dezember 1847 auf 273 Geburten 8, im Jänner 1848 auf 
283 Geburten 10, im Monat Februar auf 291 Geburten 2 TodesfäUe kamen und im 
Monat März keine Wöchnerin starb, so wie sich auch gegenwärtig keine einzige 
Puerperalkranke im Gebärhause befindet. Während der 10 Monate, wo das Waschen 
mit Chlorkalk vor jeder Untersuchung vorgenommen wird, sind demnach von 2670 
Entbundenen bloß 67 gestorben, eine Zahl, die früher öfter in einem Monat über- 
stiegen wurde. 



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— 39 — 

Semmelweis' Verfahren zu erproben, denn sein erstes Rufen war un- 
gehört verhallt. 

Aber auch diesmal war sein begeisterter Appell nicht von Erfolg 
begleitet. Der Kampf um die Freiheit beschäftigte alle Geister, der 
Ausbruch der Revolution in Wien drängte alle anderen Interessen zurück. 

Die ausländischen Ärzte reisten ab, so Kußmaul nach dem Groß- 
herzogtum Baden, und alle Wiener, die den gelehrten Berufen ange- 
hörten, Studenten wie Professoren, Ärzte und Advokaten, bildeten die 
,.akademische Legion". Hebra, Semmelweis, Lautner, Fischhof, 
V. Löhner usw. trugen die Uniform der Legionäre. Semmel weis ge- 
hörte zu den begeistertsten, glühendsten Freiheitskämpfern. 

Als Hebra's Gattin im Frühjahr 1848 einen zweiten Sohn, Hermann, 
gebar, kam er sofort nach der Geburt zu dieser in seiner schmucken 
Uniform, in der Hand den breiten Legionshut mit der wallenden Feder ! 
Er war auch mit einer von jener Schar Wiener, welche Kossuth zu 
Hilfe ziehen wollte, vor dem österreichischen Militär aber wieder nach 
Wien zurückweichen mußte. 

Die früher so viel besuchte geburtshilfliche Ärzteklinik wies nun 
wenige Schüler und wenige Gebärende auf, weil der Zuzug aus der 
Provinz fehlte. Um so leichter und ungestörter konnte Semmelweis sein 
Desinfektionsverfallren zur Durchführung bringen. Daß er trotz aller 
Begeisterung für Freiheit und Verfassung seine Pflichten als Assistent 
nicht versäumte, beweist der andauernd günstige Gesundheitszustand 
seiner Schutzbefohlenen. Die Sterblichkeit bewegte sich in den untersten 
Grenzen, zwischen 0-65 und 2-90%, und zweimal, im März und August 
1848, hatte er sogar die Freude, keine seiner Wöchnerinnen an Kind- 
bettfieber auch nur erkranken zu sehen. 

Die akademische Jugend forderte stürmisch die Entlassung aller 
unfähigen Universitätsprofessoren. Freiherr v. Feuchtersieben, 
Professor der Psychiatrie und Vizedirektor der medizinisch-chirurgischen 
Studien, veranlaßte im April 1848 den Lehrkörper der medizinischen 
Fakultät in Wien, eine Kommission zu ernennen, welche dem neu- 
geschaffenen Unterrichtsministerium einen Reformplan der medizinischen 
Studien vorlegen sollte. Dies geschah. Einige Professoren, so der 
Chirurg Wattmann, der Krankenhausdirektor Schiffner, wurden 
pensioniert und die Leitung der Studien den Professorenkollegien 
übertragen. Nachdem der frühere Direktor der medizinischen Studien 
die Mitteilung über Semmelweis' Entdeckung gänzlich unbeachtet ge- 
lassen hatte, hielt es Skoda für die „Pflicht des Wiener medizinischen 
Professorenkollegiums, eine in Wien gemachte Entdeckung von 
so großer wissenschaftlicher und praktischer Wichtigkeit 
einer entscheidenden Prüfung zu unterziehen und derselben, falls sie 
sich bewähren würde, Anerkennung zu verschaffen".*) Er stellte im 
Januar 1849 den Antrag, das Kollegium solle eine Kommission er- 
nennen, welche sich folgender Aufgabe*) zu unterziehen habe: 

*) Skoda, Vortrag, gehalten in der Akademie der Wissenschaften, 1849. (Zeitschr. 
d. Ges. d. A. 1850. 1. p. 107.) 



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— 40 — 

y,a) Es wäre eine Tabelle anzufertigen, auf welcher, soweit die 
Daten reichen, die Zahl der Entbundenen und Gestorbenen von Monat 
zu Monat anzugeben wäre, und ein Verzeichnis der Assistenten und 
Studierenden in der Reihenfolge, in welcher dieselben an der Gebär- 
anstalt gedient und praktiziert hatten. Es sollten diejenigen Assistenten 
und Studierenden hervorgesucht werden, welche sich mit Leichen- 
untersuchungen befaßt haben, und aus diesem Verzeichnisse werde 
hervorgehen, ob die Zahl der Erkrankungen in der Gebäranstalt mit 
der Verwendung der Assistenten und Studierenden in der Sektions- 
kammer im Zusammenhang stehe. 

h) Es wären die sogenannten Gassengeburten auszuheben, weil, 
wenn die Ansicht des Dr. Semmelweis richtig ist, die auf der Gasse 
Entbundenen, welche, wenn sie in die Gebäranstalt gelangen, nur in 
dringenden Fällen untersucht werden, weniger Erkrankungen darbieten 
müssen. 

c) Es wäre durch eingeholte Berichte zu konstatieren, ob an 
allen Anstalten, worin Infektion durch Leichengift nicht angenommen 
werden kann, die Sterblichkeit geringer ist. 

d) Endlich wären Versuche an Tieren vorzunehmen." 

Dieser Antrag rief im medizinischen Professorenkollegium heftige 
Kämpfe hervor. Professor Klein war natürlich schon a priori gegen 
denselben und faßte ihn als eine persönliche Beleidigung auf. Ein 
statistischer Vergleich des früheren und jetzigen Gesundheitszustandes 
auf der Klinik könne zur Aufklärung nichts beitragen, und überhaupt 
verbitte er sich jede Einmischung des Kollegiums in die Angelegenheiten 
seiner Klinik. Sein Freund v. Rosas, Professor der Augenheilkunde, 
sprang ihm bei und warf Skoda vor, sein Antrag bedeute eine Ehren- 
kränkung Klein's. Skoda jedoch wußte durch seine sachlichen Gründe 
das Kollegium derart zu überzeugen; daß sein Antrag „mit sehr großer 
Majorität'' angenommen und die Kommission sogleich ernannt wurde. 
Wahrscheinlich stimmte nur Reimann mit Klein und Rosas dagegen, 
alle übrigen Professoren, darunter Hyrtl, Rokitansky, Heller, 
Schroff, Schuh, Dumreicher, Dlauhy mit Skoda. 

Damit war die Sache jedoch nicht erledigt. Klein reichte gegen 
den Beschluß des medizinischen Lehrkörpers einen schriftlichen Protest 
beim Unterrichtsministerium ein. Sein Freund Rosas, der seit Beginn 
des Jahres 1849, dem Beginne der Reaktion, supplierender Vizedirektor 
der medizinisch-chirurgischen Studien war, hatte die Verhandlungen 
des medizinischen Lehrkörpers dem Ministerium vorzulegen, und diese 
prächtige Gelegenheit nutzte er nach Kräften aus, um Skoda bei der 
obersten Behörde anzuschwärzen. 

Am 8. Februar übersendete er die Sitzungsprotokolle von Mitte 

Januar 1849, Nr.——— mit folgenden Begleitworten: ' 
1 38 

„Endlich rügt er das Benehmen von Professor Skoda, welcher 

von dem Gesichtspunkte ausgehend, daß dem Lehrkörper die Pflege 

der Medizin anvertraut sei, die Niedersetzung einer Kommission zur 



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— 41 — 

Untersuchung der großen Sterblichkeit auf der I. geburtshilflichen 
Klinik in früheren Jahren auf eine dm alten Professor Klein beleidigende 
Art beantragt hat — und das Streben desselben, mit unrichtiger 
Deutung des Min.-Erl. Nr. 8176 gegen die a. o. Professoren und 
Dozenten zu Felde zu ziehen." 

Am 10. Februar Obersendete er abermals sechs Protokolle und 
Beilagen mit einer langen Einleitung, in welcher er, ob nun von der 
Aufhebung der Vorlesungen über spezielle medizinische Pathologie 
und Therapie, oder von der Einschränkung der Rechte der a. o. Professoren 
und Dozenten oder von der Klein'schen Angelegenheit die Rede, 
beständig Skoda angreift, nebenbei von ^materialistischen Ansichten 
neuerer Forscher" spricht und schließlich sagt: 

„Als ein dritter Übelstand muß die im Protokolle Nr. III sub 16 
auftauchende und im Protokolle IV sub 1 fortgesetzte Fehde zwischen 
dem Professor der medizinischeii Klinik für Ärzte und jenem der ersten 
geburtshilflichen Anstalt betrachtet werden, wo einer der jüngsten 
Professoren einen der ältesten auf eine nicht eben kollegialische freund- 
schaftliche Weise unter dem Deckmantel unssenschaftlicher Forschung^ 
in der Wahrheit aber in der von mehreren Kollegen beim ersten An- 
lasse, wo sie seinem Antrage beistimmten, gar nicht geahnten, unlauteren 
Absicht einer Ehrenkränkung angreift. 

Ein hohes Ministerium wolle selbst in die Pro und Contra gnädige 
Einsicht nehmen, um zur Überzeugung zu gelangen, wie wenig von 
der Wirksamkeit eines Lehrkörpers zu erwarten stehe, in dem es Mit- 
glieder gibt, die gerade zu einer Zeit, wo freundschaftliches Hände- 
reichen und kräftiges Zusammenwirken vor allem Not tut, um die von 
einem weisen Ministerium in der edelsten Absicht angebahnten Reformen 
gehörig durchzuführen, solch unedlen Leidenschaften sich hingebend, 
Ordnung und Ruhe stören" 

Das Unterrichtsministerium, an dessen Spitze damals Freiherr 
V. Sommaruga stand, gab am 18. Februar lö49 folgende Antwort: 

„Was die ... . fortgesetzte Fehde zwischen dem Professor der 
medizinischen Klinik für Ärzte und jenem der ersten geburtshilflichen 
Anstalt betrifft, so wäre es sehr zu bedauern, wenn eine im Interesse 
der Wissenschaft sowohl, als in dem des Gesundheitswohles der Ge- 
bärenden gleich wünschenswerte wissenschaftliche Forschung hierzu 
mißbraucht würde. Wenn eine derlei Forschung von einem Mitgliede 
des Lehrkörpers in Anregung gebracht und von letzterem als zeit- 
gemäß und nützlich erkannt wird, so kann doch die Aufforderung hierzu 
nur an den Vorstand desjenigen klinischen Institutes geschehen, an dem 
selbe stattfinden soll. Es wäre ihm anheimzustellen, die Mittel und 
Wege einzuschlagen, welche er zur Erzielung eines befriedigenden 
Resultates als zweckdienlich erachtet. Er wird hierbei gewiß nicht 
unterlassen, jene seiner Kollegen beizuziehen, die ihm mit Rat und Tat 
an die Hand gehen können, und gewissenhaft jeden Wink benutzen, 
der in einer so wichtigen Angelegenheit zur Aui^lärung führen kann. 
Auch liegt es im Wirkungskreise des Vorstandes des Lehrköiyers, sich 



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— 42 — 

von der Genauigkeit und Zweckdienlichkeit des hierbei beobachteten 
Vorganges zu überzeugen. Es wäre aber ebenso unzaH^ als es den 
Wirkungskreis des Lehrkörpers überschreiten würde, wollte er dem 
Vorstande der ersten geburtshilflichen Anstalt, gegen seinen Willen^ 
eine Kommission aufdrängen, die auf dessen Klinik Untersuchungen und 
Forschungen vornehmen soll. Diese Art des Verfahrens würde ganz 
einem inquisitorischen gleichen, welches nur bei vorhandenen triftigen 
Beweggründen von der höheren Behörde eingeleitet werden darf." 

Hieran schloß sich im Konzept des referierenden Ministerial- 
beamten ein interessanter Passus, welcher jedoch, wohl auf Verlangen 
des Unterrichtsministers, wieder gestrichen wurde: 

„Das Ministerium des öffentlichen Unterrichtes findet aber die von 
Professor Skoda beantragte wissenschaftliche Forschung von solcher 
Wichtigkeit, daß es selbe in der früher angedeuteten Weise selbst ins 
Werk gesetzt wünschen muß. Dabei kann es der Meinung nicht bei- 
pflichten, daß zu einer Zeit, wo eine Epidemie nicht herrscht, gar nichts 
zur Ergründung der Ursachen ihres rätselhaften Erscheinens geschehen 
könne, und daß ein sorgfältiger und umsichtiger Vergleich der 
günstigeren Verhältnisse der Gegenwart mit den ungünstigen der Ver- 
gangenheit nicht zur Aufklärung des diesfalls obwaltenden Dünkels 
beitragen könne."*) 

Durch Streichung dieses Passus war die ministerielle Entscheidung 
noch lahmer geworden. Der Lehrkörper sollte Professor Klein auf- 
fordern, nach eigenem Ermessen Untersuchungen anzustellen und sich 
eventuell von der Ersprießlichkeit des von Klein eingeschlagenen Ver- 
fahrens überzeugen. Nun, die Mehrheit des Kollegiums war von vorn- 
herein überzeugt, daß Klein nicht der Mann sei, Klarheit in die Sache 
zu bringen. Die bereits erwählte Kommission löste sich auf. Rosas 
und Klein hatten über das medizinische Professorenkollegium gesiegt. 
Die Dummheit hatte die freie Forschung erschlagen. Und damit wurde 
in Österreich eine bereits segensreiche Entdeckung — die Verhütung 
des Puerperalfiebers — unterdrückt, eine andere — die Antisepsis 
— im Keime erstickt. Im Jahre 1849, in der Ära der Reaktion. Das 
spricht Bände. 

Nun konnte es Semmelweis nicht mehr zweifelhaft sein, daß der 
verbissenste Gegner seiner Lehre sein eigener Chef war. Von ihm 
hatte er außer Gehässigkeiten nichts mehr zu erwarten. 

Vergeblich fragte sich Semmelweis, weshalb Klein von Anfang 
an gegen seine Auffassung des Kindbettfiebers Stellung genommen. 
Hatte doch die ganze Welt nicht üble Lust, ihm die Schuld der großen 
Sterblichkeit auf seiner Klinik zuzuschreiben! Erwies sich die Hypothese 
seines Assistenten als richtig, so wurde es offenbar, daß Klein an der 
großen Sterblichkeit ebensowenig Schuld trug, als Bartsch ein 
Verdienst an der geringen Sterblichkeit der Hebammenklinik zukam. 



*) Die ganze Streitsache Skoda — Klein — Rosas nach den Akten des Unter- 
richtsministeriums in Wien. 



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— 43 — 

Warum also den Widerstand? Die Erklärung ist einfach. Als alter Mann 
und beschränkter Kopf hatte Klein eine tiefe Abneigung gegen alle 
Neuerungen und zeigte sich Vernunftgründen nicht zugänglich. So war 
er von Anfang an ein Gegner der Reformen seines Assistenten, und 
die allgemeine Anerkennung, welche dieser fand, machte Klein nur 
noch verbissener. Just an solchen Geisteshelden mußte Semmelweis 
geraten! Da zeigen sich die Früchte gehässiger Protektionswirtschaft. 
Boer's unfähigster Schüler wurde zu seinem Nachfolger ernannt, und 
dieser eine Schwachkopf verhinderte, daß die Wiener medizinische 
Schule sich neuen unvergänglichen Ruhm erwarb durch die Einführung 
einer wirksamen Prophylaxe des Kindbettfiebers und die Ausgestaltung 
dieser Prophylaxe zu einer allgemeinen Antisepsis! 

Mit Recht konnte Kußmaul in seinen ^Jugenderinnerungen" 
schreiben: In Österreich herrsche ein empörendes Günstlingswesen; 
es gäbe unfähige Professoren und Primarärzte^ welche ihre Stellung 
dem Patrpnate vornehmer Schürzen und einflußreichen Kutten ver- 
dankten. 

Nach den erbitterten Kämpfen im Professorenkollegium mag das 
Verhältnis zwischen Professor und Assistent kein sonderlich ange- 
nehmes gewesen sein. In seiner peinlichen Prophylaxis aber ließ sich 
Semmelweis nicht stören, und der Gesundheitszustand der Klinik blieb 
andauernd günstig. Auch an weiterer Anerkennung fehlte es nicht. So 
schrieb am 23. Januar 1849 sein gewesener Schüler und begeisterter 
Anhänger Dr. Routh in London: 

„Comitiis in ultimis septimanis Novembris (1848) convocatis illic dis- 
cursus, in quo tuam inventionem enunciavi, reddens tibi, ut voluit justitia, 
maximam gloriam, praelectns fuit. Enim vero possum dicere, totum discursum 
optime exceptnm fuisse, et multi inter socios docjjissimos attostaverunt 
argumentum convincens fuisse. Inter hos praecipue Webster, Copeland et 
Murphy, viri et doctores clarissimi, optime locuti sunt. In Lancetto Novembris 
1848 possio omnia de hac controversia contingentia legere. 

Credisne novus casus, qui in hospitio ex tempore mei abitus admissi 
sunt, opinionem tuam confirmant? 

Febris ne puerperalis rarior est quam antea? Si morbus sie periculosus 
in cubilibus obstetrieiis non adsit ut ante, certe effectus magni momenti 
denuo fii-matus. In Praga qnoque, ubi febris puerperalis tum frequenter 
obvenire solobat, eisdem causis consecuta fuit ingenerari! 

Meas annotationes de tua inventione in libellulo publicavi." 

(In den Versammlungen englischer Arzte, die in den letzten Wochen 
des Novembers 1848 stattgefunden haben, habe ich einen Vortrag gehalten, 
in welchem ich Deine Entdeckung verkündete. Dir, wie es die Gerechtigkeit 
verlangt, den größten Ruhm bereitend. Ich kann sagen, daß mein Vortrag 
gut aufgenommen wurde, und daß viele der gelehrtesten Mitglieder bezeugten, 
daß die Gründe überzeugend seien. Unter diesen vorzüglich Webster, 
Copeland und Murphy; diese berühmten Männer und Ärzte haben das 
Beste gesprochen. Im Novemberheft des „Lancet" ist alles über diese Ver- 
handlung zu lesen. 

Glaubst Du, daß die Fälle, welche nach meinem Abgange vorgekommen 
sind, auch Deine Meinung bestätigen? Ist dasPuerperalfieber seltener als früher? 



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— 44 — 

Wenn diese gefährliche E^rankheit in den geburtshilflichen Räumen 
nicht mehr so herrschte wie vordem, so wäre der bedeutungsvolle Erfolg 
bekräftigt. Auch in Prag, wo das Eandbettfieber so häufig vorkommt, ist es 
denselben Ursachen zuzuschreiben! 

Meine Aufzeichnungen über Deine Entdeckung habe ich in einem 
Büchelchen veröffentlicht.)*) 

Der hier erwähnte Aufsatz von Routh erschien in den Med 
Chirurg. Transactions, Vol. XXXII., 1849, unter dem Titel: „On the 
causes of the Endemie Puerperal Fever of Vienna". 

Eine andere erfreuliche Überraschung brachte die Sitzung der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien vom 23. Februar 1849, in welcher 
Primararzt Dr. Karl Haller, Dozent für interne Medizin, das Wort 
ergriff, um in wärmster Weise für Semmelweis einzutreten. Das 
Protokoll ••) berichtet darüber: 

„Herr Primarius Dr. Haller teilt der Versammlung das Resultat 
einer Berechnung des Mortalitätsverhältnisses der Mütter und Kinder 
an der L geburtshilflichen Klinik in Wien im Zeiträume von 12 Jahren 
mit, aus welchem hervorgeht, daß in den beiden letzten Jahren die 
Sterblichkeit der Wöchnerinnen und Kinder sich so auffallend ver- 
mindert habe, daß in den letzten Jahren, im Vergleiche zu den 
günstigsten Verhältnissen der früheren Jahre, ^/s bis Ve Individuen 
weniger starben, obgleich die Zahl der Gebärenden eine größere als 
in früheren Jahren war. Da man aus dieser Tatsache berechtigt ist, 
den Schluß zu ziehen, daß die Reinigung der Hände von Seite der 
Ärzte und Hebammen vor der Untersuchung der Mutter mit Chlor- 
wasser, welche seit der Zeit der Verminderung der Sterblichkeit von 
Herrn Dr. Semmelweis auf dieser Klinik eingeführt wurde, einen be- 
deutenden Einfluß auf dieses günstige Mortalitätsverhältnis geübt habe, 
beschloß die Versammlungy Herrn Dr. Semmelioeis zu ersuchen, derselben 
seine Erfahrungen über diesen Gegenstand in einem Vortrage mitteilen 
zu wollen."^ 

Abermals hatte also ein Nichtf achmann, empört über Klein's 
Ignoranz, für dessen trefflichen Assistenten eine Lanze eingelegt, und 
unter dem Eindruck der überzeugenden Worte Haller's faßte die 
Versammlung den erwähnten, für Semmelweis so ehrenvollen Be- 
schluß. 

Damit nahm auch die k. k. Gesellschaft der Ärzte demonstrativ 
Stellung gegen Professor Klein, der es niemals der Mühe wert ge- 
funden hatte, öffentlich über Semmelweis' Entdeckung und pro- 
phylaktisches Verfahren auch nur ein Wort zu verlieren. Vernunft- 
gründen nicht zugänglich, wurde Klein durch diese allgemeine An- 
erkennung der angeblichen Verdienste seines Assistenten gegen diesen 
nur noch mehr eingenommen und hatte nur den einen Gedanken, des 
unbequemen Gesellen baldigst sich zu entledigen. 



•) Ätiologie, p. 283. 

••y Zeitschrift der GeseHschaft der Ärzte in Wien, 1849. 



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— 45 — 

Der 20. Mäsz 1849 nahte heran, an dem Semmelweis' zweijährige 
Dienstzeit ablief. Dieser wünschte natürlich nichts sehnlicher, als 
seine Beobachtungen auf der Klinik fortsetzen zu können. Nachdem 
es auf den anderen Kliniken schon seit langem üblich war, die Dienst- 
zeit des Assistenten auf Wunsch um weitere zwei Jahre zu verlängern, 
und auch sein Vorgänger Dr. Breit dieser Begünstigung teilhaftig 
geworden war, reichte er ein Gesuch um zweijährige Verlängerung 
seines Dienstes im medizinischen Dekanate ein, vielleicht in dem 
Wahne, durch seine Entdeckung sogar ein Recht auf diese Gnade er- 
worben zu haben. Der medizinische Lehrkörper scheint in seiner 
Mehrheit für die Verlängerung gewesen zu sein, doch Klein pro- 
testierte und verhinderte sie. Gleichzeitig reichte er eine Beschwerde 
beim Unterrichtsministerium ein, bezüglich der Kompetenz des Lehr- 
körpers in solchen Fragen. 

Am 20. März 1849 mußte der größte aller Assistenten, welche 
das Wiener Gebärhaus jemals beherbergt hat, wider seinen Willen, 
blutenden Herzens die Stätte seiner so segensreichen Wirksamkeit 
verlassen! Sein Nachfolger wurde Dr. Karl Braun. 

Dieser Hieb saß. Klein hätte seinen Nebenbuhler, der ihm nach- 
gerade über den Kopf gewachsen war, mit nichts empfindlicher treffen 
können. Entlassen ! Ohne klinische Patienten, ohne Privatpraxis — das 
heißt für den medizinischen Forscher kaltgestellt werden. Ade, Wissen- 
schaft! An dir darf sich nur berauschen, wer sich bei dem Professor 
einzuschmeicheln versteht 

Semmelweis rekurierte*) gegen die Entscheidung beim Unter- 
richtsministerium — umsonst. Dort richtete man sich nach dem Edlen 

V. Rosas. Und mittels Erlaß vom 28. November 1850, Z. ent- 

schied das Ministerium, die Verlängerung der Anstellungszeii des ge- 
burtshilflichen Assistenten über zwei Jahre hinaus gehöre nicht in 
den Wirkungskreis des Professorenkollegiums. 

Wenn etwas Semmelweis in seiner Niedergeschlagenheit aufzu- 
richten vermochte, so war es die warme Teilnahme, die unverhüllte 
Empörung seiner schon zahlreichen Freunde und Gönner. Klein's 
Bosheit eiferte diese zu um so regerer Tätigkeit an, um ihrem Schütz- 
ling zum Siege zu verhelfen. Skoda gab Semmelweis den weisen Rat, 
die freie Zeit nun zu Tierversuchen zu benutzen, um die Richtigkeit 
seiner Theorie durch Experimente zu beweisen, welche an Menschen 
nicht ausführbar waren. Semmelweis verband sich sofort mit seinem 
Freunde, Dr. Lautner, der Rokitansky 's Assistent war, und ver- 
tiefte sich mit Eifer in die neue Aufgabe. 

Der treffliche Primarius Haller widmete in dem Bericht, den er 
als provisorischer Direktionsadjunkt über das allgemeine Krankenhaus, 
das Gebärhaus etc. im Jahre 1848 verfaßte, mehrere Seiten der 
Semmelweis'schen Entdeckung und sparte nicht mit seinem Lobe: 



*) Nach den Akten im Unterrichtsministerium. Der Rekurs wurde leider skartiert. 



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— 46 — 

„Von den im Jahreslaufe in der Gebäranstalt Vei^pflegten starben 
daher 1*2% der Weiber und 3-6% der Kinder. 

Vergleicht man diese Verhältnisse mit jenen des vorigen Jahres 1847, 
so ergibt sich, daß die Zahl der verpflegten Weiber im Jahre 1848 nm 56 
größer ist, um 75 Geburten mehr vorfielen, dagegen um 119 Weiber und 
um 34 Kinder weniger gestorben sind, das Sterblichkeitsverhältnis der Weiber, 
das im Jahre 1846 7*l^/o betrug, und im Jahre 1847 auf 2'8*^/o herabsank, 
sich abermals um 1'6% besser gestellt hat, und selbst bei Kindern um 
0*5^/o günstiger geworden ist. 

Das Sterblichkeits Verhältnis auf beiden großen Gratisabteilungen 
der Gebäranstalt ist fast ein gleiches und muß in jeder Beziehung als ein 
befriedigendes genannt werden. 

Seit Jahren bestand jedoch eine bedenkliche Verschiedenheit. Die 
unter Leitung des Professor Klein befindliche I. Gebärklinik, welcher aus- 
schließlich alle männlichen Schüler zugewiesen sind, hatte eine auffallend 
große Sterblichkeit gegen Professor Barts ch's Schule, an der sämtliche 
Hebammen Unterricht hatten. 

Die Gründe dieser höchst beunruhigenden Erscheinung konnten nie mit 
Sicherheit ermittelt werden. Das große Verdienst ihrer Entdeckung gebührt dem 
emeritierten Assistenten der /. GebärklinUcj Dr, Semmelweis. Von der Vermutung 
geleitet, daß die zahlreichen Erkrankungen und Todesfalle unter den Wöch- 
nerinnen der I. Gebärklinik vielleicht zum großen Teile in einer Einbringung 
von Leichengift durch das Touchieren der gleichzeitig in der Sektions- 
kammer beschäftigten Studierenden und Geburtsärzte bedingt sein könnte, 
und dieses durch die bisher übliche Reinigung mit Seifenwasser nicht 
mit vollkommener Sicherheit hintangehalten werde, ließ er im Mai d. J. (1847) 
mit Zustimmung Pi-ofessor Kleines jeden die Gebäranstalt betretenden Arzt 
und Schüler vor jeder ersten Untersuchung einer Gebärenden oder Wöchnerin 
die Hände sorgfältig mit Chlorkalklösung reinigen und diese Beinigung 
nach jeder Untersuchung einer nur im geringsten Grade kranken Wöchnerin wieder- 
holen. Die konsequente Durchfühining dieser Maßregel hatte schon in den 
ersten Monaten überraschende Erfolge. 

Die Zahl der Todesfälle verminderte sich bereits im Jahre 1847 bei 
fast gleicher Anzahl der Geburten um 2^<3, und sank von 11*4% auf 
5*04%; im Verlauf vom Jahre 1848 aber, wo diese Reinigung durch alle 
Monate beharrlich und methodisch fortgesetzt wurde, stellte sich das Sterb- 
lichkeitsverhältnis dem auf der 11. Gebärklinik gleich, ja zufällig noch um o'lVo 
günstiger. 

Und was dem unbefangenen Prüfer dieser Zahlen unabweisbar sich 
aufdringt, das haben direkte Versuche an Tieren (^Einspritzungen von 
Eiter und Jauche in die Scheide von eben entbundenen Kaninchen), welche 
von den Doktoren Semmelweis und Lautner vor kurzem angestellt wurden und 
nach vollem Abschlüsse veröffentlicht werden sollen, außer allen Zweifel gestellt. 

Die Bedeutung dieser Erfahrung für die Gebäranstalten, für die 
Spitäler überhaupt, insbesondere die chirurgischen Krankensäle, ist eine 
so uneimeßliche, daß sie der ernstesten Beachtung aller Männer der 
Wissenschaft würdig erscheint und der gerechten Anerkennung der 
hohen Staatsverwaltung gewiß sein darf." 

Hier wird zum ersten Male auf die unermeßliche Bedeutung 
der Semmelweis'schen Lehre für die Chirurgie hingewiesen. 



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— 47 — 

Im Jahre 1849 zu Wien! Die erste Andeutung einer Desinfektion in 
der Chirurgie war gefallen. Der Gedanke einer allgemeinen Antisepsis 
erglänzte wie ein berückender Stern am Himmel der ärztlichen Wissen- 
schaft. Und der ihn aussprach, war Dr, Karl Haller, welcher im 
Jahre 1837 in der Zeitschrift der Gesellschaft der Ärzte wie ein Seher 
ausgerufen hatte: „Ein frischer Morgenwind durchweht das Gebiet der 
Heilkunde, und sie reift einer schönen Zukunft entgegen, wenn die 
Weihe einer charaktervollen Gesinnung dem Geiste nüchterner, partei- 
loser Forschung dauernd die Bahn gebrochen haben wird." 

Man sollte meinen, mit dem Frühling des Jahres 1849 hätte nun 
auch die Antisepsis sieghaft in Wien ihren Einzug halten müssen? 
Weit gefehlt! In unserem lieben Österreich geht meist alles verkehrt 
und im Falle Semmelweis gefiel sich das Geschick in besonders 
wunderlichen Sprüngen. Die ersten Befürworter der neuen geburts- 
hilflichen Lehre waren der Internist Skoda und der Dermatologe 
Hebra, und der erste, der ihre unermeßliche Bedeutung für die 
Chirurgie erkannte, war der Internist Haller. Klein, der Professor 
der Geburtshilfe, hüllte sich in verächtliches Schweigen, und die Chi- 
rurgen Schuh und Dumreicher, tüchtige Männer ihres Faches, aber 
ohne höheren Blick für das Ganze, sahen in Haller wohl einen phan- 
tastischen Schwärmer. 

In der Sitzung der k. k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien am 
6. Juni 1849 wurde die Wahl neuer ordentlicher Mitglieder vor- 
genommen. Von 39 abgegebenen Stimmen erhielt Brücke 38, Bednar 
31, Chiari 29, Zsigmondy 27, Lorinser 24, Wedl 23, Semmel- 
weis 21, Standhartner 9. Nun war Semmelweis ordentliches Mitglied 
jener Körperschaft, welche seinerzeit an ihn die ehrenvolle Aufforde- 
rung gerichtet hatte, über seine Lehre zu sprechen. Aber er sprach 
nicht. Die ganze Welt redete über seine Entdeckung, alle Zeitungen 
befaßten sich mit der grauenvollen Sache, die ärztlichen Kreise er- 
warteten mit Spannung Semmelweis' eigene Mitteilungen — aber er 
schrieb nicht. 

Hingegen versuchte er, was im Augenblicke nicht so dringend 
war: er petitionierte um eine Privatdozentur für Geburtshilfe. Klein 
war natürlich dagegen, und gegen Klein und Rosas konnte das 
ganze medizinische Professorenkollegium nichts ausrichten. Auffallend 
war, daß selbst Semmelweis' Freund Lautner, mit dem er die Tier- 
versuche machte, den Haß irgend eines Unbekannten zu spüren be- 
kam. Rokitansky's Assistent wurde beschuldigt, an der Revolution 
teilgenommen zu haben, und in Untersuchungshaft gezogen. Es erfolgte 
später wohl seine Freilassung, aber der Zweck war erreicht. Lautner*) 
wanderte aus nach Ägypten und wurde Leibarzt des Vizekönigs, und 
mit den Tierversuchen war es zu Ende. 

Selbst in seinen theoretischen Studien wurde Semmelweis be- 
hindert. Er hatte den unvergleichlichen Wert der Protokolle des seit 



*) PuBchmanii; Medizin in Wien. 



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— 48 — 

1784 bestehenden Wiener Qebärhauses erkannt. War seine Lehre 
richtig, so mußte die Statistik sie bestätigen. Von 1833 bis 1841 waren 
Schüler und Schülerinnen auf beiden Abteilungen des Gebärhauses 
in gleicher Zahl verteilt. Während dieses Zeitraumes konnte demnach 
die Sterblichkeit auf beiden Abteilungen nicht sonderlich verschieden 
gewesen sein. Das war also statistisch festzustellen. Und da Zipfel 
das von ihm beobachtete Faktum, daß Gassengeburten selten erkrankten, 
direkt leugnete und andere mit ihm, so wollte Semmelweis die Sta- 
tistik der Gassengeburten zusammenstellen. Doch Professor Klein 
verweigerte dem gewesenen Assistenten die Herausgabe der Protokolle 
und erklärte überdies die Benutzung und Veröffentlichung der Proto- 
kolle für eine — Denunziation!!*) 

Professor Klein mochte wohl hoffen, Semmelweis den Aufenthalt 
in Wien gründlich zu verekeln, indem er dessen weitere Karriere und 
Studien nach Möglichkeit verhinderte. Aber da rechnete er nicht mit 
— Skoda! Dieser bescheidene, anspruchslose Gelehrte konnte mit un- 
glaublichem Freimut mit imponierender Kühnheit und Festigkeit auf- 
treten, wenn es galt, das Rechte zu verteidigen, das Gute zu fördern. 
Mit Recht hatte Rokitansky im Jahre 1846 ihn gepriesen als eine 
Leuchte für den Lernenden, ein Muster für den Strebenden, einen Feh 
für den Verzagenden!^ 

Skoda war zu der Überzeugung gekommen, daß Semmel weis 
tatsächlich eine Entdeckung von ungeheurer Wichtigkeit gemacht 
hatte, deren Richtigkeit durch die Begebenheiten der letzten Jahre 
völlig außer Zweifel gesetzt wurde. Er hielt es daher für seine Pflicht, 
diesfe neue Wahrheit laut zu verkünden, um so mehr, als der Professor 
des Faches den Sieg derselben mit allen erdenklichen Mitteln zu ver- 
hindern bestrebt war, anderseits aber der Entdecker selbst sich nicht 
die Fähigkeit zutraute, für seine neue Lehre mit Wort oder Schrift 
einzutreten. So ließ er sich von Semmelweis dessen ganzes wissen- 
schaftliches Material geben und verwertete es in einem lichtvollen 
Vortrage, den er im Oktober 1849 in der Akademie der Wissenschaften 
zu Wien hielt, betitelt: 

„Über die von Dr. Semmelweis entdeckte wahre Ursache 
der in der Wiener Gebäranstalt ungewöhnlich häufig vor- 
kommenden Erkrankungen der Wöchnerinnen und des Mittels 
zur Verminderung dieser Erkrankungen bis auf die gewöhn- 
liche Zahl. 

Ich glaube im folgenden eine der wichtu/sten Entdeckungen im Gebiete der 
Medizin zur Kenntnis der verehrten Klasse zu brmgen, nämlich die vom 
Dr. Semmelweis, gewesenen Assistenten an der hiesigen Gebäranstalt, gemachte 
Entdeckung der Ursache der in dieser Gebäranstalt ungewöhnlich häufig vor- 
gekommenen Erkrankungen der Wöchnerinnen und des Mittels zur Ver- 
minderung dieser Erkrankungen bis auf die gewöhnliche ZahL 

Ich werde vorerst die Tatsachen und Schlüsse erörtern, aus deren 
Kombination die Entdeckung hervorgegangen ist, und dann über die Maß- 



*) Ätiologie, p. 45, 46, 64, 65. 



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— 49 — 

nahmen berichten, welche nötig erschienen, am die Entdeckung außer Zweifel 
zu setzen. 

A, Die Tatsachen und Schlüsse, aus deren Kombination die Entdeckung 
hervorgegangen ist, lassen sich in folgenden Punkten zusammenstellen: 

1. Seit vielen Dezennien erkrankten und starben in der hiesigen Gebftr- 
anstalt die Wöchnerinnen häufiger, als die Wöchnerinnen außerhalb der 
Gebäranstalt, obgleich die Pflege in der Gebäranstalt besser war, als sie bei 
Landleuten und den weniger wohlhabenden Bürgern möglich ist. Während 
des stärksten Wütens der Puerperalkrankheiten im hiesigen Gebärhause 
beobachtete man weder in Wien, noch am Lande ein häufigeres Erkranken 
der Wöchnerinnen. Diese Tatsache mußte jeden Gedanken an eine bei der 
Erzeugung der Puerperalkrankheiten direkt tätige epidemische Ursache be- 
seitigen. Die häufigen Erkrankungen in der hiesigen Gebäranstalt konnten 
ungeachtet der stereotyp gewordenen gegenteiligen Behauptung nicht als 
Puerperalepidemien angesehen werden. 

2. Seit in der hiesigen Gebäranstalt eine Abteilung zum Unterrichte 
der Ärzte und eine Abteilung zum Unterrichte der Hebammen besteht, war 
die Zahl der Todesfälle auf der für die Arzte bestimmten Abteilung bis Juni 
1847 konstant — im Jahre 1846 sogar um das Vierfache — größer, als auf 
der Abteilung für Hebammen, wie die folgende Tabelle zeigt:*) 



Jahr 



Abteiltmg ftlr Ante 



Anzah,! 
der 
Ent- 
bundenen 



Anzahl 
der 
Ver- 
storbenen 



Die Ansahl 
der Entbun- 
denen verhftlt 
sich zur 
Anzahl der 
Verstorbenen 
wie 100 zu 



Abteilang ftlr Hebammen 



Anzahl 
der 
Ent- 
bundenen 



Anzahl 
der 
Ver- 
storbenen 



Die Anniibl 

der Entbun- 
denen verhftlt 
8ioh zur 

Anzahl der 
Verstorbenen 

wie 100 zu 



1889 ♦*) . 

1840 . . 

1841 . . 

1842 . . 

1843 . . 

1844 . . 

1845 . . 

1846 . . 



2781 
2889 
3036 
328T 
3060 
3167 
3492 
4010 



161 
267 
287 
618 
274 
260 
241 
469 



5-4 
9-5 
7-7 

15-8 
8-9 
8-2 
6-8 

11-4 



2010 
2073 
2442 
2659 
2739 
2956 
3241 
8764 



91 

55 

86 

202 

164 

68 

66 

105 



4-5 

2-6 

8-5 

7-5 

6-9 

2-3 

203 

207 



Es ist begreiflich, daß eine so enorme Differenz in der Sterblichkeit 
auf zwei Abteilungen derselben Anstalt die allgemeine Aufmerksamkeit auf 
sich zog, und daß man deren Ursache zu ermitteln suchte. Die darüber vom 
nichtarztlichen Publikum, von Ärzten und in den ämtlichen Verhandlungen 
vorgebrachten Ansichten waren von der Art, daß es bei Kenntnis der Sach- 



*) Diese nach amtlichen Ausweisen entworfene Tabelle gibt die Zahl der auf 
der Abteilung für Studierende Verstorbenen kleiner an, als sie wirklich war, weil 
zuweilen die erkrankten Wöchnerinnen von der Gebäranstalt in das Krankenhaus 
transferiert wurden, daselbst starben und dann in die Ausweise des Krankenhauses, 
nicht aber in jene der QebSranstalt als verstorben eingetragen wurden. 

**) Die vollständige Trennung erfolgte am 19. April 1839; früher waren Stu- 
dierende und Hebammen auf beiden Abteilungen gemeinschaftlich. 

T. Waldheim, Ignax Philipp Semmelweit. 4 



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— 50 — 

läge keines besonderen Scharfsinnes bedurfte, um sie sämtlich für irrig zu 
erkennen. 

Am allgemeinsten war die Ansicht verbreitet, daß an den vielen Todes- 
fällen die ärztliche Behandlung schuld sei. Man übersah dabei nur den 
Umstand, daß die ärztliche Behandlung auf den beiden Abteilungen nicht 
verschieden war. 

Eine zweite Meinung war, daß das durch die Anwesenheit junger 
Männer bei der Entbindung verletzte weibliche Schamgefühl die Erkrankungen 
im Wochenbette bedinge, eine Meinung, die nur ein ganz Unerfahrener haben 
kann. Eine weitergehende Spekulation erkannte in dem üblen Bufe der Anstalt, 
in welche sich die Schwangeren nur höchst ungeme begeben, und in welcher 
.sie in beständiger Angst vor der Erkrankung verweilen, die Quelle der 
häufigeren Erkrankungen. Es ist kaum nötig zu bemerken, daß der üble Buf 
der Anstalt erst durch die vielen Todesfälle bedingt wurde, daß somit diese 
Ansicht den Anfang der häufigen Erkrankungen unberücksichtigt ließ. Zudem 
hätten die Vertreter dieser Ansicht, wenn sie die Erfahrung zu Bäte gezogen 
hätten, sich sehr bald überzeugen können, daß die Erki*ankungen mit der Furcht- 
samkeit oder Ängstlichkeit der Wöchnerinnen in keinem Zusammenhange stehen. 

In den kommissionellen Verhandlungen wurde bald die Wäsche, bald 
der beschränkte Baum, bald die unvorteilhafte Lage der Anstalt beschuldigt, 
obgleich in allen diesen Punkten die beiden Abteilungen gleich waren. Die 
diesen Annahmen entsprechenden Maßregeln blieben begreiflicherweise stets 
ohne Besultat. Gegen Ende des Jahres 1846 gewann bei einer kommissionellen 
Verhandlung die Ansicht die Oberhand, daß die Erkrankungen der Wöchnerinnen 
durch Beleidigung der Geburtsteile bei den zum Behufe des Unterrichtes 
stattfindenden Untersuchungen bedingt sind. Weil aber solche Untersuchungen 
beim Unterrichte der Hebammen gleichfalls vorgenommen werden, so nahm 
man, um die häufigeren Erkrankungen auf der Abteilung für Ärzte begreiflich 
zu finden, keinen Anstand, die Studierenden und namentlich die Ausländer 
zu beschuldigen, daß sie bei den Untersuchungen roher zu Werke gehen, 
als die Hebammen. Auf diese Voraussetzung hin wurde die Zahl der Schüler 
von 42 auf 20 vermindert, die Ausländer wurden fast ganz ausgesdilossen, 
und die Untersuchungen auf das Minimum reduziert. 

Die Sterblichkeit verminderte sich hierauf in den Monaten Dezember 
1846, Januar, Februar und März 1847 auffallend, allein im April starben 
trotz der erwähnten Maßregeln 67, im Mai 36 Wöchnerinnen. Daraus konnte 
die Grundlosigkeit der obigen Beschuldigung jedermann einleuchten. 

3. Die Wiener physiologisch-anatomische Schule hatte in betreflP der 
Puerperalkrankheiten folgendes festgestellt: 

Bei Erkrankung der Puerperen zeigt sich als erste organische Ab- 
normität entweder — und zwar am häufigsten — eine Exsudation auf 
der Innenfläche des an der Placentarinsertionsstelle eine Wundfläche dar- 
bietenden Uterus; oder — weniger häufig — eine teilweise odet totale Um- 
wandlung des Inhaltes einzelner oder sämtlicher Venen des Uterus zu Eiter 
mit vorangehender oder nachfolgender Exsudation aus den Venenwänden; 
oder endlich seltener eine Exsudation am Bauchfelle. 

'^ Zu den ebengenannten organischen Veränderungen gesellt sich nach 
einiger Zeit — zuweilen sehr rasch — Ablagerung von Eiter, oder eines 
Fasers tofiJg^i^Ufi^J^ail^^zu Eiter oder Jauche zerfllllt, an verschiedenen Stellen 

iche, zuweilen völlig ikterische Färbung der Haut, 
zustand als Eiterbildung im Blute — Pyämie — 




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— 61 — 

Aus diesen Tatsachen ließ sich der Schluß ziehen, daß die Pyämia der 
Puerperen sich in der Kegel aas der Endometritis und Phlebitis uterina ent- 
wickle. Es handelte sich somit zunächst um die Ursachen der Endometritis 
und Phlebitis uterina. 

Durch die bei der Entbindung stattfindende Zerreißung der Venen, Ent- 
blößung einer großen Mäche der Höhle des Uterus, Zerrung und sonstige 
Verletzung der Geburtsteile schien die Entstehung der Endometritis und 
Phlebitis uterina ganz ungezwungen erklärt werden zu können. Einer solchen 
Erklärung widersprach jedoch die höchst ungleiche Zahl der Erkrankungen 
auf beiden Abteilungen der Gebäranstalt. Bei den ohne operatives Verfahren 
stattfindenden Geburten mußten nämlich die Folgen auf beiden Abteilungen 
dieselben sein. Da nun die meisten Entbindungen ohne operatives Eingreifen 
vor sich gehen, so konnte eine geringere Geschicklichkeit im operativen Ver- 
fahren zwar eine geringe, nicht aber die angegebene enorme DifiPerenz in der 
Zahl der Erkrankungen bedingen. 

4. Nicht selten tritt bei den Wöchnerinnen als das erste krankhafte 
Phänomen ein heftiges Fieber auf und erst nach einiger Dauer des fieber- 
haßten Zustandes kommen die Symptome der Endometritis, Phlebitis uterina, 
Peritoneitis usw. zum Vorschein. In solchen Fällen sind die Exsudate zuweilen 
gleich ursprünglich eitrig oder jauchig, die ezsudierenden Gewebe erweicht, 
so daß der Krankheitsprozeß sich gleich vom Anfang an als Pyämie darstellt. 

Man ist gewohnt, eine eigentümliche Beschaffenheit der Säfte der 
Wöchnerinnen als die prädisponierende, und eine der gewöhnlichen Schäd- 
lichkeiten, z. B. Erkältung, Gemütsbewegung etc. als die exzitierende Ursache 
solcher Erkrankungen anzusehen. Einer solchen Annahme widersprach aber- 
mals die höchst ungleiche Zahl der Erkrankungen auf beiden Abteilungen. 

5. Die Pyämie ohne vorhergehende Eiterung oder eine der Eiterung 
analoge Metamorphose in einem Organe entsteht der Erfahrung gemäß durch 
Einwirkung von faulenden tierischen Substanzen auf das Blut. Ob sie noch 
durch andere Ursachen hervorgebracht werde, ist unbekannt. Die faulende 
Substanz wirkt auf das Blut in der B>egel nur durch von der Oberhaut ent- 
blößte, also wunde Stellen ein. Nach der Entbindung bietet die Höhle des 
Uterus eine große Wundfläche dar, am Muttermunde, in der Vagina sind 
Hisse und Abschürfungen. Fäulnis in dem Sekrete des Uterus müßte somit 
nicht selten die Einwirkung der faulenden Substanz auf das Blut und daher 
Pyämie zur Folge haben. 

Die Entstehung der Fäulnis des Uterinal- und Vaginalsekretes als durch 
die gewöhnlichen Einflüsse oder durch eine besondere BeschafiPenheit der 
Säfte der Wöchnerinnen bedingt anzunehmen und daraus die Erkrankungen 
der Wöchnerinnen abzuleiten, ließ die schon oft erwähnte ungleiche Zahl der 
Erkrankungen auf den beiden Abteilungen nicht zu. Überdies stellte sich das 
heftige Fieber und dann die Phlebitis uterina, Endometritis etc. zuweilen 
ein, ohne daß der Lochialfluß einen üblen Geruch bekam. 

Es mußte somit die Frage aufgeworfen werden, ob auf irgend eine Art 
faulende oder fäulniserregende Substanzen mit den Geburtsteilen der Wöch- 
nerinnen in Berührung kommen konnten. Nachdem Dr. Semmelweis als 
Assistent an der für Ärzte bestimmten Abteilung der G^bäranstalt durch 
einige Monate alle Verhältnisse in Erwägung zog, erkannte er in dem Um- 
stände, daß sowohl er als die Studierenden sich häufig mit I^eichenunter- 
suchungen beschäftigten, daß der kadaveröse Geruch *ypn den Händen trotz 
mehrmaligen Waschen s erst nach langer Zeit ^verschwindet und daß er und 
die Schüler nicht selten unmittelbar von der Untersuchung des Kadavers zur 

4* 



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— 52 — 

Untersncliiing der Gebärenden übergingen, dm eirmg möglichen Weg der Über- 
tragumg einer faulenden tieri9ehen Substanz auf die GeburttteUe der Wöchnerinnen. 
Eb war dies sngleich die einzige nnter den möglichen Ursachen der Puer- 
peralkrankheiten, welche anf der Abteilung für Hebammen entweder gar 
nicht oder in höchst beschränktem Maße wirksam war, so daß sich unter 
Voraussetzung dieser Ursache die höchst ungleiche Zahl der Erkrankungen 
auf beiden Abteilungen sehr wohl begreifen ließ. Die Hebammen beschäftigen 
sich nämli6fa nicht mit Leichenuntersuchungen und die Assistenten der Ab- 
teilimg für Hebammen fanden sich, weil sie bloß Hebammen zu unterrichten 
hatten, selten veranlaßt, die Leichenuntersuchungen selbst vorzunehmen. Auch 
die in den Monaten Dezember 1846, Januar, Februar und März 1847 beob- 
achtete Abnahme der Erkrankungen, sowie die im April und Mai eingetretene 
große Sterblichkeit stimmte vollkommen zu der Voraussetzung, daß die krank- 
machende Potenz aus der Sektionskammer stamme. 

Der Assistent der Gebärklinik hatte nämlich in den Monaten Dezember 
1846, Januar, Februar und März 1847 aus Gründen, die hier nicht in Be- 
tracht kommen, die Sektionskammer selten besucht, die einheimischen Stu- 
dierenden, deren Zahl überdies von 42 auf 20 reduziert war, schienen sich 
nach dem Assist^iten gerichtet zu haben. Die Ausländer waren von der G^- 
bäranstalt fast ausgeschlossen. Ende März 1847 wurde Dr. Semmelweis 
Assistent und nahm, teils zum Selbstunterrichte, hauptsächlich jedoch zum 
Behufe der Unterweisung der Studierenden Untersuchungen und Übungen 
an Leichen mit ungewöhnlichem Eifer vor. 

Auch ohne ein solches Zusammentreffen von Umständen, welche die 
Hypothese bekräftigen, mußte Dr. Semmelweis auf Mittel denken, die mög- 
liche Ursache der Erkrankungen der Wöchnerinnen zu beseitigen. 

Diese waren nicht schwer zu finden. Lidem Übungen und Unter- 
suchungen an Leichen in der Medizin unerläßlich sind, somit von dem Assi- 
stenten und den Schülern fortgesetzt werden mußten, so bestand die Auf- 
gabe darin, vor jeder Untersuchung der Gebärenden jedes kadaveröse Atom 
von den Händen wegzuschaffen. Zu diesem Zwecke traf Dr. Semmelweis gegen 
Ende Mai 1841 die Verfügung, daß jedermann vor jeder Untersuchung einer 
Schwangeren, Gebärenden oder Wöchnerin die Hände mit Chlorwasser waschen 
mußte. Auf diese Anordnung erkrankten die Wöchnerinnen auf der für die 
Studierenden bestimmten Abteilung plötzlich nicht zahlreicher als auf der 
Abteilung für Hebammen. Es starben von da an im Juni 6, im Juli 3, im 
August 6, im September 12, im Oktober 11, im November 11, im Dezember 
1847 8 Wöchnerinnen. 

Das Jahr 1848 bot ein noch günstigeres Verhältnis. Es starben näm- 
lich von 3780 Entbundenen nur 45: also im Verhältnis wie 100:1*19; 
während auf der Abteilung for Hebammen von 3219 Entbundenen 48 starben, 
somit im Verhältnisse wie 100:1*33. 

Im Jahre 1849 starben bis Anfang September auf der Abteilung für 
Studierende 60, auf der Abteilung für Hebammen 76 Wöchnerinnen. Somit 
zeigt sich vom Juni 1847 bis gegenwärtig, also bereits durch einen Zeit- 
raum von mehr als zwei Jahren, innerhalb dessen die Ghlorwaschungen in 
Gebrauch sind, fast keine Differenz in der Sterblichkeit auf beiden Ab- 
teilungen der Gebäranstalt, während früher durch einen Zeitraum von sieben 
Jahren die Sterblichkeit auf der Abteilung für Studierende dreimal so groß 
war, als auf der Abteilung fär Hebammen." 

Nun berichtete Skoda über seine schon erwähnten Bemühungen, die maß- 
gebenden Kreise auf Semmelweis' wichtige Entdeckung aufmerksam zu machen. 



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— 53 — 

„Eine gegründete Aussicht, die Sache recht bald ins Ellare zu bringen, 
lag in dem Umstände, daß in der Prager G^bäranstalt die Erkrankungen von 
Zeit zu Zeit gleichfalls sehr zahlreich waren und allem Anschein nach die- 
selbe Ursache hatten als in Wien. Ich forderte also zur Einführung der 
Chlorwaschungen in der Pi-ager GFebäranstalt auf. 

Bei den infolge dieser Aufforderung an der Prager Lehranstalt ge- 
pflogenen Verhandlungen behielt jedoch die Ansicht, daß die Puerperal- 
erkrankungen durch epidemische Einflüsse bedingt sind, die Oberhand und 
man scheint die Chlorwaschungen bisher entweder gar nicht oder nicht mit Ernst in 
Anwendung gebracht zu haben!* 

Skoda erzShlte dann von Professor Michaelis' Briefe und der ab- 
lehnenden Haltung des Professor Kiwi seh, der offenbar auch in Wien (1848 
und 1849) betont hatte, nicht selten unmittelbar nach Sektionen Gebärende 
untersucht, jedoch niemals einen Nachteil davon beobachtet zu haben, und 
teilte schließlich das Eesultat der Tierversuche mit, welche Semmelweis mit 
Dr. Lautner angestellt hatte: Es wurde vier Kaninchenweibchen Vi Stunde 
bis 12 Stunden nach dem Wurfe ein mit mißfarbigem endometritischem 
Exsudate befeuchteter Pinsel in die Scheide und üterushöhle ein oder mehrere 
Male eingeführt. 

Diese Tiere starben nach 11, 12, 31 und 82 Tagen. Einem anderen 
Weibchen wurde Abszeßeiter eines an Cholera verstorbenen Lren in den 
Uterus eingespritzt, es starb nach 11 Tagen; einem anderen wurde Peritoneal- 
exsudat von einem Manne eingespritzt, es starb nach 12 Tagen. Die Ein- 
bringung von mit Wasser verdünntem Blut aus der Leiche eines vor 
36 Stunden an Marasmus verstorbenen Mannes, von tuberkulösem Peritoneal- 
exsudat und pleuritischem Exsudat hatte jedoch bei drei Weibchen keine üblen 
Folgen. Typhöses Peritonealexsudat blieb einmal ohne Wirkung, während es 
das zweite Mal den Tod des Kaninchens herbeiführte. Über die Sektions- 
ergebnisse sagte Skoda zum Schlüsse folgendes: 

^Es ist kaum nötig, zu erwähnen, daß die in den Leichen der Kaninchen 
vorgefundenen Veränderungen dieselben sind, wie sie sich in menschlichen 
Leichen infolge von Puerperalkrankheiten und im allgemeinen infolge von 
Pyämie einstellen. 

Man könnte gegen die eben angeführten Versuche den Einwurf machen, 
daß dabei eine größere Quantität von faulenden Stoffen einwirke und daß 
diese faulende Substanz in acht Fällen viele Tage nacheinander und nxq: in 
einem Falle bloß einmal mit den Geburtsteüen des Tieres in Berührung ge- 
bracht wurde, wogegen die Quantität des an den Händen klebenden faulen- 
den Stoffes, wenn die Hände — was immer geschehen ist — nach der 
Leichenuntersuchung mit Wasser abgewaschen wurden, nur sehr klein ge- 
dacht werden kann. 

Diese Einwendung scheint mir jedoch von keinem besonderen Gewichte 
zu sein, indem die Einwirkung des faulenden Stoffes auf das Blut nach den 
Erfahrungen, welche über die Folgen der Verwundungen bei Sektionen vor- 
liegen, von der Quantität des faulenden Stoffes nicht abhängen kann, da die 
Infektion nicht selten durch wunde Stellen erfolgt, die wegen ihrer Klein- 
heit kaum sichtbar sind. Es scheint übrigens zur Beseitigung jeden Zweifels 
zweckmäßig, daß noch weitere und vielfaltig abgeänderte Versuche an Tieren 
gemacht werden." 

Diese klare, logische Auseinandersetzung wies leider eine große 
Lücke auf: sie gedachte nicht der Ursachen der kleinen Endemien vom 



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— 54 — 

Oktober und November 1847, durch deren Erkennung Semmelweis 
seine Lehre in bedeutender Weise erweitert hatte. Für ihn ■ waren 
Erzeuger des Eindbettfiebers : Leichengift und faulende Substanzen 
oder Flüssigkeiten, welche von lebenden Organismen her- 
rührten. Skoda hingegen sprach wohl im allgemeinen von ^faulenden 
tierischen Substanzen", »faulenden oder Fäulnis erregenden Substanzen", 
aber er fügte hinzu, Semmelweis habe ,,den einzig möglichen Weg der 
Übertragung einer faulenden tierischen Substanz auf die Geburtsteile 
der Wöchnerinnen" in dem Umstände erkannt, daß die Ärzte sich mit 
Leichenuntersuchungen beschäftigten. Dies war unrichtig, dies war 
Semmelweis' ursprünglicher Standpunkt, dessen Einseitigkeit er bald 
erkannt hatte. Aber der L:Ttum von der Leicheninfektion als der einzig 
möglichen Ursache war ausgesprochen, er flatterte hinaus in alle Welt. 
Sollte Semmelweis den Irrtum berichtigen? Seinen edlen Gönner be- 
richtigen? Nein, da schwieg er lieber, wie er zu Hebra's Irrtümern 
geschwiegen hatte. Das kam davon, daß er es immer anderen überließ, 
seine Lehre zu verkündigen! 

Hebra druckte als Redakteur der Zeitschrift der k. k. Gesellschaft 
der Ärzte zu Wien im 6. Jahrgang derselben (1860, p. 107) Skoda's 
Vortrag vollinhaltlich ab, indem er einleitend sagte, er glaube, dies 
tun zu müssen, „sowohl im Interesse der leidenden Menschheit, als 
auch der Wissenschaft, als endlich der Entbindungärzte selbst", und 
zum Schlüsse sich erlaubte, „alle Herren Kollegen und Redakteure 
wissenschaftlicher Journale um Aufnahme dieser Abhandlung in deren 
geschätzte Blätter zu ersuchen, um dieser so wichtigen Entdeckung 
die möglichste Ausbreitung und Bekanntmachung angedeihen zu 
lassen." 

Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften ließ Skoda's Vortrag 
in ihre Sitzungsberichte (Oktoberheft des Jahrganges 1849) aufnehmen 
und außerdem noch einen besonderen Abdruck anfertigen. Gleichzeitig 
stellte Skoda den Antrag, die mathematisch-naturwissenschaftliche 
Klasse möge den Professor der Physiologie Ernst Brücke auffordern, 
mit Dr. Semmelweis gemeinsam weitere Versuche an Tieren anzustellen 
und zu diesem Zwecke beiden Forschern 100 fl. CM. anweisen. Skoda's 
Antrag wurde angenommen und Brücke erklärte sich bereit, mit 
Semmelweis die Tierversuche fortzusetzen. 

An den ihm bekannten Geburtshelfer, Professor Joseph Hermann 
Schmidt in Berlin schrieb Brücke nun folgenden Brief:*) 

^In der hiesigen Gebäranstalt sind seit einer Reihe von Jahren sehr 
viele Wöchnerinnen am Puei*peralfieber zugrunde gegangen, und zwar nur 
auf der Abteilung, welche von den Studierenden besucht wurde, während 
die Sterblichkeit auf der Lehrabteilung der Hebammen gering war. Dieser 
großen Sterblichkeit hat Dr. Semmelweis dadurch Einhalt getan, daß er 
keinen Studierenden während und nach der Geburt zum Touchieren zuließ, 
ehe er sich mit einer Lösung von unterchlorichtsaurem Natron gewaschen 



*) Ätiologie, p. 460. 



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— 55 — 

hatte. Er glaubt nämlich, daß viele Puerperalfieber dadurch erzeugt worden 
sind, daß die Studierenden, nachdem sie Leichenöffiiungen vorgenommen 
hatten, mit nicht sorgföltig gereinigten Händen touchierten. 

In der Tat ist es auffallend, daß sich die große Sterblichkeit erst 
eingefunden hat, seitdem hier mit Eifer pathologische Anatomie getrieben 
wird, und daß sie auf der zweiten Abteilung des Gebärhauses aufgehört hat, 
seitdem diese ausschließlich fär den Unterricht von Hebammen, die keine 
Leichenöffiiungen vornehmen, bestimmt ist. Es hat mir nun die Akademie 
der Wissenschafben aufgetragen, mich näher um diesen Gegenstand zu 
kümmern, und ich erlaube mir deshalb im Interesse der Wissenschaft und 
der Humanität an Sie die Frage zu stellen, ob sich in Ihrer Anstalt oder 
in der vom Herrn Geh. Rat Professor BuBch irgendwelche Erscheinungen 
gezeigt haben, welche geeignet sind, die Ansicht des Dr. Semmelweis zu 
unterstützen. ** 

Brücke spricht in diesem Briefe nur von Leicheninfektion — 
das war die natürliche Folge von Skoda's Vortrag. 

Schmidt antwortete» er könne zu seinem Bedauern nicht mehr 
sagen, als daß er an die Möglichkeit einer Leicheninfektion glaube.*) 
In den Annalen des Charit6-Krankenhauses zu Berlin, Jahrgang I, 
Heft 3, 1860 äußerte sich Schmidt**) dann ausführlicher über die 
Frage. Eine regelmäßige Geburt, zumal bei einer Erstgebärenden, sei 
oft ein recht langwieriger Prozeß, der an die Geduld der Studierenden 
große Anforderungen stelle. 

„Sehr bequem zustatten kommt daher in dieser Beziehung der Umstand, 
daß die Gebäranstalt mit mehreren anderen klinischen Instituten unter einem 
Dache liegt. Die Studierenden der Geburtshilfe gehen daher abwechselnd in 
eine medizinische oder chirurgische, oder in eine der Spezialkliniken, und 
kehren in den Zwischenpausen derselben zurück, um sich von etwaigen 
Fortschritten zu überzeugen, oder auch sie gehen ins Leichenhaus, um sich 
schnell rufen zu lassen, wenn wesentliche Veränderungen eintreten. 

Dieses Altemieren zwischen beiden Polen des Lebens, zwischen der 
Wiege und der Bahre, fährt mich zu einer Episode; ich meine die in öffent* 
liehen Blättern vielfach besprochene Semmelweis'sche Wahrnehmung und Ver- 
mutung 

Die einzige direkte Tatsache, die ich nach hiesigen Erfahrungen bringen 
konnte, war jene oben bemerkte auffallende Antithese . 

Der relative Gegensatz der Hebammen und Geburtshelfer hat zwar 
auch hier stets bestanden, aber bis zum Jahre 1846 nicht in bestimmter 
räumlicher Scheidung; auf einen Unterschied in den Sterblichkeits Verhältnissen 
beider Abteilungen ist wohl überdies nicht so genau geachtet, weil man erst 
durch Semmelweis auf diese Fährte gekommen ist. Dieser hat die Probe an 
Kaninchen gemacht, an Menschen wird man sie nicht machen dürfen, und 
eben deshalb sind nachträgliche direkte Erfahrungen unmöglich, zumal 
Semmelweis selbst mit der hypothetischen Ätiologie zugleich die ziemlich 
sichere Prophylaxis im unterchlorichtsauren Natron gebracht hat. Jeder kann, 
wird und muß sich durch dieses desinfizieren, wenn er in den Eingeweiden 
der Leichen gearbeitet hat, bevor er seine Hand in die Eingeweide der 



♦) ÄÜoiogie, p. 461. 
••) Ätiologie, p. 469. 



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— 56 — 

Lebendigen führfc. Diese billige Forderung wird forthin jede geburtshilfliche 
Klinik an ihre Zöglinge machen und ihnen die Gelegenheit dazu in den 
eigenen Waschtischen erleichtem. 

Wie gesagt, ich glaube an die Möglichkeit, und die Wiener Erfahrungen 
sind für mich vollkommen genügend, Vorsicht zu empfehlen; die eigenen 
verlange ich nicht. 

Es mag dieser Weg immerhin einer von den vielen sein, welcher zum 
Wochenbettfieber führt, der alleinige ist es gewiß nicht." 

Im Dezember 1849 erhielt Semmelweis wieder einen lateinischen 
Brief vom getreuen Routh: 

,,Dor8et-Square, London, 3. Dezember 1849. 

Jam inventionis tuae fama ac veritas in existimatione publica accrescit, 
et inter omnes medicorum societates quam res est maxime utilis, percipiunt 
et agnoscunt, nee vero etiam temere, nam magna est veritas, et praevalebit." 

(Der Ruf und die Wahrheit Deiner Entdeckung verbreitet sich immer 
mehr in der öffentlichen Meinung, und alle Arztegesellschaften sehen es ein 
und erkennen es an, vne nützlich dieselbe ist, und das geschieht nicht un- 
besonnen, denn groß ist die Wahrheit, und sie wird siegen.) 

Auch Dr. Bednar, Primararzt des k. k. Findelhauses in Wien, 
äußerte sich anerkennend in seinem Werke: ^Die Krankheiten der 
Neugebornen und Säuglinge vom klinischen und pathologisch-anato- 
mischen Standpunkte bearbeitet. 1850/ Darin schrieb er:*) 

„Die Sepsis des Blutes bei Neugebornen ist jetzt eine große Seltenheit 
geworden, welches wir der folgereichen und der größten Beachtung würdigen 
Entdeckung des Doktor Semmelweis, emeritierten Assistenten der ersten 
Wiener Gebärklinik, zu verdanken haben, welcher die Ursache und die 
Verhütung des früher mörderisch wütenden Puerperalfiebers glücklich er- 
forscht hatte." 

Dagegen hatte Professor Dr. Hermann Fr. Kilian von dieser 
Entdeckung offenbar noch gar nichts gehört. Er segelte — siehe den 
2. Band seiner Geburtslehre — im Jahre 1850 noch immer im Fahr- 
wasser Oslanders und des alten Busch, der in den zwanziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts die Einfettung des Zeigefingers bei der 
inneren Untersuchung empfohlen hatte, um diese sanfter zu gestalten 
und zugleich um den Untersuchenden vor einer Infektion zu schützen! 
Oslander schrieb in Siebold's Journal (VII. 1827) einen Artikel: 
„Wie können Geburtshelfer bei Entbindungen sich gegen die Ansteckung 
und andere schädliche Einwirkungen schützen ?" Daß es viel wichtiger 
sein könnte, die unglücklichen Frauen vor Infektion durch unreinliche 
Hände des Untersuchers zu schützen, daran dachte zu jener Zeit, am 
Kontinent wenigstens, niemand. Und Kilian selbst im Jahre 1860 nicht! 
Er schrieb: 

„Ehe man zur Untersuchung schreitet, wird stets der in die Vagina 
zu führende Teil der Hand sorgfältig mit einem schlüpfrig machenden StoflPe 
überzogen . . . Daß es außerdem jetzt von vorzüglichem Nutzen ist, alles was 



*) Ätiologie, p. 69. 



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— 57 — 

zur nachfolgenden Reinigung der Hand erforderlich ist, in Bereitschaft zu 
halten, leuchtet von selbst ein." 

Der Desinfektion mit Chlorkalk ei*wähnt Kilian mit keinem 
Worte. Möglich, daß er doch in der folgenden Zeit von Semmelweis' 
Bestrebungen zu hören bekam, denn nun begann der wissenschaftliche 
Streit äußerst lebhaft zu werden. 

Skoda's öffentliches Auftreten für Semmelweis hatte wie eine 
Bombe gewirkt. Leider nicht zugunsten der Semmelweis'schen Lehre. 
Überall entstand die Meinung, Semmelweis sehe in jedem Puerperal- 
fieber eine Leicheninfektion, und Skoda's unwillige Worte über die 
Prager ärztliche Gebärklinik hatten der Sache einen neuen Feind 
gezüchtet — den Dozenten Dr. Scanzoni, gewesenen Assistenten 
dieser Klinik. 

Dieser erwartete sich a priori nichts von der neuen Heilslehre, 
denn über das Wesen des Puerperalfiebers dachte er ganz anders. In 
der Prager Vierteljahrschrift vom Jahre 1846 (Bemerkungen über die 
Genesis des Kindbettfiebers) hatte er gesagt: Die conditio sine qua 
non sei die fibrinöse Krase des Blutes, welche, wenn sie sich zu 
einem höheren Grade steigere, die nächste Entstehungsursache 
und folglich das Wesen des gemeinen Puerperalfiebers darstelle. 
Sie entstehe unter Einflüssen kosmischer und tellurischer Verhältnisse. 
Keineswegs aber gebe die während der Geburt an der Placentarstelle 
stattfindende Verwundung der Gebärmutter die eigentliche Ursache 
zum Entstehen des PuerpSralfiebers ab. 

Scanzoni war nicht der Mann, innerhalb vier Jahren seine 
wissenschaftliche Überzeugung zu ändern. Ja, wenn er selbst die Ent- 
deckung gemacht hätte! Aber die Entdeckung eines anderen, eines 
jugendlichen Konkurrenten, die mußte entschieden bekämpft werden. 
^Wir" haben uns über die Sache schon klar geäußert, »wir" bleiben 
dabei. Zugestehen, daß wir uns geirrt? Kindische Frage! Da würde 
doch „unsere" wissenschaftliche Autorität leiden. Wir haben immer 
Recht. 

So betrieb denn Scanzoni von Anfang an die Chlorwaschungen 
auf seiner Klinik sehr lässig und als der nicht gewünschte Erfolg 
tatsächlich ausblieb, festigte sich seine Überzeugung um so mehr. Er 
hatte wieder Recht gehabt. 

Nun kam Skoda's Vortrag, sein Vorwurf gegen die Prager 
Klinik. So ein Unterfangen ! Noch dazu von einem, der gar nicht Fach- 
mann ist! 

Scanzoni's Antwort erschien alsbald in der Prager Vierteljahrs- 
schrift für praktische Heilkunde vom Jahre 1850. 

„Nachdem schon früher im IV. Jahrgange der Zeitschrift der Gesell- 
schaft der Wiener Ärzte von der Redaktion derselben auf die Ersprießlich- 
keit der von Dr. Semmelweis empfohlenen Chlorkalkwaschungen behufs der 
Hintanhaltung des so häufigen und bösartigen Auftretens des Puerperalfiebers 
in Gebärhäusem aufmerksam gemacht wurde, hielt es Professor Skoda neuerdings 
für notwendig, das Augenmerk der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 



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— 58 — 

auf diesen Gegenstand zu lenken. Derselbe ist von zu hoher Wichtigkeit, 
von zu allgemeinem Interesse, als daß wir es unterlassen könnten, ihn in 
diesen Blättern näher zu berühren. 

Professor Skoda entwickelt in dem gedachten Vortrage zuerst die 
Tatsachen und Schlüsse, aus deren Kombination die Entdeckung des 
Dr. Semmelweis hervorgegangen ist. Dieser Teil des Vortrages bietet übrigens 
zu wenig Neues, als daß wir es für nötig hielten, ihn hier weiter auseinander 
zu setzen; denn dem größten Teile des ärztlichen Publikums dürfte es be- 
kannt sein, daß die ^Erkrankungen und Sterbefälle, der allgemeinen Annahme 

zufolge, in Gebärhäusem viel häufiger sind als außerhalb derselben 

Eine gegründete Aussicht, die Sache recht bald ins Klare zu bringen, schien 
Professor Skoda und Dr. Semmelweis in dem Umstände zu liegen, daß in 
der Pr^er Gebäranstalt die Erkrankungen von Zeit zu Zeit gleichfalls sehr 
zahlreich waren und allem Anscheine nach dieselbe Ursache hatte als in 
Wien. Professor Skoda behauptet^ zur Einführung der Chlorwaschungen in der 
Prager Gebäranstalt aufgefordert zu haben^ doch geschah dies, so viel uns be- 
kannt ist, weder von seinery noch von Seite des Dr. Semmelweis auf eine der WicJi' 
tigJceit des Gegenstandes entsprechende Weise; wenigstens erhielten wir die Nach- 
richt über die von Dr. Semmelweis eöipfohlene Maßregel immer nur auf in- 
direktem Wege durch Ärzte, - welche ihr Weg zufällig von Wien nach Prag 
führte. Eine direkte briefliche Aufforderung von Seite der genannten beiden 
Ärzte ist, so viel uns bekannt wurde, an die Vorsteher der Prager Gebär- 
anstalt nie ergangen. Deshalb sahen auch wir uns nicht veranlaßt, die An- 
sichten, welche bei den hier gepflogenen kommissionellen Erhebungen geltend ge« 
macht wurden, nach Wien zu berichten, und wir wissen nicht, worauf Pro- 
fessor Skoda fußt, wenn er sagt, daß bei den infolge seiner Aufforde- 
rung an der Prager Lehranstalt gepflogenen Verhandlungen die Ansicht die 
Oberhand behielt, daß die Puerperalkrankheiten durch epidemische Einflüsse 
bedingt seien und daß man die Chlorwaschungen bisher entweder gar nicht 
oder nicht mit Ernst in Anwendung gebracht habe. 

Diesen Vorwurf der Indolenz, welchen Professor Skoda öffentlich den Leitern 
der Prager Gebäranstalt machtj vermögen wir nicht ohne eine rechtfertigende 
Entgegnung hinzunehmen; denn kurz nach dem Bekanntwerden der in der 
Wiener Gebäranstalt gemachten Erfahrungen wurden auch in Prag die Chlor- 
waschungen eingeführt und ihre sorgfältige Vornahme von Seite der Schüler 
auf das eifrigste überwacht, wie es jeder bestätigen wird, welcher zu jener 
Zeit unsere Klinik besuchte. 

Hätte es Professor Skoda der Mühe wert gehalten, genauere direkte Erkundi- 
gungen dnauziehenj so hätte er es vermieden, eine Beschuldigung auszusprechen^ welche 
die Prager Anstalt und die an ihr angestellten Arzte in den Augen des ärztlichen und 
nichtärztUchen Publikums verdächtigen muß, — Wir wissen sehr wohl, daß sich 
in Wien vor einiger Zeit, und zwar gerade als wir die Stelle eines Assi- 
stenten versahen, das Gerücht verbreitete, als wäre in der Prager Gebär- 
anstalt eben damals das Mortalitätsverhältnis ein auffallend ungünstiges ge- 
wesen; wir wissen recht wohl, daß man diese angeblich so entsetzliche 
Sterblichkeit der Wöchnerinnen mit der Unterlassung der von Dr. Semmel- 
weis empfohlenen Chlorwaschungen in* Zusammenhang brachte und bloß 
unserer Indolenz, unserem Starrsinne die Schuld des so häufigen und bös- 
artigen Auftretens des Puerperalfiebers im Prager Gebärhause beimaß. Wir 
schwiegen zu diesen Beschuldigungen, weil wir erwarteten, daß es die Ver- 
breiter derselben für ihre Pflicht halten würden, eine hohe Regieining auf 
dieses in ihren Augen so sträfliche Gebaren aufmerksam zu machen und 



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— 59 — 

so eine Untersucliung ias Leben zu rufen, bei welcher wir Gelegenheit gefun- 
den hätten, die gegen uns erhobenen Beschuldigungen zu entkräften. 

Dies geschah aber nicht und wir verzichteten darauf, ein Gerücht 
Lügen zu strafen, welches uns in den Augen jener, die uns und unser 
Wirken im Prager Gebärhause kennen, nicht schaden konnte. Da aber gegen- 
wärtig Professor Skoda gegen die Prager Gebäranstalt und somit unmittel- 
bar auch gegen uns klagbar auftritt, so brechen wir unser Schweigen und 
veröfifentlichen zur Widerlegung des oben erwähnten Gerüchtes die nach- 
folgende streng wahrheitsgemäße tabellarische Übersicht, welche zur Genüge 
dartun dürfte, daß das Erkrankungs- und Sterblichkeitsverhältnis der in der 
Prager Anstalt Entbundenen im Verlaufe der letzten 15 Monate unserer 
dortigen Wirksamkeit durchaus kein ungünstiges zu nennen ist 

Wir heben diesen Zeitraum (vom 1. Juni 1847 bis 1. September 1848) 
deshalb hervor, weil es derjenige ist, innerhalb dessen Dr. Semmelweis die 
Chlorwaschungen auf der Wiener geburtshilflichen Klinik in Anwendung 
zu bringen anfing und weil die angebliche Unterlassung dieser Waschungen 
uns zum besonderen Vorwurfe gemacht wurde. 

... Es starben somit innerhalb der Gebäranstalt von 2721 Wöch- 
nerinnen 45, d. i. VS^/oj während sich auf der Wiener I. geburtshilflichen 
Klinik in den Monaten Juni 1847 bis April 1848 ein Mortalitätsverhältnis 
von 2*50/q ergibt. Es wäre daher das .Sterblichkeitsverhältnis der im 
Prager Gebärhause behandelten Wöchnerinnen um 0*9^0 günstiger als 
jenes der Wiener L geburtshilflichen Klinik. 

Obgleich nun in den bis jetzt von Seite der Wiener Arzte veröffent- 
lichten Mitteilungen nicht angegeben ist, ob und wie viele Wöchnerinnen 
auf die übrigen Abteilungen des Wiener Allgemeinen Krankenhauses trans- 
feriert und mit welchen Besultaten sie daselbst behandelt wurden, somit 
eine Vergleichung mit den nachfolgenden Zahlen nicht streng möglich ist, 
so wollen wir doch, um uns von dem Vorwurfe, diesen wichtigen Punkt ver- 
schwiegen zu haben, zu verwahren, hier auch eine Übersicht der im Prager 
Allgemeinen Krankenhause verstorbenen, von der geburtshilflichen Klinik 
dahin transferierten Wöchnerinnen mitteilen. 

. . . Zählt man diese im Krankenhause verstorbenen 41 Wöchnerinnen 
zu den obenerwähnten 45 in der Gebäranstalt Verschiedenen, so ergibt sich 
für uns ein Sterblichkeits Verhältnis von 86 Toten zu 2721 Entbundenen, 
d. i. 3-lo/o- 

Damit nun auch hier ein Vergleich zwischen den Besultaten der Wiener 
und Prager Gebäranstalt durchgefährt werden könne, so wäre es sehr 
wünschenswert, wenn voo Seite der ersteren Anstalt auch veröffentlicht 
würde, ob und wie viele Wöchnerinnen auf die übrigen Abteilungen des 
Ejrankenhauses transferiert wurden. 

Aber selbst in dem Falle, daß in Wien gar keine solche Trans- 
ferierung stattgefunden hätte, was nicht angenommen werden kann, da Pro- 
fessor Skoda selbst erwähnt, daß die erkrankten Wöchnerinnen zuweilen 
von der Gebäranstalt in das Krankenhaus übertragen wurden, so bleibt unser 
Mortalitätsverhältnis nur um 0*6^0 ungünstiger, cds jenes der Wiener Klinik, 
ein Unterschied, welcher gewiß in den Augen eines jeden Unbefangenen 
viel zu unbedeutend erscheinen wird, als daß er zu Vorwürfen für unsere 
Anstalt, zu Verdächtigungen und Beschuldigungen der daselbst angestellten 
Ärzte berechtigen könnte. 

Es wurde allerdings auf den verschiedenen Abteilungen des Prager 
Allgemeinen Krankenhauses noch eine beträchtliche Anzahl von puerperal- 



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— 60 — 

kranken Wöchnerinnen behandelt, welche teilweise auch in der Gebäranstalt 
geboren hatten, von da aber gesund entlassen wurden und erst nach 
längerem Aufenthalte in der Stadt erkrankten, aber diese Fälle glauben 
wir bei den obigen numerischen Angaben nicht in Betracht dehen zu können, 
weil gewiß solche auch auf den Wiener Krankenhausabteilungen zur Be- 
handlung kamen, aber in den bis jetzt veröffentlichten Berichten, als der Ge- 
bäranstalt fremd, unberücksichtigt blieben und bleiben mußten. 

Was nun den in der Prager Gebäranstalt beobachteten Erfolg der 
Chlorwaschungen anbelangt, so ist zu erwähnen, daß dieselben im Monate 
März 1848, wo das Puerperalfieber häufiger und bösartiger auftrat, zum ersten 
Male angeordnet und beharrlich während der zweiten Hälfte des Monates 
März, sowie auch in dem ganzen nachfolgenden Monate April durchgeführt 
wurden. Da sich aber^ ungeachtet wir auch in dieser Periode die Sektions- 
lokalitäten nur äußerst selten besuchten, die Zahl der Erkrankungen durch- 
aus nicht minderte, so wurden die Chlorwaschungen des Experimentes wegen avf 
einige Zeit ausgesetzt und was diese, mit der größten Sorgfalt vorgenommenen 
und überwachten Waschungen nicht vermochten, das vollbrachte ein günstigerer 
Genius epidemicus: die Erkrankungen minderten sich plötzlich, so daß wir im 
Monate Mai auf 205 Wöchnerinnen nur 1 Todesfall zählten, während in den 
Monaten März und April, wo mit Chlorkalk gewaschen wurde, auf 406 Ent- 
bundene zufällig 31 Tote kamen. 

Daß diese Angaben streng wahrheitsgemäß sind, davon kann man sich 
einesteils durch die Einsicht in die Protokolle der Kranken- und Gebäranstalt 
überzeugen, anderes Teiles dürfte die gewissenhafte Überwachung von Seite 
des Direktors der Prager Krankenanstalten, des Herrn Dr. Riedl, hinläng- 
liche Bürgschaft leisten, daß die erwähnten Waschungen mit dem ge- 
hörigen Ernste vorgenommen wurden. 

Nachdem wir uns nun die Überzeugung verschafft hatten, daß diese 
Maßregel nicht imstande sei, den einmal ausgebrochenen häufigen Erkrankungen 
der Wöchnerinnen Einhalt zu tun, lag es uns ob, zu erforschen, ob sie viel- 
leicht zureiche, das Auftreten solcher Puerperalendemien im Gebärhause 
hintanzuhalten. Die Waschungen wurden daher anfangs Juni neuerdings 
eingeleitet und, ohne daß irgendeine Ursache nachweisbar gewesen wäre, 
erkrankten im Juni 21, im Juli 9, im August 26; von den ersten starben 9, 
von den zweiten 2, von den dritten 8. Wie sich diese auffallende Schwankung 
in der Zahl der Erkrankungen erklären ließe, wenn den Chlorwaschungen 
wirklich ein so großer Einfluß zukäme und die Häufigkeit der Erkrankungen 
nur durch die bei der Untersuchung stattfindende Leicheninfektion bedingt würde, 
vermögen wir, jedes zureichenden Anhaltspunktes entbehrend, nicht an- 
zugeben. 

Nicht unerwähnt können wir es übrigens lassen, daß auf die Prager 
Gebäranstalt die von Dr. Semmelweis aufgestellte, von Professor Skoda 
verfochtene H3rpothese schon deshalb keine Anwendung finden könne, weil 
daselbst einesteils nur äußerst wenige Mütter nach der Entbindung, während 
welcher die zur Aufnahme deletärer Stoffe disponierenden Verletzungen der 
Genitalien entstehen, untersucht werden, andemteils die im Gebärhause 
praktizierenden Schüler nur ausnahmsweise, oft im Verlaufe von mehreren 
Tagen gar nicht, mit Leichen in Berührung kamen, was gewiß jeder mit 
den Verhältnissen unserer Anstalt Vertraute bestätigen wird. 

Wir überlassen es unserem Nachfolger, dem gegenwärtigen Assistenten 
an der geburtshilflichen Klinik Dr. Seyfert, seine Erfahrungen über die 
von Dr. Semmelweis empfohlene Maßregel zu veröffentlichen; das, was wir 



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— 61 — 

soeben mitteilten, sollte nur zu unserer Rechtfertigung gegenüber dem 

indirekt auch uns von Professor Skoda gemachten Vorwurfe dienen 

Von diesen Tierversuchen veröffentlicht Professor Skoda 9, aus welchen 
wir jedoch keinen anderen Schluß ziehen können, als daß faulende tierische 
Stoffe, wenn sie in die Genitalien eines Tieres, welches kurz zuvor geworfen 
hat, in verhältnismäßig großer Quantität, zu wiederholten Malen und 
im flüssigen Zustande eingebracht werden, eine tödliche Pyämie hervor- 
zurufen vermögen. Es leuchtet jedoch durchaus nicht ein, wie das Besultat 
dieser Versuche geeignet wäre, als Beweis für die Richtigkeit der von 
Dr. Senunelweis und Professor Skoda behaupteten Hypothese einer dem 
häufigen Erkranken der Wöchnerinnen zugrunde liegenden Leicheninfektion 
zu dienen; denn 1. werden deletäre Stoffe, wie sie ja an dem Finger des 
Untersuchenden haften, nie in so großer Menge und nie so ofk nacheinander 
ihren schädlichen Einfluß geltend machen, wie es bei den von Dr. Semmelweis 
angestellten Experimenten der Eall war, bei welchen gewöhnlich Eiter, 
Jauche usw. zu wiederholten Malen, oft durch mehrere Wochen in die 
Genitalien der Kaninchen, welche kurz zuvor geworfen hatten, eingespritzt wurde. 

2. Geschehen die Untersuchungen der Kreißenden in der Eegel nur 
vor der Entbindung, also zu einer Zeit, wo die beschuldigten Verletzungen 
der Genitalien noch nicht platzgegriffen hatten, und Dr. Semmelweis hat 
es gänzlich unterlassen, die zu den Experimenten gebrauchten deletären 
Stoffe schon vor dem Wurfe in die Genitalien der von ihm benutzten 
Kaninchen einzubringen, was jedenfalls hätte geschehen sollen, um eine 
Analogie mit dem Vorgange in den Gebäranstalten zu erzielen. 

3. Ebenso können wir uns mit Professor Skoda durchaus nicht ein- 
verstanden erklären, wenn er das Puerperalfieber als jederzeit identisch mit 
Pyämie bezeichnet. Diese seine Ansicht soll in nächster Zeit von anderer 
Seite ihre Widerlegung finden, weshalb wir es nicht für nötig halten, hier 
weiter in diesen Gegenstand einzugehen, umsomehr, als Professor Skoda 
unterlassen hat, numerisch nachzuweisen, daß sich das Puerperalfieber in der 
Mehrzahl der Fälle wirklich als Pyämie charakterisiert. Solange dies aber 
nicht geschehen ist, so lange ist auch in Beziehung auf die Ermittlung der 
Ursache der häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen die Erfahrung ohne 
Wert, daß die Injektion deletärer Stoffe in die Vagina Pyämie hervorzurufen 
vermöge, eine Erfahrung, welche, nebenbei gesagt, zu ihrer Konstatierung 
nicht erst der von Professor Skoda so hoch angeschlagenen Versuche des 
Dr. Semmelweis bedurft hätte. 

Gibt es übrigens einen Punkt, rücksichtlich dessen wir ganz Professor 
Skoda's Ansicht teilen, so ist es der, daß noch weitere und vielfältig ab- 
geänderte Versuche an Tieren vorgenommen werden müssen. 

Daß dies unsere vollste Überzeugung ist, dafür möge der Umstand 
sprechen, daß wir im März des verflossenen Jahres^ also zur selben Zeit, in 
welcher Dr. Semmelweis seine Experimente begann, die dringende Bitte an 
ein hohes böhmisches Landesgubemium stellten: es möge dafür Sorge tragen, 
daß durch vielfache und mit der nötigen Umsicht angestellte Versuche 
an Tieren das über der Entstehungsweise der im Gebärhause zeitweilig auf- 
tretenden Puerperalfieberepidemien schwebende Dunkel einigermaßen aufgehellt 
werde, und damit sich ein jeder überzeuge, wie sehr uns dieser Gegenstand 
am Herzen liegt, lassen wir unser diesfälliges Gesuch hiermit wörtlich folgen : 

Hohes k. k. Landesgubemium I Bei dem häufigen und bösartigen 
Auftreten des Kindbettfiebers in der Prager k« k. Gebäranstalt erscheint die 



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— 62 — 

Beantwortung der Frage, wie dem heftigeren Ausbruche dieser Krankheit 
vorgebeugt werden könnte, als ein Desiderat jedes menschenfreundlichen 
Arztes, und die Humanität hat ein gegründetes Recht, von einer hohen 
Landesregierung zu fordern, daß alle, zur Lösung dieser fär das Wohl der 
Menschheit so hochwichtigen Frage, geeignet scheinenden Wege eingeschlagen 
und kein Mittel unbenutzt gelassen werde, das Wesen dieser furchtbaren und 
dabei noch immer so rätselhaften Krankheit zu erforschen. 

Der ehrfurchtsvollst Gefertigte hat aber während seiner mehr als fänf- 
jährigen Dienstleistung in den Krankenanstalten Prags die Überzeugung 
gewonnen, daß alle in dieser Periode und auch schon früher angeordneten 
Maßregeln, das Wesen der besagten Krankheit näher zu ergründen, den an- 
gestrebten Zweck gänzlich verfehlten; weshalb er, mit dem objektiven Auf- 
treten der Elrankheit innig vertraut, als Mitglied der am 28. L M. im 
k. k. Gebärhause abgehaltenen IJntersuchungskommission es wagt, 
einem hohen k. k. Landesgubemium die ihm zur Feststellung der Natur der 
Krankheit am geeignetsten scheinenden Maßregeln zur hohen Genehmigung 
ergebenst zu unterbreiten. 

Die praktische Durchführung derselben erscheint um so dringlicher, 
als den Prager k. k. Gebäranstalten und somit mittelbar auch 
einem hohen k. k. Landesgubemium bereits hierorts, wie auch 
anderwärts der Vorwurf gemacht wurde, daß sich dieselben bei 
den so zahlreich erfolgenden Erkrankungen und Sterbefällen im 
Gebärhause gänzlich indolent verhalten und keinen durchgrei- 
fenden Versuch anstellen, ein helleres Licht über die Wahrheit 
und Entstehungsweise dieser so bösartigen Krankheit zu ver- 
breiten. 

Da es sich aber zunächst darum handelt, mit Bestimmtheit zu er- 
funden, ob dem so häufig in- und extensiv heftigen Auftreten des Puerperal- 
fiebers in der Gebäranstalt ein bloß epidemischer, in kosmischen und 
iellurischen Verhältnissen begründeter oder ein miasmatischer Einfluß zu- 
grunde liegt, welcher durch die Zusammenhäufung mehrerer Schwangeren, 
Kreißenden und Wöchnerinnen bedingt ist, oder ob sich endlich die Elrankheit 
durch ein eigenes Kontagium, durch eine Lifektion weiter fortpflanze; so 
scheint dem ehrfurchtsvoll Gefertigten zur Lösung dieser Fragen folgender 
Weg als der passendste: 

1. Möge vor allem eine Kommission von Ärzten niedergesetzt 
werden, welche wenigstens durch ein ganzes Jahr nach einem 
zuvor entworfenen Plane die Entstehungsanlässe des Puerperal- 
fiebers in- und außerhalb der Gebäranstalt strenge prüft. 

2. Wäre das Erkrankungs- und Mortalitätsverhältnis der 
während derselben Zeit in der Stadt, außerhalb des Gebärhauses 
entbundenen Frauen zu erforschen, weshalb sämtliche angestellte und 
Privatärzte Prags anzuweisen wären, gleichwie bei anderen epidemisch auf- 
tretenden £j*ankheiten dem Bezirksvorstande die entsprechende Meldung zu 
tun und diesem Rapporte eine kurze Kranken- und G^burtsgeschichte mit 
besonderer Bücksicht auf die Kausalmomente der Erkrankung beiznfägen. 

8. Zur Beantwortung der Frage, ob der Fortpflanzung und Weiter- 
verbreitung der Krankheit eine Lifektion zugrunde liegt, wären Versuche 
an weiblichen neu entbundenen Tieren (Kaninchen, Hunden, Katzen, 
Kühen) anzustelle n, von welchen man einzelne teils in den mit PuerpercU' 
kranken belegten Sälen^ ja sogar in deren Betten unterbringen, teils durch Injektionen 
verschiedener, von Puerperen gelieferten Sekrete (Lochien, Blut, Eier) in 



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— 63 — 

die Genitalien oder durch Einimpfungen derselben der Wirkung des deletären 
Stoffes aussetzen könnte. Nach der Ansicht des ehrfurchtsvoll Gefertigten 
haben nur solche, vorurteilsfrei und öffentlich vorgenommene Experimente 
beweisende Elrafb und sonderbar erscheint es, daß dieser so nahe liegende 
Gegenstand bis jetzt noch von keiner Seite angeregt wurde. 

Da die Durchführung dieser Vorschläge keinen besonderen Schwierig- 
keiten unterliegen und sich gewiß jeder Arzt mit Vergnügen zur Lösung 
dieser so wichtigen und interessanten Streitfrage bereit zeigen dürfte, so 
sieht sich der Gefertigte, wenn vom theoretischen Standpunkte kein Einwurf 
gegen die von ihm empfohlenen Maßregeln erhoben werden kann, genötigt, 
•auf die praktische Durchführung derselben um so mehr zu dringen, als, 
wenn die besagte Krankheit wirklich contagiös wäre, sämtliche Gebär- 
häuser als wahre, vomStaate unterhalteneMörderhöhlen betrachtet 
werden müßten. Stellt sich aber das Puerperalfieber als nicht kontagiös 
dar, wie es dem ehrfurchtsvoll Gefertigten mehr als wahrscheinlich ist, wird 
vielmehr der Einfluß kosmischer und tellurisdier Verhältnisse als Kausalmoment 
sichergestellt; so entledigt sich eine hohe k. k. Landesregierung aller jener 
Vorwürfe, welche mittelbar auch ihr wegen der Aufrechthaltung der Gebär- 
anstalten von so manchen Seiten gemacht werden; fest überzeugt ist al^er 
der Gefertigte, möge das Untersuchungsresultat wie immer ausfallen, daß siA 
ein hohes k. k. Landesgubemium und die von ihm niedergesetzte äxsSSsAe 
Xommission durch die Lösung einer so hochwichtigen Frage ein unsteitlielfli 
Verdienst um die Menschheit und um die Wissenschaft erwerben werd& 

Prag, am 29. März 1849. -n^ QnoT,»r^«; «, .. ' 

^' JLFr. ocanzoni m. p. 



Hierauf entschied ein hohes böhmisches Landesgubemium ddo. 20. 
1849 s. Nr. E. 41268, daß die von uns vorgeschlagenen Versuche, da gogsn 
ihre Vornahme kein Bedenke» erhoben werden kann, entweder in der G^bär- 
anstalt oder auf der uns unterstehenden Abteilung für Frauenkrankheiten 
durchzuführen seien, und wir hätten dieselben alsogleich in Angriff genommsB^ 
wenn sich nicht Herr Professor Bitter v. Jungmann dahin ausgesprochen 
hätte, daß sie erst zur Zeit einer Epidemie gemacht werden sollen. Dieser 
Ansicht glaubte die Prager k. k. Krankenhausdirektion beitreten zu münen 
und so kam es, daß wir erst am 4. Februar 1850 den Aufkrag und die 
Bevollmächtigung erhielten, die von uns vorgeschlagenen Versuche yomehflaon 
zu dürfen. Zugleich wurden wir aufgefordert, diejenigen Herren Arzte nam- 
haft zu machen, deren Beiziehung zu diesen Versuchen uns wünschenswert 
erscheint. Wir nannten die Herren Professoren v. Jungmann, Engel, 
Hamernik und Jaksch und hoffen, daß wir bald in den Stand gesetzt 
sein werden, die Resultate dieser Versuche zu veröffentlichen. 

Ob es uns gelingen wird, so wie Professor Skoda über die Ermittlung 
oder Konstatierung der wahren Ursache der häufigen Erkrankungen der 
Wöchnerinnen in Gebärhäusem referieren zu können, dies wagen wir nicht 
im vorhinein auszusprechen." 

Das war nicht mehr ein wissenschaftlicher Kampf, kein Ringen 
um die Erkenntnis der Wahrheit, sondern sehr persönliches, gehässiges 
Gezanke unter dem Scheine der Wissenschaftlichkeit. Nur reines Denken 
bringt den Forscher vorwärts. Beeinflussen ihn persönliche Momente, 
so ist es aus mit seiner Unbefangenheit. Er hört auf, ein Forscher zu 
sein, er wird zum Geschäftsmann, der seine Stellung, Autorität, Macht, 



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— ei- 
sern Ansehen verteidigt, er wird zum Betrüger an der Wissenschaft. 
Nicht mehr das Streben nach Wahrheit leitet ihn, sondern die Sucht, 
Recht zu behalten, den Gegner niederzuringen. Und zu diesem Zwecke 
ist ihm kein Mittel zu schlecht Da wird die Logik umgangen, die 
Wahrheit dreist gefälscht, geleugnet — vor nichts fast schreckt er 
zurück, wenn er nur vor der Welt als Sieger dasteht. 

Ein Schulbeispiel für diese gefährliche Sorte sogenannter Ge- 
lehrter ist Scanzoni. Die Tatsachen und Schlüsse, aus deren Kom- 
bination Semmelweis' Entdeckung hervorgegangen ist, bieten ihm nichts 
neues, er geht einfach über sie hinweg. Über den wichtigsten Teil der 
ganzen Lehre ! Dann mußte ihm freilich Jedes Verständnis für letztere 
abgehen. Und wie konnte er behaupten, Semmelweis' Schlüsse böten 
nichts neues! Die Tatsachen, von denen er ausging, waren teilweise 
längst bekannt, aber die Schlüsse, die er daraus zog, waren durchaus 
neu. Scanzoni hatte sich offenbar keine Mühe gegeben, diesen Teil 
von Skoda's Vortrag genau zu lesen, zu studieren. Daß ihn überhaupt 
Cytvissenhaftigkeit nicht plagte, geht daraus hervor, daß er immer nur 
Leicheninfektion spricht, trotzdem er Hebra's aufsehenerregende 
■lung über Semmelweis' Entdeckung gelesen hatte. Und Hebra's 
tiolter Appell an die Vorstände der Gebärhäuser hatte bei Prof. 
Juai^mann und Assistent Scanzoni taube Ohren gefunden. Unter 
«atefaen Umständen konnten die Chlorwaschungen freilich keinen Er- 
folg haben, Scanzoni war ja gar nicht darüber unterrichtet, wie er 
-fli» durchzuführen hatte. 
" " "' Im Anschlüsse an Scanzoni 's Auslassungen erschienen 

»^Krgänzende Bemerkungen zu dem 'vorstehenden Aufsatze. 
..Von Dr. Bernhard Seyfert, Assistenten im Prager k. k. Gebärhause. 

■ Aufgefordert, die während unserer Dienstleistung im Prager Gebärhause 
nfflS' den Chlorwaschungen erzielten Resultate zu veröffentlichen, teilen wir 
iSer m Kürze dasjenige mit, was uns zur Beleuchtung dieses so wichtigen 
Ctegenstandes notwendig erscheint. Vor allem müssen wir uns von 
dem Verdachte reinigen, als hätten wir uns trotz der Aufforderung von 
Soften der Wiener Geb&ranstalt halsstarrig der Anwendung der Chlor- 
waschungen widersetzt. Denn erstens ist nie eine solche Aufforderung 
an uns ergangen, wir sind nur auf indirektem Wege, nur durch fremde 
durchreisende Ärzte mit der Sache bekannt gemacht worden, und zweitens 
haben wir auch so viel Verstand und Herz, als daß wii* einen Gegenstand 
von so hoher Wichtigkeit hartnäckig von uns gewiesen hätten, einen Gegen- 
stand, von dem wir wußten, daß auf demselben in Wien ein so großes Ge- 
wicht gelegt wurde, und wegen dessen wir, wenn er sich bewährt hätte, mit 
Recht hätten zur Verantwortung gezogen werden müssen. 

Als ich nach Dr. Scanzoni die Stelle des Assistenten im Gebärhause 
übemonunen hatte, setzte auch ich die, wie von ihm erwähnt wurde, früher 
einmal ausgesetzten Chlorwaschungen wieder ununterbrochen fort, bin aber 
nicht so glücklich, berichten zu können, wir hätten durch dieselben eine be- 
sonders günstige Umwandlung des Mortalitätsverhältnisses erfahren, sondern 
es erkrankten eben nicht mehr als andere Jahre, wo die Chlorwaschungen 
nie&t vorgenommen wurden. Wohl heißt es auch in der Ankündigung der 



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— 65 — 

Semmelweis'schen Methode, es seien die Chlorwaschungen ein Mittel, die 
Puerperalerkrankungen bis auf die gewöhnliche Zahl herabzusetzen. Da wir 
aber nicht wissen, welches die gewöhnliche Zahl sei, die von Ent- 
bundenen erkranken dürfe, und welche also außer dem Bereiche der Leichen- 
infektion zu liegen scheint (gegen die daher noch eine andere Potenz er- 
funden werden muß) ; so wollen wir hier eine Tabelle folgen lassen, aus welcher 
ersichtlich wird, wieviel in jedem Monate starben, und bitten uns dann von 
Sachkundigen die Erklärung aus, ob dieses die gewöhnliche Zahl sei 
oder nicht. 

Im Monate Oktober 1848 von 190 Entbundenen starben 5 

„ November „ „ 184 „ n 6 

Dezember „ „ 236 ^ «7 

„ „ Jänner 1849 ^ 254 „ n ^ 

„ „ Februar „ ^ 211 „ „3 

März „ „ 223 ^ „14 

Aus diesen Angaben ist ersichtlich, daß trotz der fortgesetzten Chlor- 
waschungen die Anzahl der Erkrankungen nicht nur nicht abnahm, sondern 
daß sogar die Sterblichkeit im März bedeutend stieg, wie dies fast 
alljährlich im Monate März, so wie beim Puerperalfieber, so auch bei anderen 
Krankheiten zu geschehen pflegt. Nicht unberührt können wir lassen, daß 
noch ehe in der Gebäranstalt im März die Anzahl der ErkrankungsiWe wuchs, 
im Februar schon in der Stadt eine so bedeutende Puerperal- 
epidemie herrschte, daß eine große Anzahl Wöchnerinnen erkrankte und 
starb. Es wäre die Sache der Bezirksärzte, die diesfäUigen Ziffern zu ver- 
öffentlichen. Nur so viel wissen wir gewiß, daß das Sterblichkeits- 
verhältnis im Monate Februar in der Stadt ein viel ungünstigeres 
war, als in der Gebäranstalt. Bei eingetretenen günstigeren Witterungs- 
verhältnissen nahm nun das Puerperalfieber wieder ab, wie dies alljährlich zu 
geschehen pflegt 



Ss 


starben 


im 


Monate 


April 


von 217 Entbundenen 7 


n 


V 


n 


n 


Mai 


„ 218 


8 


1* 


n 


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f) 


Juni 


. 197 


5 


n 


n 


» 


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JuH 


„ 192 


6 


«t 


79 


V 


y) 


August 


. 153 


6 


n 


rt 


T) 


» 


September 


„ 171 


6 



Im Monate Oktober erkrankte und starb von 186 Entbundenen gar keine. 
Wir wissen nicht, ob die Wiener Gebäranstalt einen Monat aufzuweisen hat, 
in welchem gar keine Wöchnerin erkrankte. Auch in unserer Anstalt ist es 
eine seltene Erscheinung gewesen, ürvs schien dies der günstige Augenblick zu 
sein, den Wert der Chlorwaschungen ans volle Licht zu stellen. 

Obgleich wir der festen Überzeugung waren, daß von den wenigen 
Schülern, welche im Sommer des Jahres 1849 die Gebärklinik besuchten, 
ofb kein Einziger Wochen lang die Sezieranstalt besuchte, wir selbst aber 
aus Vorsatz bei den Sektionen, welchen wir beiwohnten, den 
Kadaver nie mit der Hand berührten, um den Verdacht fem zu halten, 
als trügen wir durch die Übertragung faulender tierischer Stoffe zur Ent- 
stehung des Puerperalfiebers bei; so befahlen wir doch den Hebammen von 
neuem und mit aller Strenge darüber zu wachen, daß jeder Schüler, er möge 
in der Sezieranstalt gewesen sein oder nicht, sich vor dem Untersuchen die 
Hände in der Chlorkalklösung waschen möge. 

T. Wald heim, Ignaz Philipp Semmel weil. 5 



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— 66 — 

Dessenungeachtet kamen wieder neue, ziemlich zahlreiche Er- 
krankungen vor und Ende Januar 1850 entwickelte sich bei dem damals 
so plötzlichen Temperaturwechsel eine, wiewohl kurz dauernde, jedoch 
sehr bösartige Puerperalfieberepidemie, welche erst gegen die Mitte 
des Tebruars wieder erlosch. 

Im Monate November 1849 starben von 208 Entbundenen . . 10 
„ „ Dezember 1849 „ „ 215 „ . . 16 

Im Monate Januar 1850 jedoch erkrankten 30 an Puerperalfieber, wo- 
von 8 genasen, 10 starben und 12 ins Ejrankenhaus transferiert wurden. 

Wenn wir nun diese Zahlen mit den von anderen Jahren vergleichen, 
so ergibt sich keine besondere Differenz, und es kann unsere Anstalt wohl 
den Vergleich aushalten mit der geburtshilflichen Klinik für Hebammen in 
Wien, wo die Sterblichkeit keinesfallfl eine so geringe ist als wir vermuteten 
und als es sein müßte, wenn das Einbringen von faulen Stoffen aus 
dem Seziersaale durch das Untersuchen der Gebärenden die 
häufigste Ursache des Puerperalfiebers wäre. 

Von der Art und Weiee^ wie durch Leichengift das Puerperalfieber eingeimpft 
wird^ haben wir, offen gestanden, keine Vorstellung. Offenbar ist diese Ansicht 
dadurch entstanden, daß man gesehen hat, Leichengift auf arische Wunden 
gebracht, könne I^tzündung der Wunde mit nachfolgender Lymphangoitis 
und Pyämie der Wunde hervorbringen. Um nun die Analogie dieses Prozesses 
mit der Entstehung des Puerperalfiebers herzustellen, dazu gehört: 1. Eine 
wunde Stelle. Diese Wunde existiert aber in der Scheide nicht oder doch 
nur dann, wenn Krankheiten der Scheide vorhanden sind, als Geschw&re, 
Exkoriationen etc., welche doch äußerst selten vorkommen. 2. Der zu über- 
tragende Stoff. Wir glauben nicht, daß es einen Arzt gibt, welcher den 
Seziertisch verlassen wird, ohne sich die Hände zu waschen. Daß man aber 
mit Wasser und Seife nicht den faulenden Stoff von der Hand abzuwaschen ver- 
möchtCj das klingt etwas gar zu übertrieben. 

Das Chlor als Desinfektionsmittel scheint uns ein Arcanum zu sein, 
welches, ohne daß man weiß wie, einen hohen Buf in der Medizin erlangt 
hat; wenn man aber fragt, wann und wo es seine außerordentliche Wirkung 
unwiderleglich gezeigt hat, so schweigen die Annalen der Medizin, und wir 
sind fest überzeugt, daß das Chlor mehr in das Fabrikswesen als in die 
Medizin gehört. 3. Dieser eingebrachte Stoff muß eine lokale Ent- 
zündung, von da dann durch Eiterbildung in den Lymphgefäßen 
und Venen Pyämie erzeugen. Nie haben wir bei einer Sektion einen 
solchen Prozeß im Bereiche derjenigen Teile der Genitalien gesehen, welche 
vor der Geburt mit dem Pinger erreichbar sind. Übrigens ist gewiß gar kein 
Teil des menschlichen Organismus gegen eine solche Infektion so geschützt, 
wie eben die weiblichen Geschlechtsteile vor der Entbindung durch die über- 
reiche Schleimsekretion, durch den Abfluß des Fruchtwassers, das während 
und nach der Geburt herausströmende Blut, durch das langsam heraus- 
gedrängte Kind selbst, sowie durch die durchgepreßte Nachgeburt. Ebenso 
ist nach der Geburt die Tätigkeit der Organe eine, wenn ich mich so aus- 
drücken darf, zentrifugale, die fortwährenden Kontraktionen des Uterus und 
der Scheide pressen noch die Überreste der Placenta, die vielleicht gebildeten 
Blutcoagula heraus, es tritt endlich die Lochiensekretion ein, Dinge, welche 
der von Skoda und Semmelweis supponierten Infektion entgegen treten. 
Endlich müssen wir gestehen, daß es uns befremdet hat, Puerperalfieber 
von Skoda mit der Pyämie für dieselbe Krankheit erklärt zu finden. 



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— 67 — 

Nach unserer Meinung ist das Puerperalfieber eine Blutkrankheit, 
welche als solche, wie wohl in seltenen Fällen, ohne alle Produktbildung 
verlaufen kann, meist aber durch Eiterbildung in den Lymphgefäßen und 
Venen des Uterus, durch Exsudate auf die serösen Häute sich kundgibt. 
Endometritis gehört gar nicht zu den charakteristischen Erscheinungen des 
Puerperalfiebers, indem diese Exsudate an der einen Mäche des Uterus bei 
jeder an einer akuten Krankheit leidenden Wöchnerin sich bilden, wie wir 
dies bei Blattern und beim Typhus gesehen haben, wie dies auch bei Epi- 
zootien, wie der Löserdörre, dem Milzbrande beobachtet wurde. Die Sektions- 
resultate der durch Einspritzung fauliger tierischer Stoffe ge- 
töteten Kaninchen sind daher nach unserer Ansicht durchaus 
nicht die des Puerperalfiebers, sondern jene der Pyämie. Erst 
wenn beim Puerperalfieber durch Setzung von eitrigen oder jauchigen Ex- 
sudaten die puerperale Krase erloschen ist, kann durch Eesorption des Eiters 
Pyämie eintreten, dann haben wir es aber nicht mehr mit Puerperalfieber, 
sondern mit Pyämie zu tun. 

Und endlich angenommen: es könnte, wenn auch nicht Puerperalfieber, 
doch Pyämie auf diese Art eingeimpft werden, so müßte dies vor allem auf 
der Frauenabteilung des Krankenhauses der Fall sein; dort findet man 
häufiger wunde Stellen in der Scheide und an dem Muttermunde, welche 
von den Ärzten häufig unmittelbar nach der gemachten Sektion untersucht 
werden, ohne daß sich diese früher mit Chlorlösung gewaschen haben; auch 
liegt in Prag wenigstens die Frauenabteilung näher dem Seziersaale als die 
Gebäranstalt. Uns ist aber noch kein einziger Fall bekannt, wo einer auf 
einer Frauenabteilung behandelten Person Pyämie auf diese Art wäre ein- 
geimpft worden." 

Im nächsten Doppelbande der Prager Vierteljahrsschrift für prak- 
tische Heilkunde (1850, 3, 4) kommt Scanzoni als Referent für Gynäko- 
logie und Geburtskunde zweimal auf Semmelweis zurück. Auf Seite 95 
des 27. Bandes schreibt er: 

^Als im 2. Bande des IV. Jahrganges der Zeitschrift der Gesellschaft 
der Arzte in Wien die Redaktion derselben über die von Dr. Semmelweis 
gemachten höchst wichtigen Erfahrungen über die Ätiologie des in Gebär- 
anstalten epidemischen Puerperalfiebers referierte, wurde auch darauf hin- 
gewiesen, daß auf den Kliniken, wo Hebammen unterrichtet werden, das 
Puerperalfieber viel seltener vorkomme und nur die Matemit6 zu Paris hier- 
von eine Ausnahme mache, weil daselbst die Sektionen von den Schülerinnen 
vorgenommen werden. Dieser von Dr. Semmelweis zugunsten seiner Ansicht 
aufgestellte Satz wird in den Archives gön^rales, Janvier 1850 (pag. 102) 
dahin berichtigt, daß die Leichenöffnungen in der Maternit6 keines- 
wegs von den Schülerinnen, sondern von einem der Anstalt bei- 
gegebenen Arzte ausgeführt werden. — Es möge diese kurze Notiz 
den Lesern dieses Blattes als ein neuer Beitrag zur Beurteilung der von 
Dr. Semmelweis zugunsten seiner Hypothese vorgebrachten Gtründe dienen. 
— Es sei uns auch gestattet, hier eine auf das eben Gesagte bezughabende 
Stelle aus Professor Hamernik's neuester Schrift (Die Cholera epidemica, 
Prag lö50, S. 265) einzuschalten: ,Die Angabe, daß das Wochenbett- 
fieber durch Übertragung von Leichenteilen auf Wöchnerinnen bei 
den Untersuchungen derselben erzeugt werde, ist durchaus irr- 
tümlich, ist durchaus willkürlich. Denn die Wochen bettfieberepidemien 
sind in der ärztlichen Erfahrung viel älter als die Leichenöffiiungen ; sie 

6* 



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— 68 — 

waren von jeher der Schrecken der Mütter, auch zu Zeiten und in Ländern, 

wo man an Leichenöffnungen noch gar nicht gedacht hat. Wir wollen nur 

anführen, daß die Furcht vor dem Wochenbettfieber nirgends so groß ist, 

wie in England und Bußland, was an und für sich auf große und mörderische 

Epidemien hinweist, welche die Bevölkerung und die Ärzte so entsetzten. Li 

England und Rußland wurden jedoch durch lange Zeiträume keine Leichen- 

öffiiungen vorgenommen und insbesondere wird in England keine Leiche einer 

Puerpera geöflöiet. Überdies beweisen die Umstände, daß Wöchnerinnen nach 

der Entbindung in der Regel nicht untersucht werden; daß Wöchnerinnen, 

welche weder im Verlaufe ihrer Gravidität, noch vor oder während oder 

nach der Entbindung untersucht worden sind (wie dies bei den meisten 

Gassengeburten der Fall ist), ebensogut an Wochenbettfieber erkranken, wie 

andere; daß das Wochenbettfieber epidemisch vorkommt (die sporadischen, 

seltenen Erkrankungen können hier nicht besprochen werden), d. i. nur durch 

eine gewisse Zeit beobachtet wird, während in Wien und IVag die Leichen- 

öffiiungen täglich vorgenommen werden; daß das Wochenbettfieber auf dem 

Lande und in anderen Städten, wo keine Leichenöffnungen gemacht werden, 

gleichfalls zu bestimmten Zeiten vorkommt — mehr als hinreichend, daß 

die Wochenbettfieberepidemien auf keine Weise von einer Über- 

iragung von Leichenteilen (Semmelweis, Skoda) abgeleitet werden 

können.^ j\^ a^^^„^„: 

Vt. bcanzouL 

So konnte es nicht weitergehen, das sah nun auch Semmelweis 
ein. Er mußte sprechen. Schon zuviel Verwirrung war durch sein 
Schweigen entstanden. Am 15. Mai 1850 hielt er endlich in der Ver- 
sammlung der Wiener k. k. Gesellschaft der Ärzte seinen ersten großen 
Vortrag. Das Protokoll über die Sitzung lautet: 

„Herr Dr. Semmelweis, emerit. Assistent an der ersten geburts- 
hilflichen Klinik, entwickelte seine Ansichten über die Genesis des Puer- 
peralfiebers; er weist aus den Protokollen numerisch nach, daß seit dem 
Jahre 1839, seitweichem eine besondere Klinik zum Unterrichte für Geburts- 
helfer und eine andere für Hebammen errichtet worden ist, auf der ersten 
zusammengenommen über viermal mehr von den Wöchnerinnen größten- 
teils an Puerperalfieber gestorben sind, als auf der zweiten, ungeachtet 
die Aufnahme der Schwangeren von 24 zu 24 Stunden zwischen beiden 
gewechselt hat, woraus er den einfachen Schluß zieht, daß das zeit- 
weise stärkere Auftreten des Wochenbettfiebers auf der ersten geburts- 
hilflichen Klinik nicht durch allgemeinere epidemische Einflüsse, sondern 
einzig und allein durch lokale^ somit endemische Verhältnisse bedingt 
gewesen sein könne. Dr. Semmelweis geht nun die endemischen Ur- 
sachen, wie sie von anderen angeführt worden sind, wie die Ober- 
füllung der Krankenzimmer, die langjährige Schwängerung der Loka- 
litäten mit Puerperalmiasma, das öftere und vermeintlich rohere Unter- 
suchen der angehenden Geburtshelfer, die bereits bestehende Furcht 
der Schwangeren, so sie auf diese Abteilung zur Entbindung gebracht 
wurden etc. etc., der Reihe nach durch und weist nach, daß keine der- 
selben die oftmals großen Verheerungen des Puerperalfiebers auf der 
ersten geburtshilflichen Klinik erklärlich machen, und daß vielmehr 
manche dieser vermeintlichen Ursachen bei der zweiten geburtshilf- 



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— 69 — 

liehen Klinik in erhöhterem Grade sich vorfindet. Dieses und der 
pathologisch-anatomische Befund bei Kindbettfieber, welcher die größte 
Ähnlichkeit zeigt mit jener Pyämie, die sich bei Anatomen und Chi- 
rurgen nach Verwundungen an Leichen und Imprägnierung der frisch 
verletzten Stellen mit in Fäulnis begriffenen organischen Stoffen aus- 
zubilden pflegt, führte Herrn Dr. Semmelweis zu der Überzeugung, 
daß das Puerperalfieber gleichfalls ein durch Aufnahme /awZender or- 
ganischer Stoffe von Seiten der inneren Umkleidung des Uterus in das 
Blut der Mutter erzeugter pyämischer Prozeß sei, und daß die fort- 
währende neue Einschleppung solcher Stoffe gerade auf die erste ge- 
burtshilfliche Schule in dem heutzutage häufigen Sezieren der 
Leichen von Seiten der Assistenten und Schüler dieser Klinik vorzuqs- 
weise begründet sei, ohne daß aber eine andere Übertragungsweise faulen- 
der organischer Bestandteile auf den mütterlichen Organismus aus- 
geschlossen bleibey wie eine solche bei in Zersetzung übergangenen 
Resten des Mutterkuchens, beim ununterbrochenen Touchieren von 
kranken und gesunden Schwangeren und Wöchnerinnen, sodann bei 
anderen Patientinnen, die an einer Auflösung der Säfte damiederliegen, 
angenommen werden müsse. Dieser Idee nun folgend, führte Herr Dr. 
Semmelweis ein, daß jedweder der Schüler oder sonst Untersuchenden 
vor jeder Eploration einer Schwangeren, Kreißenden oder Wöchnerin 
seine Hände in einer Ghlorkalklösung sorgfältig wasche, um so jedes 
möglicherweise an den Fingern haftende, faulende organische Atom 
selbst bis auf den Geruch desselben vollends zu tilgen, und siehe da, 
der glänzendste Erfolg krönte dies Verfahren, und zwar durch nun 
schon volle 8 Jahre; die Sterblichkeit nämlich, die sonst 8*37o der 
Wöchnerinnen auf der ersten geburtshilflichen Klinik betrug, ist nun 
die auch in der Privatpraxis und auf anderen Gebär kliniken beobach- 
tete, nämlich von 2*3Vo geworden. 

Anderweitig wird die Sache noch dadurch unterstützt, daß, so oft 
an der Klinik für Hebammen Assistenten waren, die viele Untersuchungen 
an Leichen machten^ auch hier dann diese Krankheit zahlreichere Opfer 
begehrte, daß ferner von der Errichtung des Allgemeinen Kranken- 
hauses (1784) bis zur Kreirung einer selbständigen Lehrkanzel für 
pathologische Anatomie keine sogenannte Puerperalfieberepidemie ge- 
herrscht habe und das Sterblichkeitsverhältnis der Wöchnerinnen nicht 
einmal l^o betrug; von der letztgenannten Zeit aber bis zum 1. Mai 
1847, nämlich bis zum Beginn der Chlorwaschungen,*) als dem Zeit- 
räume der Blüte der pathologischen Anatomie, sind auf beiden Kliniken 
zusammengenommen 5'77o> von daher an bis letzten April des heurigen 
Jahres aber nur 2*2% gestorben. — Weitere Gründe für den endemi- 
schen Charakter des Kindbettfiebers sind, daß dasselbe außerhalb der 
Gebärhäuser nicht so um sich greife, die Jahreszeiten keinen Einfluß 
üben, dasselbe auch nach traumatischen Verletzungen wie sonst keine 
epidemische Krankheit entstehe und auch bei Tieren, aber nur spo- 



*) Unrichtiges Datum. Semmelweis hat offenbar vom 1. Juni 1847 gesprochen. 



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— 70 — 

radisch, sich zeige, sowie es selbst künstlich bei letzteren erzeugt 
werden könne. 

Das Puerperalfieber^ nach dem oben angegebenen Wesen desselben 
sei daher ebensowenig eine contagiöse ah für eich spezifische Krankheit, 
sondern enttoickele sich dadurch, daß ein in Fäulnis übergegangener 
tierisch-organischer Stoff, gleichviel von welchem Kranken immer und 
gleichviel^ ob vom lebenden Organismus oder vom Kadaver stammend^ auf- 
genommen in die Blutmasse der Wöchnerin die pueiperale (pyämischc) 
Blutentmischung erzeuge^ hierauf die bekannte Exsudation und als drittes 
die Metastasen bilde. Beigebracht aber werden diese Stoffe dem weib- 
lichen Organismus mittels des untersuchenden Fingers oder durch den 
Gebrauch damit imprägnierter Gerätschaften, oder auch durch die nach 
der Geburt in die üterushöhle dringende, mit faulenden Stoffen ge- 
schwängerte Luft, für welche letztere Mitteilungsweise zwei eklatante 
Beispiele aufgeführt werden. Daher eine Verhütung der Krankheit 
möglich ist durch Reinigung der Finger^ der Utensilien und der Luft, 
worauf sich nur mehr einzelne Fälle von Puerperalfieber ergeben wer- 
den, wie jene nach zurückgebliebenen faulenden Dezidua- oder Pla- 
centaresten, sodann durch Risse und Quetschungen am Mutter- 
munde etc. etc. Als die Stelle^ wo die Resorption geschieht, bezeichnet 
der Vortragende jene mit dem untersuchenden Finger erreichbare 
Partie unmittelbar ober dem inneren Gebärmuttermund, die während 
der Schwangerschaft von den Eihäuten bedeckt, ihrer Schleimhaut 
verlustig und so zur Resorption geeignet ist; die Scheide aber sei mit 
allzudickem Epithelium überzogen, als daß sie resorptionsfähig wäre. 
Am zugänglichsten sei die Uterushöhle während der ersten und zweiten 
Geburtsperiode und in dieser Zeit werde auch am häufigsten die 
Untersuchung vorgenommen; daher sei es auch erklärlich, daß nicht 
allein die Mutter, sondern meist auch das Kind durch denselben großen 
Exsudationsprozeß beim Zustandekommen der Krankheit zugrunde 
gehen und warum Wöchnerinnen, welche wegen verzögerter erster 
und zweiter Geburtszeit zwei bis drei Tage auf dem KreiOzimmer ver- 
weilten, meist dem bösartigen Puerperalfieber erlagen. 

Zu Ende dieses Vortrages kündigt Dr. Semmelweis an, daß er in 
einer der künftigen allgemeinen Versammlungen jene Einwendungen 
beleuchten wolle, welche die Doktoren Scanzoni und Seyfert gegen 
seine von Professor Skoda in der kaiserlichen Akademie der Wissen- 
schaften zur Sprache gebrachten Ansichten über das Puerperalfieber 
in der Prager Vierteljahrsschrift zutage gebracht haben, und Herr 
Präses Professor Rokitansky befragt infolgedessen die Gesellschaft, 
ob sie nicht im allgemeinen geneigt wäre, über diesen Gegenstand, bei 
der hohen Wichtigkeit desselben, für das nächste Mal auf eine Dis- 
kussion einzugehen, welches auch angenonunen wurde." 

Wie gut, wie notwendig war es, daß Semmelweis endlich das 
Wort ergriffen hatte! Was er bot, das war eine klar durchdachte, nach 
allen Seiten ausgebaute Theorie des Puerperalfiebers! Er hatte in der 
Folgezeit nichts wesentlich neues hinzuzufügen — er war Mitte Mai 



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— 71 — 

1850, drei Jahre nach seiner Entdeckung, sich vollkommen klar über 
alle Haupt- und Nebenfragen seiner Lehre ! Zum ersten Male betont er, 
daß nicht nur der untersuchende Finger und die Luft, sondern auch 
alle Krankenutensilien, welche mit den Genitalien in Berührung 
gebracht werden, die Infektion erzeugen können, falls sie mit zer- 
setzten tierisch-organischen Stoffen verunreinigt sind, daß folglich 
die Desinfektion sich auch auf alle diese Utensilien zu er- 
strecken habe! Er hatte überdies neue statistische Beweise für die 
Richtigkeit derselben erbracht in der Geschichte des Wiener Gebär- 
hauses. Im Jahre 1784 wurde es eröffnet. Bis 1822, als Boer entlassen 
wurde, gab es 1*25% Mortalität In den letzten Jahren unter Boer gab 
es öfters Endemien, denn in früheren Zeiten erreichte die Sterblichkeit 
nicht einmal l7o* I^io Erklärung ist, daß um das Jahr 1820 die anato- 
mische Richtung in der Medizin sich immer mehr Bahn brach. Im 
Jahre 1821 wurde Biermayer der erste a. o. Professor der patho- 
logischen Anatomie in Wien, zwei Jahre später hatte Klein im Gebär- 
hause bereits 7-457o Mortalität Am 19. April 1839 wurden die Ärzte 
und Mediziner der L, die Hebammenschülerinnen der II. Abteilung des 
Gebärhauses überwiesen. Sofort schnellte die Mortalität auf der 
I. Klein'schen Abteilung unheimlich in die Höhe, während auf der 
IL Bartsch'schen Abteilung der Gesundheitszustand sich erheblich 
besserte. Von 1841 bis 1843 gab es bei Klein verheerende Endemien 
mit bis zu 3l7o Mortalität im Monat! Ungerechnet die vielen 
Wöchnerinnen, die schwer krank, wegen Platzmangels ins Krankenhaus 
transferiert wurden und dort starben. Fast jede zweite Gebärende war 
dem Tode verfallen! 

Am 18. Juni 1850 setzte Semmelweis seine Ausführungen in der 
Gesellschaft der Ärzte fort Das Protokoll berichtet: 

„Als Ergänzung zu seinem Vortrage in der letzten allgemeinen 
Sitzung der Gesellschaft (15. Mai) beleuchtet nun Herr Dr. Semmel weis 
die gegen seine Ansicht über die Genesis des Puerperalfiebers von 
den Doktoren Scanzoni und Seyfert gemachten Einwürfe, und zwar 
führt er an: wenn Scanzoni eine Tabelle der Entbundenen und vom 
Puerperalfieber Dahingerafften entwirft, welche ein besseres Sterblich- 
keitsverhältnis herausstellt, als dieses mit den Chlorwaschungen in 
Wien erzielt werden konnte, und sich zugleich dahin äußert, daß die 
Veranlassung zu einer Imprägnierung der Assistenten und Schüler der 
Gebärklinik mit von Leichen stammenden faulenden organischen Stoffen 
durch andere Lokalverhältnisse in Prag eine nur höchst seltene sei, 
so finde er hierin keineswegs einen Beweis wider den Nutzen der 
Chlorwaschungen an sich, sondern einzig und allein den Schluß logisch 
gerechtfertigt, daß die Chlorwaschungen daselbst für die Fälle der 
möglichen Einschleppung fauler Stoffe vom Kadaver her überflüssig 
seien, keineswegs aber für jene Erkrankungen^ die durch Übertragung 
solcher Stoffe von anderen Kranken oder von einer etwa mit jauchenden 
Geschwüren behafteten Kreißenden auf eine gesunde Gebärende sich 
ausbilden können; es ist ja für den Arzt die Veranlassung zur Im- 



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— 72 — 

prägnierung seiner Hände mit faulenden Stoffen nicht bloß der Kadaver. 
— Rücksichtlich der Transferierungen der erkrankten Wöchnerinnen 
aber und des jetzt günstigeren Sterblichkeitsverhältnisses allhier gibt 
Herr Dr. Semmelweis die Aufklärung, daß diese gerade in der Zeit 
vor den Chlorwaschungen häufig vorgenommen wurden, daß jedoch 
dermalen eben seit Juni 1847 keine Wöchnerinnen mehr (ausgenommen 
einzelne Fälle wegen Syphilis, Blattern etc., etc^ wie dies die Vorschrift 
erheischt) auf andere Abteilungen des allgemeinen Krankenhauses 
übersetzt werden, daß somit das nun angegebene Mortalitätsverhältnis 
ein wahres und richtiges sei. 

Ferner wenn Dr. Scanzoni Zweifel erhebt gegen die Beweiskraft 
der an Kaninchen zu diesem Zwecke angestellten Versuche, wegen 
der größeren Quantität von faulen Stoffen, welche erforderlich war, 
um bei denselben Fyämie zu erzeugen, so hat er wohl nicht den ganz 
verschiedenen Bau des Geschlechtsapparates dieser Tiere und die 
durch denselben bedingte geringere Resorption in gehörigen Augen- 
merk genommen, ebensowenig als den Umstand, daß bei diesen Tieren 
die injizierte Flüssigkeit zum größten Teile durch die Bauchpresse 
allsogleich wieder ausgedrückt wird; übrigens scheine es Herrn Dr. 
Scanzoni nicht sehr Ernst zu sein mit seiner Opposition gegen die 
Versuche an Tieren, da er selbst solche anstellen zu lassen der Re- 
gierung den Vorschlag macht. 

Herrn Dr. Seyfert, der die Frage stellt, welches wohl die ge- 
wöhnliche Zahl der Fuerperalerkrankungen sei, bis zu welcher die 
Chlorwaschungen ihre Wirksamkeit bewähren, antwortet Herr Dr. 
Semmelweis, daß dies jene Zahl von Wöchnerinnen sei, bei welchen die 
faulenden Stoffe nicht von außen hevy sondern aus dem erkrankten 
Individuum selbst aufgenommen werden, und deren Resorption eben jene 
• Potenz bildet, von der Herr Dr. Seyfert meint, „daß sie erst erfunden 
werden müsse". Wenn aber von ebendemselben Autor angegeben wird, 
daß im Monate Februar 1849 wohl in der Stadt Frag eine Puerperal- 
fieber-Epidemie geherrscht habe, ohne daß eine solche in dem Gebär- 
hause daselbst zu beobachten war, so ist dies fast unerklärlich, da 
das Gebäude dieser Anstalt innerhalb der Stadt gelegen ist, und gewiß 
Bewohnerinnen eben der letzteren als Schwangere und Kreißende da- 
selbst Hilfe gesucht haben. Nimmt nach dem Vorausgeschickten Dr. 
Seyfert einen Einfluß der Witterungsverhältnisse auf Erzeugung des 
Wochenbettfiebers an, so kann derselbe nur auf den von Dr. Semmel- 
weis unterm 15. d. J. gehaltenen Vortrag hingewiesen werden, der 
vielfältig das Gegenteil beweist und ebenso all dessen andere Bedenken 
in Betreff der wunden Stelle, des zu übertragenden Stoffes, der Des- 
infektionskraft des Chlors und des Vorganges bei der Entstehung des 
Puerperalprozesses beseitigen wird; daß aber endlich das Puerperal- 
fieber wirklich ein pyämischer Prozeß sei, dürfte sich in allen patho- 
logisch-anatomischen Werken der Neuzeit zur Genüge dargestellt finden, 
ebenso wie Herr Dr. Semmelweis mit anderen in der Tat der Ansicht 
ist, daß auf gynäkologischen Abteilungen hei vorhandenen Excoriationen 



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— 73 — 

der Teile Pyämie in der bezeichneten Weise veranlaßt werden könne, 
weshalb auch hierorts auf denselben die Chlorvxischungen eingeführt 
worden sind. 

Die Äußerung des Hen^ Dr. Semmelweis, daß auch auf der 
zweiten geburtshilflichen Klinik zur Zeit solcher Assistenten, welche 
sich viel mit Leichenöffnungen befaßt haben, die Puerperalfieber sich 
häufiger eingestellt haben, wobei namentlich Dr. ZipfeTs Dienstzeit 
angeführt wurde, veranlaßte letzteren über diesen Gegenstand zu 
näheren Untersuchungen, deren Ergebnisse er der Gesellschaft im 
folgenden mitteilt: 

Seine statistischen Zusammenstellungen ergaben, daß gerade von den 
vor der Sektionsstunde und den am spätesten nach derselben Entbundenen, 
die somit durch die Untersuchung der Imprägnierung mit KadaverstofiFen gar 
nicht oder am wenigsten ausgesetzt waren, die allermeisten gestorben 
sind, bis 12^/^, indes von jenen, welche in den Tageszeiten, unmittelbar nach 
den von ihm vorgenommenen Leichenöffiiungen entbunden waren, gerade 
weniger, nur 5^/q dahingerafft wurden. Es starben femer gerade viele Wöch- 
nerinnen in solchen Monaten, in denen kaum einige Leichenöffiiungen vor- 
genommen wurden, indes bei einer größeren Anzahl von Sektionen im Monate 
nur wenige TodesfWe unter den Entbundenen sich ereigneten. Er könne so- 
mit nicht der Meinung beipflichten, daß vorzugsweise die Untersuchung 
der Gebärenden mit von Kadaverstoffen imprägnierten Fingern die Ursache 
der häufigen Kindbettfieber auf der ü. Gebärklinik während seiner Assi- 
stentenjahre abgegeben habe/ 

Über diesen plötzlichen Frontwechsel Zipfel's war Semmel weis 
nicht wenig überrascht. Hatte jener nicht zugegeben, daß er als Assi- 
stent viel sezierte? Hatte er nicht seine Einwilligung gegeben, daß 
Semmelweis dieses Faktum publiziere? Und nun beschwerte er sich, 
daß sein Name mit der zeitweise größeren Sterblichkeit auf der IL Ge- 
bärklinik in ursächlichen Zusammenhang gebracht wurde! Hatte er 
nicht Semmel weis zu seiner Entdeckung gratuliert? Hatte er sie nicht 
angeblich fast selbst gemacht? 

In der allgemeinen Sitzung vom 15. Juli 1850 entgegnete Semmel- 
weis den Einwürfen Zipfel's. Nach Semmelweis' Erfahrung ist „die 
Anzahl der protokollierten Sektionen keineswegs die der im ganzen 
gemachten Leichenöffnungen von Wöchnerinnen, indem von letzteren 
die größere Anzahl wegen des fast immer gleichbleibenden wissen- 
schaftlichen Befundes gar nicht protokolliert worden sind, somit der 
ganzen Zusammenstellung die richtige Basis der Zahl fehlt. Was aber 
die von Dr. Zipfel angeführte größere Sterblichkeit bei den soge- 
nannten Gassengeburten betrifft, so sind bei letzteren wohl andere 
äußere Schädlichkeiten meist genügend, sie zu erklären, wozu noch 
kommt, daß so Entbundene oftmals doch untersucht werden, um sich 
zu überzeugen, ob der Mutterkuchen bereits abgegangen ist oder nicht; 
endlich sei die Übertragung fauler Stoffe auf Gebärende nicht bloß 
vom Kadaver, sondern ebensogut von kranken Wöchnerinnen und 
Kreißenden her möglich. Seltsam sei es, daß Dr. Zipfel trotz seiner 
Einrede doch die Priorität der Ansichten über den Ursprung des 



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— 74 — 

Puerperalfiebers für sich und Fergusson in Anspruch nimmt, da bis 
auf die jetzige Zeit rücksichtlich des Woohenbettfiebers meist nur von 
der Aufsaugung eiteriger oder fauler innerhalb des Uterus er- 
zeugter Stoffe oder der Aufnahme einer mit den letzteren impräg- 
nierten Luft als Erzeugungsursache die Rede war, niemals aber mit 
Bestimmtheit auf die materielle Übertragung kadaveröser Teile durch 
die Untersuchung hingewiesen wurde, wie Dr. Semmelweis es tat. 

Hierauf spricht Professor Hayne seine Verwunderung aus, daß sogar 
über die Priorität der ausgesprochenen Ansichten ein Streit entstehen kann, 
indem die nun für die Genesis des Wochenbettfiebers beim Menschen als 
neu aufgestellte Erklärungsweise von ihm bereits im Jahre 1830 in seinen 
tierärztlichen Schriften für das dem Wesen nach gleiche Fieber der Rinder 
veröffentlicht worden ist.*) 

Dem folgt nun ein Vortrag von Dr. Lumpe, ehemaligen Assistenten 
an der I. geburtshilflichen Klinik. Die Hauptgründe, die derselbe gegen die 
von Dr. Semmelweis ausgesprochenen Ansichten geltend macht, lassen sich 
in nachfolgende Sätze zusammenstellen: Es findet sich in den Ausweisen 
des Gebärhauses eine solche Zu- und Abnahme und ein so großer Unter- 
schied in der Sterblichkeit der Wöchnerinnen in den verschiedenen Monaten 
eines und desselben Jahres (z. B. im Jahre 1841, der Zeit der Assistenz des 
Dr. Lumpe), daß man dieselbe aus einer sich gleichbleibenden Ursache, wie 
dies die Imprägnierung mit faulen organischen Stoffen von der Leiche her 
bei einer sich das ganze Jahr sich gleichbleibenden Anzahl von Kandidaten 
notwendig sein muß, unmöglich erklären könnte, ebensowenig wie dies, daß 
in acht aufeinander folgenden Monaten (zwei ausgenommen) die Sterblichkeit 
der Wöchnerinnen sich unter jenem Verhältnisse stellte, welches sich zeit- 
weise auch jetzt bei den angeführten Chlorkalkwaschungen ergibt. — Ebenso 
unerklärt bleibe, daß in solchen Monaten, in denen für die Kandidaten eine 
größere Möglichkeit der Selbstimprägniemng mit faulenden Stoffen durch 
zahlreiche geburtshilfliche Übungen an den Leichen gegeben war, dann daß 
in jenen Entbindungsfällen seltener Art, in welchen des Unterrichtes willen 
die Untersuchungen häufig unternommen worden sind, somit für die Wöch- 
nerinnen die Wahrscheinlichkeit der Liquination eine größere war, daß ge- 
rade in diesen Monaten und Fällen sich die Sterblichkeit der Betreffenden 
als eine geringere heraasstellte. 

Dr. Semmelweis habe somit gefehlt, die Resultate von ganzen Jahren 
und nicht die der einzelnen Monate und Fälle miteinander verglichen zu 
haben. Es könne die Epidemie, wie sie in fast acht Monaten eines und des- 
selben Jahres bei gleichen Einflüssen schwieg, nun aus gleich unbekannten 
Ursachen durch drei Jahre, der Zeit seit der Einführung der Chlorkalk- 
waschungen, gleichfalls schweigen. Die weit größere Sterblichkeit aber auf 
der L geburtshilflichen Kh'nik leitet Dr. Lumpe daher, daß auf derselben 
durch vier Tage der Woche Schwangere aufgenommen wurden, daher die 



*) In der Tat äußert sich Professor Hayne bei Gelegenheit des Fallenfiebers 
der Tiere, daß dasselbe nicht so häufig epidemisch sei als beim Menschen, bei welchem 
durch die Untersuchung das Contagium von einer kranken auf eine gesunde Wöch- 
nerin leicht fibertragen werde; er hält somit das Kindbettfieber selbst ffir kontagiös, 
im Gegensätze zu Dr. Semmelweis, der dasselbe für einen pyämischen Prozeß erklärt, 
erzeugt durch Einbringung fauler Stoffe, von welch immer ffir einer Krankheit oder 
Leiche her. 



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— 76 — 

Lüftung der Zimmer nie eine so vollkommene sein konnte als auf der 
n. Klinik, an welcher die Aufnahme nur auf drei Tage der Woche be- 
schränkt ist; ebenso glaubt Dr. Lumpe, daß bei genauerer Beobachtung auch 
in der Privatpraxis sich bei der Frequenz der Wochenfieber ein epidemischer 
Einfluß sich herausstellen dürfte, und hier überall nur die Resorption als Ur- 
sache annehmen zu wollen, sei viel zu gezwungen; jedenfalls sei somit in 
dieser Sache das Endurteil nur von der Zeit abzuwarten, in der man aber 
fortfahren solle, zu waschen. 

Dagegen erwidert Dr. Semmelweis, daß die Zahl der Sektionen, 
die vorgenommen werden, und der Besuch der Leichenkammer so 
sehr wechseln, daß bei einer auch das ganze Jahr hindurch gleich 
bleibenden Anzahl von Kandidaten doch die Einschleppung fauler or- 
ganischer Stoffe vom Sektionstische her, so sie überhaupt zugegeben 
wird, bald als eine stärkere, bald als eine mindere angenommen 
werden muß, und wirklich hat sich auch in den Wintermonaten, in 
welchen bekanntermaßen die Häufigkeit der Leichenöffnungen und 
des Besuches derselben von Seiten der Schüler immer der größte ist, 
das Wochenbettfieber viele Jahre hindurch am verheerendsten be- 
hauptet; ebenso fallen jene von Dr. Lumpe angeführten 8 Monate mit 
geringerer Mortalität in das wärmere Zweidritteil des Jahres. Wenn 
aber Dr. Lumpe den von ihm gegebenen geburtshilflichen Kursen 
eine so große Wichtigkeit beilegt, so könne Dr. Semmelweis dieser 
nicht beipflichten, indem derlei Kurse meist aus bloß mündlichen Vor- 
trägen sonst bestanden haben, bei deren Beendigung einige geburts- 
hilfliche Übungen vorgenommen wurden, ebenso wie seine Erfahrungen 
und die anderer Geburtshelfer rücksichtlich der Sterblichkeit der 
Wöchnerinnen nach künstlichen Entbindungen oder besonderen Kindes- 
lagen geradezu im Widerspruche stehen mit dem^ was Dr. Lumpe 
bei denselben beobachtet haben will. Bezüglich nun der Aufnahme von 
Schwangeren auf der ersten Gebärklinik durch 4 Tage der Woche und 
der dadurch mehr gehinderten Lüftung der Zimmer als sein sollende 
Ursache der immer größeren Anzahl von Puerperalerkrankungen auf 
derselben im Vergleiche mit der zweiten Klinik, so hat offenbar Dr. 
Lumpe ganz übersehen, daß die Lokalitäten der ersten Klinik weit 
geräumiger sind, somit niemals so überfüllt waren, als die der zweiten 
Klinik, trotz der nur auf 3 Tage der Woche beschränkten Aufnahme. 
Betreffs des epidemischen Einflusses aber, den Dr. Lumpe selbst in 
der Privatpraxis in der Erzeugung von Wochenbettfieber beobachtet 
haben will, so spricht bisher wenigstens die allgemeine Erfahrung der 
Ärzte dagegen." 

Primar-Geburtsarzt Dr. Chiari hat „aus den Protokollen beider Ge- 
burtskliniken von 12 Jahren her die Anzahl der Entbindungen und die der 
Todesfälle in jedem einzelnen Monate zusammengestellt und daraus ersicht- 
lich gemacht, daß in den Sterblichkeitsprozenten nach den verschiedenen 
Jahreszeiten kein auffallender Unterschied ist, und daß die größte Mortalität 
an der ersten Klinik auf die Monate Januar, Oktober, November und Dezem- 
ber föllt, indes an der zweiten Klinik gerade im Januar die geringste, im 
März, Juni und Juli die größte Sterblichkeit sich zeigte; woraus hervorgeht, 



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— 76 — 

daß das Puerperalfieber aUhier in seiner H&ufigkeit weder von einer durch 
die Jahreszeiten bedingten epidemischen Konstitution, noch von einer auf 
das ganze Krankenhaus sich erstreckenden endemischen Beschaffenheit des- 
selben abhängig, sondern von lokalen anderen Verhältnissen bedingt gewesen 
sei, wie solche von Dr. Semmelweis näher bezeichnet worden sind. 

Einen Vortrag im gleichen Sinne hält der prov. Direktor des all- 
gemeinen Krankenhauses, Herr Dr. Helm, der frühere Jahre Assistent an 
der ersten geburtshilflichen Klinik gewesen ist. 

Er tritt vorerst gegen jene auf, welche Herrn Dr. Semmelweis die 
Priorität der Entdeckung streitig machen wollen, und weist nach: wenn auch 
frühere Beobachter, insbesondere englische Geburtshelfer darauf hingewiesen 
haben, daß Puerperalfiebererkrankungen dadurch herbeigeführt werden können, 
daß der Geburtshelfer kurz vor seiner Hilfeleistung bei emer Entbindung 
mit gangränösen Ej-anken oder solchen mit Erysipel oder mit einer Sektion 
sich befaßt hat, so hat doch keiner bis auf Dr. Semmelweis die Sache so 
bestimmt hingestellt, und was die Hauptsache ist, die nötigen Vorsichtsmaß- 
regeln an die Hand gegeben. Andere Gegner sind es aber, denen der Aus- 
spruch des Dr. Semmelweis zu allgemein erscheint, allein weder Dr. Semmel- 
weis selbst noch Prof. Skoda in seinem Vortrage bei der Akademie der 
Wissenschaften haben andere Ursachen der Wochenbettfieber, wie schwere 
Entbindungen, Gemütserschütterungen, Blutfiüsse etc. etc. ausgeschlossen, 
vielmehr letztere als diejenigen betrachtet, welche die gewöhnliche Zahl von 
Erkrankungen aller Orten hervorzubringen vermögen, indeß Imprägnierung 
mit faulen organischen Stoffen von der Leiche her zu den außergewöhnlichen 
Ursachen zu zählen sei. Einer dritten Gruppe von Gegnern aber, welcher 
die Ansichten des Dr. Semmelweis als ganz und gar unbegründet erscheinen, 
stellt Dr. Helm bloß die Frage: woher wohl seit 8 Jahren^ seit der Einführung 
der Chlorwaschungen nämlich^ die sonst ungewöhnliche Häufigkeit der Puerperalfieber 
— die sogenannten Epidemien derselben — aufgehört' haben mögen^ und er- 
klärt insolange ihre Zweifel für unrichtig, insolange sie auf diese Frage die 
Antwort schuldig bleiben. 

Zu Ende stellt Dr. Helm alle die Folgerungen in wenig Sätzen zu- 
sammen, und erklärt jeden einzelnen Arzt^ sowie jede ärztliche Korporation Herrn 
Dr, Semmelweis für seine Entdeckung zu großem Danke verpflichtet. 

Der dermalige Assistent an der II. geburtshilflichen Klinik, Herr 
Dr. Arneth, endlich spricht sich in einem Aufsatze mit Bestimmtheit dahin 
aus, daß der Kontakt mit Leichenteilen das einzige Moment sei, welches eine 
größere Geföhrlichkeit der Schüler der I. Klinik vor den Schülerinnen der 
II. Klinik begründen kann, indem die meisten übrigen Bedingnisse, besonders 
die der Räumlichkeiten, bei einem Vergleiche zum Vorteil der I. Abteilung 
ausschlagen. 

Bücksichtlich des Beweises einer direkten Übertragung des Leichen- 
giftes auf eine Kreißende, durch die Untersuchung in einem speziellen Falle, 
den nach einigen Dr. Semmelweis bisher noch nicht gegeben hat, sagt 
Dr. Arneth, daß dieser nicht zu geben ist, indem vor der Einfahrung der 
Ghlorkalkwaschungen niemand seine Aufraerksamkeit darauf richtete, und nun 
ebensowenig jemand die Verantwortung einer Unterlassung der Waschungen über sich 
nehmen werde, doch könne nachfolgendes Faktum gewiß als entscheidend 
gelten: gleich zu Anfang nämlich, als Dr. Semmelweis auf die mögliche 
Übertragung von Leichenteilen seine Aufoaerksamkeit richtete, lag eine Mutter 
mit verjauchendem Krebse auf der Klinik und wurde von vielen Kandidaten 
untersucht, ohne daß jemand daran gedacht hätte, auch hier Waschungen 



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— 77 — 

mit Chlorkalk vorzanohmen, und siehe da, es erkrankten 16 von den Schwan- 
geren, die sich zu derselben Zeit auf dem Kreißzimmer befunden hatten. 
Übrigens aber will Dr. Arneth bei den noch bedeutenden Schwankungen 
der Sterblichkeitsverhältnisse auch unter dem Gebrauche der Chlorkalk- 
waschungen den epidemischen Einflüssen doch einige Geltung einräumen, 
keineswegs aber will er zugeben, daß auch in der Privatpraxis Puerperal- 
fieberepidemien auftreten, und führt dafür Dr. Clarke als eine englische Au- 
torität in diesem Fache an, indem letzterer angibt, in der Privatpraxis von 
3878 Müttern nur 3 verloren zu haben. 

Als Beleg, daß selbst in der neuesten Zeit von den Engländern wohl 
an ein Kontagium bei der oft genannten Krankheit und an die Möglichkeit 
ihrer Erzeugung durch andere Krankheitsstoflfe, wie z. B. dem des Erysipels, 
geglaubt wird, liest Dr. Arneth einen Brief von Dr. Simpson vor, in 
welchem darauf hingewiesen wird, daß die englischen Ärzte seit lange schon 
in diesen Ideen von einem flüchtigen Ansteckungsstoffe nach Besuchen bei 
Puerperalfiebern oder Erysipel etc. etc. sich nicht allein die Hände mit Chlor 
waschen, sondern auch sich ganz und gar umkleiden, wobei aber Dr. Simp- 
son der ihm mitgeteilten Ansicht des Dr. Semmelweis von einer durchwegs 
materiellen Übertragung vom Kadaver her keine Aufmerksamkeit zuwendet. 

Zum Schlüsse erklärt sich Dr. Arneth gleichfalls dahin, daß man wie 
bei anderen Entdeckungen, so auch hier, dem Dr. Semmelweis Dank schulden 
könne, da er nicht nur eine neue Idee zutage, sondern ebenso dieselbe, 
was die Hauptsache ist, zur folgenreichen Anwendung und Geltung ge- 
bracht hat. 

Präses Professor Rokitansky faßt nun die Hauptmomente der 
Diskussion zusammen und weist auf den unbestreitbaren Nutzen der 
Chlorkalkwaschungen hin, der selbst von den Gegnern der Dr. Semmel- 
weis'schen Ansicht zugegeben wird." 

Mit den anerkennenden Worten Rokitansky's hatte die wichtigste 
Debatte, welche jemals im Schöße der k. k. Gesellschaft der Ärzte in 
Wien stattgefunden, ein glückverheißendes Ende gefunden. Semmel- 
weis, der solange den ersten Schritt in die Öffentlichkeit hinaus- 
geschoben, hatte sich als Redner ganz gut gehalten, und mit der fort- 
schreitenden Übung steigerte sich seine Fähigkeit, seine Sicherheit. 
Als in der zweiten Sitzung ihn unerwarteterweise Dr. Zipfel angriff, 
sparte er sich seine Entgegnung auf die nächste Sitzung auf; in dieser 
dritten und letzten Sitzung aber vermochte er, den krausen Darlegungen 
Dr. Lumpe's gegenüber, der alles Klare unklar machte und jede Tat- 
sache auf den Kopf stellte, sofort schlagfertig zu antworten. Und dann 
erhoben sich der Reihe nach Chiari, Helm, v. Arneth und Roki- 
tansky, um Semmelweis' unbestreitbaren Verdiensten ihre Anerkennung 
auszusprechen. Es war wie eine große feierliche Huldigung! Die Haupt- 
förderer des Gefeierten, Skoda, Hebra, Haller, sahen schweigend 
zu. Vielleicht hatten sie im Stillen die Huldigung vorbereitet, um der 
so segensreichen Entdeckung zum Durchbruch zu verhelfen. 

Ganz besondere Hochachtung verdiente der supplierende Primarius 
am Zahlstock des Gebärhauses, Dr. Johann Chiari, welcher, obwohl 
Schwiegersohn des Professor Klein, den Mut hatte, seiner Überzeugung 
entsprechend offen für Semmelweis' Ansicht einzutreten. Das war ein 



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— 78 — 

Mann nach Haller's Geschmack, ein Gelehrter, dem „die Weihe einer 
charaktervollen Gesinnung" nicht mangelte. 

Professor Klein dagegen ergriff in keiner der drei Sitzungen 
das Wort! Wahrscheinlich war er denselben ganz ferngeblieben. Die 
Hoffnung, ihn zu bekehren, hatten Skoda und Hebra schon längst 
aufgegeben. Ihnen handelte es sich darum, der Sache immer neue 
Freunde zu gewinnen. Das neue Desinfektionsverfahren war auf beiden 
Kliniken und am Zahlstock des Wiener Gebärhauses eingeführt, ebenso 
auch auf der gynäkologischen Abteilung des allgemeinen Krankenhauses, 
und Skoda's unermüdlicher Tatkraft war es gelungen, nach und nach 
alle maßgebenden medizinisch-wissenschaftlichen Körperschaften Wiens 
zu einer entschiedenen Kundgebung zugunsten der Semmelweis'schen 
Entdeckung zu veranlassen : das Professorenkollegium, die kaiserliche 
Akademie der Wissenschaften, die k. k. Gesellschaft der Ärzte! 

Was hatte dagegen Kleines Widerstand zu bedeuten? Man ging 
einfach über ihn hinweg. Er war verknöchert in seinen Anschauungen, 
veraltet, dement und reif nur mehr zum Rücktritt. Semmelweis' Stern 
schien immer höher zu steigen. 

Mit Beziehung auf die denkwürdige Redeschlacht schrieb der 
erste Sekretär, Dr. Herzfelder, in seinem Bericht über die Leistungen 
der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien während des Jahres 1850 
folgendes : 

„Angelangt bei der allgemeinen Pathologie, begegnen wir hier vor allem 
der, wie es scheint, auch praktisch gelungenen Lösung einer der größten Auf- 
gaben in der Medizin^ es ist dies die Entstehungsursache der bisher so ver- 
heerend gewesenen Puerperalepidemie durch Dr. Semmelweis; seiner Ansicht 
nach wird das Wochenbettfieber nur dui'ch die Aufsaugung fauler organischer 
Stoffe in das Blut der Mutter erzeugt und diese Stoffe werden, ohne deren 
Selbstentwicklung im eigenen Körper von Placentaresten und anderen Be- 
dingungen her völlig zu leugnen, von außen, und zwar zum größten Teüe 
von in Zersetzung begriffenen Leichen her, in den mütterlichen Organismus 
durch die Geburtshelfer selbst eingeführt, weswegen Dr. Semmelweis den 
letzteren die fleißige Waschung vor jeder Entbiadung mit Chlorkalklösungen 
angeordnet hat und hierdurch so glücklich war, die weitere Entwicklung 
stärkerer Epidemien bisher hintanzuhalten. Gegen die so gegebene Ent- 
stehungsweise der Ej-ankheit fanden sich kräftige und ehrenwerte Gegner in 
den Doktoren Zipfel und Lumpe, welche aus statistischen Daten mehr den 
miasmatischen Ursprung des Übels vindiziert wissen wollten, in den Auf- 
klärungen des Dr. Semmelweis jedoch ebenso wie die Doktoren Scanzoni 
und Seyfert zu Prag eine hinlängliche Widerlegung fanden, so daß die in 
bezeichneter Weise aufgefaßte Krankheitsidee, welche auch an den Doktoren 
Arneth, Chiari und dem provisorischen Direktor Helm, sowie vom tier- 
ärztlichen Standpunkte aus in Professor Hayne ihre wärmsten Verteidiger 
fand, als wahrer Triumph medizinischer Forschung angesehen werden kann. 

Wie schon Brück richtig bemerkte, beging Semmelweis den 
großen Fehler, seine drei Vorträge nicht niederzuschreiben, sie nicht 
in extenso zu veröffentlichen. Er ließ es dabei bewenden, daß die 
Zeitschrift der Ärztegesellschaft das offizielle Protokoll der Verhand- 



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— 79 — 

langen abdruckte, welches seine Reden nur auszugsweise wiedergab, 
und nicht ohne Irrtümer. Zipfel hat im Gegensatze zu Semmelweis 
die ganz falsche Beobachtung gemacht, daß Frauen mit Gassengeburten 
häufiger erkrankten als im Spital Gebärende. Semmelweis' Entgegnung 
muß ganz anders gelautet haben, als das Protokoll angibt Er muß 
entschieden die Zipf el'sche Beobachtung bestritten und gesagt haben, 
wenn dennoch einzelne Gassengeburten hinterher im Gebärhause er- 
kranken, so seien diese ausnahmsweise untersucht worden, um fest- 
zustellen, ob die Nachgeburt schon abgegangen sei oder nicht. 

Indem Semmelweis seine Reden in keiner medizinischen oder 
geburtshilflichen Zeitschrift veröffentlichte, blieb die Wirkung derselben 
auf die damals verschwindend kleine Mitgliederzahl der Wiener Ärzte- 
gesellschaft und die wenigen Abonnenten der Zeitschrift derselben 
beschränkt, und seine Worte erweckten so bei weitem nicht den 
Widerhall, welchen sie verdienten. Und in der Tat geriet die denk- 
würdige Debatte alsbald gänzlich in Vergessenheit .... 

Nicht lange nach dem ereignisreichen lö. Juli 1850, der dem 
schon tief verbitterten Gemütsmenschen Semmelweis endlich eine 
solenne Genugtuung gebracht hatte, erschien in der Zeitschrift der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte ein Aufsatz aus der Feder eines berühmten 
Geburtshelfers, der — gegen Semmelweis Stellung nahm: 

„Einige Worte 

über die von Professor Skoda veröffentlichte Entdeckung des Dr. Semmelweis, 

die Entstehung des Puerperalfiebers betreffend, 

von 
Professor Kiwisch v. Rotterau zu Würzburg. 

Durchdrungen von der hohen Wichtigkeit der Frage, welche die Ursache 
der mörderischen Herrschaft des Puerperalfiebers in mehreren Entbindungs- 
anstalten ist, waren die von mir im Jahre 1848 und 1849 in Wien persönlich 
eingeholten Notizen über die Ansicht des Dr. Semmelweis und dessen Vor- 
kehrungen zur Verhütung jener Krankheit auf der I. geburtshilflichen Ellinik 
in Wien für mich vom höchsten Interesse, und der neu angeregte Gegen- 
stand veranlaßte auch mich zu neuen Forschungen, Ich kann wohl gegenwärtig 
noch nicht behaupten, daß dieselben zu irgendeinem befriedigenden Abschluß 
geführt haben, aber doch glaube ich schon jetzt wenigstens vorläufig auf 
Einiges aufmerksam machen zu müssen, was bei der Untersuchimg dieses 
Gegenstandes nicht unberücksichtigt bleiben dürfte. 

So sehr ich das Verdienst des Dr. Semmelweis in betreff dieser An- 
gelegenheit zu schätzen weiß, so kann ich mich doch nicht mit der An- 
schauungsweise des Professor Skoda einverstanden erklären, der von einer 
neuen Entdeckung in der fraglichen Untersuchung spricht. Die Behauptung, 
daß das Puerperalfieber aus Infektion zersetzter animalischer Stoffe, und 
namentlich auch durch Leichengift hervorgehe, ist eine seit vielen Jahren 
und von vielen Seiten aufgestellte und lebhaft verteidigte, und es wäre diese 
Ansicht schon lange durchgedrungen, wenn es den betreffenden Ai'zten 
gelungen wäre, für dieselbe schlagendere Beweise zu liefern. Für Dr. Semmel- 
weis erübrigte demnach nur die Aufgabe, für die Wiener Gebäranstalt den 
Beweis zu liefern, daß in derselben die Veranlassung zur Heftigkeit der 



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— 80 — 

Krankheit zunächst aus der Übertragung von deletären animalen Stoffen auf 
die gebärenden Wöchnerinnen hervorgehe. Daß er sich diesfalls mit so großer 
Ausdauer, und wie es scheint, mit soviel Erfolg bemühte, kann ihm als 
großes Verdienst von niemand streitig gemacht werden. 

In meinen Referaten für die Canstat tischen Jahresberichte von 1842, 
1843, 3 844 und 1845 habe ich in kurzen Auszügen die Ansichten mehrerer 
englichen Ärzte über die Erzeugung des Puerperalfiebers durch die Ein- 
wirkung animalischer Zersetzxmgsstoffe mitgeteilt, insbesondere waren es 
Eobert Storrs, Condie, Olivier, Holmes, welche sehr weitläufige Mit- 
teilungen über diesen Gegenstend machten, und in ähnlicher Weise wie jetzt 
Prof. Skoda die englischen und amerikanischen Ärzte aufforderten, der an- 
geblichen Entstehungsweise des Puerperalfiebers ihre Aufmerksamkeit zu- 
zuwenden. Die englischen Ärzte beschränkten sich übrigens nicht bloß auf 
die Annahme der unmittelbaren Übertragung von Leichenstoffen, sondern 
nahmen in gleicher Weise von anderen animalischen Zersetzungsstoffen eine 
gleiche Einwirkung an, und namentlich legten sie in dieser Beziehung auf 
die Gefährlichkeit der nekrotischen Produkte des gangränösen Erysipels großes 
Gewicht — eine Ansicht, die unbezweifelt von Semmelweis und Skoda ge- 
teilt wird. Einzelne Engländer gingen zugleich in dem präservativen Ver- 
fahren viel weiter als Dr. Semmelweis, indem sie nicht nur ihre Finger, 
sondern auch ihre Kleider für den Träger des Infektionsstoffes haltend, sich 
nicht nur mit Chlorwasser wuschen, sondern auch mit Chlor räucherten, oder 
die Kleider wechselten, oder endlich, wenn dies alles nichts half, ihre Praxis 
für eine Zeit verließen. 

Ich erlaube mir nur einzelne in meinen Berichten angeführte Tatsachen 
hier zu reproduzieren, welche für die Infektion durch Leichenstoffe sehr 
schlagend zu sprechen scheinen. 

So teilt Hardey zu HuU, der übrigens der Infektionstheorie nicht 
huldigt, das folgende, ihm bekannt gewordene bezügliche Ereignis mit: 

Drei Wundärzte, in derselben Stadt wohnend, machten die Sektion eines 
infolge von Incarceration des Darmes mit hinzutretendem Brande Verstor- 
benen. Alle drei hatten in den nächstfolgenden zwei Tagen tötiich verlaufende 
Puerperalfieber in Behandlung und fanden sich infolge einer zufalligen, 
wechselseitigen Besprechung veranlaßt, die Praxis für eine Zeit zu verlassen, 
vorauf auch das Puerperalfieber nicht mehr zum Vorschein kam. — — 
Dr. C. machte die Sektion eines an Gangrän Verstorbenen, wobei er 
sich selbst verwundete; er besuchte die folgende Nacht eine Kreißende 
und dieselbe starb nach vier Tagen am Puerperalfieber. Hierauf war Dr. C. 
infolge jener Verwundung durch einige Zeit an das Haus gefesselt; nach 
meiner Genesung besuchte er neuerdings sechs Frauen, von welchen vier am 
Puerperalfieber starben. Kein anderer Arzt außer Dr. C. hatte in der 
Stadt und ihrer Umgebung Puerperalfieber zu behandeln; es kamen wohl 
Todesfälle bei Entbundenen vor, doch nicht infolge von Puerperalfiebern (??). 

Dr. Elkington in Birmingham behandelte am 28. August 1833 an der 
Grenze der Stadt ein Erysipel mittels Incisionen, und leistete hierauf bei 
Mrs. J. im Zentrum der Stadt, bei der Entbindung ärztliche Hilfe. Dieselbe 
erkrankte hierauf am 31. August und starb am 3. September. Von der Mrs. 
-J. begab er sich zur Mrs. C, die eine schwere mit Blutung verbundene Ent- 
bindung hatte, schon an demselben Tage fieberte und am 4. September starb. 
— Am 3. September behandelte er Mrs. Edwards bei einer günstigen Ent- 
bindung; dieselbe erkrankte am 5. und starb am 9. September. Am 4. Sep- 
tember machte er die Leichenöffnung von Mrs. C, wobei ihm sein Bruder 



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assistierte. Beim Weggehen wurde jeder zu einer Entbindung gerufen. Mrs. 
W., von seinem Bruder entbunden, erkrankte den 8. und starb den 11. Sep- 
tember. Mrs. Cur., deren Entbindung der Verfasser besorgte, erkrankte gleich- 
falls am 8., genas jedoch. 

Dr. Storrs hatte im Anfange des Jahres 1841 so lange Puerperalfieber- 
kranke zu behandeln, als er ein gangränöses Erysipel, bei welchem er 
mehrere ausgebreitete Abszesse öffnete und eine große Menge zersetzten 
Eiters entleerte, in ärztlicher Obsorge hatte, und er fühlte sich endlich ver- 
anlaßt, diesen Fall von Erysipel einem seiner Freunde zur Behandlung zu 
übergeben und sich sorgfältig zu reinigen. Hierauf bemerkte er, daß die von 
ihm bei der Entbindung besorgten Fälle vollkommen wohl blieben. 

Schon aus diesen einzelnen Daten, welchen noch viele andere, auch 
aus der deutschen Literatur beigefügt werden könnten, geht hervor, daß die 
Annahme der perniziösen Einwirkung zersetzter animalischer Stoffe auf Ge- 
bärende und Wöchnerinnen unter den Ärzten und namentlich unter den eng- 
lischen eine sehr verbreitete ist, und daß in der Tat Beobachtungen zahl- 
reich genug vorliegen, welche die Möglichkeit der fraglichen Infektion uns 
nahe legen. Demungeachtet war die Schwierigkeit, zu einem entscheidenden 
Resultate zu gelangen, schwer zu überwinden. Die Geschichte des Puerperal- 
fiebers, sowie die tägliche Erfahrung, lehrten nämlich auf das Unzweifel- 
hafteste, daß es mörderische, sich gleichzeitig auf ganze Länderstriche aus- 
breitende Puerperalfieberepidemien und sogenannte sporadische Puerperal- 
fieber in Unmasse gegeben habe, wo an eine Infektion durch animalische 
Zersetzungsstoffe nicht zu denken war. Ich selbst habe in der Stadt und auf 
dem Lande Puerperalfieberkranke behandelt, welche nach der normalsten 
Entbindung dahingerafft wurden, ohne daß nur eine derartige vorangegangene 
Einwirkung möglich gewesen wäre. Noch bemerkenswerter ist der Umstand, 
daß man in einzelnen Zeiträumen alle gegen Infektion empfohlenen Mittel 
vergebens in Anwendung zog, und gegenteilig wieder ihre Vernachlässigung 
zu einer anderen Zeit ohne bemerkbaren Nachteil blieb. 

Professor Skoda sagt Seite 113: „Dagegen behauptet Professor Kiwis ch 
in Würzburg nicht selten unmittelbar nach vorgenommenen Sektionen 
Schwangere und Gebärende untersucht und keinen Nachteil davon beobachtet 
zu haben." — Diese Behauptung muß ich auch jetzt wiederholen und muß auch 
noch die Tatsache anfahren, daß in der hiesigen Gebäranstalt, wo Schwangere 
und Gebärende von einer großen Zahl Studierender exploriert werden, und 
wo darauf keine liücknclU genommen wird, ob der Untersuchende aus der nahe- 
liegenden Leiclienkammer kommt j in den letzten 2^/2 Jahren der Gesundheits- 
zustand der Wöchnerinnen ein seJir befriedigender ist, wogegen am Schlüsse 
des Jahres 1846, wo zufallig wegen meiner Abwesenheit durch längere Zeit 
kein klinischer Besuch stattgefunden und von seite des anwesenden Assistenten 
keine Sektionen gemacht wurden, das Puerperalfieber plötzlich auf die fürchter- 
lichste Weise auftauchte und ungeachtet aller Vorkehrungsmaßregeln im 
folgenden Jahre erst dann vollkommen erlosch, als die warme Jahreszeit 
weiter vorgeschritten war, wo doch die klinischen Untersuchungen von mir 
in gewöhnlicher Weise fortgesetzt wurden. 

Aus einer mir vorliegenden Tabelle, in welche alle in der Anstalt Ent- 
bundenen und der Verlauf ihres Wochenbettes aufgenommen sind, und 
welche ich nur wegen ihres größeren Umfanges hier nicht beifüge, ergibt 
sich, daß von 102 Entbundenen 32 erkrankt und hiervon 27 gestorben sind, 
somit mehr als 26^/q der Aufgenommenen als Opfer der Krankheit fielen. Es ge- 
nügt dies, um die vorgekommene Krankheit als eine der bösartigsten zu be- 

▼. Waldhoixn, Ignaz Philipp Semmelwcis. G 



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zeichnen. Und diese perniziösen Formen entstanden offenbar ohne kadaveröse 
Infektion ; sie traten so plötzUch bei drei Individuen^ die rasch hintereinander nieder- 
kamen und auch sämtlich starben, auf, daß ein ungewöhnliches, gemeinschaftliches 
Kausalmoment, welches in den unveränderten Verhältnissen der Anstalt nicht 
gesucht werden konnte, supponiert werden mußte und welches man nicht 
leicht wo anders, als in atmosphärischen Verhältnissen zu suchen einen Grund finden 
könnte. 

Bemerkenswert waren während der Krankheitsherrschaft die gruppen- 
weisen Ausbrüche, so daß in der Eegel immer mehrere gleichzeitig erkrankten 
und hierauf wieder mehrere vollkommen gesund blieben. Immer gingen solchen 
Ausbrüchen auffallende Witterungsänderungen voran. Alle Vorkehrungen 
gegen eine Infektion, welche in einer kleinen Anstalt mit größerer Genauig- 
keit ausführbar sind als in einer großen, blieben, wie es schien, ziemlich er- 
folglos, bis im Monate Juli plötzlich bei unveränderten Verhältnissen der 
Anstalt der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen wieder ein anhaltend be- 
friedigender wurde. 

Zahlreiche derartige Erfahrungen, welche uns die Geschichte des Puer- 
peralfiebers zur Genüge darbietet, lassen den Einfluß atmosphärischer Po- 
tenzen auf die hier in Eede stehenden Ej'ankheitsausbrüche nicht verkennen 
und selbst die entschiedensten Kontagionisten mußten zugeben, daß das Kon- 
tagium ohne besondere Disposition des Individuums nicht einwirke und daß 
es auch Epidemien von Puerperalfiebern gebe. In Betreff dieser individuellen 
Disposition muß ich übrigens bemerken, daß mich meine Erfahrungen lehrten, 
daß es eben keine Individualität gibt, welche vor dieser Krankheit mit Sicher- 
heit schützt, was sich schon aus der Beobachtung vermuten läßt, daß bei 
besonderer Heftigkeit der Krankheitsherrschaft in bestimmten Fristen alle 
Entbundenen ergriffen wurden. 

Dies alles sind jedoch Tatsachen, welche die Möglichkeiten der prä- 
sumierten Infektion durch Leichenstoffe dennoch nicht ausschließen, indem 
selbst die von mir wiederholt gemachte Beobachtung, daß man auch ohne besondere 
Vorsichtsmaßregeln nach vorgenommenen LdcJienöffnungen Gebärende ohne Nachteil 
untersuchen kann, auch nur beweist, daß nicht unter allen Umständen Infektion 
eintritt. 

Die auffallendste Tatsache, welche seit Jahren zu einer Erklärung auf- 
forderte, war die große Differenz der Sterblichkeit auf den beiden neben- 
einander bestehenden Gebärkliniken im Wiener Krankenhause, und es ist 
keine Frage, daß, nachdem man nach allen Richtungen hin nach der Ursache 
forschte und immer keine befriedigende Aufklärung geboten ward, der Gedanke 
von Dr. Semmelweis, daß die Übertragung von Leichenstoffen bei der Exploration 
der Gebärenden die Ursache dieser Differenz sei, sehr annehmbar erschien 
und jedenfalls zu energischen Untersuchungen aufforderte. 

Es fragt sich nun, inwieweit haben die bisherigen Untersuchungen den 
Nachweis für die fragliche Annahme des Dr. Semmelweis geliefert? 

A priori läßt sich gegen die Entstehimg des Puerperalfiebers durch 
Einwirkung faulender tierischer Stoffe auf die verwundeten Geschlechtsteile 
nichts Erhebliches erinnern und es wurde diese Genese schon vielseitig in 
Anregung gebracht und verteidigt. In der Regel ist schon in der zweiten 
Geburtszeit der Muttermund in seinen äußersten Schichten durch seichte An- 
reißungen verletzt und somit jede Gebärende mehr oder weniger als eine 
Verletzte zu betrachten. Ebenso läßt sich nicht in Zweifel ziehen, daß viele 
Formen des Puerperalfiebers ganz den Charakter einer Krankheit an sich 
tragen, welche aus der präsumierten Blutinfektion hervorgehen kann. Es ist 



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nur in den fraglichen Fallen die Erscheinung auffallend, daß der Leichenstoff 
in der Weise, wie seine Einwirkung smgenommen wird, noch eine so inten- 
sive Infektionskraft besitzt. Es bedarf allerdings zur Inokulation von Kon- 
tagien gleichfalls nur höchst geringer Quantitäten des infizierenden Stoffes, 
aber dieser darf nicht chemischen oder physikalischen Einflüssen, die ihn 
verändern, ausgesetzt sein. Es läßt sich demnach wohl nur annehmen, daß, 
wenn man mit ganz besonderer Sorglosigkeit und sehr unreinen Händen 
untersucht, die Möglichkeit der Infektion noch vorhanden ist, denn selbst 
eine minder sorgMtige Reinigung, das Abtrocknen der Hände, das während 
der Geburt ausgeschiedene reichliche Vaginalsekret, der Gebrauch des Fettes 
bei der Exploration, das alles sind Einflüsse, die die Einwirkung des Leichen- 
stoffes höchst wahrscheinlich zu beheben imstande sind; auch ist kaum zu be- 
zweifeln, daß Zersetzungsprodukte von gewissen Leichen vorzugsweise den 
Träger der infizierenden Potenz bilden und hieraus dürfte sich erklären, daß 
man bisweilen ungestraft nach Sektionen untersuchen kann, bisweilen auch 
ein Leben in Gefahr gesetzt wird. Auffallend bleibt es immer, daß nicht schon 
während der Schwangerschaft, wo die Genitalien vieler Weiber gleichfalls 
wund sind, durch unvorsichtige Exploration Infektionserscheinungen hervor- 
gerufen werden und man muß demnach annehmen, daß durch das Puerperium 
eine ganz eigentümliche Empfindlichkeit für den Lifektionsstoff geboten wird. 
Was den positiven Nachweis für die Ansicht des Dr. Semmelweis be- 
triffb, so beschränkt er sich bis jetzt darauf, daß nach den eingeführten Chlor- 
waschungen die Krankheitsausbrüche in auffallender Weise abnahmen. Diese 
Abnahme ist jedenfalls ein sehr kräftiger Beleg für die ausgesprochene An- 
sicht und es ist nur zu bedauern, daß nicht erforscht werden konnte, ob sich 
der Nachweis der Infektion nicht auch von der Leiche bis zur Gebärenden 
hätte verfolgen lassen, wie dieses auch Professor Skoda (S. 113) in An- 
regung brachte. Hiermit ging der schlagendste Beweis für die in Rede 
stehende Ansicht verloren und es hätte sich zugleich möglicherweise erkennen 
lassen, von welchen animalischen Zersetzungsstoffen die Infektion vorzugs- 
weise ausgehen kann. Auch ist jeder Nachweis über das Zahlverhältnis der 
infolge dieser Infektion Erkrankten hiermit verloren gegangen, denn es läßt 
sich nicht etwa die Mehrzahl der Erkrankungen in der I. Gebärklinik unbedingt 
als aus Infektion durch Leichenstoffe hervorgegangen ansehen, denn wie man 
einmal eine derartige Infektion durch ein Minimum von deletären Stoffen 
gelten läßt, so muß man auch zugeben, daß Schwämme, Wäschestücke, In- 
strumente, die Hände der Hebammen und Wärterinnen, welche mit den de- 
komponierten Exkreten schwer erkrankter Wöchnerinnen und hierauf wieder 
mit neu Entbundenen in Berührung kommen, in gleicher Weise die Träger 
des Giftes sein und bei unvorsichtigem Verfahren gleiche Folgen haben können 
wie die Exploration von Seite der Ärzte. Insbesondere würde sich dieser 
schädliche Einfluß dadurch geltend machen, daß jene Träger des Infektions- 
stoffes mit den durch die Geburt so häufig verletzten äußeren Genitalien in 
Berührung kommen. Alle diese Schädlichkeiten steigern sich in großen An- 
stalten in dem Maße, als sich die Zahl der Erkrankungen mehrt, und da 
meines Wissens Dr. Semmelweis auch in bezug auf die Abwendung dieser 
Schädlichkeiten Bedacht nahm, so muß auch hierauf dasselbe Gewicht gelegt 
werden, wie auf die Verhütung der Infektion durch Übertragung von Leichen- 
gift. Es läßt sich demnach gar nicht ermessen, in welcher Ausbreitung sich 
der verderbliche Einfluß der Übertragung der Leichenstoffe auf der Wiener 
Gebärklinik geltend gemacht hat und nach dem eben Angeführten düi-fbe er 
wohl viel geringer angesetzt werden, als dies Professor Skoda tut. 



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Wenn aber auch noch so sorgfältig jede Möglichkeit der Einimpfung 
eines deletären Stoffes verhütet wird, so bleibt in einzelnen Gebäranstalten 
die Zahl der Erkrankten noch immer ei^e relativ große und es sind die in 
den letzten zwei Jahren sich ergebenden Zahlen der auf beiden Wiener Ge- 
bärkliniken verstorbenen Wöchnerinnen noch immer nicht sehr beruhigend, 
zudem wenn man berücksichtigt, daß noch mancher Todesfall nicht gezählt 
wird, der sich noch bei einzelnen aus der Anstalt Entlassenen unzweifelhaft 
später ergibt. Diese beunruhigende, in mehreren Anstalten beobachtete Er- 
scheinung ließ zugleich nicht verkennen, daß die Atmosphäre in den Wochen- 
zimmern selbst der Träger schädlicher, die Krankheit entweder hervorrufen- 
der oder dieselbe potenzierender Stoffe sei, eine Ansicht, die auch darin ihre 
Bestätigung fand, daß den Gebär- und Findelhäusem gewisse Krankheiten 
der Wöchnerinnen und Kinder sozusagen eigentümlich sind, und daß bei 
gleichzeitigen Krankheitsausbrüchen in denselben Lokalitäten eine bisweilen 
höchst merkwürdige Übereinstimmung selbst in ganz vereinzelten Erscheinungen 
vorkommt, die sich nur durch endemischen Einfluß erklären läßt. So machte 
ich in der hiesigen Gebäranstalt im verflossenen Winter die bemerkenswerte 
Beobachtung, daß rasch hintereinander bei fünf Wöchnerinnen eine um- 
schriebene Entzündung in der mittleren Wadengegend auftrat, welche ohne 
anderweitige auffallende Erscheinungen durch einige Zeit anhielt und hierauf 
wieder rückgängig wurde. Ahnliche Übereinstimmung einzelner höchst eigen- 
tümlicher Symptome hatte ich mehrfach schon die Gelegenheit zu beobachten. 
Ein endemisches Auftreten des Puerperidfiebers wurde übrigens nicht nur 
für die Gebäranstalten angenommen, sondern kommt erfahrungsgemäß auch 
in ganzen Ortschaften vor; so sind z. B. in der nächsten Nähe von Würz- 
burg zwei Dörfer, Waldböttelbrunn und Waldbrunn in dieser Beziehung 
seit langer Zeit berüchtigt 

Bei dieser großen Mannigfaltigkeit der Schädlichkeiten, welche den 
Ausbruch des Puerperalfiebers entweder hervorrufen oder begünstigen können, 
läßt sich der Einfluß einer schädlichen Potenz höchst schwierig ermessen; 
nichtsdestoweniger wurde aber durch die Ergebnisse der Forschungen des 
Dr. Semmelweis jedem Vorstand einer Gebäi-anstalt, sowie auch den prakti- 
schen Geburtshelfern die Maßregel jetzt um so dringender geboten, auch die 
Möglichkeit einer Infektion der Gebärenden durch Leichenetoffe mit aller Sorgfalt zu 
vermeiden. 

Würzburg, im Monate Mai 1850." 

Ein höchst bedenkliches Schriftstück! Vor etlichen Jahren, als 
Kiwisch auf seiner Gebärklinik 26^/^ Sterblichkeit hatte, behauptete 
er, von unmittelbar nach Sektionen vorgenommenen vaginalen Unter- 
suchungen „keinen Nachteil" beobachtet zu haben. Im Jahre 1850 hält 
er Skoda gegenüber diese wahnwitzige Behauptung aufrecht, denn 
seit Januar 1848 ist der Gesundheitszustand seines Gebärhauses ein 
sehr befriedigender, obwohl „keine Rücksicht genommen wird, ob der 
Untersuchende aus der naheliegenden Leichenkammer kommt". Was 
wollte Kiwisch damit sagen? Offenbar nur wiederholen, daß mit 
Leichengift verunreinigte Hände den Gebärenden durch die Unter- 
suchung keinen Nachteil bringen. Ja, um Himmelswillen, wurden denn 
vom Jahre 1849 angefangen in Würzburg nicht die Chlorwaschungen 
geübt? Davon steht im ganzen Aufsatz kein Sterbenswörtchen. Aber 
er gibt doch selbst zu, daß einzelne Fälle durch Infektion mit 



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Leichenstoffen und andere zersetze animalische Stoffe entstehen können, 
und daß es dringend geboten erscheint, auch nur die Möglichkeit einer 
solchen Infektion mit aller Sorgfalt zu vermeiden. Folglich mußten 
auf seiner Klinik die Chlorwaschungen eingeführt sein — unbedingt, 
sonst wäre er ein gewissenloser Schurke gewesen — und dann war 
es ja gleichgiltig, ob die Untersuchenden Sektionen vornahmen oder 
nicht, sie desinfizierten sich nachher und die desinfizierten Hände 
brachten den Gebärenden keinen Nachteil. Es war von Ki wisch eine 
Unredlichkeit, mit der er sich selbst betrog, wenn er darauf hin- 
wies, daß bei ihm unmittelbar nach Sektionen untersucht werden 
durfte, und im ganzen Aufsatze verschwieg, daß Chlorwaschungen ge- 
macht wurden. Seine Pflicht wäre es gewesen, zu erklären: Vor 
Semmelweis untersuchten wir Gebärende unmittelbar nach vorgenom- 
menen Sektionen und oberflächlicher Reinigung und hatten 267o 
Sterblichkeit; seit 1848 desinfizieren wir unsere Hände in Chlorlösung 
und haben nun durch 27« Jahre fortgesetzt einen sehr befriedigenden 
Gesundheitszustand. Ergo war meine frühere Behauptung eine irrige, 
meine Patientinnen vor 1848 hatten durch Leicheninfektionen einen 
Nachteil von 26% Mortalität. 

So war denn Kiwi seh' Abhandlung, die in den Augen vieler 
urteilslosen Köpfe eine vernichtende Kritik der Semmelweis'schen 
Lehre bedeutete, im Grunde eine glänzende Bestätigung derselben. 
Aber wer durchschaute den Selbstbetrug, mit dem der eitle Gelehrte 
auch die Welt betrog? Niemand, auch Semmelweis nicht. 

Zu Kiwis ch' Glauben an die gewöhnliche Unschädlichkeit der 
Übertragung von Leichenstoff auf das Genitale von Gebärenden sagt 
Hegar: „Dies hat derselbe Mann geschrieben, unter dessen Leitung 
das Würzburger Gebärhaus einmal eine Sterblichkeit von 26^/0 in 
einem Jahre aufgewiesen hatte Wenn die Geschichte der mensch- 
lichen Irrtümer nicht ähnliche Beispiele genug aufwiese, möchte man 
erstaunen, daß ein so genialer und erfahrener Mann in der Art be- 
fangen und blind sein konnte." 

Im 28. Bande der Prager Vierteljahrsschrift referierte Scanzoni 
ausführlich über die Zuschrift Ki wisch' an die Redaktion der Zeit- 
schrift der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien und stellte bei Er- 
wähnung des Umstandes, daß auch Schwämme, Wäschestücke, Instru- 
mente etc. Träger des Giftes sein müßten und daß Semmelweis auch 
auf diese Schädlichkeiten Bedacht genommen habe, die unbedachte 
Frage: „Warum verschwieg Prof. Skoda diesen so wichtigen 
Umstand in seinem Berichte?!" Auf einen Augenblick hatte Scan- 
zoni seine wahre Denkweise verraten! 

Unmittelbar nach Kiwisch' Aufsatz erschien in der nächsten 
Nummer der Zeitschrift der Wiener Gesellschaft der Ärzte vom Jahre 
1850 ein solcher von Dr. Lumpe, in welchem dessen in seiner Rede 
vom 15. Juli dargelegter Standpunkt in breiter Ausführlichkeit erörtert 
wurde. 



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„Zur Theorie der Puerperalfieber 

Von 

Dr. Eduard Lumpe. 

,Der Wahrheit eine Gasse/ 

Wenn man bedenkt, wie seit dem ersten Auftreten von Puerperalfieber- 
epidemien die Beobachter edler Zeiten sich die Köpfe zerbrachen, um die 
Ursachen derselben aufzufinden und ihre Entstehung zu verhüten, so muß 
uns die Semmelweis'sche Theorie geradezu wie das Ei des Columbus er- 
scheinen. Ich gestehe, daß ich selbst anfangs hoch erfreut war, als ich von 
den glücklichen Resultaten der Chlorwaschungen hörte, und es ist es mit 
mir gewiß jeder gewesen, der das Unglück hatte, Zeuge zu sein, wie so 
viele in jugendlicher Frische erblühende kräftige Individuen der verheerenden 
Seuche ebenso schnell zum Opfer fielen, als manche entnervte gebrechb'che 
Jammergestalten. Allein da ich während meiner zweijährigen Assistenzeit 
an der I. Gebärklinik so ungeheuere Schwankungen der Erkrankungs- und 
Sterbefälle beobachtet hatte, mußte wohl mancher gerechte Zweifel gegen 
die beliebte Entstehungs- und Verhütungsart in mir erwachen. Je schärfer 
ich diese Zweifel ins Auge faßte, desto deutlicher standen sie als logische 
Widersprüche vor mir, gegen welche die pia desideria der Humanität auf dem 
Felde der exakten Wissenschaft nicht Stand zu halten vermögen. 

Nach Semmelweis ist „das Puerperalfieber nichts als Pyämie — 
die Ursache das Leichengift (faulende organische Stoffe) — 
Träger der untersuchende Finger,- Utensilien, die Luft im Zimmer. 
Alle diese Fälle können verhütet werden durch Eeinigen der 
Hände — der Utensilien — durch Lüftung". 

Wenn das Leichengift die Ursache einer Krankheit ist, so muß not- 
wendig die Wirkung desselben (da man logischerweise keine spezifische 
Disposition dafür annehmen kann) in einem direkten bestimmbaren Ver- 
hältnisse zu dieser Ursache stehen; also je häufiger das Leichengift durch 
den untersuchenden Finger etc. auf Wöchnerinnen übertragen wird, desto 
häufiger müssen die Erkrankungs- und Sterbef^e sein und umgekehrt. — 
Sehen wir nun, wie sich die Tatsachen mit dieser Forderung der unerbitt- 
lichen Logik vertragen. 

Beim ersten Blick auf die von mir in der letzten Sitzung der Gesell- 
schaft mitgeteilte Zusammenstellung der Monatsrapporte vom September 1840 
bis September 1842 sehen wir erstens eine graduelle, ziemlich gleichmäßige 
Zu- und Abnahme der Sterbef^Ue, und zweitens eine so enorme Differenz 
zwischen dem Maxime und Minimo (Maximum 2973^/07 Minimum */5%), daß. 
man dabei an alles andere früher, als an eine gemeinsame, sich gleichbleibende 
Ursache denken möchte. Stellen wir nun damit das Maximum der Sterblichkeit 
beim Gebrauch der Chlorwaschungen zusammen — es starben im März 1849 
20 Wöchnerinnen,*) so können wir, wenn Semmelweis' Theorie wahr ist, nur 
die über dieses Maximum hinausgehenden nach logischen Gesetzen als Ver- 
giftungsfUUe gelten lassen, und wir werden in konsequenter Schlußfolge zu 
der Behauptung gedrängt, daß ein Gift, welches so intensiv ist, daß die 
geringste materiell kaum nachweisbare Menge die gesundeste Wöchnerin zu 
töten vermag, sich durch lange Zeit mild wie Mandelmilch verhält, dann 



*) Dr. Semmelweis erklärt zwar, daß, wie man ihm sagte, zur Zeit dieser großen 
Sterblichkeit die ChlortL-aschungen nachläsnig gemacht wurden. Oh und wiefern dies richtig 
sei, darüber muß Dr. Braun, in dessen Assistentenzeit dieser Monat fällt, zur eigenen Recht- 
fertigung genauere Auskunft geben f ich kann auf ein bloßes on dit keine Rücksicht nehmen. 



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— 87 — 

wieder wie verheerender Pesthauch durch die Wochenzimmer streift. Denn 
vom Februar 1841 bis inklusive September 1841, also durch volle 8 Monate; 
dann vom Mai bis inklusive Juli 1842 blieb die Zahl der SfcerbeföUe immer, 
und — mit Ausnahme zweier Monate — sogar sehr weit unter 20. — — 

Da das Leichengift keine spezifische Disposition voraussetzt, so hängt 
die Entfidtung seiner Wirkung nur von der Leichtigkeit seiner Auf- 
nahme und der Häufigkeit der direkten Übertragung ab; je größer 
diese, desto größer muß die Anzahl der Ergriflfenen sein. Geben wir selbst 
einen geringen Unterschied der Aufnahmsftlhigkeit zu, so darf sich das Ver- 
hältnis doch nie umkehren, so daß die Erkrankungen desto seltener werden, 
je häufiger die direkten Mitteilungen geschehen. 

Die Leichtigkeit der Aufnahme kann bei allen als gleiche angenommen 
werden, denn die resorptionsföhige Stelle über dem inneren Muttermunde ist 
bei allen vorhanden und für aufzunehmende Stoffe von außen gleich zu- 
gänglich. 

Sehen wir also betreffs der Häufigkeit der Übertragung nach der 
Tabelle und greifen wir den Vorkämpfer der Ansteckungstheorie als ehrliche 
Gegner auf demselben Felde, wo er sich bewegt — dem festgestampften 
Boden der Statistik — und mit denselben Waffen an.* 

Lumpe entnimmt nun seiner Tabelle, daß während seiner Assistenzzeit 
auf der L Gebärklinik (September 1840 bis September 1842) das Maximum 
der Sterblichkeit auf solche Monate fiel, in welchen er keinen Kurs mit 
Übungen an Leichen von Wöchnerinnen hielt, und das Minimum gerade 
auf solche Monate, in welchen er einen oder zwei Kurse mit Leichenübungen 
abhielt. Auch die Zahl der künstlichen Geburten, bei denen doch die Gefahr 
einer Lifektion eine doppelte war, weil gerade diese Gebärenden am häufigsten 
untersucht wurden und die Stelle am inneren Muttermunde am sichersten 
unmittelbar berührt wurde, stand keineswegs im geraden Verhältnis zur 
Sterblichkeit. Mehrmals ergab es sich, daß, je häufiger die InfektionsgelegenheUen^ 
desto geringer die Anzahl der Ergriffenen war. 

Lumpe bestreitet femer, daß die Verhältnisse auf beiden Gebärkliniken 
im übrigen die gleichen seien. Denn auf der I. Klinik sei wegen der häufigeren 
Au&ahmstage eine vollkommene Lüftung der Wochenzimmer höchst selten im 
Jahre möglich, während sie auf der IL regelmäßig durchgeßlhrt werde. Er 
ist überzeugt, daß das Puerperalfieber auch außerhalb des Gebärhauses 
epidemisch vorkommt, nimmt an, daß es durch ein Miasma verbreitet wird 
und erklärt, er werde in alle Ewigkeit behaupten, daß „der mit Leichen- 
gift imprägnierte untersuchende Finger nicht der eigentliche 
Faden ist, an dem die Infektionskristalle anschießen". Doch könne 
er die Chlorwaschungen nicht für überflüssig erklären. Die Infektion 
durch Leichengift sei jedenfalls nicht der einzige und wahre Erzeuger des 
Puerperalfiebers; ob sie vielleicht der kleinste unter vielen zur Erzeugung 
der Krankheit konkurrierenden Faktoren sei, darüber müsse erst eine spätere 
Zukunft entscheiden. „Bis dahin, glaube ich, sollen wir — warten und 
waschen. 

Wien, am 15. Juli 1850." 

Ein phantasievoller, sprachgewandter Redner, der nach drastischen 
Bildern und Vergleichen nicht lange zu suchen brauchte; ein sympathi- 
scher Charakter; ein ehrlicher Gegner; ein gelehrter Kopf — Alles, 
Alles, nur kein Forscher. Lumpe konnte die Natur nicht beobachten 



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— 88 — 

und es mangelte ihm jene durchdringende Verstandesschärfe, durch 
welche Semmelweis das aller Welt rätselhafte Problem leicht zu lösen 
vermochte. Diese Lösung erschien Lumpe a priori denn doch zu 
einfach, rein wie das Ei des Kolumbus! Das konnte nicht die Wahr- 
heit sein. 

Treffend schildert Brück die Lage der damaligen Vertreter der 
Geburtshilfe gegenüber den revolutionären Ideen des jungen Assistenten. 
„Mit einem neuen Gedanken war er auf den Schauplatz getreten. . . . 
Da war man seit Menschengedenken gewöhnt, ohnmächtig dem Puer- 
peralfieber gegenüber zu stehen. Man hatte sich zur Erklärung dieser 
Ohnmacht auf atmosphärische, kosmische und tellurische Einflüsse be- 
rufen . . ., man hatte den Witterungswechsel als entscheidendes Moment 
für den Ausbruch wie auch für die Abnahme der Krankheit zu er- 
kennen gemeint. . . . Alles das hatte man mit hochwichtiger Miene 
vom Katheder herab und beim Krankenbette verkündet, und nun sollte 
es auf einmal, wie im Handumdrehen, zur Lüge geworden sein. Man 
sollte eingestehen, daß alles, was man jahrelang gelehrt, worüber man 
dickleibige Bände voll tiefer Gelehrsamkeit geschrieben, ein Irrtum 
gewesen; daß ein bißchen Chlorkalk genüge, den ganzen gelehrten 
Apparat, den so viele angesehene Männer der Wissenschaft seit Jahr- 
hunderten mit Bienenfleiß zusammengetragen, über den Haufen zu 
werfen; daß dasselbe genüge, den Ausbruch einer Krankheit hintanzu- 
halten, welcher gegenüber sich jede Bemühung bisher als nutzlos er- 
wiesen. Das schien denn doch zu einfach, um ernst genommen zu 
werden!" 

Noch ein zweites Mitglied der Würzburger medizinischen Fakultät 
nahm im Jahre 1850 Stellung gegen Semmelweis und Skoda, der 
Professor der internen Medizin Heinrich Bamberger, über dessen 
Ausführungen C. Braun in der „Klinik der Geburtshilfe und Gynäko- 
logie" schrieb: 

. „Heinrich Bamberger sucht die Theorie der kadaverösen Infektion 
durch die Erklärung der Genese der Puerperalprozesse umzustoßen, sieht in 
der Endometritis nur die Lokalisation eines Blutleidens an dieser Stelle, 
weil die Schleimhaut des Uterus bei Wöchnerinnen der am meisten ver- 
wundete und zur Exsudation der geeignetste Teil ist, und ist bemüht, gegen 
die Ansicht, nach welcher die pyämischen Symptome durch Resorption der 
auf die Uterusschleimhaut gesetzten Exsudate erklärt werden, wobei man 
die Venen und Lymphgefäße mit der Rolle der Träger und Weiterbeförderer 
der deletären Stoffe beteiliget, folgende Gründe anzuführen: 

a) Bei den heftigsten Fällen von Puerperalfieber sind die Venen und 
Lymphgefäße von jeder Erkrankung oft frei; es müßte daher eine Übertragung 
von Infektionsstoffen auf eine nicht nachweisbare Weise stattfinden. 

h) Der Inhalt der Venen und Lymphgef^e hat mit dem Exsudate auf 
der Uterusschleimhaut oft nicht die geringste Ähnlichkeit; während im ersteren 
Eiter sich befindet, so wird im zweiten Jauche angetroffen. 

c) Schleimhäute mit freier Elimination des Sekretes scheinen solche 
Resorptionen am wenigsten zu begünstigen, sonst müßte bei der Häufigkeit 
der Suppurationsprozesse auf Schleimhäuten, Pyämie sich sehr häufig ent- 
wickeln, während dieses doch sehr selten der Fall ist. 



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— 89 — 

d) Die Reihenfolge der Krankheitserscheinungen führt zu demselben 
Schlüsse, da immer die aUgemeinen^ der Blutkrankheit angehörigen Symptome den 
lokalen Prozessen vorausgehen. Am evidentesten geschieht dieses in solchen 
Fällen, wo die Krankheit tödlich verläuft, ehe eine Lokalisation stattfand 
und in solchen nicht selten vorkommenden Fällen, wo die Symptome des 
Puerperalfiebers noch vor der Geburt entstehen und nach dieser ihren 
unaufhaltsamen Fortgang nehmen." 

Eine Reihe falscher Beobachtungen und darauf aufgebaut eine 
natürlich grundfalsche Theorie. 

Im Februar 1850 hatte Semmelweis ein zweitesmal um seine Ha- 
bilitierung angesucht. Nach achtmonatlichem Harren wurde er endlich 
am 10. Oktober zum Privatdozenten für theoretische Geburtshilfe 
mit Übungen am Phantom ernannt und der Lektionskatalog vom 
Wintersemester 1860/51 brachte folgende Notiz: „Vorlesungen über 
Geburtshilfe mit praktischen Demonstrationen am Phantome, 
fünfmal die Woche, vom Dozenten Ignaz Semmelweis. ** Er war 
also entschlossen, von der ihm erteilten venia legendi ausgiebig Ge- 
brauch zu machen. Nachdem damals an der Wiener medizinischen 
Fakultät nur noch Chiari und Zipfel Dozenten für Geburtshilfe waren 
und Wien sonst nur wenige Geburtshelfer von Ruf beherbergte — 
Klein, Bartsch und Lumpe; Primarius Mikschik weilte in Ruß- 
land als Leibarzt der Großfürstin Helene, und Dr. v. Arneth, der 
emeritierte Assistent der Hebammenklinik, unternahm eine Studienreise 
ins Ausland — so war Semmelweis' Stellung durch die Erlangung der 
Dozentur in Hinsicht auf Karriere, wissenschaftlichen Einfluß und 
Privatpraxis eine äußerst günstige, aussichtsreiche. Alle guten Geister 
der Fakultät standen ihm zur Seite als Gönner und Freunde, seine 
Totfeinde Klein und Rosas waren alte Herren, die nicht mehr lange 
das Lehramt versehen konnten; — also nur noch etwas Geduld und 
seine lokalen Gegner verschwanden von der Bildfläche. Geradezu 
glänzende Aussichten eröffnete ihm die Zukunft! 

Doch nachträglich stieg in Semmelweis ein Groll auf. Vermutlich 
hatte er in seinem Gesuche um die Dozentur sich ausdrücklich das 
Recht ausgebeten, Demonstrationen auch an der Leiche halten zu 
dürfen. Dieses Recht wurde ihm nicht bewilligt, wie Semmelweis an- 
gibt; vielleicht weil es gegen den Brauch verstieß. Denn auch Dr. v. 
Arneth durfte als Dozent im Jahre 1852 nur am Phantom demon- 
strieren. Jedenfalls ereiferte sich Semmelweis in immer steigendem 
Maße über die ihm auferlegte Beschränkung; je länger er darüber 
nachdachte, desto mehr schien ihm eine solche Dozentur wertlos, „weil 
das Gesetz zur Giltigkeit der Zeugnisse des Dozenten einen ebenso 
umfangreichen Unterricht von Seite des Privatdozenten fordert, als 
derjenige des Professors isf.*) Dieser neuen Bosheit seines Verfolgers 
fühlte er sich plötzlich nicht mehr gewachsen; seine Geduld war zu 
Ende, sein Zorn verdrängte alle Vernunft. Die zahlreichen Freunde 
und Gönner galten ihm auf einmal nichts, er sah nur mehr seine 



*) Ätiologie, p. 81. 



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— 90 — 

Gegner ! Sie allein machten ihm ganz Wien verhaßt, und ein Plan, der 
ihm in den früheren Tagen der Enttäuschungen und Widerwärtigkeiten 
verlockend erschienen sein mochte, wurde Hals über Kopf zur Aus- 
führung gebracht: Fünf Tage nach seiner von ihm bereits angenom- 
menen Ernennung verließ er Wien, das er im Grunde seiner Seele 
doch liebte als die Stätte, wo er seine heilbringende Entdeckung ge- 
macht hatte, und übersiedelte nach Pest. 

Möglich, ja wahrscheinlich, daß dieser unselige, anscheinend 
gänzlich unmotivierte Entschluß das erste Anzeichen des beginnen- 
den chronischen Gehirnleidens war, dem der unglückliche Semmel weis 
frühzeitig zum Opfer fallen sollte. 

Möglich auch, daß die unmittelbare Veranlassung zu diesem Ent- 
schlüsse durch — Betrug zustande gekommen war. In den Akten des 
Unterrichtsministeriums wenigstens steht betreffs der Verleihung der 
Dozentur deutlich: „mit Übungen am Phantom und Kadaver". Die 
Sache bedarf der Aufklärung. 

Wenige Tage nach Semmelweis' Abreise, am 31. Oktober 1850, er- 
griff in der Sitzung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse 
der Akademie der Wissenschaften zu Wien Professor Brücke das Wort, 
um folgenden Bericht*) zu erstatten: 

„Im vorigen Herbste hat mich die geehrte Erlasse, über Antrag des 
W. M. Herrn Skoda, aufgefordert, mit Herrn Dr. Ignaz Semmelweis in Eück- 
sicht auf die von demselben aufgestellte Ansicht über die Entstehung der 
Puerperalfieber Versuche an Tieren anzustellen, und zu dem Ende jedem 
von uns eine Anweisung von 100 fl. CM. übermittelt. Herr Dr. Semmelweis 
hat sich nun im Frühling und Sommer diesen Versuchen mit großem Eifer 
und großer Gewissenhaftigkeit unterzogen, und die Obduktion der Tiere ge- 
meinschaftlich mit mir vorgenommen. Dieselben haben aber bis jetzt nur 
zweideutige Eesultate geliefert und es hat sich für mich die Überzeugung 
herausgestellt, daß Versuche an Tieren nicht das geeignete Mittel sind, um 
die Zweifel über diesen hochwichtigen und für jeden, in dessen Augen das 
Menschenleben noch einigen Wert hat, so höchst interessanten Gegenstand zu 
heben, sondern daß dies nur geschehen kann durch Sammlung von ähnlichen 
Erfahrungen, wie sie Herr Dr. Semmelweis an hiesiger Gebäranstalt in einer 
für jeden Menschenfreund so erfreulichen Weise machte. 

In Anbetracht dessen gebe ich, nach Übereinkunft mit Herrn Dr. 
Semmelweis, der in diesen Tagen Wien verlassen hat, um seinen Wohnsitz 
in Pest aufzuschlagen, der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften hiermit 
die mir unterm 31. Oktober 1849 zugestellte Anweisung auf 100 fl. CM. 
zurück." 

Aufs tiefste verletzt über Semmelweis' Undank und Narretei war 
Skoda. Dem unbeholfenen jungen Manne war er freudig beigesprungen 
und hatte sich, er, der berühmte Kliniker, mit selbstloser Hingebung 
für die Ideen des unbekannten Assistenten eingesetzt; er hatte sich 
dadurch nur neue Feinde gemacht und neue Kämpfe heraufbeschworen. 
Doch das focht ihn nicht an. Er nahm den Kampf auf, um der 
guten Sache willen. Und schon winkte der Sieg, da ließ ihn sein Schütz- 



*) Ätiologie, p. 313. 



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— 91 — 

ling selber im Stich! Skoda zog seine Hand zurück und schwieg 
fortan. Für ihn existierte Semmelweis nicht mehr. 

Auch Hebra war entrüstet über Semmel weis' wahnsinnigen Ent- 
schluß und hatte ihm in seiner aufrichtig derben Weise gehörig seine 
Meinung gesagt. Leider ohne Erfolg. 

In einer Stunde unvernünftiger Leidenschaftlichkeit hatte Semmel- 
weis alle Bande zerrissen, die ihn mit Wien verknüpften und war 
davongegangen. Daß er damit alle Brücken hinter sich abbrach, daß 
es nun keine Rückkehr mehr gab, dies mochte er freilich nicht ahnen 



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— 92 — 



Geburtshelfer. Primarius in Pest. Untätigkeit. Heiteres 
Leben. Anwachsen der gegnerischen Stimmen. 

1850 bis 1855. 

Das Leben in Ungarns Hauptstadt war wahrend Semmelweis' 
mehrjähriger Abwesenheit infolge politischer Ereignisse ein durchaus 
anderes geworden. „Der Kampf," sagt Brück, „den Ungarn für seine 
Freiheit und Unabhängigkeit gekämpft, hatte soeben mit der Waffen- 
streckung bei Vilägos einen traurigen Ausgang genommen. Zertreten 
und aus tausend Wunden blutend, lag es seinen Gegnern zu Füßen. 
Eine absolutistische Regierung, die in Wien ihren Sitz hatte, entschied 
von hier aus über sein Geschick und machte jede freie Bewegung zur 
Unmöglichkeit. Es genügte ihr nicht, die avitische Verfassung des 
Landes beseitigt zu haben, auch die sozialen und kulturellen Verhält- 
nisse desselben sollten nach ihrem Sinne umgemodelt werden. Aber je 
gewaltsamer 'sie dabei vorging, desto mehr schwand ihr das Gefühl 
der Sicherheit, so daß sie schließlich dahin gelangt war, selbst hinter 
der Tätigkeit der wissenschaftlichen Korporationen politische Ver- 
schwörungen zu wittern. Sie zwang nun die ungarische Akademie 
der Wissenschaften, wie auch die naturwissenschaftliche Ge- 
sellschaft, ihre Sitzungen zu suspendieren; sie untersagte die Wander- 
versammlungen der Naturforscher und Ärzte und einzig nur der 
Gesellschaft der Ärzte zu Pest war es — allerdings unter gewissen 
Bedingungen — gegönnt, ihre Arbeiten fortzusetzen. In jeder Sitzung 
erschien ein Organ der Polizei, um deren Verlauf zu kontollieren ; 
überdies war die Gesellschaft verhalten, ihre Protokolle der Behörde 
vorzulegen. 

Das einzige ungarische medizinische Fachorgan „Orvosi tär" 
(Medizinisches Magazin) hatte schon in den Stürmen des Jahres 1848 
zu erscheinen aufgehört. Der Redakteur desselben, Prof. Paul Bugät, 
wurde seines Lehramtes enthoben und Jahre hindurch unter polizei- 
licher Aufsicht gehalten. Desgleichen standen alle jene Ärzte unter be- 
hördlicher Überwachung, die nur irgendwie verdächtig schienen, an 
den freiheitlichen Bewegungen der vergangenen Jahre teilgenommen 
zu haben. Balassa, die Zierde der Universität, wurde eingekerkert; 
andere, denen ein gleiches drohte, flüchteten in das Ausland. 



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-- 93 — 

Auf allen Gebieten des geistigen Lebens — — war ein hoher 

Grad von Stagnation eingetreten. Zu einer Zeit, wo jenseits der 

Grenzen des Landes, auf den Trümmern der veralteten Anschauungen 
überall neues Leben erwachte, wo auf dem Gebiete der Naturwissen- 
schaften eine Entdeckung auf die andere folgte und diesen einen un- 
geahnten Aufschwuhg verlieh, blieb die gesamte medizinische Literatur 
in Ungarn auf die behördlich superrevidierten Protokolle der Pester 

Gesellschaft der Ärzte beschränkt. Solcherart also war der 

Stand der Dinge in Ungarn, als Semmelweis dahin zurückkehrte." 

Von seinen Geschwistern hatte sein ältester Bruder Paul, der 
Theologe war, seinen deutschen Familiennamen in Szemerenyi um- 
geändert. Drei andere Brüder — der eine war Kaufmann, der zweite 
Landwirt, der dritte Soldat — hatten an der Revolution teilgenommen 
und waren nach Niederwerfung derselben aus Ungarn geflohen. Außer- 
dem lebte eine Schwester in Ofen.*) 

Semmelweis mietete eine bescheidene Wohnung und suchte alte 
Freunde und Kollegen, wie Markusovzsky und Hirschler, auf, um 
in der ihm fast fremd gewordenen Stadt wieder festen Fuß zu fassen. 
Als junger Mediziner war er ausgezogen, als Geburtshelfer von Ruf 
kehrte er zurück. Selbst nach dem grabesstillen Pest war die 
Kunde von seiner Entdeckung gedrungen. Doch außer seinem Studien- 
freunde Markusovzsky war vielleicht niemand über das Wesen seiner 
Lehre genau unterrichtet. 

Gleich einen der ersten Abende brachte Semmelweis in Gesell- 
schaft einer größeren Anzahl Ärzte zu, und infolge seines Erscheinens 
kam das Gespräch alsbald auf das Kindbettfieber. Man hielt ihm vor, 
daß auf der Gebärabteilung des St. Rochusspitales keine Schüler 
wären, welche nebenbei Sektionen machten, und doch herrsöhe daselbst 
eben jetzt wie alljährlich eine heftige Puerperalfieberepidemie. Am 
folgenden Morgen eilte Semmelweis in dieses Gebärhaus, um sich über 
die dortigen Verhältnisse zu unterrichten. Er fand im Krankensaal eine 
eben an Puerperalfieber verstorbene, noch nicht entfernte Wöchnerin, 
eine zweite in Agonie liegend und vier andere in hoffnungslosem Zu- 
stande, daneben endlich Frauen, die an anderen Krankheiten litten. 
Nähere Erkundigungen ergaben, daß ein und derselbe Primarius so- 
wohl der chirurgischen, als der geburtshilflichen Abteilung vorstand, 
wobei er zuerst auf der chirurgischen Abteilung die Visite abzuhalten 
pflegte. Er war überdies Gerichtsanatom und seine Sekundarärzte 
mußten wegen Mangels eines Prosektors die Sektionen der auf beiden 
Abteilungen Verstorbenen selbst vornehmen. Desinfektion mit Chlor- 
kalklösung wurde nicht geübt Die Ursachen der alljährlichen „Epi- 
demien*' waren also Semmelweis sofort klar, und hier Wandel zu 
schaffen, die Menschenleben zu retten, seine Kunst zu zeigen, einen 
neuen, untrüglichen Beweis für die Richtigkeit seiner Lehre in praxi 
zu erbringen, war sein sehnlichster Wunsch. 



*) Mitteilungen von Semmel weis* Witwe. 



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— 94 — 

Er richtete demgemäß ein Ansuchen an die städtische Behörde, 
ihm die Leitung der geburtshilflichen Abteilung zu übertragen, damit 
der Endemie daselbst ein Ende bereitet werde. 

Einige Monate später brachte die Wiener medizinische Wochen- 
schrift (L Jahrgang, 1851) einen Brief aus Pest, welcher folgende 
Stelle enthielt: „Der von Wien aus ihnen wohlbekannte Dr. Semmel- 
weis soll als Dozent an der hiesigen Universität, neben Birly, prak- 
tische Geburtshilfe vortragen, zu welchem Behufe ihm im Rochus- 
spitale zwei Zimmer überlassen werden." Sein Ansuchen wurde be- 
willigt, am 20. Mai 1861 trat er als „unbesoldeter Honorärprima- 
rius"* — schon damals verstand man es, Ärzte zu ehren, indem man 
ihre Leistungen nicht honorierte! — seine neue Stelle im Rochus- 
spitale an. 

Die Aufnahme von Gebärenden war auf die Monate August und 
September beschränkt, während welcher die geburtshilfliche Klinik der 
Pester medizinischen Fakultät behufs Reinigung alljährlich geschlossen 
war. Während der übrigen Monate durfte das geburtshilfliche Lehr- 
material der Klinik nicht entzogen werden, weshalb nur gynäkologische 
Fälle oder kranke Gebärende im städtischen St Rochusspital Auf- 
nahme fanden. Es kamen daher jährlich nicht mehr als 120 bis 200 
Geburten in Behandlung — eine herzlich bescheidene Zahl gegenüber 
den Massen, welche Semmelweis in Wien zu beobachten Gelegenheit 
gehabt hatte. 

Es wurden ihm ein Kreiß- und zwei Wochenzimmer zugewiesen. 
Die sechs Fenster dieser kleinen Räume mündeten sämtlich in den 
— Leichenhof! Trotz der sanitätswidrigen Lage der Gebärabteilung 
und trotzdem ihm die Unzuverlässigkeit und Gewissenlosigkeit selbst 
des ärztlichen Personales viel zu scli äffen machte — ein chirurgischer 
Sekundarius, der eben die Sektion eines an Gangrän verstorbenen 
Mannes gemacht hatte, untersuchte eine Gebärende, bei welcher Steiß- 
lage festgestellt worden war, und führte durch Leicheninfektion ihren 
Tod herbei — gelang es Semmelweis in kurzer Zeit, dem Wüten der 
Seuche ein Ende zu bereiten. 

Mit einem Schlage waren die alten „Epidemien" verschwunden, 
die Kindbettfiebersterblichkeit sank während der nächsten Jahre durch- 
schnittlich auf 0'857o! Ein schöner Erfolg, der seiner Lehre, seinem 
Rufe als tüchtiger Geburtshelfer nur nutzen konnte. Dies hatte Semmel- 
weis ziemlich nötig, denn das vom Vater ererbte bescheidene Ver- 
mögen war schon erheblich zusammengeschmolzen und in der ersten 
Zeit konnte er infolge verschiedener Unglücksfälle zu keiner Praxis 
kommen. Im März 1851 fiel er in der Reitschule vom Pferde und 
zog sich einen Bruch des rechten Oberarmes zu; kaum geheilt, glitt 
er im Juli desselben Jahres in der Schwimmschule, die er oft auch 
zweimal des Tages aufsuchte, zu Boden und brach sich den rechten 
Unterarm. Trotz dieses doppelten Mißgeschickes, das einen Geburts- 
helfer unter Umständen dauernd berufsunfähig machen konnte, verlor 
Semmelweis nicht den Mut und ertrug heiteren Sinnes die lange Re- 



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— 95 — 

konvaleszenz. Überhaupt war seine Stimmung seit seiner Rückkehr 
nach Pest wieder die beste. Lebensfreudig, wie er von Natur aus war, 
benutzte er seine freie Zeit nach Möglichkeit, um das Leben zu ge- 
nießen. Nach der aufreibenden Tätigkeit der Wiener Jahre hatte er 
eine solche Aufheiterung und Erfrischung auch dringend nötig. Er 
neigte schon damals zur Korpulenz, aber diese hinderte ihn nicht, 
dem Vergnügen des Tanzes sich mit wahrer Leidenschaft hinzugeben, 
und daß er sich für Bälle stets mit dreifachem Wäschevorrat aus- 
rüstete, gab seinen Freunden Anlaß zu zahllosen Neckereien. Teils aus 
Passion, teils um magerer zu werden, nahm er Unterricht im Reiten, 
Außerdem war er ein ausdauernder Fußgänger, ein leidenschaftlicher 
Jäger und ausgezeichneter Schwimmer, der sich in der Donau wie zu- 
hause fühlte. 

Seine Empfindlichkeit und Gereiztheit in Hinsicht seiner Lehre 
war durch die neue Umgebung, das neue Leben, das er führte, eine 
geringere geworden, und so ertrug er es mit größerem Gleichmut, als 
er in Wien gezeigt hatte, daß der Professor der geburtshilflichen Univer- 
sitätsklinik, Hof rat Birly, welcher gleich Klein ein Assistent Boer's 
gewesen, von seiner Entdeckung nichts wissen wollte. Dieser glaubte, 
der im Vergleich zu Wien bessere Gesundheitszustand seiner Wöch- 
nerinnen in Pest rühre daher, daß er einen ausgedehnteren Gebrauch 
von Purgantien mache, denn das Kindbettfieber werde erzeugt durch 
„die Unreinlichkeit der ersten Wege". Alljährlich bei Eröffnung seiner 
Klinik im Oktober hielt er eine geharnischte Philippika gegen Wien 
und behauptete, die große Sterblichkeit im Wiener Gebärhause sei nur 
der Vernachlässigung der Purgantien zuzuschreiben.*) In der Tat, einem 
so hervorragenden Geiste konnte man nicht leicht böse werden. 

Nichtsdestoweniger behielt Hofrat Birly nach wie vor den Löwen- 
anteil der Frauenpraxis, und in den Rest teilten sich zumeist andere 
erbgesessene Praktiker, neben welchen Semmelweis nur langsam auf- 
kam.**) 

Semmelweis interessierte sich natürlich sehr für die Statistik der 
Pester Gebärklinik, aber zu seinem Leidwesen waren die Protokolle 
während der Revolution verloren gegangen. Doch auf Grund münd- 
licher Mitteilungen konnte er feststellen, daß auch in Pest das Kind- 
bettfieber erst überhandnahm, als die Medizin daselbst die anatomische 
Richtung annahm, zu Beginn der vierziger Jahre. Wiederholt mußte 
die Gebärklinik der Seuche wegen gesperrt werden, selbst während 
des Schuljahres; dennoch sah sich Hofrat Birly nicht veranlaßt, die 
Semmelweis'sche Prophylaxe auch nur zu versuchen! 

Auch Dr. Karl Tormay, Oberphysikus der k. Freistadt Pest, 
erwähnte in seinem im Jahre 1852 erschienenen „Wegweiser in der 
Geburtskunde. Ein Handbuch für Landhebammen" nichts von der 
Reinigung, geschweige von Desinfektion. 



*) Ätiologie, p. 136. 

**) Hir sohler, Aufzeichnungen. 



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— 96 — 

„Wenn die Hebamme zu einer Gebärenden gerufen wird, muß sie immer 
bei sich haben: 1. eine Nabelschnurschere, 2. mehrere Nabelbändchen, 3. eine 
zinnerne Klystierspritze, 4. einen Badeschwamm, 5. zwei Wendungsschiingen, 
6. eine Bürste — und sie vergesse ja nicht ihr Handbuch. — — — 

Vor allem ist es notwendig, daß sich die Hebamme nach den Um- 
ständen der Gebärenden erkundige, sie utüermche^ alles was ihr schädlich sein 
könnte, entferne, und ihr ein Klystier gebe." 

Daß Semmelweis von dem geringen Verständnis, welches man ihm in 
seiner Heimat entgegenbrachte, nicht sonderlich erbaut war und daß 
die drei Krankenzimmer im Rochusspitale seinem Tätigkeitsdrange 
nicht genügten, beweist die Tatsache, daß, als im September 1851 
Lange, der Professor der Hebammenklinik in Prag, einen Ruf nach 
Heidelberg erhielt, an die Stelle des verstorbenen alten Naegele, er 
den freigewordenen Posten zu erhalten strebte und zu diesem Zwecke 
sogar von Pest nach Prag fuhr.*) Ein köstlicher Zufall wollte es, daß 
er zur Fahrt von Wien nach Prag denselben Zug benutzte wie Chiari 
und Arneth, welche gleichfalls um die erledigte Stelle eingekommen 
waren! Alle drei wurden abgewiesen, da sie der czechischen Sprache 
nicht mächtig waren; ernannt wurde Dr. Johann Streng, unter dessen 
Leitung die Hebammenklinik noch im Jahre 1858 eine Sterblichkeit 
von — l3-077o erreichen sollte! 

Ob Semmelweis im Laufe der nächsten Jahre noch um andere 
erledigte Stellen sich bewarb — im Dezember 1851 starb Kiwisch 
als Professor in Prag, sein Nachfolger Chiari gab schon im Jahre 
1854 die Stelle wieder auf — darüber ist nichts bekannt geworden. 
Wir wissen nur durch die Erinnerungen des Dr. Hirschler, daß 
Semmelweis die ersten Jahre in Pest sich durchaus nicht heimisch 
fühlte, vielmehr beständig das schmerzliche Gefühl hatte, als lebte er 
dort in der Verbannung. 

Über die Zeit bis zu Birly's Tode im Frühjahr 1855 verlautet 
nur soviel, daß durch Semmelweis' segensreiche Tätigkeit im Rochus- 
spitale sich sein Ruf als Geburtshelfer sehr festigte und seine Praxis 
zunahm. Indem er auf seiner Abteilung zeigte, wie man die vermeint- 
lichen Epidemien aus der Welt schaffen könne, glaubte er für seine 
Entdeckung genug getan zu haben. Kein Wort, keine Zeile ging von 
ihm aus, weder an seine Freunde, noch an seine Gegner. Er wähnte, 
daß seine Lehre, ohne daß er weiter einen Finger zu rühren brauche^ 
durch ihre innere Wahrheit von selbst zur Geltung kommen werde, 
ja müsse — doch darin irrte er gewaltig! 

Im Dezember 1850 hatte Dr. F. H. v. Arneth**) eine Studienreise 
nach Frankreich und England angetreten, während welcher derselbe 
auch durch öffentliche Vorträge für Semmelweis' neue Lehre einzutreten 
beabsichtigte. Zunächst in 'Paris hörte er Dubois, der in einer Vor- 
lesung erzählte, er kenne einen Arzt aus der Provinz, der nach einer 
vorgenommenen Sektion zwei Frauen bei der Geburt beistand, die 



*) Mitteilung des Hofrates y. Arneth. 
**) Arneth, Geburtshilfe in Frankreich und England. 1853. 



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— 97 — 

beide an Puerperalfieber zugrunde gingen. Es erscheine ihm außer 
allem Zweifel, daß der Arzt durch die vorhergehende Sektion die 
Frauen infiziert habe. Seither lasse er zum Zwecke der Touchier- 
übungen auf seiner Klinik gegen Entlohnung Weiber aus der Stadt 
kommen, um zu verhindern, daß die baldigst zur Geburt Gehenden 
untersucht würden. 

Trotzdem ließ Dubois Ärzte auf seiner Klinik praktizieren, welche 
nebenbei auch auf anderen Kliniken und in der Anatomie tätig waren. 
Die Sterblichkeit auf Dubois' Klinik und in der von ihm gleichfalls 
geleiteten Maternite erhielt sich denn auch fast konstant auf einer 
Höhe, die derjenigen der Wiener ärztlichen Klinik vor 1847 nur wenig 
nachstand. 

Noch im Dezember 1851 hielt v. Arneth in der Akademie der 
Medizin zu Paris einen Vortrag über Semmelweis' Ansichten von der 
Entstehung und Verhütung des Kindbettfiebers. Unter dem Eindruck 
des formvollendeten Vortrages wurde zur Untersuchung der Frage 
sofort eine Kommission gewählt. Diese unterließ es, Arneth von dem 
Ergebnis der Untersuchung zu verständigen, und als Arneth sich 
später brieflich an den Präsidenten der Untersuchungskommission 
wendete, erhielt er keine Antwort.*) Dagegen meldete die Gazette des 
Hopitaux Nr. 3 vom 9. Januar 1851, daß die Akademie der Medizin 
zu Paris unter Orfila's Vorsitz sich mit größter Entschiedenheit gegen 
Semmelweis' Theorie der kadaverösen Infektion erklärt und dem Chlor- 
kalk die Eigenschaft, die kadaverösen Moleküle zu zerstören, gänzlich 
abgesprochen habe. 

Von Paris reiste Arneth hinüber nach England. Dort hatte die 
im Jahre 1849 von Dr. Routh verfaßte Schrift „On the causes of the 
Endemie Puerperal Fever of Vienna" großes Aufsehen erregt und der 
Semmelweis'schen Lehre viele und bedeutende Anhänger geworben. 

Selbst Simpson in Edinburg sah sich veranlaßt, seine Stellung 
zu Semmelweis' Entdeckung in dem Edinb. Monthly Journal, November 
1850, klarzulegen. Er bekannte sich zu der Anschauung, daß das 
Puerperalfieber keine spezifische, kontagiöse Krankheit, sondern 
identisch sei mit der Pyämie (surgical fever), wobei weder das 
Fieber die Ursache der begleitenden Entzündungen, noch die Ent- 
zündungen Ursache des Fiebers wären; denn sowohl Fieber als Ent- 
zündungen seien die Folgen einer gemeinschaftlichen Ursache, nämlich 
der ursprünglichen Blutverderbnis. Was aber das Blut verderbe, dies 
zu erkennen, bleibe einer späteren Zeit vorbehalten. 

Im April oder Mai 1851 hielt Dr v. Arneth in der Med. Chirurg. 
Society zu Edinburg einen Vortrag über Genese des Puerperalfiebers, 
der in „The Obstetrical Memoirs and contributions" Vol. II, p. 20 
abgedruckt wurde. In demselben Bande, p. 1 ff., erschien ein Aufsatz 
von Simpson über die Analogien zwischen Puerperalfieber und Surgical 
Fever, p. 20 ff. ein zweiter Aufsatz darüber, aus welchen hervorging. 



*) Ätiologie, p. 455. 
V. Waldheim, Ignax Philipp Semmel weit. 



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— 98 — 

daß Simpson vollständig über die Semmelweis'schen Ansichten in- 
formiert und erst durch Semmelweis seinerzeit zu der Besprechung 
des Themas angeregt worden war.*) 

Churchill dagegen war im Jahre 1850 zu folgendem Schlüsse 
gekommen: 

„Nach aufmerksamer Prüfung der Tatsachen kann ich nicht zweifeln, 
daß die Krankheit durch Ansteckung und Berührung weiterverhreitet wird, 
d. h. daß sie von einer am Puerperal£eher Leidenden einer anderen Person 
mitgeteilt werden kann, die mit derselben in Berührung ist oder in enger 
Nachbarschaft sich befindet."**) 

Hierzu bemerkte Arn et h in seinem im Jahre 1853 erschienenen Reise- 
bericht, daß Churchill und andere englische Arzte „Übertragungen nicht in 
dem Sinne nehmen, wie Semmelweis und Skoda sie verstanden wissen wollen, 
nämlich nicht durch eine Übertragung von putriden Stoffen auf die Geschlechts- 
teile der Frau, sondern durch die Übertragung der Krankheit qua talis von 

einer Frau auf die andere Die Entscheidung der Frage, welche von 

beiden Auslegungen als die richtige sich herausstellt, ist begreiflicherweise 
von großer praktischer Bedeutung; denn wenn die in England gewöhnliche 
Ansicht der Dinge Geltung erlangte, so folgt daraus keineswegs das Verbot, 
sich mit Leichen von Personen zu beschäftigen, die an anderen als Puerperal- 
krankheiten gestorben sind, während wir hinwieder keinen Anstand nehmen, 
von einer kranken Wöchnerin zur anderen zu gehen, ohne die Kleider gewechselt 
zu haben, wie man dies in England zu tun vorschreibt, weil man die Lehre 
von der Übertragbarkeit der Krankheit soweit ausdehnt, daß man annimmt, 
ein gesunder Mensch (also auch der Arzt), der von einer am Wochenbette 
Erkrankten herkomme, könne dieselbe Krankheit, ohne daß Berührung statt- 
gefunden habe, auf eine bis dahin gesunde Wöchnerin übertragen. Diese 
Fähigkeit der Übertragung scheint nach einer dort üblichen Annahme för 
längere Zeit möglich gedacht zu werden, weil nach den häufig von englischen 
Schriftstellern aufgestellten Anordnungen ein Arzt, der so unglücklich ist, 
in seiner Praxis mehrere puerperalkranke Frauen zu haben, längere Zeit 
hindurch aufhören soll, bei Geburten Beistand zu leisten und ihm Wechsel 
seiner sämtlichen Elleidungsstücke zur Pflicht gemacht wird. Als Beweis da- 
für wird besonders angeführt, daß so häufig einzelne Geburtshelfer oder 
Hebammen viele Fälle von Puerperalfieber unter ihren Pflegebefohlenen zählen, 
während die übrigen Arzte nichts von dergleichen Vorkommnissen zu er- 
zählen haben. Man wird aber wohl zugeben müssen, daß dieser letztgenannte 
Umstand sich viel ungezwungener erklären läßt, wenn man annimmt (was 
sich in den meisten der oben mitgeteilten Fälle nachweisen ließe), daß diese 
Praktiker sich entweder mit Leichenöfl&iungen oder, was gleichviel gilt, mit 
anderen putreszierenden Stoffen, Eröfl&iung von Abszessen, Reinigen und 
Verbinden von Wunden, Reinigen oder Untersuchungen von Wöchnerinnen, 
Untersuchungen von Placenten oder dergleichen beschäftigt haben. Mehrere 
der obgenannten Arzte haben durch die in England gang und gäbe ge- 
wordenen Ansichten ihre geburtshilfliche Praxis für einige Zeit aufgegeben, 
nachdem sie das Unglück hatten, mehrere Frauen durch das Puerperalfieber 
zu verlieren. Der Umstand, daß sie sogleich beim Wiederaufnehmen der- 
selben nicht glücklicher waren, scheint — nach einer mehrere Wochen be- 



*) Hegar, Ig. Ph. Semmelweis. 
**) Ätiologie, pag. 191. 



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— 99 — 

tragenden Frist — außer Zweifel zu setzen, daß die von ihnen beschuldigte 
Ursache nicht mehr im Spiele sein konnte, und rüttelt stark an der Über- 
zeugung, daß sie es früher war." 

In der Sektionssitzung der Wiener Ärztegesellschaft vom 27. Juni 
1851 hielt der Dozent und supplierende Primararzt Dr. Chiari einen 
Vortrag „über Pyämie im Puerperio ohne Gebärmutterleiden*', der im 
7. Jahrgange der Zeitschrift der Gesellschaft (Dezemberheft 1851)*) 
nach dem offiziellen Protokoll wiedergegeben ist: 

„Es kommen bei Wöchnerinnen nicht selten ErkrankungsMle mit so- 
genannten typhösen Erscheinungen vor, wobei wegen Abwesenheit eines 
nachweisbaren Uterusleidens die Diagnose sehr häufig auf Typhus gestellt 
wird. Der Verlauf dieser Krankheitsfälle ist meist folgender: 

Nach anscheinend geringer Unpäßlichkeit in der ersten Woche des 
Wochenbettes tritt mit heftigem Proste sehr starkes Fieber auf, das Bauch- 
fell sowohl als der Uterus zeigen keine Schmerzhaftigkeit; der Lochialfluß 
weicht nicht von der Norm ab; die Milz wird größer; in den Lungen finden 
sich häufig die Zeichen eines bedeutenden Katarrhes; der Harn enthält manch- 
mal Eiter; die Hitze der Haut ist bedeutend, letztere trocken; Delirien sind 
meist vorhanden. Unter diesen Erscheinungen tritt nach sechs- bis achttägiger 
Dauer der Krankheit rascher Verfall der Kräfte und meist baldiger Tod ein. 

In einzelnen Fällen treten noch in den letzten Tagen Schüttelfröste und 
gelbliche Hautfarbe als Zeichen der Pyämie auf. 

Bei den Sektionen finden sich in verschiedenen Organen metastatische 
Entzündungen, ohne daß man im Uterus Phlebitis oder !E^dometritis als Aus- 
gangspunkt der Pyämie auffinden kann. Die Milz ist immer groß, matsch, 
wenn auch von Entzündungsherden frei. 

Es fragt sich nun, wie die Entstehung der metastatischen Entzündungen 
zu erklären sei. 

In einzelnen Fällen müsse man allerdings annehmen, daß eine Ent- 
zündung der Venen des Uterus oder seiner Innenfläche vorausgegangen und 
bereits wieder abgelaufen sei, wofür einmal die zurückbleibende Verdickung 
der Häute der größeren Gebärmuttervenen, sodann auch jene Fälle sprechen, 
wo nach unzweifelhaft konstatierter Metrophlebitis Heilung zustande kommt. 
Für die anderen Fälle dagegen, in denen sich keine Spur einer Uterus- 
affektion auffinden läßt, müsse man die Frage aufwerfen, ob hier die Blut- 
masse an sich zur eiterigen Zersetzung neige?" 

Semmelweis' Feinde wollten aus diesem Vortrage herauslesen, 
daß Chiari sich von der Infektionstheorie wieder abgewendet habe, 
da die Fälle von Pyaemia in puerperio ohne nachweisbares Gebär- 
mutterleiden durch die neue Lehre nicht erklärt werden könnten. 
Chiari aber lag eine solche Stellungnahme gegen Semmelweis gänzlich 
ferne. 

Wie turmhoch Semmelweis als naiver Naturbeobachter und un- 
befangener Denker über der Mehrzahl seiner Fachgenossen stand, er- 
sieht man so recht deutlich aus zwei Sätzen, welche Dr. Johann Eugen 
Roßhirt, Professor der Geburtshilfe in Erlangen, in seinem Lehrbuch 
der Geburtshilfe im Jahre 1851 niederschrieb: 



♦) Ätiologie, pag. 628. 



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— 100 — 

„Schon durch den physiologischen Prozeß nach stattgefundener Kon- 
zeption, sowie während der Schwangerschaft ist der Gebärmutter eine mehr 
oder weniger enfzüiidliche Anlage nicht abzusprechen." 

Die häufig auftretenden Entzündungen der Peritonealober fläche des 
Uterus fänden ihre Erklärung in der raschen Ausdehnung und Entfaltung 
des Bauchfelles!! 

Wie aber auch Kiwisch im Jahre 1851, also ein Jahr nach der 
glänzenden Anerkennung der Semmelweis' sehen Lehre durch die k. k. 
Gesellschaft der Ärzte in Wien, über Kindbettfieber dachte, erhellt aus 
der III. Auflage seiner klinischen Vorträge über spezielle Pathologie 
und Therapie des weiblichen Geschlechtes (Prag 1851). 

Dort wird das Puei*peralfieber definiert als eine „fieberhafte, den Wöch- 
nerinnen eigtnitümliche Krankheit, welche miasmatischen Ursprunges ist und zu- 
nächst ein Blutleiden setzt, das mannigfache örtliche, meist entzündliche Er- 
scheinungen hervorruft. In der Mehrzahl der Fälle ist der miasmatische Ur- 
sprung unverkennbar. Die Verbreitung von Epidemien dieser Krankheit über 
ganze Länder, ja selbst über einen großen Teil des europäischen Kontinents 
zu derselben Zeit ist durch die Geschichte des Puerperalfiebers nachgewiesen. 
Ebenso wird in der Regel sowohl in größeren Gebär- und Krankenanstalten, 
als auch außerhalb dieser ein gruppenweises Auftreten dieser ELrankheit 
wahrgenommen, ja die Macht des miasmatischen Einflusses ist manchmal so 
groß, daß sie die verschiedenartigsten Individualitäten überwältigt und allen 
gleichzeitig auftretenden Erkrankungsfallen ein gleichförmiges Gepräge auf- 
drückt: Aber der uns wesentlich erscheinende miasmatische Einfluß ist in 
vielen speziellen Fällen nicht erkennbar .... 

Die Wirksamkeit von Konlagien und andej'en Infektionsstoffen ist noch frag- 
lich Ebensowenig Giltigkeit hat die Meinung, daß das Puerperalfieber immer 

durch den Einfluß besonderer deletärer Stoffe auf die Wundfläche der Ge- 
bärmutter geweckt werde. Diese Stoffe müßten jedenfalls von außen ein- 
wirken, indem ihre spontane Entwicklung innerhalb der Gebärmutter einer 
normal Entbundenen ohne vorangehende eigentümliche pathologische Be- 
dingungen im Organismus derselben nicht angenommen werden kann. Von 
den supponierten äußeren Schädlichkeiten wären nur die flüchtigen, in der 
Atmosphäre haftenden geeignet, mit der nötigen Rapidität bis an die Wund- 
stelle der Gebärmutter zu dringen, um so den manchmal erstaunlich raschen 
Krankheitsausbruch zu erklären. Aber selbst gegen diese Annahme spricht 
der Umstand, daß nach unserer Beobachtung das Puerperalfieber auch dort 
ausbrechen kann, wo die Placenta mit der Gebärmutter noch in inniger Ver- 
bindung ist und so der Einfluß äußerer Schädlichkeiten auf die Wundfläche 
der Gebärmutter nicht wohl zulässig ist. . . • Wir sind demnach der Meinung, 
daß man im allgemeinen keine bestinunte örtliche Bedingung als nächstes 
Kausalmoment des Krankheitsausbruches gelten lassen könne und es scheint 
uns annehmbarer, dasselbe in der Gesamtmetamorphose des Puerperalzustandesy in 
der allgemeinen Erschütterung des Körpers und insbesondere des Nervensystemes 
zu suchen. Demungeachtet kann nicht in Abrede gestellt werden, daß sich 
häufig ein örtlicher Einfluß, der von der Gebärmutter ausgeht, auf die Be- 
schleunigung des Krankheitsausbruches, sowie auf die Modifikation des Krank- 
heitsverlaufes geltend macht." 

„ . . . . Seit jeher hatte die Ansicht von der Kontagiosität des Puer- 
peralfiebers zahlreiche Anhänger; die Meinung jedoch über die Natur und 



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— 101 -- 

Kraft des Kontagiums war immer sehr geteilt. Viele glaubten an ein fixes, 
andere an ein flüchtiges Kontagium, einige ließen nur die unmittelbare Mit- 
teilung desselben von einem Individuum auf das andere zu, während andere 
eine mittelbare Verschleppung auf große Entfernungen zuließen. 

Am weitesten gingen in dieser Beziehung in der Neuzeit mehrere eng- 
lische Arzte, welche auch eine Übertragbarkeit des Puerperalfiebers in ana- 
logen Krankheitsformen, namentlich des Erysipel und der Peritonitis auf Nicht- 
wöchnerinnen, ja selbst auf Männer, verteidigen. Dieselben Ärzte sind der 
Ansicht, daß das Puerperalfieber auch durch deletäre Stofife, welche von bös- 
artigen erysipelatösen Krankheitsformen ausgehen, sowohl mittelbar als un- 
mittelbar hervorgerufen werden könne, und zum Belege werden mehrere Be- 
obachtungen mitgeteilt, wo nach Sektionen von Leichen, die mit gangränes- 
zierendem Erysipel behaftet waren und nach dem Verbinden jauchender 
Erysipel bei Lebenden, der bei der Sektion und dem Verbände beschäf- 
tigte Arzt nach der bald hierauf vorgenommenen Besorgung von Kreißenden 
und Wöchnerinnen die heftigsten Puerperalfieber zum Ausbruche kommen sah. 

Die für diese Eolgerungen genannten Tatsachen stehen zu der großen 
Zahl der Erfahrungen, wo sich unter gleichen Verhältnissen keine Krank- 
heitsausbrüche ergaben, noch immer zu vereinzelt da, um aus ihnen voll- 
giltige Schlüsse zu ziehen, was um so weniger zulässig erscheint, als sich 
jene erwähnten Tatsachen auch noch anderweitig erklären lassen. Daß sich 
z. B. eine große Zahl von Krankheitsausbrüchen auf die Praxis eines Arztes 
oder einer Hebamme beschränkten, dürfte wohl häufig seine Erklärung darin 
finden, daß es eben die beschäftigtesten Individuen waren, die überhaupt die 
größte Zahl der Wöchnerinnen zu besorgen hatten. Auch ist der Umstand 
zu berücksichtigen, daß der eine Entbindungsarzt die ausbrechende Krankheit 
für Puerperalfieber erklärt, indeß ein zweiter in ihr ein anderes Übel zu er- 
kennen glaubt. Ebenso besorgt nicht jeder Accoucheur die von ihm Ent- 
bundene im späteren Erkrankungsfalle und kommt somit gar nicht zur 
Kenntnis des ganzen Sachverhaltes. 

Noch entschiedener als es vordem der Fall war, sprachen sich in der 
neuesten Zeit Dr. Semmelweis und Professor Skoda für die Entstehung des 
Puerperalfiebers durch Infektion der Gebärenden mitteU Leichengift aus. 

.... So wenig sich vom theoretischen Standpunkte gegen die Möglich- 
keit der Infektion der Gebärenden durch Leichengift und gegen die Ent- 
stehung des Puerperalfiebers auf diese Weise anführen läßt, indem wir durch 
derartige Infektionen auch bei anderen Individuen und bei Tieren ähnliche 
Krankheitsausbrüche beobachteten, so wichtige Belege die eben angeführten 
Erfahrungen auf der Wiener geburtshilflichen Klinik für die fragliche An- 
sicht darbieten mögen, so erheben sich doch gegen dieselbe in der von Dr. 
Semmelweis allgemein ausgesprochenen Geltung ebenso gewichtige Gründc 
Vor allem gab es unzweifelhaft mörderische Epidemien, wo von einer Infektion 
der Art, weil eben keine Sektionen vorgenommen wurden^ nicht die Rede sein kann. 
Desgleichen bedingt nach unserer eigenen Erfahrung nicht jede Übertragung 
von Leichenstofien auf Gebärende den Ausbruch des Puerperalfiebers. Häufig 
genug war ich in die Notwendigkeit versetzt, gleich nach Vornahme einer Sektion und 
zwar ohne zu besonderen Vorsichtsmaßregeln zu greifen^ zur künstlichen Entbindung 
von Gebärenden zu schreiten und ich konnte in keinem einzigen Falle dem Verdachte 
Baum geben, daß ich hierdurch zum Ausbruche des Puerperalfiebers die VeranUissung 
geboten hätte. Es dürfte demnach nur die Übertragung deletärer Stoffe von be- 
stimmten Leichen den fraglichen Nachteil bieten und hierfür den Nachweis zu 
liefern, wäre die wichtigste Aufgabe der Untersuchungen von Dr. Semmel- 



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— 102 — 

weis gewesen, welche leider ungelöst blieb. — Ein weiterer Umstand, welcher 
hierbei gleichzeitig zu berücksichtigen ist, ist auch der, daß wenn man die 
Einimpfung des Puerperalfiebers durch ein Minimum eines deletären Stoffes 
annimmt, man in größeren Gebäranstalten zahlreiche andere Wege einer 
gleichartigen Einimpfung gelten lassen muß, indem die pathologischen Ex- 
krete erkrankter Wöchnerinnen in gleicher Weise einen verderblichen Impf- 
stoff darbieten können, dessen "Übertragung von einer Wöchnerin auf die 
andere in großen Anstalten schwer zu verhüten ist. 

Nimmt man aber einmal ein derartiges leicht übertragbares Kontagium 
als den alleinigen oder wenigstens wichtigsten Erreger der Ejankheit an, so 
wird es nicht begreiflich, warum in den meisten öebäranstalten zu Zeiten 
bei ganz unveränderten Verhältnissen derselben plötzlich alle Erkrankungen 
aufhören und ebenso plötzlich wieder auftauchen und es dürften sich in dessen 
Folge selbst die entschiedensten Kontagionisten veranlaßt finden, anzunehmen, 
daß in der Eegel nur aus dem gemeinschaftlichen Einflüsse atmosphärischer 
und örtlicher Bedingungen die fragliche Krankheit hervorgehe. 

. . . Obgleich nun bisher keine schlagenden Beweise für die unmittelbare 
Entwicklung des Puerperalfiebers durch ein Kontagium oder einen anderweitigen 
Infektionsstoff aus der eigenen Erfahrung uns zu geböte stehen, so bestimmt uns 
doch die Erfahrung anderer Ärzte, so wie die Gesetze der Humanität, so lange 
uns die Unmöglichkeit des kontagiösen Ursprungs dieser Krankheit nicht ganz klar 
geworden ist, in dieser Beziehung aller möglichen Vorsicht Haum zu geben 
und jene Maßregeln nicht zu vernachlässigen, welche zur Hintanhaltung der 
Verbreitung dieses bösartigen Übels in welcher Weise immer als geeignet 
betrachtet werden dürften. Zudem ist in jenen Anstalten, wo die Möglichkeit 
irgend einer Infektion der Gebärenden und Wöchnerinnen durch zersetzte 
animalische Stoffe (Leichengift, Wundsekrete, zersetzte Wochenbettefluvien) 
geboten ist, deren Einfluß mit aller Sorgfalt hintanzuhalten und es dürfte 
sich zu diesem Zwecke die von den Engländern und Dr. Semmelweis in 
Gebrauch gezogenen Chlorwaschungen und Bäucherungen empfehlen." 

In der Praxis befolgte also Kiwis ch das Semmelweis'sche Des- 
infektionsverfahren, in der Theorie aber bekämpfte er es! Dabei fällt 
auf, daß nach seiner Darlegung sich Semmelweis „für die Entstehung 
des Puerperalfiebers durch Infektion der Gebärenden mittels Leichen- 
gift'* ausgesprochen habe. Als ob Kiwisch nicht wußte oder wenigstens 
früher nicht gewußt hätte, daß Semmelweis ganz im allgemeinen zer- 
setzte animalische Stoffe als Infektionserreger beschuldigte! 

Das Jahr 1862 brachte zunächst eine Entdeckung des Prof. D. W. 
H. Busch in Berlin. In einem Artikel: Über die Vertilgung des Puer- 
peral-Miasma in Entbindungsanstalten (Zeitschr. f. Geburtkunde 1852) 
empfahl er trockene Wärme von 60^ R. zur Zerstörung des Puerperal- 
Miasma, nachdem »alle bisher zur Verhütung der Epidemien dieser 
Art angewendeten Verfahrungsweisen sich auf die Dauer nutzlos be- 
wiesen haben" und «das einzige wirksame Mittel zur Beendigung der 
Epidemie" bisher die Evakuation und Schließung der Anstalt war. 

Dann erschien der III. Band von Scanzoni's Lehrbuch der Ge- 
burtshilfe. 

Darin bespricht der Autor, nunmehr Professor in Würzburg als 
Kiwisch* Nachfolger, vor allem, getrennt von dem Puerperalfieber, die seiner 
Meinung nach idiopathischen, traumatischen Metritiden, nämlich die Endome- 



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— 108 — 

tritis, Metritis, Metrophlebitis, Metrol3nnphangoitis, Peritonitis puerperialis idio- 
pathica, ferner die peritoneale nnd parenchymatöse Oophoritis und die Ent- 
zündung der Eileiter. 

Unter Puerperalfieber im engeren Sinne versteht er eine Erkrankung 
des Blutes, die am Krankenbette und Leichentische erkennbar ist, und unter- 
scheidet drei streng voneinander geschiedene Arten der Bluterkrankung: die 
hyperinotischeKrase, die pyämischeKrase und die Dissolution des Blutes. 

Bezüglich der Ätiologie des Puerperalfiebers sagt er: 

„Vor allem kommt hier das epidemische Auftreten dieser Krank- 
heitsform in Betracht, denn von all den verschiedenen, der Entstehung 
derselben zugrunde gelegten Ursachen spielt der Genius epidemicus un- 
streitig, und zwar mit vollem Eecht, die erste Bolle." 

Lange Dauer der Geburt, heftige Gemütsaffekte tragen zum Ausbruche 
des Puerperalfiebers bei. Li Gebäranstalten ist es hauptsächlich ein schäd- 
liches Miasma, welches seine mörderische Krafb entfaltet, wobei aber auch 
„atmosphärische, oder anders ausgedrückt: epidemische Einwirkungen nicht 
geleugnet werden können. "* 

„Was die eiterige oder jauchige Infektion des Blutes durch in 
den Organismus eingebrachte deletäre Stoffe anbelangt, so haben in 
neuester Zeit Semmelweis und Skoda die Aufmerksamkeit des ärztlichen 
Publikums auf diesen Gegenstand gelenkt, indem sie behaupteten, daß das 
so ungünstige Sterblichkeitsverhältnis auf der I. geburtshilflichen Klinik zu 
Wien nur durch den Umstand bedingt sei, daß die daselbst praktizierenden 
Ärzte sich kurz vor den Untersuchungen der Schwangeren und Kreißenden 
in der Leichenkammer aufhalten und so zur Übertragung verschiedener, ihren 
Händen anklebender deletärer Stoffe in die Genitalien der Untersuchten Ver- 
anlassung geben. TVir waren der erste^ der die Bichtigkeü dieser Behauptung in 
Zweifel zog; uns schlössen sich später, wenigstens in den wesentlichsten 
Punkten, Seyfert, Kiwisch, Lumpe und Zipfel an, und auch in Paris 
fand die von Arneth in der Akademie publizierte Entdeckung von Semmel- 
weis keinen Beifall. Es würde uns zu weit führen, hier alle die Gründe 
geltend zu machen, welche der Ansicht des letztgenannten Arztes entgegen- 
treten und wir begnügen uns daher, mit Hinweisung auf die betreffende Lite- 
ratur bloß zu bemerken, daß wir die Möglichkeit einer derartigen Lifektion 
für einzelne Fälle nicht in Abrede stellen wollen, daß man aber jedenfalls 
zu weit gegangen ist, wenn man die Häufigkeit und Bösartigkeit der puer- 
peralen Erkrankungen in den Gebäranstalten einzig und allein auf diesem 
Wege erklären zu können glaubte." 

Noch in demselben Jahre erschien die IL Auflage von Scan- 
zoni's Lehrbuch, in welcher die auf Semmel weis bezügliche Stelle 
wörtlich wiederholt ist. Sein im Jahre 1854 erschienenes Gompendium 
der Geburtshilfe enthält ebensowenig wie Lumpe's Gompendium ein 
Wort über Reinigung und Desinfektion. 

Wie wenig auch letzterer von Semmelweis gelernt hatte, bezeugt 
die IIL Auflage seines Gompendiums der praktischen Geburtshilfe, 
welche im Jahre 1854 erschien. In der Vorrede zu derselben schreibt 
Lumpe: 

„Wenn auch die praktische Geburtahilfe nach ihrer bisherigen Aus- 
bildung keiner durchgreifenden Reform mehr zugänglich ist — und somit das Ge- 
bäude als Ganzes im Laufe der wenigen Jahre, die seit dem Erscheinen 



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— 104 — 

der IL Auflage verflossen sind (1846), keine wesentliche Umgestaltung 
erleiden konnte, so wurde es doch in seinen einzelnen Abteilungen . . . voll- 
ständiger ausgeführt/ 

In den 274 Seiten des Buches von Semmelweis kein Wort, von 
Desinfektion keine Spur. Man solle Sorge tragen, daß „eine zinnerne 
Klystierspritze mit zweierlei Ansatzröhren und einem anzusteckenden 
Mutterrohre, ein elastischer und ein metallener Katheter, eine starke 
Schere, das Nabelbändchen, etwas Fett oder öl, ein Badeschwamm, ein 
Gefäß zur Aufnahme des Stuhlganges und Harns, kaltes und warmes 
Wasser und die nötige Bett- und Leibwäsche für Mutter und Kind" 
vorbereitet sei, doch von Reinlichkeit, von Reinigung mit Seife, ge- 
schweige mit Chlorwasser spricht er nicht. Offenbar war Lumpe von 
seinem „Warten und Waschen" wieder abgekommen. 

Kann man es da dem Professor A. F. Hohl in Halle übelnehmen, 
wenn er in seinem im Jahre 1855 erschienenen dickbauchigen Lehr- 
buch der Geburtshilfe gleichfalls der Reinigung kein Wort widmete? 

Bei der innerlichen Manualuntersuchung bediene man sich am zweck- 
mäßigsten des Zeigefingers, „der nach Entfernung der Ringe an der Hand mit 
Fett aus gleichen Teilen von Ol. Cacao und Ol. Amygdal., in einer Porzellan- 
oder Zinndose aufbewahrt, bestrichen wird." 

„(1) Endlich hat man auch sich selbst und das, was man für sich zu der 
Operation gebraucht, vorzubereiten. Wir zählen hierher: a) das Ausziehen des 
Rockes . , . ß) Bestreichen der operierenden Hand oder des Armes bis zum 
Ellenbogen hin mit Fett oder Öl." 

Die Pathologie des Wochenbettes erscheint in dem 1139 Seiten 
starken Lehrbuch nicht aufgenommen. 

Zur Kennzeichnung HohTs sei hier hinzugefügt, daß selbst in der 
IL Auflage seines umfangreichen Lehrbuches, im Jahre 1861, die Reini- 
gung und Desinfektion mit keinem Worte berührt wurde. 

Übrigens hatte auch ein gewisser Disse (Monatsh. f. Geburts- 
kunde, 1855, 5) von Semmelweis keine Ahnung, gleich Meckel, der im 
V. Bande der Charite-Annalen einen an Unsinn reichen Artikel „Das 
bösartige Wochenfieber** losließ. 

Besser ging es noch außerhalb Deutschlands vorwärts. Lorain 
und Belletre (Gaz. d. höp., 1855) kamen mit Semmelweis zur Über- 
zeugung, daß auch der Fötus und das Neugeborene an Kindbettfieber 
erkranken könne, und Martyn (Laucet, 1855) erklärte das Puerperal- 
fieber für identisch mit Pyämie. Die das Blut vergiftenden Stoffe 
kämen entweder aus dem Uterusinnern oder von der Hand des Arztes 
(Wien) oder von unreiner Luft 

Viel verderblicher als die gänzliche Nichtbeachtung des neuen 
Verfahrens wirkte die unzureichende Anwendung desselben, denn auf 
Grund des natürlich ausbleibenden Erfolges hielt man sich berechtigt, 
die Desinfektion für wertlos zu erklären. Trotz Chlorwaschungen starben 
Retzius in Stockholm 3*37o der Wöchnerinnen, Faye in Christiania 
sogar 15%! Mende glaubte die Ursache der Häufigkeit des Puerperal- 
fiebers in Wien in der erschwerten Ventilation, der Anhäufung vieler 



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— 105 — 

Wöchnerinnen in den eng zusammenliegenden Gebäuliehkeiten des 
Gebärhauses und Allgemeinen Krankenhauses und in der dadurch be- 
günstigten Erzeugung von Miasmen suchen zu müssen.*) 

Zu guterletzt erstand der Semmelweis'schen Lehre ein neuer 
Gegner, der mit den Jahren enorm an Einfluß gewinnen sollte, in Karl 
Braun, Professor an der Hebammenschule zu Alle Laste bei Trient, 
welcher vom 20. März 1849 bis Herbst 1853 — durch fast fünf Jahre 
— Klein's Assistent gewesen war. Man mußte von vorneherein er- 
warten, daß Professor Klein nur einen solchen Arzt als Semmelweis' 
Nachfolger zu seinem Assistenten machen werde, der, wie er, die ver- 
meintliche Entdeckung des Vorgängers für Humbug hielt. Die Chlor- 
waschungen wurden allerdings weiter angewendet, man mußte es, an- 
gesichts der allgemeinen Stimmung in Wien, aber die Überzeugung 
von der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser prophylaktischen Maß- 
regel herrschte seit Semmel weis' Abgang nicht mehr auf der Klinik. 
Semmelweis hatte seine guten Resultate nur durch unermüdliche Be- 
aufsichtigung des gesamten Personales und unerbittliche Strenge er- 
reicht, unter Brauns Assistentur wurde der Gesundheitszustand auf der 
Klinik sofort ein anderer. Während Semmelweis auf zwei Monate hin- 
weisen konnte, in denen nicht eine einzige Wöchnerin am Puerperalfieber 
zugrunde gegangen war, starben noch im März 1849 20 Wöchnerinnen 
an der Krankheit. Diese plötzliche Zunahme der Sterblichkeit mußte 
selbst den verbissensten Gegner stutzig machen, da konnte aus dem 
Saulus und Neuling Braun noch ein Paulus werden. 

Es sollte anders kommen. Lumpe zog in seinem Vortrag vom 
15. Juli 1850 als „Maximum der Sterblichkeit beim Gebrauch der Chlor- 
Waschungen" gerade diesen Monat März 1849 mit seinen 20 Todesfällen 
heran. Semmelweis antwortete gereizt, es komme ganz darauf an, wie 
die Chlorwaschungen durchgeführt würden; dieser März sei nicht 
maßgebend, denn er sei überzeugt und es sei ihm auch berichtet 
worden, daß zur Zeit dieser großen Sterblichkeit, also nach seinem Ab- 
gange, die Chlorwaschungen nachlässig gemacht worden seien. Damit 
erhob Semmelweis denselben Vorwurf gegen seinen Nachfolger, den 
seinerzeit Skoda mit demselben Recht gegen Scanzoni erhoben 
hatte, und wie dieser war Braun von nun an ein persönlicher 
Gegner von Semmelweis. 

In der im Jahre 1855 von Chiari, Braun und Spaeth heraus- 
gegebenen „Klinik der Geburtshilfe und Gynäkologie" erschien die 
erste Äußerung von Braun über Semmelweis^ Lehre — eine größere, 
zum Teil statistische Arbeit unter dem Titel: „Zur Lehre und Be- 
handlung der Puerperalprozesse und ihrer Beziehungen zu einigen 
zymo tischen Krankheiten." 

Darin heißt es unter anderem: 

„Die Mehrzahl hält gegenwärtig das Puerperalfieber für eine zymotische 
Krankheit akuten Charakters, welche, bei starker Prädisposition des Indivi- 



•) Ätiologie, p. 626. 



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— 106 — 

duums auch durch aUgemeine Schädlichkeiten, wie durch Gemütserschütte- 
rungen, Erkältung usw. hervorgerufen, in der Regel aber durch eigentümliche 
Einflüsse, durch Miasmen, Kontagien, zersetzte tierische Stoffe erzeugt werden 
kann, wobei das fremdartige Eigentümliche als Ferment wirkt und durch 
Kontakt die Blutmasse in Gärung versetzt" 

Als ätiologische Momente der Puerperalprozesse werden angef&hrt: 

„1. Die Sckwangerschaß selbst; 

2. die flyperinose; 

3. die Hydrämie; 

4. die Urämie; 

5. eine allgemeine Plethora der Schwangeren; 

6. eine Disproportion in der Vegetation der Mutter und des Fötus; 

7. die durch die Schwangerschafb verursachten Blutstauungen und Stasen. 

8. Inopezie des Blutes; 

9. das Schwangerschafbsfieber; 

10. der Geburtsakt selbst mit der öfter dabei stattfindenden Erschütte- 
rung des Nervensystems; 

11. die Ausgleichung der Hyperinose. 

12. die Inopexie des Wochenbettes; 

13. der durch Verkleinerung des Uterus aufgehobene Druck auf die 
Nachbarorgane desselben; 

14. zu lange Dauer natürlicher Geburten; 

15. Verwundung der Innenfläche des Uterus durch die Lostrennung der 
Placenta; 

16. die puerperale Thrombose und Metrorrhagien; 

17. aufgehobene Se- und Exkretion der Lochien; 

18. Unterdrückung der Milchsekretion; 

19. der schädliche Einfluß toter Früchte; 

20. die Lidividualität der Wöchnerinnen; 

21. operative Eingriffe; 

22. Gemütsaffekte; 
28. Diätfehler; 

24. andauernder Durst; 

25. zu hohe Zimmertemperatur und mangelhafte Ventilation; 

26. Erkältung; 

27. Sumpfluft; 

28. kadaverö$e Infektion; 

29. epidemische Einflüsse; 

30. die verschiedenartigsten den Gebärhäusem eigentümlichen unzweck- 
mäßigen Verhältnisse/ 

Zur 15. Ursache des Puerperalfiebers äußert sich Braun folgendermaßen: 

„Die Verwundung der Innenfläche des Uterus durch den Ge- 
burtsakt, welche durch Abreißen der obersten Schichten der Uterusschleim- 
haut (Decidua), besonders aber durch Trennung der Placenta eine große 
Wundfläche darstellt, wird von vielen als eine der wesentliohen Ursachen der 
Puerperalprozesse angenommen. Eisenmann hat diese Prozesse mit dem 
Wundfieber verglichen" und hierauf zitiert Braun Simpson's Arbeit über 
die Analogien des Kindbettfiebers und des chirurgischen Fiebers. (Edinb. 
Monthly Joum. Novemb. 1860.) 

Zu Punkt 28: 

„Als die vorzüglichste, ja fast als die einzige Ursache der Puerperal- 
fieberepidemien suchte Semmelweis im Jahre 1847 die Theorie der kadave- 



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rösen Infektion aufzustellen, nach welcher die an den Händen nach Unter- 
suchungen oder Übangen klebenden Leichenteile oder der nach Waschungen 
mit Seifenwasser an denselben haften bleibende Geruch, als putride Luft, die 
Eigenschaft haben sollen, durch die innere Exploration der Gebärenden Puer- 
peralprozesse einimpfen zu können. Semmelweis fand hierin in Professor 
Skoda einen Verteidiger. 

Zur Begründung seiner Ansicht stellte Semmelweis folgende Sätze auf: 

a) Die Sterblichkeit der Wöchnerinnen ist in der Wiener Schule, in 
welcher Arzte, die sich mit pathologisch-anatomischen Untersuchungen be- 
schäftigen, unterrichtet werden, konstant viel größer als in der Hebammen- 
schule. 

h) Das Waschen der Hände der Ärzte vor den Untersuchungen der 
Gebärenden mit einer Auflösung von Chlorkalk zerstöre allen an den Händen 
zurückbleibenden kadaverösen Geruch und sei ein Schutzmittel gegen Puer- 
peralprozesse, wenn nach Beschäftigungen am Kadaver geburtshilfliche Unter- 
suchungen vorgenommen werden müssen. 

e) Das Einbringen von Jauche oder Exsudaten aus weiblichen oder 
männlichen Kadavern, die von den verschiedenartigsten Kranken herrührten, 
mittels Injektion oder Bepinseln der Innenfläche des Uterus erzeugt bei 
Kaninchen nach dem Wurfe oftmals den Tod durch Pyämie; manchmal wirkt 
aber ein wochenlanges Bepinseln der puerperalen Uterusfläche bei Kaninchen 
nicht schädlich ein, die Tiere bleiben gesund, empfangen bald nach dem 
Aufhören des Experimentes und werfen wieder lebendige Junge. 

d) Puerperalfieber-JErpwfemiew kommen nur in Gebärhäusem und nicht 
außerhalb derselben vor. 

e) Die Jahreszeiten üben keinen Einfluß auf die Entstehung des Puer- 
peralfiebers. 

f) Bei sogenannten Gassengeburten kommt das Puerperalfieber sel- 
tener vor. 

g) Mutmaßlich kommen in allen Gebäranstalten, in welchen Hebammen 
unterrichtet werden und wo eine kadaveröse Infektion nicht leicht möglich 
ist, weniger Sterbefälle vor als in jenen, in welchen Ärzte unterrichtet 
werden. 

Da seit dem Bekanntwerden der Theorie der kadaverösen Infektion über 
fünf Jahre veratrichen sind, so wollen wir die in der Literatur bisher hier- 
über laut gewordenen Stimmen einiger Ärzte, die mit den Zuständen von 
Gebärhäusem vertraut sind, zuerst anfuhren." Braun verweist nun auf 
Scanzoni, Seyfert, Kiwisch, Lumpe, Mende, Bamberger, Hammer- 
njk, die Akademie der Medizin in Paris, Retzius, Paye und Chiari und 
sagt schließiich: ^Wir finden in der Literatur nirgends eine Bestätigung über 
die Zuverlässigkeit der Infektionstheorie in ihrer praktischen Anwendung;*) 
wir treffen sogar die entschiedensten Behauptungen und Erfahrungssätze an- 
geführt an, welche diese Hypothese ihrer wichtigsten Stützen berauben. 
Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse des Wiener Gebärhauses und 
prüfen wir, ob die Resultate desselben zugunsten der kadaverösen Infektion 
sprechen ! 

Ad a^ und h). Während des Winters 1849 herrschte an der I. Gebärklinik 
ungeachtet der anbefohlenen Chlorwaschungen eine Puerperalfieberepidemie, 
welche im Beginne der besseren Jahreszeit im April ohne eruierbare Ursache auf- 



*) Briefliche Mitteilungen von Michaelis und Tilanus sind in einem Detail- 
berichte nicht veröffentlicht worden. 



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— 108 — 

hörte. Im Somraersemester kamen unter 1818 Geburtsfällen bloß 29 Sterbefälle, 
mithin 1'5% vor, ungeachtet vom klinischen Vorstande Professor Klein der 
Unterriojit ununterbrochen erteilt und die Operationsübungen an Kadavern 
mit den Studierenden vom Assistenten fleißig vorgenommen wurden. 

Im Wintersemester 1849/50 trat wie gewöhnlich im Herbste das Puer- 
peralfieber mit Heftigkeit auf, so daß au^ 1888 Geburtsfälle 77 Sterbefälle, 
somit 2^/o kamen. 

Diese Erscheinungen mußten den Glauben auf die Schutzkraft des Chlor- 
kalkes wesentlich erschüttern. 

Da nach Semmelweis' Vorschlag eine Chlorkalklösung in ein offenes 
GefUß (Lavoir) gebracht wurde, in welches alle anwesenden Studierenden 
ihre Hände einzutauchen und mit einer Nagelbürste zu reinigen hatten, ein 
sehr schwacher Chlorgeruch an diesem Desinfektionswasser, aber desto mehr 
Gips im Bodensatze desselben angetroffen wurden, so ließ man eine mit 
einer Pipette versehene und auch oben verschließbare Kanne aus Glas im 
Geburtszimmer anbringen, in welche vor der Visite eine frische Chlorkalk- 
lösung eingebracht wurde, damit jeder Studierende vor und nach jeder Unter- 
suchung mit reinem, nach Chlor riechendem Wasser die Hände sich reinige. 
Bei der gewissenhaftesten allseitigen Desinfektion aller explorierenden Hände 
steigerte sich die Epidemie vom Januar bis März von H-9 bis 50%. 

Mit einbrechendem Sommersemester 1850 hörten die Puerperalprozesse 
auf, so daß auf 1725 GeburtsfUlle 10 Stßrbefalle, d. i. 0'57o kamen. Da die 
Zersetzung der Kadaver im Sommer viel rascher vor sich geht als im Winter 
und an den Händen nach Operationsübungen der Leichengeruch länger haftet, 
so wurde beobachtet, daß derselbe nach oftmaligem Touchieren und B>einigen 
der Hände mit Chlorwasser im Sommer an den Händen (nach Ablegung des 
Rockes, der bekanütlich viele Stunden deutliche Spuren des Leichengeruches 
nachweist) nirht zerstört wurde. Es durfte daher der Desinfektionskraft des 
Chlorkalkes in der eingeführten Anwendungsweise nicht mehr blindlings ver- 
traut werden und es mußte jedem Studierenden auf das Gewissenhafteste 
anbefohlen werden, keine Gebärende oder Schwangere zu untersuchen, wenn 
an demselben Tage ein Kadaver von ihm berührt wurde. 

Ungeachtet der größten Vorsicht raffte das Puerperalfieber im Januar 
und Dezember 1851 3 bis 5^,07 ini März aber sogar 7*2% dahin. 

In den Jahren 1849 bis 1852 wurden, wie gewiß auch in der früheren 
Zeit, aUe damals bekannten Mittel mit der größten Aufmerksamkeit ange- 
wandt und dennoch machten wir an der Schule für Hebammen, an welcher 
eine Leicheninfektion nicht leicht möglich ist, an welcher die Chlorwaschungen 
auf das Strengste auch überwacht wurden, an welcher derselbe umsichtsvolle 
Vorstand und derselbe wohlerfahrene Assistent fungierten, und keine eruier- 
baren Veränderungen in dem Lokale vorkamen, die traurige Erfahrung, daß 
im Januar und März 1852 von 10 bis 12% Wöchnerinnen an Puerperalfieber 
verloren gingen. Diese Tatsachen müssen die Hypothese der kadaverösen 
Infektion, die sich meistens auf die Vergangenheit stützte und daraus seJtr 
kühne SMüsse zog, vollends erschüttern und uns ermahnen, auch andere ätio- 
logische Momente zu erwägen. Über die verschiedensten Einflüsse, welche auf 
den Kj^nkheitszustand eines Gebärhauses in mehreren Dezennien eingewirkt 
haben können, kann der Geburtshelfer im Augenblicke ebensowenig Rechen- 
schaft geben, als der Chirurg über alle Fälle von Pyämie und Hospital- 
brand, die sich während vieler Jahre unter den Operierten ereigneten, einen 
genügenden Aufschluß würde geben können, wenn ihm plötzlich insinuiert 
würde, daß diese Leiden stets daher rührten, weil die Operationszöglinge 



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mit Operationsübungen am Kadaver inner- oder außerhalb des klinischen 
Hörsales sich beschäftigten! 

Ad c). Die Experimente an Tieren haben dargetan, daß durch Injektionen 
von Jauche oder Bepinseln des Uterus mit verschiedenen Exsudaten oftmals 
Kaninchen nach dem Wurfe getötet werden können, manchmal aber auch 
nicht, und daß Pyämie bei den Sektionen derselben oft nachgewiesen wurde. 

Bei diesen Versuchen, die übrigens in der Art und Zeit der Ausfüh- 
rung von der beschuldigten kadaverösen Infektion der Gebärenden sehr weit 
verschieden sind, entsteht die Frage, ob durch eine Mißhandlung der Tiere 
nach dem Wurfe allein nicht der Tod und dieselben Sektionsresultate herbei- 
geführt werden können, da das Einbringen von Eiter manchmal den Tod 
nicht herbeiführen konnte und da erfahrene Tierärzte wie Hayne u. a. es 
bestätigen, daß bei allen Haustieren Puerperalprozesse spontan in manchen 
Zeiten in größerer Häufigkeit vorkommen. 

Ad d). Zm deutlich spricht sich die Geschichte des Puerperalfiebers 
auch über die Ausbreitung der Puerperalfieberepidemien über verschiedene 
Länder, Städte, Orte des flachen Landes und hoher Gebirge aus, so wie die 
Erfahrung der Gegenwart jedes beschäftigteren Geburtshelfers diese ge- 
fürchtete Krankheit in den verschiedensten Kreisen der Gesellschaft erblicken 
läßt, als daß darüber ein Zweifel bestehen könnte. 

Ad e). Die Jahreszeiten und die damit eintretenden Lokalverhältnisse 
üben nicht den wesentlichsten, aber einen doch nicht unbedeutenden Einfluß 
auf die Puerperalprozesse aus. In Wien weist das Wintersemester niemals 
so günstige Resultate wie das Sommersemester aus, und an anderen Orten 
und in fremden Gebärhäusem macht man häufig dieselbe Beobachtung. 

Ad fj. Die in Wien sogenannten Gassengeburten erkranken nicht häufiger 
an Puerperalfieber als diejenigen, welche monatelang vor der Entbindung 
im Gebärhause zubringen. Zur Aufklärung darüber dürfte es aber dienen, 
daß zu dieser Kategorie Personen gezählt werden, die entweder wirklich auf 
der Straße von Wehen überrascht werden und meistens Frühgeburten er- 
leiden, worauf ohnedies auch bei den im Gebärhaus Verpflegten viel seltener 
Puerperalprozesse zu folgen pflegen, oder solche, die unter besseren Ver- 
mögensumständen sich befinden, in den geheimen Kabinetten bei Hebammen 
außerhalb des Gebärhauses gebären, hierauf sich mittels einer Kalesche oder 
Tragbahre in die Gratisabteilung überbringen lassen, um eine unentgeltliche 
Aufnahme und lebenslängliche Verpflegung ihres Kindes im k. k. Findelhause 
mit Geheimhaltung ihres Zustandes zu veranlassen und um der Verwendung 
zum Unterrichte sich dadurch gleichzeitig zu entziehen. Die Zahl der letzteren 
ist die höhere, übersteigt monatlich an beiden Kliniken nicht selten die Zahl 
von 100. 

Auch die Frage, ob denn wirklich die ausgedehnteste Gebäranstalt in 
der Welt, in welcher 223.868 Wöchnerinnen samt ihren Kindern bis jetzt 
eine ganz unentgeltliche Versorgung vom Staate genossen haben, an einer 
ganz ungewöhnlichen Sterblichkeit der Wöchnerinnen leide, müssen wir ver- 
neinend beantworten. 

An der Wiener Gratisabteilung, welche wegen Puerperalfieberepidemien 
niemals geschlossen wurde, wie es sonst in allen angeführten fremden Gebär- 
häusem durch Monate lang öfter geschah, beträgt das Mortalitätsprozent im 
Durchschnitte 3*3 (an der Schule für Ärzte 5*9, an der Schule für Hebammen 
3*2), zu Paris in der Matemit6, wo keinem Studierenden der Zutritt erlaubt 
ist, 4*1, inDubois' Klinik 5*6, im Hospital Beaujou, wo gar kein Unter- 
richt erteilt wird, 10%. Die britischen Gebärhäuser weisen geringere, die 



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deutschen ein ähnliches, die skandinavischen Gebärhäuser ein höheres Mor- 
talitätsprozent aus, und zwar ohne Unterschied, ob Ärzte oder Hebammen 
unterrichtet werden, wie wir im statistischen Teile nachzuweisen versuchten. 

Bedenkt man femer, daß die Wiener Klinik für Ärzte nicht bloß die 
lethalen Puerperalprozesse, sondern auch die akuten Leiden, wie: Eklampsie, 
Pneumonie, Meningitis, Apoplexie etc., die zum Studium für Männer von 
Wichtigkeit sind, ausweist; daß unbedingt alle Ankömmlinge, auch die aus 
dem Krankenhause entlassenen siechen Schwangeren aufgenommen werden 
müssen; daß die Zahl der Aufhahmstage um 52 bis 70 jährlich hier höher 
ist als an der Hebammenschule, während alle verunglückten Geburtsfälle der 
Residenz und Umgebung aus der ärmsten Volksklasse den Gratisabteilungen 
zugeschoben werden; daß Transferierungen von Puerperalfieberkranken in 
der Regel nicht stattfinden; daß im Wintersemester, der Zeit der 
Epidemien, die I. Gebärklinik monatlich oft um 100 bis 200 Ge- 
burtsfälle mehr aufnehmen mußte als die II. Klinik, während im 
Sommer, der Zeit des besseren Gesundheitszustandes, aber beide Kliniken 
dieselben, die Klinik der Ärzte ja zuweilen sogar noch geringere Ziffern der 
Geburtsfälle in den monatlichen Rapporten ausweist als die Hebammenschule, 
wie aus Tabelle Nr. XVII zu ersehen ist; daß gefährlich verlaufende Geburts- 
fälle behufs eines erfolgreichen Unterrichtes für Doktoren auf die I. Gebär- 
klinik nach Möglichkeit gezogen wurden und werden; daß keine spontane 
Ventilation beim Öffiien der Türen wegen der Bauverhältnisse an der Klinik 
für Ärzte stattfindet; daß diese Abteilung bis zum Jahre 1849 viel näher 
an die Krankensäle des jährlich über 20.000 Patienten verpflegenden Ki-anken- 
hauses grenzte, so läßt sich daraus an der Schule für Ärzte ganz unge- 
zwungen eine um einige Prozent höhere Differenzzahl der Mortalitätslisten 
erklären, ohne zu der des direkten Beweises entbehrenden, auf Vermutungen 
basierten Hypothese der kadaverösen Infektion flüchten zu müssen. 

Wir könnm dalier keine zur Begründung der Hypothese der kadaverösen 
Infektion vorgebrachte These nach den im Wiener Gebärhause gemachten 
Beobachtungen in ihrem ganzen Umfange besiätigefi, wir können die Beschäftigungen 
am Kadaver durchaus nicht als eine vorzügliche Ursache von Puerperalfieberepidemien 
in Gebärhäusern beschuldigen; wir würden es aber für die größte Vermessenheit 
halten, mit Händen, die selbst nur nach der emsigsten Reinigung einen 
Leichengeruch bemerken lassen, eine Untersuchung oder Operation bei einer 
Schwangeren, Gebärenden oder Wöchnerin zu erlauben oder selbst vorzu- 
nehmen." — 

Zu Punkt 29 sagt Braun u. a.: 

„Die Mitteilbarkeit des Puerperalfiebers durch Inokulation, durch Be- 
rührung gesunder Wöchnerinnen mit der durch faulende Lochien Puerperal- 
kranker verunreinigten Bettwäsche, mit Schwämmen und mit den Händen 
der Wärterinnen, der Hebammen und der Ärzte, wird in der Regel nicht ge- 
leugnet, da die Inokulationsfähigkeit septischer Exsudate aus ihren verderb- 
lichen Wirkungen allgemein bekannt ist. In jüngster Zeit wird von Retzius 
diese Ansicht besonders warm vertreten. — 

Die Hervorrufung von Puerperalepidemien durch Inokulation von flüssi- 
gen oder luftförmigen zersetzten Leichenteilen wurde von Semmelweis und 
Skoda zu beweisen gesucht. Die Möglichkeit, auf die Weise einzelne Fälle 
von Puerperalfieber hervorzurufen, darf nicht geleugnet werden. Wir haben nur 
die darauf basierten Schlüsse, daß Leicheninfektion die vorzüglichste Ursache 
der Puerperalfieberepidemien in Gebärhäusern sei, im vorausgehenden nicht 
bestätigen können.^ 



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— 111 — 

Zu Punkt 80 gibt Braun folgende Erläuterung: 

„Die Lage der Oebärhäuser äußert auf den Gresundheitszustand ihrer 
Bewohner den mächtigsten Einfluß. 

Diejenigen Gebärhäuser, welche entfernt von angrenzenden Gebäuden 
und umgeben von weitläufigen Gärten sind, ergeben die geringsten Mortalitäts- 
verhältnisse. Die innige Berührung derselben mit Krankenhäusern verursacht 
den größten Nachteil, daher auch alle Gebärhäuser, die mit einem Kranken- 
hause zusammengebaut sind, höhere Mortalitätsprozente im Durchschnitte 
aufweisen. Die Angrenzung an Lokalitäten, die mit zersetzten tierischen 
Stoffen erfällt sind, wie Leichenkammem, ein Zusammenfluß von größeren 
Abzugskanälen, unrein gehaltene Aborte, schlechte oder mangelhafte Kana- 
lisierung derselben und Versenken der Flacenten in dieselben erleichtert die 
Ausbreitung der Epidemien. 

Die fehlerha^e Bauart der meisten Gebärhäuser mit ungenügender 
Ventilation äußert sich dann schädlich, wenn die Wochenzimmer ununter- 
brochen kommunizieren und ein diesen parallel laufender Korridor fehlt; 
wenn von einem schlecht ventilierten Ghoige aus die Zimmer rechts und links 
angebracht sind; wenn die Fensterbrüstungen zu hoch; die Fenster einander 
gegenüberstehen und die Betten an den Seitenwänden unter den Fenstern 
angebracht sind; wenn die Wochenzimmer an die Krankenzimmer grenzen 
und ober- oder unterhalb derselben sich befinden; wenn die Ventilation im 
Winter durch öfhen der Fenster vollzogen werden muß, die Erneuerung 
der Zimmerluft durch Luftheizung ungenügend geschieht; wenn keine Dunst- 
schlöte an der Decke der Zimmer angebracht sind und wenn diese zur Er- 
zeugung einer raschen Luftströmung nicht als Foyer d'appelle zum Erwärmen 
eingerichtet sind; wenn die Puerperalkranken in der Nähe der Wochenzimmer 
untergebracht, wenn die Wöchnerinnen aus dem Geburtszimmer in die 
Wochenzimmer über kalte Gtoge oder Stiegenräume gebracht werden müssen, 
oder wenn die Säle der Wöchnerinnen sehr groß sind und die Ankommenden 
in den Wochenzimmem der Reihe nach gebären. 

Die Ausdünstung der faulenden Exkremente, sowie die Lungenaus- 
dünstung der mit putriden Fiebern behafteten Wöchnerinnen, der durch das 
Zusammenleben vieler Wöchnerinnen erzeugte Puerperalgeruch, die Nicht- 
absonderung der Kranken von Gesunden, die Unterlassung der Absperrung 
der Krankenzimmer, der freie Verkehr der Wärterinnen der Kranken mit 
denen der Gesunden, die Hilfeleistung der Hebammen oder der Ärzte bei 
Gesunden nach Explorationen oder Injektionen bei kranken Wöchnerinnen, 
die gemeinschaftliche Verwendung der Wäsche, der Schwämme, Leibschüsseln, 
bei Gesunden und bei Kranken, vieljährig benutzte und mangelhaft gereinigte 
Wäsche, Vermengung der Wäsche der Gebärhäuser mit jener der Kranken- 
häuser, seltener Wechsel der Matratzen, Strohsäcke und Unterdecken, stete 
Benutzung aller Bäume eines Gebärhauses, der ununterbrochene Unter- 
richt in überfüllten Gebärhäusern, die erschwerte Überwachung einer 
größeren Zahl von Schülern und Schülerinnen, die Überfüllung der Gebär- 
häuser im Winter zur Zeit der Epidemien, die unbeschränkte Aufnahme aller 
gesunden und kranken Schwangeren und Gebärenden, der monatelange Auf- 
enthalt der Schwangeren in den Gebärhäusem, die Anfällung der Gebärhäuser 
mit ledigen, der trostlosesten Bevölkerung entnommenen Weibern, das 
mehrmalige Überlegen der Wöchnerinnen in den ersten acht Tagen, das zu 
lange Aufbewahren der Leichen verstorbener Säuglinge oder der Flacenten 
neben den Wochenzimmem; die meistens sehr geringe Anzahl der über- 
wachenden Ärzte, der stete Verkehr der Schwangeren mit den Patienten der 



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- 112 — 

Krankenhäuser in den gemeinschaftlichen Höfen, die Unterbringung der mit 
zymotischen Krankheiten behafteten Gebärenden in dem Kreißzimmer der 
Geaunden, mangelhafte oder beschwerliche Zufuhr des Wassers in die obersten 
Stockwerke, das zu lange oder nächtliche Verweilen einer größeren Anzahl 
von Menschen im Gebärzimmer, die zu oft wiederholte Exploration ver- 
zögerter Geburten, Mangel eines Lokales, um einer Überfüllung vorbeugen 
zu können, Mangel eines Übereinkommens zur Zeit der Epidemien und der 
Überfüllung, Gebärende und Wöchnerinnen in Privatwohnungen auf öffentliche 
Kosten verpflegen zu können, die unterlassene oder nicht gestattete Ent- 
fernung der Puerperalkranken aus den Gebärhäusem während gleichzeitiger 
häufiger Erkrankungen. Alle diese Übelstände, welche vereinzelt in den ver- 
schiedenen Gebärhäusern vorkommen, erklären die teils günstigeren, teils 
schlechteren Resultate mancher Gebärhäuser veranlassen die größere Gefahr 
der Erkrankung in denselben als in Privatwohnungen und stellen uns die 
Tatsachen vor Augen, daß die Lokalverhältnisse in manchen Gebärhäusern, die 
aber oft nur mit großen Kosten abzuändern sind, einen mächtigen Einfluß auf das 
Entstehen, die Gefährlichkeit und Ausbreitung der Puerperalprozesse ausüben/ 

Im Kapitel „Pathogenese und pathologische Anatomie der Puerperal- 
prozesse" sagt Braun: 

„Die Puerperalprozesse sind ein der Septikämie hohen und niederen 
Grades sehr nahe verwandtes, vielleicht identisches Leiden, welches als 
akute Blutentartung die Frauen während der Schwangerschaft, häufiger aber 
während der Geburt oder wenige Tage nach derselben befällt und sowohl 
primär (d. h. scheinbar spontan im Blute), als sekundär (d. h. durch 
nachweisbare Aufnahme septischer oder krankhafter Stoflfe vom Uterus aus) 
auftreten kann." 

Im Kapitel .Prophylaxis der Puerperalprozesse": 

„Da das Puerperalfieber oder Pyämie durch Einimpfung von Leichen- 
gift erzeugt werden und durch Übertragung von septischen Exsudaten, sowie 
durch das Zusammenwohnen mit anderen an einer der verschiedenen zymo- 
tischen Krankheiten, wie Typhus, Cholera, Scharlach, Masern usw. Leidenden 
verbreitet werden könne, so ist es die strenge Pflicht der Ärzte, auf die 
Absonderung der gesunden Wöchnerinnen von zymotisch er- 
krankten Individuen, sowohl in Privatwohnungen als in Gebärhäusern, 
genau zu sehen und niemals eine Untersuchung oder eine Operation bei 
Schwangeren, Gebärenden, Wöchnerinnen zu gestatten, wenn kurze Zeit 
zuvor ein hilfeleistendes Individuum mit Leichenteilen oder septischen Exsu- 
daten zu tun hatte. Es ist daher die löbliche Vorsicht eines jeden Klinikei*s, 
die klinischen Explorationen in den frühesten Morgenstunden vornehmen zu 
lassen, bevor noch Beschäftigungen an Kadavern vorgenommen werden. 

Die Reinigung der Hände mit Seifenwasser und einer Nagelbürste sollte 
unmittelbar vor jeder Exploration vorgenommen werden, aber eine desinfi- 
zierende Schutzkrafb darf dem so wenig bis jetzt zugemutet werden, wie 
den Waschungen mit Chlorkalklösungen, da für beides der direkte Be- 
weis fehlt. 

Unzweifelhaft wirken Chlor dämpfe auf die Zerstörung von Farben 
und auf die Vernichtung der Impfbarkeit mancher Stoflfe heftiger ein, als 
eine Lösung von einem mit Gips verunreinigten Chlorkalk, die durch 
mehrere Stunden vor dem Gebrauche der Einwirkung der Luft und des 
Lichtes ausgesetzt war. 

Und selbst Chlorgas braucht, wie die Experimente von Hoff mann uns 
lehren, in einem hermetisch geschlossenen Geföße über 15 Minuten, um die 



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— 113 — 

ImpffKhigkeit einer trockenen Kuhpockenlymphe zu zerstören. Wir müssen 
daher aus dieser langsam zerstörenden Wirkung des reinen Chlorgases uns 
die Lehre entnehmen, daß wir nach Beschäftigungen und Verunreinigungen 
mit impfbaren, krankhaften oder kadaverösen Stoffen auch so lange keine 
Untersuchung von Frauen wagen dürfen, so lange der Chlorgeruch selbst 
noch an den explorierenden Händen haftet. — — — 

Rasche Strömungen warmer Luft, wie sie nur durch eine technisch 
präzise ausgeführte Ventilation erreichbar ist, gehören in den mit Wöchnerinnen 
belegten Zimmern zu den vorzüglichsten Schutzmitteln gegen Puerperal- 
fieberepidemien . " 

Semmelweis war es eine schmerzliche Überraschung, daß Chiari 
nicht dagegen protestierte, von Braun zu seinen Gegnern gerechnet 
zu werden. Es scheint ihm nicht bekannt geworden zu sein, daß 
Chiari, der im Jahre 1864 die Prager Professur aufgegeben und da- 
für die geburtshilfliche Abteilung am Josephinum in Wien übernommen 
hatte, zu Anfang des Jahres 1865 an Cholera*) starb, somit Brauns 
Arbeit nicht kannte oder, wenn er sie doch noch vor seinem frühen 
Tode gelesen, zu einer Berichtigung nicht mehr Gelegenheit hatte. Die 
beste Antwort war übrigens der folgende Aufsatz, welchen Chiari 
jedenfalls ohne Kenntnis der Abhandlung Braun's geschrieben hatte 
und der nach seinem Tode im Wochenblatte der Zeitschrift der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien (I. Jahrgang, Nr. 8) am 19. Fe- 
bruar 1855**) erschien: 

^ Winke zur Vorbeugung der Puerperalepidemie. 
Ton weiland Professor Chiari. 

Ich erlaube mir hier die Aufmerksamkeit auf emen Gegenstand zu 
lenken, der, wenn auch vielfach besprochen, dennoch vieler Aufklärungen be- 
darf. Es ist dies die Entstehung und Vorbeugung der sogenannten Puerperal- 
epidemien, ich sage sogenannten, da es konstatiert ist, daß derlei Erkrankungen 
nicht etwa zahlreicher gleichzeitig über einen großen Distrikt verbreitet vor- 
kommen, sondern bekanntermaßen meist nur an Entbindungsanstalten, und 
auch da nicht gleichmäßig an den verschiedenen Abteilungen derselben auf- 
treten. 

Ich will hier nicht auf die verschiedenen Ansichten über die Ent- 
stehungsursache dieser wirklich furchtbaren Krankheit zurückkommen, er- 
laube mir aber nur einige Beobachtungen über die Veranlassung zu zahlreichen 
Erkrankungen von Wöchnerinnen zu geben, die ich während meiner Amts- 
wirksamkeit in Prag machte. 

Vom 23. bis 27. Januar 1863 wurde bei einer Erstgebärenden eine den 
eben bestimmten Zeitraum anhaltende Verzögerung der Geburt durch Ver- 
dickung des Muttermundes und nachträgliche Gungräneszenz noch während 
der Geburt beobachtet. Nachdem vergebens Bäder, Einspritzungen, Antiphlo- 
gose, Inzisionen des knorpelharten und fingerdick gewulsteten Muttermundes 
angewendet worden waren, schritt man zur Verkleinerung des bereits durch 
den längeren Geburtsakt abgestorbenen Kindes, um die Geburt nach vier- 
tägiger Dauer zu vollenden. Die Absonderung aus der Scheide war in den 
letzten Tagen bräunlich, mißfärbig, höchst übelriechend. Die Wöchnerin er- 



♦) Mitteilung des Hofr. Dr. v. Arneth. 
*♦) Ätiologie, p. 148. 
T. Wfaldheim, Tgnas Philipp Semmelweif. 



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— 114 — 

krankte an heftiger Endometritis septica und erlag den 1. Februar dieser 
Krankheit. Von dem Tage an, wo diese Oeb&rende auf dem Oeburtszimmer 
war, erkrankten neun andere Gebärende, die mit ihr zugleich auf dem Ge- 
bärzimmer lagen und, mit Ausnahme einer einzigen, starben sie alle. 

Von den letzten Tagen des Januars schleppten sich die häufigen Er- 
krankungen bis in den Monat Mai hin, worauf wieder bis Oktober der 
günstigste Gesundheitszustand unter den Wöchnerinnen herrschte. 

Hieraus glaubte ich mit Bestimmtheit zu entnehmen, daß in diesem 
konkreten Falle die Ursache der häufigeren Erkrankungen von Übertragung 
der gangränösen Stoffe von den kranken Gebärenden auf die gesunden In- 
dividuen herrührte. Natürlich ist es, daß hierbei die möglichste Vorsicht be- 
obachtet wurde, um nicht durch die Untersuchung die deletären Stoffe zu 
übertragen; trotzdem aber ist beim gleichzeitigen Aufenthalte einer solchen 
Kranken und mehrerer gesunden Gebärenden in einer und derselben nicht zu 
geräumigen Lokalität durch allerlei Medien eine Übertragung der deletären 
Stoffe anzunehmen. Sind aber mehrere Erkrankungen eingetreten, so ist es 
begreiflich, daß auf dieselbe Weise an einer Anstalt, wo die Lokalitäten fär 
die große Frequenz der Geburten kaum ausreichen, auch die Fortdauer dieser 
Krankheit bedingt wird. 

Durch das bisher Gesagte will ich nicht etwa die Meinung aussprechen, 
als ob alle genannten Puerperalepidemien auf diese Weise entstehen müßten, 
jedoch glaube ich dadurch auf einen Umstand aufinerksam zu machen, der 
oft an größeren Entbindungsanstalten eintreten kann und wird. 

Als bestärkenden Beweis dieser meiner Ansicht hatte ich leider Ge- 
legenheit, eine zweite traurige Erfahrung zu machen. Ln Oktober 1863 wurde 
wenige Tage vor meiner Rückkehr nach Prag nach einer mehrwöchentlichen 
Ferialreise bei einer durch mehrere Tage kreißenden Frau wegen Becken- 
enge die Perforation nötig. 

Diese Wöchnerin starb an Endometritis septica mit Verjauchung der 
Synchondrose. Von dieser Zeit waren wieder zahlreiche bösartige Erkrankungs- 
fälle eingetreten, die erst Mitte November wieder aufhörten. Von da an bis 
zu Ende meiner Amtsführung in Prag, nämlich bis Ende August des ab- 
gelaufenen Jahres, war ich so glücklich, an der dortigen Klinik diese fürch- 
terliche Krankheit nicht mehr zahlreicher zu beobachten. 

Durch diese zwei Beobachtungen wollte ich weiter nichts dargetan 
haben, als daß man bei größerer Aufmerksamkeit imstande ist, die Ent- 
stehungsweise der zahlreichen Erkrankungen an den Gebäranstalten hin und 
wieder nachzuweisen. 

Übrigens wurde auf diese Entstehungsweise schon von Semmelweis 
hingedeutet und auch an der hiesigen Klinik für Hebammen wurde in diesem 
Herbste eine ähnliche Beobachtung gemacht, wie mir mein Freund, Dr. Späth, 
vertraulich mitteilte. 

Ich halte es für eine Gewissenssache, diese Beobachtungen zu ver- 
öffentlichen, denn wenn ich auch nicht damit gesagt haben will, daß darin 
die einzige Entstehungsweise dieser Seuchen liegt, so kann doch die Beob- 
achtung der dadurch entstandenen Rücksichten für die Einteilung und Ein- 
richtung der Gebäranstalten großer praktischer Vorteil erlangt werden. In 
dieser Beziehung halte ich es für eine dringende Notwendigkeit, in größeren 
Gebäranstalten mehrere Geburtszimmer in Bereitschaft zu hijten, um im 
oben eintretenden Falle die verzögerten Geburten von den gewöhnlichen 
zu isolieren. Daß diese Isolierung auch bei Erteilung des Unterrichtes be- 
obachtet werden muß, versteht sich von selbst. 



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— 115 — 

Voa der oben ausgesprochenen Ansicht ausgehend, daß nämlich von 
der Übertragung der faulenden deletären Stoffe die Ausbreitung der Wochen- 
krankheiten an größeren Gebäranstalten abhängt, suchte ich auch nach 
Möglichkeit diese Ursache zu beseitigen und traf deshalb an der unter 
meiner Leitung stehenden Anstalt folgende Vorkehrungsmaßregeln: 

1. Ich teilte den Unterricht derartig ein, daß die einzelnen Gebärenden 
niemals von mehr als fünf Schülern untersucht wurden, nachdem es einem 
jeden Zuhörer auferlegt worden war, mit Chlorkalklösung die Hände zu 
waschen. 

2. Damit die Kandidaten nicht leicht von anatomischen Arbeiten zur 
Klinik kommen konnten, bestimmte ich für den Sommer und für den Winter 
die Morgenstunden von 7 bis 9 für die Abhaltung der Klinik. 

3. Richtete ich mein Augenmerk auf sorgfMtige Reinigung der Wäsche, 
wobei auch bei der zweiten Epidemie die Einrichtung getroffen wurde, daß 
die vor die Genitalien zu legenden Kompressen selbst außer dem Hause 
gewaschen wurden. 

4. Sehr leicht denkbar erschien es mir ferner, daß beim Waschen der 
Wöchnerinnen an den Geburtsteilen mit dem Schwamm, wenn z. B. die 
eine an Puerperalfieber litt, dieser Zustand auch auf die anderen Wöchnerinnen 
übertragen werden kann. Deswegen traf ich die Einrichtung, zur Reinigung 
der Geburtsteile bei den Wöchnerinnen keine Sdiwämme weÄr, sondern nur 
Spritzen zu gebrauchen, denn während erstere mit den Geburtsteilen leicht 
in Kontakt kommen, ist dieses bei den letzteren nicht leicht möglich. 

5. Suchte ich die schwerer Erkrankten aus der Gebäranstalt zu ent- 
fernen, indem ich selbe ins Krankenhaus transferierte. Diese Maßregel war 
jedoch auch anderseits durch Mangel an Raum geboten. Daß es jedenfalls 
zweckmäßig ist, in physischer und moralischer Beziehung, die Anhäufung 
solcher Kranken in den Gebäranstalten zu verhindern, muß jedermann ein- 
leuchten. 

6. Aus der oben ausgesprochenen Ansicht geht nun ferner hdÄor, daß 
bei Eintritt zahlreicherer Erkrankungen an einer Gebäranstalt ein Wechsel 
der Lokalitäten, sowie der ganzen Poumitur eines Spitales ein vorzügliches 
Mittel genannt werden muß, um die Ausbreitung der Krankheit zu hemmen. 

Daher schien es mir zweckmäßig, bei Errichtung neuer derartiger An- 
stalten die Baulichkeit so einzurichten, daß z. B. hier in loko eine jede 
geburtshilfliche Klinik ein eigenes Gebäude hätte, welches auch in Beziehung 
auf Wäsche von der anderen Klinik gänzlich getrennt werden könnte. 

Lidem ich bei Anwendung dieser Maßregeln, so weit deren Ausfuhrung 
in meiner Macht lag, Gelegenheit hatte, zu beobachten, daß die häufigeren 
Puerperalkrankheiten nach ein bis zwei Monaten wieder aufhörten, so glaube 
ich selbe dringend anempfehlen zu können." 

Man sieht, Chiari war bemüht, die neue Lehre auszubauen, das 
Desinfektionsverfahren zu vervollkommnen. Er ist derErste, welcher 
die Schwämme abschafft und statt ihrer Spritzen zur Reinigung 
der Genitalien verwenden läßt. Ein Unglück für Semmelweis, daß ihm 
dieser treue Anhänger und treffliche Beobachter so früh dahinstarb! 

Gegenüber all den gegnerischen Stimmen, die dort und da laut 
wurden, beobachtete Semmelweis fortgesetzt Schweigen. Jahr um Jahr 
ließ er vergehen, ohne die vielen Irrtümer zu widerlegen, welche seine 
Gegner als die Wahrheit verkündeten, ohne die heillose Verwirrung, 



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— 116 — 

die in bezug auf seine Lehre überall eingerissen war und die er zum 
Teile selbst verschuldet hatte, durch eine ausführliche Schilderung 
seiner Anschauungen zu beseitigen. Seine Erbitterung wuchs wieder, 
namentlich gegen Scanzoni und neuerdings auch gegen Braun; es 
gärte und kochte in ihm, die Kurzsichtigkeit seiner Gegner, die Unredlich- 
keit seiner Feinde zu brandmarken — aber er schwieg in der Öffent- 
lichkeit und machte all seinem Grimm nur im Verkehr mit Freunden 
und Kollegen Luft. Daß er seinen Widersachern einfach das Feld räumte 
und durch volle 5 Jahre nichts tat, um zum Segen des gebärenden 
Geschlechtes seinem Verfahren allgemeine Anerkennung zu erzwingen, 
wie es im Grunde doch seine Pflicht war, ist die zweite jener Un- 
begreiflichkeiten, welche auf einen Zusammenhang mit dem nach 
seinem Tode festgestellten chronischen Gehirnleiden hindeuten. Denn 
mit seiner Scheu vor Schreibereien läßt sich seine jahrelange Untätig- 
keit nicht erklären. Markusovsky konnte ihm ja bei der Arbeit helfen! 
Leider ist es niemals dazugekommen, daß die beiden Freunde zu ge- 
meinsamer schriftstellerischer Tätigkeit sich zusammenfanden. 



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— 117 — 



üniversitätsprofessor. Reformversuehe. Rege wissen- 
sehaftliehe Tätigkeit. Verheiratung. Allgemeine Ver- 
werfung der Infektionstheorie. 

1855 bis 1857. 

Um dieselbe Zeit, als Ghiari jählings von der Cholera dahin- 
gerafft wurde, starb in Pest Hofrat Birly gleichfalls eines plötzlichen 
Todes. Ein Pester Brief vom 7. Februar 1856, welchen die Wiener 
medizinische Wochenschrift abdruckte, gewährt einen klaren Einblick 
in die damaligen Verhältnisse der dortigen medizinischen Fakultät und 
schildert auch die Stellung, welche sich Semmelweis als Geburtshelfer 
in Pest mit den Jahren errungen hatte. 

»Die hiesige ärztliche Welt wird durch mehr oder weniger be- 
gründete Mutmaßungen über die Besetzung der vor kurzem vakant 
gewordenen zwei Lehrkanzeln so ziemlich in Atem gehalten. . . . Der 
verstorbene Professor der Geburtshilfe war ein Ehrenmann, dessen 
plötzlicher Tod in den weitesten Kreisen tiefes Bedauern erregt hat, 
er war dabei gelehrt und besaß alle Erfordernisse eines Lehrers, und 
doch wird man nicht zu weit gehen mit der Behauptung, daß er lange 
vor seinem Tode aufgehört hat, ein Professor der Geburtshilfe zu sein, wie 
ihn der heutige Stand der Wissenschaft, die mannigfachen Hilfsmitteln 
der Diagnostik und die neuen Ideen der Pathologie für jede gute 

Schule dringend fordern dürfen, Wenn man es ruhig beim 

Althergebrachten 'bewenden läßt, sich jeder* Neuerung in Diagnostik und 
Therapie aus Leibeskräften und mit einer Art Fanatismus vnder setzt, 
wenn man endlich ohne Unterlaß die Privatpraxis und die eigene Un- 
fehlbarkeit im Auge behält: wie soll da der Unterricht in einem Fache 
gefördert werden, welcher vor allem anderen die ganze Hingebung 

des LehrerS; eisernen Fleiß und rastloses Bestreben erheischt? 

Es ist wohl keine Indiskretion, wenn ich anführe, daß sowohl ärztliche 
Stimmen als auch die öffentliche Meinung unseren ausgezeichneten, in 
Theorie ivie Praxis gleich tüchtigen Geburtshelfer Dr. Semmelweis als 
denjenigen bezeichnen, der wahrscheinlich für die erste der genannten 
Lehrkanzeln bestinmit werden dürfte. Derselbe hat sich schon als 
Assistent am Wiener Gebärhause durch seine Vorträge und Operations- 
knrse einen Ruf emvorien, der weit über die Grenzen unserer Monarchie 



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— 118 — 

hinaus sich erstreckt, gewann als praktischer Arzt bald ein großes 
Terrain in unset-er Stadt, und steht seit mehreren Jahren der Frauen- 
krankenabteilung des hiesigen Bürgerspitales vor. Auf einem so eng 
umgrenzten Räume, als zwei kleine Zimmer in einem Privatkranken- 
hanse sind, können natürlich auch die Leistungen ein gewisses Maß 
— nach der Breite hin — nicht überschreiten; wenn aber der erst 
seit kurzem wieder aufgenommene Plan der Errichtung eines Gebär- 
hauses zur Ausführung kommt, und diese Anstalt, wie denn doch auch 
hier einmal zu hoffen ist, zum Unterrichte benutzt werden wird, so 
dürfte sich einerseits dem strebsamen Manne des Faches ein weites 
Feld der Wirksamkeit eröffnen, anderseits aber auch eine neue Ära 
für Geburtskunde in unserem Vaterlande beginnen,'^ 

Am 18. Juli 1855 wurde Semmelweis zum Prof essor der theo- 
retischen und praktischen Geburtshilfe an der Hochschule 
zu Pest ernannt. Endlich hatte er das Ziel seiner Wünsche erreicht! 
Und wie mit einem Schlage war er wieder der leidenschaftliche Ar- 
beiter der vierziger Jahre. Sein Selbstbewußtsein, sein Ehrgeiz flammte 
auf und feuerte ihn an zu neuen Taten. An der Spitze einer Univer- 
sitätsklinik, konnte er die Richtigkeit seiner Theorie an einer großen 
Zahl von Gebärenden praktisch demonstrieren und die künftigen Ärzte 
und Hebammen des Königreiches in den Prinzipien der neuen Heils- 
lehre imterweisen. Die alte Begeisterung seiner Wiener Assistentenzeit 
erfaßte ihn wieder und mit dem ihm eigenen Eifer und Ernst machte 
er sich an die hohe Aufgabe, welche zugleich auch eine recht dornen- 
volle genannt werden mußte. 

Aus einem Pester Briefe in der Wiener medizinischen Wochen- 
schrift (Jahrgang 1857, pag. 543) erfahren wir, in welch erbärmlichem 
Zustand die damalige Gebärklinik sich befand, wo es darauf abgesehen 
zu sein scheine, nicht mit der winzigsten guten Eigenschaft den Ein- 
druck zu verwischen, den alle die zahlreichen Unzwekmäßigkeiten und 
Mängel des Institutes auf den unbefangenen Gast hervorrufen. Es 
wäre nicht leicht, ein zweites Exemplar dieser Anhäufung von Übel- 
ständen herzustellen. 

„Die Klinik befindet sich im zweiten Stockwerke (des in der Neuen 
Weltgasse gelegenen Fakultätsgebäudes), und zwar in dessen hinterst 
gelegenem Teile .... Diese unzweckmäßige Entfernung der Klinik vom 
Eingangstore des Hauses ist um so nachteiliger bei einer Gebäranstalt, 
in welche wegen Baumbeschränkung nur solche Frauen aufgenommen werden, 
bei welchen der Geburtsakt bereits begonnen hat oder imminent ist, nicht 
aber wie in Wien, in den letzten beiden Schwangerschaftsmonaten, — — 
Die Fenster der Klinik gehen nach der einen Seite auf den Leichenhof 
hinaus, indes die anderen sich gerade über dem Seziersaale befinden. 

Die Klinik besteht aus 5 Zimmern; davon 3 mit einem Fenster, eines 

mit 2 und endlich ein Eckzimmer mit 3 Fenstern. Von den einfenstrigen ist 
eines so klein, daß es nur das Bett der Wärterin enthalten kann. Es bleiben 
somit eigentlich nur vier Bäumchen für die Wöchnerinnen. Das Kreißzimmer 
hat nur ein Fenster und drei Betten, daran stoßt ein zweites mit einem 
Fenster. Man denke sich nun ein fleißig besuchtes Klinikum, besucht in 



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— 119 — 

diesem Semester von 93 Hebammen und 27 Medizinern oder Chirurgen; man 
denke sich eine Gebärende, an der die Wendung gemacht werden soll; man 
denke sich ein Thermometer von 26^ R. im Schatten — und wer eine genug 
lebendige Fantasie hat, denke sich endlich unter solchen Umständen die 
Mühen des operierenden Professors oder die zehnfache Qual der Operierten. 
Es lag wirklich ein bedauerungswürdiges Geschöpf auf dem Quer- 
bette; Lehrer, Assistent und ein dichter Knäuel von Studierenden und 
Hebammen umstanden dasselbe; bis in das dritte Zimmer hinein war Kopf 
an Kopf dicht gedrängt und doch eigentlich nur, um schreien zu hören, da 
vom Sehen keine Rede war; eine Hitze, die eher geeignet ist, jemand aus 
der Welt als in dieselbe zu locken; dem Professor perlte der Schweiß von der 
Stime, al$ die Wendung vollendet war^ und eben im Begriffe^ das erste Zangenblatt 
einzuführen, kommt er einer förmlichen Ohnmacht so nahCy daß er genötigt ist^ das 
seiner Hand entdiikende Instrument seinem Assistenten zu übergeben und sich schleunigst 
aus der irrespirablen Luft der Klinik zu flüchten. Es ist wirklich zum verwundem 
und spricht auf alle Fälle rühmend für die rationelle und sorgfältige Behandlung 
der Wöchnerinnen, daß puerperale Erkrankungen in den letzten Jahren trotz 
alledem und alledem eher ab- als zugenommen haben. Wo wollte man aber 
auch mit den Kranken hin, wenn dem nicht so wäre, da außer den 3 Kxeiß- 
betten im ganzen nur noch 23 Betten vorhanden sind. — — Es werden im 
Zeiträume eines Schuljahres an 600 Geburten beobachtet, was nur dadurch 
möglich wird, daß die Wöchnerin mit dem Kinde am neunten Tage die Anstalt 
in der Regel verläßt; herrschte der Puerperalprozeß hier in ähnlicher Art 
wie im Wiener Gebärhause, so könnte kaum die Zahl von 100 Geburten 

erreicht werden. Da kein eigener Hörsaal für diese Klinik existiert, 

so gastiert der Professor der Geburtshilfe wann und wo er eben Einlaß 
findet, im Winter zu ebener Erde im acologischen Hörsäle, im Sommer im 
chirurgischen. — — — Daß die so wichtige praktische Geburtshilfe mit 
Demonstrationen am Phantome aus Mangel an dem obigen Wann und Wo 
auf dem Korridore zwischen Fenstern und Türen, Treppen und Waschküchen, 
und zwar vor einem Zuhörerkreise von 120 Herren und Damen vorgetragen 
werden soU — das ist ein so schreiender Mißbrauch, wie man ihn nur 
in einer ganz exceptioneUen Anstalt gewahr werden kann. — — 

Endlich fehlt jede kleinste Gelegenheit, gynäkologische Studien zu machen." 

Die Klinik für Geburtshilfe im zweiten Stockwerk, just über der 
Anatomie und dem chemischen Laboratorium, im Lichthof unten die 
Aborte und die stinkende Senkgrube — in der Tat, ein Mephistopheles 
hätte für Gebärende keinen passenderen Ort ersinnen können! Dazu 
Mangel an Räumlichkeiten; ein widerspenstiges Personal, das unter 
Hof rat Birly zur Reinlichkeit durchaus nicht erzogen worden war; 
ungenügender Vorrat an Wäsche; eine kurzsichtige Behörde, die ihre 
ganze Weisheit dazu verbrauchte, Ersparnisse zu erzielen! Wohin 
immer Semmelweis sich wendete, überall winkte ihm Kampf! Kampf 
mit widrigen Verhältnissen, mit einsichtslosen oder übelgesinnten 
Menschen. Dennoch erlahmte sein Mut, seine Spannkraft nicht. Aber 
es bedurfte verzehnfachter Aufmerksamkeit und rücksichtsloser Strenge, 
um halbwegs günstige Gesundheitszustände auf der Klinik zu erzielen. 

Um dem Mangel an Wäsche augenblicklich abzuhelfen, kaufte er 
auf eigene Rechnung Leintücher und hatte nachher große Schwierigkeit, 
von der Behörde die Bezahlung dafür zu erlangen. 



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— 120 — 

Seine Opferwilligkeit, Strenge und Umsicht bewirkten, daß das 
erste Schuljahr (1855/56) äußerst glücklich verlief. Von 514 Wöchnerinnen 
starben zwei an Kindbettfieber, also nur ü*197o- 

In Wien war inzwischen Semmelweis' erster und erbittertster 
Feind, Professor Klein, am l. April 1856 im 69. Jahre gestorben. Die 
Direktion des allgemeinen Krankenhauses machte am 1 9. Juli folgenden 
Besetzungsvorschlag: 1. Professor Braun in Trient, 2. Professor 
Pachner in Laibach, 3. Dr. Habit, gleichfalls in Laibach.*) Das 
medizinische Professorenkollegium hingegen empfahl**) am 1. August 
primo loco Dr. Karl Braun, Professor in Trient; secundo loco 
Dr. Spaeth, Prof. suppl. an der Josephsakademie; tertio loco 
Dr. Lumpe, praktischen Arzt in Wien! Daß Semmelweis nicht 
nur nicht an erster Stelle, sondern überhaupt nicht vorgeschlagen 
wurde, war die recht persönliche, durchaus nicht edle Antwort des 
Wiener Professorenkollegiums auf Semmelweis' Narretei vom Oktober 
1850. Er hatte ihnen die Dozentur vor die Füsse geworfen; solcher 
Behandlung wollte man wohl nicht ein zweites Mal sich aussetzen. Er 
hatte aber auch alles getan, was nur möglich war, um in Wien in 
Vergessenheit zu geraten. Seit seiner kopflosen Flucht war er wie 
verschollen. Nichts hörte man von ihm, keine einzige Arbeit trug 
seinen Namen. Er hatte noch niemals eine Zeile veröffentlicht. Ein 
Forscher war er; als klinischer Lehrer hatte er sich bereits bewährt; 
aber mit der Feder stand er auf dem Kriegsfuße, und man wußte 
nicht, ob er überhaupt noch mit seiner Fachwissenschaft sich befasse. 
Konnte, durfte man einen solchen Mann für die erste Stelle des 
Reiches in Vorschlag bringen? Gewiß wäre in diesem außerordentlichen 
Falle die Wahl des urwüchsigen, Tinte und Druckerschwärze hassenden 
Forschers, des genialen Beobachters die einzig richtige gewesen! Doch 
leider hatte Semmelweis selbst seine Wahl nahezu unmöglich gemacht. 
Eine solche Selbstverleugnung, solch erhabene Gesinnung durfte man 
vom Professorenkollegium, von Skoda nicht erwarten. Skoda war 
auch nur ein Mensch. 

Semmelweis hatte aber in der Tiefe seines Herzens eine Berufung 
doch erwartet. Er sehnte sich zurück nach dem schönen, großen 
Wirkungskreise, in welchem er seine ersten überraschenden Erfolge 
erzielt hatte. Er mochte fühlen, daß er eine gar lange Zeit untätig 
gewesen war, während z. B. sein jüngerer Kollege Braun eine ganze 
Reihe von Arbeiten veröffentlicht hatte. So veranlaßte er, um sich 
und seine Lehre wieder in Erinnerung zu bringen, seinen Assistenten 
Dr. Fleischer, einen statistischen Bericht über das Schuljahr 1855/56 
der Wiener medizinischen Wochenschrift (1856, p. 534) einzusenden. 
Darin heißt es u. a.: 

„Von den erkrankten Wöchnerinnen starben 6; an Puerperalprozeß 2 



*) Wiener medizinische Wochenschrift, 19. Juli 1856. 
♦*) Wiener medizinische Wochenschrift, 1. August 1866. 



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— 121 — 

Der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen war im allgemeinen ein 
sehr günstiger, da unter 513 Wöchnerinnen nur 6 an den oben genannten 
Krankheiten starben. Besonders aber gunstig ist zu nennen das Mortalitäts- 
verhältnis hinsichtlich des Puerperal prozesses^ der früher jährlich, besonders 
aber im verflossenen Schuljahre zu gewissen Zeiten furchtbar auftrat^ so zwar, 
daß die gesündesten Individuen nach der erfolgten Entbindung dieser 
Krankheit erlagen, obwohl derart Erkrankungen außer der Klinik weder in 
anderen Gebäranstalten, noch in der Stadt beobachtet wurden. Dieses 
günstige Resultat dürfte den von Professor Semmelweis eingeführten 
Waschungen mit Chlorkalklösung zugeschrieben werden. ** 

Der Redakteur der Wochenschrift war einfältig genug, hierzu 
folgende Bemerkung zu machen: 

„Wir glaubten, diese Chlorwaschungstheorie habe sich längst 
ilba^lebt; die Erfahrungen und statistischen Ausweise der meisten 
geburtshilflichen Anstalten protestieren gegen obige Anschauung; es 
wäre an der Zeit, sich von dieser Theorie nicht weitet' in-e/ükren zu 
lassen.^ 

Am 5. September 1856 brachte dieselbe Wochenschrift folgende 
Notiz: „Prof. Braun in Trient .... erhielt in den jüngsten Tagen 
einen schmeichelhaften Ruf an die Universität Zürich zur Übernahme 
der Lehrkanzel der Geburtshilfe, Frauen- und Kinderkrankeiten unter 
sehr vorteilhaften Bedingungen; ob Prof. Braun von dieser ehren- 
vollen Berufung Gebrauch machen wird, nachdem ihm hier so glän- 
zende Stellen in Aussicht gestellt sind, ist sehr zu bezweifeln." 

Am 24. Oktober wurde Braun auch von der Statthalterei für das 
gleichzeitig erledigte Primariat vorgeschlagen und am 5. Dezember 
1856 war seine Ernennung zum Professor und Primarius in Wien 
eine vollzogene Tatsache. 

Also Braun der Nachfolger Klein s! Wieder ein Gegner auf dem 
Wiener Lehrstuhl für Geburtshilfe! Aber jetzt ein junger, begabter, 
tätiger Mann! Nun gab es keine Rückkehr mehr nach Wien. Und von 
diesem Augenblicke an wuchs wohl das Heimatsgefühl wieder mächtig 
in Semmelweis, und sein ganzer Ehrgeiz richtete sich darauf, der 
Welt zu zeigen, daß die Gebärklinik der königlichen Freistadt Pest 
unter seiner Leitung weit bessere Gesundheitszustände erreiche, als 
das Gebärhaus der Kaiserstadt unter der Leitung des Mannes, den 
man einstimmig ihm vorgezogen hatte. Allein das Unglück wollte, 
daß gerade die nächsten Jahre sich recht ungünstig gestalteten. 

Im Laufe des Schuljahres 1856/57 raffte das Kindbettfieber nicht 
weniger als 16 Wöchnerinnen dahin. Man kann sich vorstellen, wie 
schmerzlich diese gehäuften Todesfälle den Menschenfreund und 
Forscher Semmelweis ergriffen haben müssen. Was war die Ursache 
dieser Endemie? Seiner unvergleichlichen Beobachtungsgabe fiel es 
auf, daß die Kinder der an Puerperalfieber erkrankten Mütter von der 
Krankheit regelmäßig verschont blieben. Diese Tatsache diente ihm 
als Beweis, daß die Infektion nicht vor oder während der Geburt statt- 
fand, sondern erst im Wochenbette. Und da fieberfreie Wöchnerinnen 



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— 122 — 

nicht untersucht wurden, so mußte die Infektion durch andere äußere 
Einflüsse veranlaßt werden. Semmel weis richtete daher sein Haupt- 
augenmerk auf die Art und Weise, wie die Wöchnerinnen von den 
Hebammen und Schülerinnen gepflegt wurden, auf die Instrumente 
und Wäsche, und da entdeckte er, daß den Wöchnerinnen übelriechende 
und mit zersetztem Blut und Lochialfluß verunreinigte Leintücher 
untergebreitet wurden, welche der Wäscher als reingewaschen ab- 
geliefert hatte! Mitschuldig an diesen Mißständen war aber die vor- 
gesetzte Behörde. 

Die Wäschereinigung war früher einem Pächter übergeben ge- 
wesen, welcher die Verpflichtung gehabt hatte, einmal wöchentlich die 
unreine Wäsche gegen reine auszutauschen. Der löblichen Behörde 
schien im Sommer 1856 die Summe, welche für die Wäschereinigung 
bezahlt wurde, zu hoch, und es wurde deshalb für das Schuljahr 1856/57 
eine — Minuendo-Lizitation ausgeschrieben. Der am wenigsten forderte, 
erhielt den Auftrag. Nun, die Wäsche des neuen Pächters war auch 
danach. Überdies hielt er den Lieferungstermin nicht immer genau 
ein, so daß bei dem ohnehin geringen Vorrat an der Klinik oft Mangel 
an frischer Wäsche herrschte. Die Folgen dieses unverantwortlichen 
Sparsystems der Behörde waren fast 3% Sterblichkeit. 

Semmelweis machte gegen den gewissenlosen Pächter eine An- 
zeige bei der Statthaltereiabteilung, welcher damals der Rat von 
Tandler vorstand, und legte „einige übelriechende Beweisstücke aus 
dem Wäsche Vorrat in natura bei, um die Notwendigkeit einer Reform 
ad oculos et nares zu demonstrieren, was ihm gerade nicht die Gunst 
des gestrengen Herrn verschaffte".*) Zugleich ersuchte er um „Nach- 
schaffungen an Bettfournituren und Leibwäsche" sowie um eine reichere 
Dotierung der Klinik mit Bettwäsche, denn der Tod der 16 Wöch- 
nerinnen sei direkt zurückzuführen auf den Mangel an Wäsche, die. 
gänzlich ungenügende Reinigung und die unregelmäßige Ablieferung 
von Seite des Wäschers. 

Seinem Wunsche willfahrte die Behörde in überraschend kurzer 
Zeit. Die Wäschereinigung wurde wieder dem früherem Pächter zu 
dem früherem Preise übertragen, während die Nachschaffungen an 
Bettfournituren und Leibwäsche im ganzen Umfange, der Ankauf von 
Bettwäsche in dem Maße bewilligt wurden, daß immerhin ein Vorrat 
von einigen hundert Leintüchern über den täglichen Bedarf hinaus 
zur Verfügung stand. 

Ein empfindlicher Schlag für Semmelweis war es, daß die städti- 
schen Behörden ihm das Primariat im St. Rochusspitale mit der Be- 
gründung, daß es unvereinbar sei mit seiner klinischen Stellung, im 
Juli 1856 entzogen. Dadurch verlor er fast gänzlich die Gelegenheit 
zu gynäkologischen Beobachtungen, die nach und nach sein Lieblings- 
studium geworden waren. Zu seinem Nachfolger wurde Dr. Walla er- 
nannt, welcher, keineswegs ein Anhänger von Semmelweis, dessen 



*) Hegar-Hirschler. 



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— 123 — 

prophylaktische Vorschriften nur so pro forma betrieb, infolge dessen 
die Sterblichkeit an Puerperalfieber wieder zunahm. Es waren eben 
auch in der eigenen Heimatstadt die engeren Fachgenossen dem be- 
riihmteren Kollegen nicht wohlgesinnt! 

Bestrebt, zu zeigen, daß er seinen Posten voll und ganz ausfülle, 
begann er im Jahre 1856 in der Pester Gesellschaft der Ärzte von 
Zeit zu Zeit interessante Fälle zu besprechen und seltene Präparate 
vorzuzeigen. Die Titel seiner Vorträge lauteten: Über spontaneAm- 
putation." „Ein Fall von Kaiserschnitt an einer Rachitischen.'' 
„Komplizierter Geburtsverlauf, verursacht durch eineOvarien- 
zyste." „Seltener Fall von sackartiger Ausbuchtung des 
schwangeren Gebärmutterhalses." Da die Gesellschaft damals über 
kein eigenes Fachorgan verfügte, so sind von diesen Vorträgen nur 
mehr die Titel erhalten geblieben. Ein Auszug aus dem letztgenannten 
Vortrag findet sich in der Wiener medizinischen Wochenschrift vom 
Jahre 1857 (pag. 25). 

Glücklicherweise fiel seine Berufung auf den Lehrstuhl für Ge- 
burtshilfe in eine Zeit, da sich in Pest im allgemeinen und ganz be- 
sonders in medizinischen Kreisen unter Führung des Professors der 
Chirurgie, Johann von Balassa, neuer Tatendrang sich zu regen 
begann. Brück schildert diese intellektuelle Bewegung anschaulich 
mit folgenden Worten: 

„Abermals beleben sich die verlassenen Säle der Budapester 
Gesellschaft der Ärzte und werden zur Stätte erneuerter wissen- 
schaftlicher Tätigkeit. Immer mehr gelangt man zur Erkenntnis, daß 
die medizinische Literatur des Landes während der mißlichen Verhält- 
nisse der letzten Jahre weit hinter jenen der vorgeschrittenen west- 
lichen Nationen zurückgeblieben sei; der Übelstand, daß es an einem 
klinischen Fachorgane mangelte, macht sich immer dringender fühl- 
bar. Nach all diesen Richtungen hin Abhilfe zu schaffen, war nun das 
Losungswort, zu dessen Verwirklichung eine lebhafte Agitation ins 

Werk gesetzt wurde. An der Spitze derselben stand Balassa. 

Um ihm schaarten sich Prof. Wagner Andreas, Koväcs Sebestyen, 
Bökay, Lumnitzer, Hirschler, Markusovszky und eine Reihe 
jüngerer Kräfte. 

Das erste Resultat der durch Balassa inaugurierten Bewegung 
war die Gründung des „Orvosi hetilap", dessen erste Nummer im 
Juni 1857 unter der Redaktion Ludwig v. Markusovszky's erschien. 
Hierauf wurde die ungarische medizinische Bücherverlags- 
gesellschaft ins Dasein gerufen. 

Die Bewegung hatte auch Semmelweis mit sich gerissen. Er 
fühlte, daß er hinter seinen Freunden, die sämtlich in der vordersten 
Reihe der Kämpfenden standen, schon vermöge seiner akademischen 
Stellung nicht zurückbleiben dürfe. Und als ob die veränderten Ver- 
hältnisse sein ganzes inneres Wesen umgestaltet hätten, entwickelte 
er von nun ab eine Rührigkeit, die mit seinem bisherigen Verhalten 
in auffälliger Weise kontrastiert. 



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— 124 — 

Er, der die Öffentlichkeit bisher eher gemieden als gesucht, 
nimmt nun mit einer Reihe von Vorträgen tätigen Anteil an den 
Arbeiten der Pester Gesellschaft der Ärzte; er streift seine „an- 
geborene Abneigung gegen alles, was Schreiben heißt", ab und wird 
ein fleißiger Mitarbeiter des neuen Fachorganes, in dessen Spalten er 
„im Namen der Humanität und des wissenschaftlichen Fort- 
schrittes den Kampf gegen die veralteten Dogmen" aufnahm und später 
durch eine Reihe gynäkologischer Arbeiten seine Tüchtigkeit auch auf 
diesem Gebiete glänzend betätigt. Auch die medizinische Bücher- 
verlagsgesellschaft zählt ihn zu ihren Begründern, wie wir denn seinem 
Namen überall begegnen, wo er durch seine Mitwirkung der Sache des 
Fortschrittes Vorschub zu leisten vermeint. 

Und erst von dem Momente ab, als er sich an allen diesen Werken 
der Neubegründung mit zu beteiligen begann, fühlte er sich wirklich 
zu Hause in seiner Heimat. — — Nun refüsierte er ohne Bedenken, 
als ihm Moleschott im Auftrage der Züricher Universität in einem 
höchst schmeichelhaften Schreiben die Stelle der dortigen geburts- 
hilflichen und gynäkologischen Klinik anbot.'' 

Ja, nun fühlte er sich in Pest wirklich zu Hause, fühlte sich als 
Sohn der ungarischen Nation und grollte seinem eigenen Volke. 

Das Jahr 1857 bedeutet einen wichtigen Wendepunkt in Semmel- 
weis' Leben. 

Zu Anfang Februar dieses Jahres lernte der damals 38jährige Mann 
das anmutige 18jährige Fräulein Marie Weidenhofer kennen. Bereits 
Ende Februar kam es zur Verlobung und am 1. Juni 1857 ward der 
Ehebund geschlossen fürs ganze Leben. Viel Freude, aber auch viel 
Leid sollten Beide miteinander erleben. 

Semmelweis*) war zu jener Zeit schon ziemlich kahl und etwas 
beleibt, doch beweglich, stramm in der Haltung, frisch und gesund von 
Aussehen.**) Aus allen seinen Worten und Handlungen sprach unendliche 
Herzensgüte. Gegenüber Armen und Leidenden stets hilfreich und gut, 
war er streng gegen sich und andere in Berufssachen, unerbittlich in 
bezug auf seine Desinfektionsvorschriften, leicht erregt und heftig, 
aber schnell auch wieder besänftigt. 

Als Arzt die Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue selbst, leistete 
er stets jedem Rufe Folge, bei Tag wie bei Nacht, ob nun Reiche seine 
Hilfe erbaten oder Arme. Trotzdem hatte er niemals eine besonders 
große Praxis, denn sein Sinn stand nicht nach Geld und Ruhm. Er 
war ein menschenfreundlicher Arzt, aber kein Geschäftsmann. Das 
Geldmachen verstand er nicht. „Er kannte die Reklame nicht und ver- 
achtete gründlich alle jene kleinen Kniffe, durch die sich so Mancher 
rasche Sukzesse zu sichern weiß. *****) Sein „ungezwungenes, oft burschi- 
koses Wesen" war nicht nach dem Geschmacke verwöhnter Damen 
und mit seiner naiven Aufrichtigkeit erschütterte er wohl gar das Ver- 

*) Nach schriftlichen Mitteilungen seiner Witwe. 
**) Siehe das Titelbild dieses Buches. 
***) Hirschler *s Aufzeichnungen. 



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— 125 — 

trauen seiner Patientinnen in sein Wissen und Können. „Gräfin, ich 
gratuliere, ich habe mich getäuscht", sagte er einmal, als er auf Grund 
einer wiederholten Untersuchung zur Überzeugung gelangte, daß seine 
Patientin nicht an einem malignen ünterleibstumor, wie er ursprünglich 
angenommen, sondern nur an einem perimetritischen Exsudate litt.*) 

Schon um 7 Uhr morgens ging er, gleich Chiari, auf seine Klinik, um 
Visite und Vorlesung abzuhalten; gegen 10 Uhr vormittags kam er nach 
Hause, wechselte die Kleider und nahm einen Wagen, um die Privatpraxis zu 
erledigen. In der ersten Zeit begleitete ihn die Gattin auf diesen 
Fahrten, während der Pausen im Wagen bleibend und ein Buch lesend. 
Diese köstlichen Vormittage nahmen ein Ende, als sein Weibchen 
wegen des zu erwartenden Familienzuwachses Wagenfahrten nicht mehr 
vertrug. Am 14. Oktober 1858 gebar es ihm einen Sohn, welcher sofort 
getauft wurde und des Vaters Namen Ignaz erhielt. Am nächsten Morgen, 
nach 36 Stunden, fanden die Eltern den Erstgeborenen tot in seiner Wiege. 
Um die Todesursache festzustellen, ließ Semmelweis die kleine Leiche 
sezieren. Es wurde Hydrocephalus konstatiert. Auch das zweite Kind, 
das am 20. November 1859 geboren wurde, sollte ihnen viel Herzeleid 
bereiten. Mariska war ein herziges Mädchen, das Semmelweis förmlich 
anbetete. Nach 4 Monaten bekam es Bauchfellentzündung und starb am 
15. März 1860. So waren sie nach vierjähriger Ehe wieder allein, ohne 
lachende Kindergesichter um sich herum. Um so zärtlicher, liebevoller 
war Semmelweis mit seiner Gattin. Sie führten ein ruhiges, angenehmes 
Leben und versammelten von Zeit zu Zeit in ihrem Hause einen kleinen 
Kreis von Freunden, meist Ärzten, darunter vor allem Freund „Marko", 
der inzwischen Ministerialrat geworden war. 

Die Lehrtätigkeit erfreute Semmelweis nicht sonderlich. **) Sein 
Auditorium bestand aus Medizinern, welche sich für Geburtshilfe 
wenig interessierten, da diese bei der Erlangung des Doktordiploms 
keine Rolle spielte und aus einer großen Zahl von Hebammenschüle- 
rinnen. Es war unmöglich, den Gegenstand so vorzutragen, daß er 
beiden Teilen verständlich wurde. Manche Darlegung galt nur den 
Medizinern, dann wurden die Schülerinnen unaufmerksam und der 
spezielle Hebammenunterricht langweilte die Studenten. Er trug zumeist 
ungarisch vor, doch unbeholfen, weil die ungarische medizinische 
Nomenklatur zu jener Zeit noch höchst mangelhaft war***) und er 
selbst die Sprache nicht vollkommen beherrschte. Zum Redner nicht 
geboren, beschränkte er sich am liebsten auf kurze, treffende Bemer- 
kungen am Krankenbette. Besonders schwer wurde es ihm, dem ge- 
ringen Fassungsvermögen der Schülerinnen sich anzupassen. Er forderte 
von diesen zu viel, und wenn er nicht verstanden wurde, kam es leicht 
zu verletzenden Äußerungen von seiner Seite, so daß zuweilen das 
ganze weibliche Auditorium in Schluchzen ausbrach. Gutmütig, wie 
Semmelweis war, suchte er dann durch Scherze die Tränenfluten wieder 

*) Uirschler's Aufzelchnangen. 
**) Hirschler. 
♦**) Brück. 



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— 126 — 

ZU beschwören.*) Aber in bezug auf seine Lehre, seine Desinfektions- 
vorschriften kannte er keinen Spaß. Dieserwegen kam es häufig zu 
Konflikten, und Bigorosanten, welche seine Lehre nicht vollkommen 
beherrschten, wurden unbarmherzig geworfen. Seine Frau, besorgt, 
daß der Haß durchgefallener Studenten sie zu irgend einer Rachetat 
verleiten könnte, bat ihn einmal, milder zu sein. Da antwortete er: 
„Kind, das verstehst Du nicht. Wenn ein Jurist nichts lernt, kostet es 
dem, der in seine Hände kommt, höchstens Geld — aber beim Medi- 
ziner kostet es das Leben!" Überhaupt weihte er seine jugendliche 
Gattin keineswegs ein in die Mißhelligkeiten seiner verantwortungsreichen 
Stellung, in all die Enttäuschungen, die er erlebte, die vielfachen 
Kränkungen, welche Neid und Mißgunst seiner Gegner ihm zufügten. 
Er vermied es absichtlich aus Zartheit und Güte, um ihren Frohsinn 
nicht zu verscheuchen. Nur seinen guten Freunden und Fachgenossen 
gegenüber machte er seinem Zorn Luft. 

Eine beständige Sorge für ihn bildete der Gesundheitszustand 
auf der Klinik. Auch das Schuljahr 1857/1858 verlief zu seiner großen 
Betrübnis ungünstig. Von 449 Wöchnerinnen starben 18 am Kindbett- 
fieber, mithin 4'05%. Endlich gelang es Semmelweis, die Ursache der 
wiederholten Erkrankungen aufzufinden. Eine gewissenlose Wärterin 
unterließ geflissentlich das vorgeschriebene Wechseln der Bettwäsche, 
so daß diese mit übelriechenden Mengen von Lochialfluß und Blut 
besudelt war und von hier aus die zersetzten animalischen Stoffe auf 
Geräte, Hände und die Genitalien der Wöchnerinnen übertragen wurden. 
Die Wärterin wurde Knall und Fall entlassen, die gesamte Einrichtung 
gründlich gereinigt und damit war endlich der Sterblichkeit Einhalt 
getan. 

Gelegentlich dieser gehäuften Fälle von Puerperalfieber machte 
sich natürlich der Baummangel doppelt fühlbar, denn von rechtswegen 
hätten jene sofort isoliert werden sollen. Selbst als bei zwei Puer- 
peralkranken Gangrän der äußeren Genitalien auftrat, mußte sich 
Semmelweis darauf beschränken, denselben eigens zwei Hebammen- 
schülerinnen zur Pflege zuzuteilen, die sich alle 12 Stunden ablösten 
und den Befehl hatten, kein anderes Individuum zu berühren. Trotz- 
dem wurde eine so Zugeteilte dabei ertappt, wie sie sich eben anschickte, 
eine neuangekommene Kreißende zu untersuchen**) — ein kleines Bei- 
spiel für die zahllosen Schwierigkeiten, die der Vater der Antisepsis zu 
bekämpfen hatte! 

Die erhöhte Sterblichkeit des Schuljahres 1857/1858 veranlaßte 
nachträglich einen für die damalige Zeit so recht bezeichnenden 
Schriftenwechsel zwischen Semmelweis und der vorgesetzten Behörde. 
Seit der stets auf Ersparungen bedachte Statthaltereirat von Tandler 
gezwungen gewesen war, der geburtshilflichen Klinik alle möglichen 
Neuanschaffungen zu bewilligen, behielt dieser die Klinik scharf im 



♦) Fleischer, Gedenkrede, 1872. 
♦*) Ätiol., p. 101. 



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— 127 — 

Auge and ließ sich von untergeordneten Beamten, die zur Klinik Zu- 
tritt hatten, über die Vorgänge daselbst vertraulich Bericht erstatten. (!) 
Als nun im Schuljahr 1867/1858 trotz aller Neuanschaffungen die 
Sterblichkeit an Puerperalfieber neuerlich zunahm, hinterbrachte einer 
dieser ünterbeamten, der Semmelweis und der Oberhebamme nicht 
grün sein mochte, dem Statthaltereirate die Meldung, zu Anfang des 
Jahres 1858 seien an einem Tage bis zu zehn Wöchnerinnen auf der 
Klinik gestorben, und zwar infolge der Nachlässigkeit der Ober- 
hebamme, welche mit Blut besudeltes Bettzeug verstorbener Wöchnerinnen 
den neuankommenden Kreißenden unterbreiten ließ, dennoch aber auf 
ihrem Posten belassen wurde. Diese Zuträgerei genügte dem Herrn Statt- 
haltereirate, um an Semmelweis folgende amtliche Zuschrift*) zu richten : 

„Es sind hierher im vertraulichen Wege Mitteilungen gemacht worden, 
welche mehrfache Unzukömmlichkeiten und Übelstände der geburtshilflichen 
Klinik der k. k. Universität betreffen, daß z. B. durch die Sorglosigkeit der 
Oberhebamme N. N. nicht nur das Bettzeug der Wöchnerinnen selten ge- 
wechselt^ sondern sogar noch mit Blut besudeltes Bettzeug verstorbener 
Wöchnerinnen den neu zugekommenen unterbreitet wurde, infolgedessen soll 
die Sterblichkeit zu Anfang des heurigen Jahres einen so hohen Grad er- 
reicht haben, daß an einem Tage bis zu 10 Wöchnerinnen gestorben sind. 

Dieses Faktum muß um so mehr auffallen, als im vorigen Jahre bei 
einer weit geringeren Sterblichkeit dieser Umstand sogleich vom Herrn Pro- 
fessor hierher zur Sprache gebracht und um eine reichere Dotierung mit 
Bettwäsche angesucht wurde, welche auch sogleich in dem Maße bewiUigt 
worden ist, daß ein Vorrat von mehreren hundert Leintüchern über den Be- 
darf stets zur Verfügung steht. Auch wurden die NachschafFungen an Bett- 
foumituren und Leibwäsche im ganzen Umfange, wie solche beantragt worden 
sind, während der Ferien passiert, so zwar, daß die Höhe der Anschaffungs- 
kosten selbst dem hohen Ministerium für Kultus und Unterricht nicht entging. 

Der Herr k. k. Professor scheinen daher auch die Überzeugung mit 
den übrigen Personen, denen die Ellinik zugängig, zu teilen, daß es nicht 
mehr an dem Mangel an Wäsche, ebensowenig an der regelmäßigen Abliefe- 
rung von Seite der Wäscherin fehlte, sondern daß die unaufmerksame und 
ungeregelte Handhabung des Wäschewechsels an den vermehrten Krankheiten 
und Todesfilllen die Schuld trage." 

Diese amtliche „Nase" beantwortete Semmel weis mit folgender 
Eingabe :•*) 

„Es ist allerdings auch meine Überzeugung, so wie die der übrigen 
Personen, denen die Klinik zugängig ist, daß die im Beginne des Schul- 
jahres 1867/1858 zu beobachtende größere Sterblichkeit an der hiesigen 
geburtshilflichen Klinik nicht mehr dem Mangel an Wäsche, noch der un- 
regelmäßigen Ablieferung derselben von seite der Wäscherin zuzuschreiben 
sei, sondern daß die tmaufmerksame und ungeregelte Handhabung des Wäsche- 
wechseins an den vermehrten Krankheiten und Todesfellen die Schuld trage. 

Diese unaufmerksame und ungeregelte Handhabung des Wäsche- 
wechseins hat aber nicht die Oberhebamme, sondern die Wärterin N. N. ver- 
schuldet, welche auch deshalb entlassen wurde. 



•) Ätiol., p. 95. 
*♦) Ätlol., p. 96. 



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— 128 — 

Im Schuljahre 1856/1857 sind 31 Wöchnerinnen gestorben, darunter 
16 am Eändbettfieber, wegen Mangel an Wäsche und unregelmäßiger Ab- 
lieferung derselben von seite der Wäscherin. 

Im Schuljahre 1857/1858 sind 24 Wöchnerinnen gestorben, darunter 
18 am Kindbettfieber, wegen unaufmerksamen und ungeregelten Wäsche- 
wechseins. 

Es starben nie mehr als 2 Individuen an einem Tage; wenn es daher 
heißt, daß im Schuljahre 1856/1857 eine weit geringere Sterblichkeit herrschte 
und daß die Sterblichkeit zu Anfang des Schuljahres 1857/1858 einen so 
hohen Grad erreicht habe, daß an einem Tage bis zu zehn Wöchnerinnen 
gestorben seien, so stimmt dies nicht mit der Wahrheit. 

Mit Blut besudeltes Bettzeug verstorbener Wöchnerinnen wurde nie 
Neuhinzugekommenen unterbreitet, es müßten denn darunter diejenigen Lein- 
tücher gemeint sein, die wir im Schuljahre 1856/1857 mit Blut und Lochial- 
fluß besudelt vom Wäscher als reingewaschen zurückerhielten, und welche 
ich die Ehre hatte, persönlich vorzuzeigen, mit der Anzeige, daß diese Lein- 
tücher an meiner Klinik das Kindbettfieber hervorgerufen haben. 

Vom ersten mediziDischen Schriftsteller, von Hypokrates, ange- 
fangen bis auf die neueste Zeit war es die unangefochtene Überzeu- 
gung der Ärzte aller Zeiten, daß die furchtbaren Verheerungen, welche 
das Kindbettfieber unter den Wöchnerinnen anrichtete, epidemischen, 
d. h. atmosphärischen Einflüssen zuzuschreiben sei, d. h. Einflüssen, 
welche jeder Wirksamkeit des Arztes entzogen, ihre verheerenden 
Wirkungen ganz unbeirrt und unaufhaltsam äußern. Mir ist es im 
Jahre 1847 im großen Wiener Gebärhause gelungen, nachzuweisen, daß 
diese Ansicht eine falsche sei und daß jeder einzelne Fall von Kind- 
bettfieber durch Infektion entstehe. Infolge der Maßnahmen, welche ich 
meiner Ansicht entsprechend getroffen, habe ich in Wien durch 21 Mo- 
nate, im St. Rochusspitale durch 6 Jahre, an der Klinik zu Pest durch 
1 Jahr keine Epidemie gehabt, an drei Anstalten, welche sonst regel- 
mäßig von furchbaren Epidemien heimgesucht waren. 

Die zwei ünglücksjahre, welche nun folgten, habe ich als unab- 
sichtliche direkte, obwohl traurige Beweise für die Richtigkeit meiner 
Ansicht über die Entdeckung des Kindbettfiebers im „Orvosi Hetilap'^ 
veröffentlicht. 

Man hat meine Ansicht über die Entstehung des Kindhettßebers in 
Hinsicht ihrer wohltäHgen Folgen der Jänner* sehen Kuhpockenimpfung 
gleichgestellt. Ich fühle es lebhaft, wie unbescheiden es ist^ daß ich so etvxis 
von mir selbst sage, allein der Umstand, daß gerade meiner Klinik der 
Vorwurf großer Sterblichkeit gemacht wird, zwingt mich dazu. Es 
dürfte daher die nach neunjährigem glänzenden Erfolge ohne mein 
Verschulden auftretende Sterblichkeit an der geburtshilflichen Klinik 
zu Pest in einem günstigeren Lichte erscheinen." 

Im Hinblick auf die sanitätswidrige Lage der geburtshilflichen 
Klinik und der anderen Institute der medizinischen Fakultät hatte das 
Pester medizinische Professorenkollegium am 17. März 1855 die Ab- 
stellung der Gebrechen beantragt. Da aber alles beim alten blieb, sah 
sich Semmelweis gegen Ende des Jahres 1857 veranlaßt, ein dringendes 



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- 129 — 

Gesuch*) an die kompetenten Behörden, nämlich an das löbliche Pro- 
fessorenkollegium und die hohe k. k. Statthaltereiabteilung in Ofen zu 
richten, um die Erlaubnis zu erlangen, diese höchst sanitätswidrigen 
und ungenügenden Lokalitäten verlassen zu dürfen. In dem Gesuche 
hieß es u. a. : 

„Laut den Allerhöchsten Verordnungen in betreff der Organisierung der 
Krankenanstalten in bezug auf Flächeninhalt des Belegraumes werden 
4 Quadratklafter für ein Wochenbett vorgeschrieben. Da die geburtshilfliche 
Klinik 26 Betten besitzt, so erfordert das, um den Allerhöchsten Anforde- 
rungen zu entsprechen, 104 Quadratklafter, die geburtshilfliche ELlinik besitzt 
aber nur 41 Quadratklafter; dann fehlt noch der B^um, welcher für eine so 
große Anzahl von Schülern und Schülerinnen erfordert wird. Drei Zimmer 
sind so klein, daß sie kaum die Hälfte der Schülerinnen fassen können; daß 
aber auch in den zwei Zimmern, welche gerade so groß sind, daß sie sämt- 
liche Lernende fassen können, ohne gerade unbeweglich aneinander gedrängt 
zu sein, die Luft in denselben auf eine für die anwesenden Wöchnerinnen 
höchst nachteilige Weise verdorben wird, leuchtet jedem Unbefangenen ein. 

In den Fensterpfeilern zweier Zimmern befinden sich drei Schornsteine 
des chemischen Laboratoriums, wodurch die Temperatur dieser Zimmer, wenn 
an den entsprechenden Herden gefeuert wird, sich zur unerträglichen Höhe 
steigert. 

Die Lokalitäten der geburtshilflichen Klinik sind so beschränkt, daß 
kein Zimmer als Krankenzimmer reserviert werden kann; dadurch bleiben 
die Ea-anken zerstreut unter den Gesunden liegen, dadurch wird das Kind- 
bettfieber, welches zwar keine kontagiöse Krankheit, jedoch unter gewissen 
Bedingungen eine von einem Individuum auf das andere übenaragbare Krank- 
heit ist, verbreitet. 

Die Umgebung der Lokalitäten der geburtshilflichen Klinik ist folgende : 
Zwei Fenster der Klinik münden in den nördlichen Lichthof und sechs 

Fenster in den westlichen; — — in diesem Lichthofe befinden sich 

die Aborte des Gebäudes. 

Zu ebener Erde reiht sich an die Aborte die Kehrichtgrube des Ge- 
bäudes. Diese verfaulende Masse verbreitet einen penetrierenden Gestank. 
Das Erdgeschoß des Gebäudes ist eingenommen von den Lokalitäten der 
elementaren und pathologischen Anatomie; gerade unter den Fenstern 
des Gebärhauses befindet sich der Ausguß, wo alle flüssigen Abfälle der 
elementaren und pathologischen Anatomie ausgegossen werden. Das erste 
Stockwerk ist eingenommen von den Lokalitäten der Chemie ; in dem Winkel, 
wo sich der nördliche und westliche Lichthof berühren, liegt die Toten- 
kammer der Kliniken. 

Es ist hier nicht der Ort, die Ansicht des ergebenst Gefertigten über 
die Entstehung des Kindbettfiebers zu entwickeln, es genügt zu bemerken, 
daß er die Überzeugung hegt, daß, keinen einzigen Fall von Kindbettfieber 
ausgenommen, alle Fälle dieser Krankheit durch die Aufnahme eines zersetzten 
tierisch-organischen Stoffes entstehen. 

Ein löbliches Professorenkolligium kann sich die bemitleidenswerte 
Lage des Professors der Geburtshilfe denken, wenn er mit einer solchen 
Überzeugung nur die Wahl hat, entweder die Fenster hermetisch zu schließen 
und so seine Wöchnerinnen in einer in einem ungenügenden Lokale durch 



*) Ätiologie, p. 85. 
T. Waldheim, Tgnaz Philipp Semmel weit. 



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— 130 — 

eine große Anzahl von Schülern und Schülerinnen verdorbenen Luft ver- 
kommen zu lassen oder durch ÖSaen der Fenster der mit zersetzten orga- 
nischen Stoffen geschwängerten Luft der beiden Lichthöfe den Zutritt zu 
den Wöchnerinnen zu gestatten. 

So düster auch die Gegenwart der geburtshilflichen Klinik ist, so droht 
ihr, falls sie in denselben Lokalitäten verbleiben sollte, eine noch düsterere 
Zukunft. 

Auf dem jenseits des westlichen Lichthofes befindlichen leeren Grunde 
soll ein zwei Stock hohes Gebäude gebaut werden; dadurch wird nicht nur 
dem Lichte der Zutritt zu sechs Fenstern der geburtshilflichen Klinik voll- 
kommen abgesperrt, sondern die Kindbettfieber bringenden AusdünstuDgen 
des nur eine Klafter breiten Lichthofes würden, da ihnen das Entweichen 
über den leeren Grund unmöglich gemacht würde, in höchst gefthrlicher 
Kondensation durch das zwei Stock hohe Gebäude den Fenstern der geburts- 
hilflichen Klinik zugeleitet werden. 

Ob aber die Wöchnerinnen an der Klinik des Gefertigten sich eines 
gesunden Zustandes erfreuen oder ob sie vom Kindbettfieber dahingerafft 
worden, ist nicht bloß wichtig für die in dieser Klinik Verpflegten: die 
Ergebnisse der Bemühungen des Gefertigten in bezug auf den Gesundheitszustand 
der von ihm behandelten Wöchnerinnen haben Bedeutung für das ganze Menschen- 
geschlecht, 

Die Tatsache, daß das Kindbettfieber im Gebärhause auffallend zahl- 
reichere TodesföUe veranlasse als außerhalb des Gebärhauses, ist nicht ^ein . 
den Ärzten bekannt, sondern auch den Laien und in offiziellen Dokumenten 
werden die Gebärhäuser nicht allein von Ärzten, sondern auch von Ver- 
waltungsbeamten „Mördergruben" genannt. Auf die Tatsache, daß das Kind- 
bettfieber im Gebärhause verderblicher wüte, gestützt, ist die Frage wiederholt 
in Beratung gezogen worden, ob es für das menschliche Geschlecht nicht 
wohltätiger wäre, sämtliche Gebärhäuser zu kassieren. 

Nur ein entsetzliches Dilemma rettete die Gebärhäuser vor Vernichtung. 

Wenn die Individuen im Gebärhause entbinden, so richtet das Kind- 
bettfieber unter ihnen schreckenerregende Verheerungen an, und eine be- 
deutende Anzahl steigt frühzeitig in der Blüte des Lebens ins Gh-ab. 

Würden infolge der Aufhebung sämtlicher Gebärhäuser die Geburten 
außerhalb des Gebärhauses vor sich gehen, so würden die Entbundenen in 
größerer Anzahl wohl gesund bleiben, aber nun beginnen die Sorgen um die 
eigene und die Verpflegung des Kindes, und nun entstehen infolge der Not 
die Verbrechen der Kindabtreibung, der Kindaussetzung und des Kindes- 
mordes. 

Man hat daher die Gebärhäuser nur darum bestehen lassen, weil man 
der Ansicht war, daß es besser sei, die Kreißenden in Gebärhäusern den 
Gefahren des Kindbettfiebers auszusetzen, als außerhalb des Gebärhauses 
den Gefahren der Not, wodurch eine so große Anzahl derselben den Ge- 
fängnissen verfällt. 

Der ergebenst Gefertigte hat die Ursache dieses verheerenden 
Kindbettfiebers gefunden und lehrt ihre Wirksamkeit unschädlich zu 
machen. Die Aufmerksamkeit aller Anhänger und Gegner dieser Lehre 
ist auf den Gesundheitszustand der von dem Gefertigten behandelten 
Wöchnerinnen gerichtet; die Anhänger müssen schwankend werden und 
die Gegner müssen sich in ihren Zweifeln bestärkt fühlen, wenn der 
Gesundheitszustand der in der Klinik verpflegten Wöchnerinnen ein 



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— 131 — 

SO ungünstiger ist, dadurch wird die Verbreitung der Lehre des 
Gefertigten verhindert und dadurch wird das Menschengeschlecht 
durch längere Zeit noch von einer Seuche geplagt als es der Fall 
wäre, wenn er den Erfolg auch an der geburtshilflichen Klinik zu 
Pest für sich anführen könnte." 

Seinem Ansuchen um bessere Lokalitäten sollte erst im Jahre 
1860, und auch da in unzureichender Weise, willfahrt werden. 

Die Literatur jener Tage brachte für Semmelweis Erfreuliches 
wie Unerfreuliches. Die Wiener medizinische Wochenschrift vom Jahre 
1856 meldete unter dem Titel „Beiträge zur Kontagiosität des Puerperal- 
fiebers" in ihrer Journalrevue (p. 12): 

„2. Dr. Depaul (Sitzung der Soc. m6d. des 10. Pariser Arrondissements) 
berichtet: Ein Arzt nahm eben die Autopsie einer am Puerperalfieber ge- 
storbenen Frau vor, als er zur Vollendung einer Entbindung abberufen wurde. 
Er traf alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßregeln, um sich von den Miasmen 
der Sektion zu befreien; er wusch sich zu wiederholten Malen, wechselte 
die Kleider, kannte aber doch den Geruch, den derlei Sektionen an den Händen 
zurücklassen, nicht los bekommen. Die Entbindung ging regelmäßig vor sich 
und schon am Abend desselben Tages erkrankte die Entbundene an heftigen 
Puerperalsymptomen und starb am nächsten Tage. (Gtiz. m^dicale)." 

Eine traurige Bestätigung der Richtigkeit des von Semmelweis 
angegebenen Desinfektionsverfahrens. Der Leichengeruch mußte voll- 
kommen von den Händen entfernt werden, aber dazu genügten Seifen- 
waschungen nicht. Warum wandte der Arzt nicht Chlorwaschungen 
an? Weil die hervorragendsten Geburtshelfer Frankreichs sowohl die 
Infektionstheorie verwarfen, als auch dem Chlorkalk jede Desinfektions- 
kraft ex cathedra abgesprochen hatten. 

Das einzige Land, in dem Semmelweis sofort, ohne Kämpfe, auf 
bestes Verständnis und freudigste Anerkennung von Seiten der eigenen 
Fachgenossen stieß, war England. 

Im August 1857 veröffentlichte Edw. Will. Murphy, Professor 
der Geburtshilfe in Dublin, in „The Dublin Quarter ly Journal of 
Medical Science" einen längeren Aufsatz mit dem Titel: „What is 
Puerperal Fever? A question proposed to the epidemiological Society", 
in welchem er Routh's Londoner Vortrag vom Jahre 1848 über 
Semmelweis' Entdeckung besprach und sich den in diesem Vortrage aus- 
gesprochenen Ansichten vollkommen anschloß. 

Dagegen bewies der im X. Bande (Heft 4, 1857) der Berliner 
Monatschrift für Geburtskunde veröffentlichte Beitrag „Zur Erforschung 
der Ursachen des epidemischen Puerperalfiebers"*) von Professor Dr. 
Anselm Martin, königlichem Direktor der Gebäranstalt zu München, 
eine geradezu trostlose Unbeholfenheit des Urteils. 

gEine bedauernswerte Schattenseite für die kurz vorher in allen Teilen 
neu bestellte Gebäranstalt Münchens bildete im Jahre 1857 die Erscheinung 
des epidemischen Puerperalfiebers, das mit kurzen Unterbrechungen von Mitte 
Dezember 1856 bis Ende Juni 1857 zu bekämpfen war. 



') Ätiologie, p. 478. 

9* 



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— 132 — 

Es ist diese Tatsache einer ErinneruDg wohl auch deshalb wert, weil 
man gewöhnlich die Ungunst der Lokalitäten der Gebäranstalten, ihre Über- 
füllung, Unreinlichkeit usw. als eine der vorzüglicheren Ursachen benennt; 
nun aber das Leiden in einem ganz vom Grunde aus neugebauten Hause 
aufgetaucht ist, das wenige Monate vorher erst bezogen, allenthalben trocken, 
reinlich und von Sanitäts- wie von den Baubehörden bewohnbar erklärt 
worden war. 

Dem Lichte und der Luft allenthalben zugänglich, geräumig und jeder 
Anforderung entsprechend, war das ganze Haus mit durchaus neuen Gerät- 
schaften, überhaupt in allen Teilen seiner inneren Einrichtung ganz neu be- 
stellt. Die sehr geräumigen, einzeln getrennten Wochensäle enthalten nur 
sechs Betten, mit diesen Sälen und ihren Betten wird beständig gewechselt, 
selbst ganze Flügel des großen Gebäudes werden oft längere Zeit freigelassen, 
abgesperrt, sowie denn der ganze Flügel, aUe Betten usw. vollständig ge- 
reinigt und einer allgemeinen Lüftung unterzogen werden. 

Überhaupt ist nicht nur mit der äußersten Sorgfalt und Wachsamkeit, 
sondern selbst mit der mühevollsten Ängstlichkeit jede nur immer mögliche 
Erzeugungsursache der Krankheit in den baulichen und inneren Organisationen 
des Hauses ebenso, wie bei dem Dienste des Personals, dann auch bei jeder 
einzelnen Verpflegten Tag und Nacht aufgesucht, überwacht und angekämpft 
worden. Auch sind fast alle Kranken jeder Art alsbald in das Krankenhaus 
gebracht worden, nur jene wenigen, die nicht mehr überschickt werden 
konnten, hat man im Hause behandelt. 

Leichen wurden schon nach wenigen Stunden aus der Anstalt entfernt. 
Die Leidenden sind in den bestbestellten separierten Krankenzimmern unter 
besonderer Pflege behandelt worden. Das Dienstpersonal der Kranken war 
nur für diese bestimmt und durfte kein Lokal der Gesunden betreten, mit 
dem übrigen Hauspersonale nicht zusammen leben. Die Krankenwäsche ist 
gesondert gereinigt und für Elranke erst nach sorgfaltiger Reinigung und 
Lüftung gebraucht worden. Klystierspritzen, Katheter usw. sind nur für die 
Ejrankenzimmer und in diesen benutzt, stets sorgfältig gereinigt und gesondert 
aufbewahrt worden. Auch die eine Kranke besuchenden Ärzte hatten sich bei 
dem Austritte aus dem Krankenzimmer stets mit Chlorwasser die Hände zu 
reinigen, sowie in Lebensordnung, Reinlichkeit und Diät usw. alle Pfleglinge 
des ganzen Hauses einer emsigen Aufsicht Tag und Nacht unterzogen und in 
dieser ständig überwacht worden sind. 

Ärzte des In- und Auslandes, die während der Dauer der Epidemie 
die Anstalt besucht und alle diese Einrichtungen, Ordnungen und Über- 
wachungen erfahren, wollten es kaum glauben, daß bei dem bestehenden 
Vereine so selten zu findender glücklicher Verhältnisse eines Gebärhauses, 
wie sie nach den gemeinsamen Aussagen nicht besser bestellt sein könnten, 
dennoch eine Epidemie des Puerperalfiebers auftauchen, überhaupt eine solche 
in diese rAnstalt je möglich geworden sein soll. Die Erscheinungen, der Ver- 
lauf usw. der Krankheit waren die allbekannten mit vorherrschend adjTia- 
mischem Charakter, die typhöse Form in der Mehrheit. 

DcL8 epidemische Puerperalfieber ist bereits in größter Vollständigkeit in der 
Literatur ausgestattet worden. Es liegt daher nicht in Absicht, hier in 
Variationen nochmals zu bringen, was längst bekannt ist. So hohen Wert 
diese Literatur auch besitzen mag, so ist uns die Krankheit doch nidit seltener y ihre 
Statistik nicht erfreulicher, die Therapie nicht eine glücklichere geworden. 

Es dürfte daher vollste Pflicht größerer Gebäranstalten sein, von Zeit 
zu Zeit, und mehr als bisher, jene Tatsachen zu berichten, die bei Auf- 



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— 133 — 

suchung möglicher ursächlicher Momente der Forschung sich ergeben haben. 
Die Erfahrungen sind hierin noch mangelhaft. Nicht viele Gebäranstalten 
bieten hierzu ein gleiches Material, nicht zu allen Zeiten sind klare Be- 
obachtungen möglich und glücklicher Lokale usw. erfreuen sich die wenigsten 
Gebärhäuser. Eben in diesen Verhältnissen glauben wir nun die Berechtigung 
zu finden, aus der neubestellten Gebäranstalt Münchens vorläufig einige 
Beiträge für weitere Forschungen ätiologischer Momente mit dem Wunsche 
geben zu sollen, daß sie dort, wo Gleiches möglich ist, geprüft und ver- 
wertet werden möchten. — — — 

Es ist bekannt, daß die kadaveröse Infektion als Ursache des Puerperal- 
fiebers besonders in Gebäranstalten benannt und von einigen als solche an- 
genommen worden ist. Die an den Händen der Ärzte und Studierenden (nach 
Untersuchungen oder Übungen an Leichen) klebenden Leichenteile, oder der 
selbst nach Waschungen mit Seifenwasser noch an denselben haften bleibende 
kadaveröse Geruch soll, als putride Luft eingeimpft, die Eigenschaft haben, 
Puerperalprozesse zu erzeugen. Selbst der Leichengeruch an Kleidern, 
Wäsche usw. soll die Lifektion veranlaßt haben. 

Wenn auch von vielen Bewährten der Wissenschaft diese erzeugende 
Ursache nicht will angenommen werden, so glauben wir doch, und ohne uns 
jetzt schon (!) dabei uuf eine oder die andere Seite neigen zu wollen^ folgende 
Tatsache hier erwähnen zu müssen. 

Nachdem im Monat Januar und Februar längere Zeit keine erheblichen 
Erkrankungen mehr unter den Wöchnerinnen der Gebäranstalt aufgetaucht, 
erkrankten plötzlich wieder an einem und demselben Tage zwei Wöchnerinnen 
unter den Erscheinungen des epidemischen Puerperalfiebers. 

Beide hatten an einem und demselben Tage und fast zur gleichen Stuvde 
normal geboren^; bei beiden war ebensowenig wie im ganzen Hause irgend 
eine für die Erkrankung bekannte Ursache zu gewinnen. 

Bei dieser so auffallenden Erscheinung gelang es endlich durch fort- 
gesetzte Nachforschung zu erfahren, daß ein Assistent ohne Wissen des Vor- 
standes der Anstalt die Öffnung einer Kindesleiche, zwar im entfernten Leichen- 
zimmer des Hauses, vorgenommen, auch sich hierauf, nach Aussage, sorgfältig 
und mit Ghlorwasser gewaschen, unmittelbar nachher aber nur diese zwei 
Gebärenden allein exploriert habe. 

Da die beiden Erkrankungen ungewöhnlich schnell nach der Geburt, 
und von allen Wöchnerinnen des Hauses nur diese zwei erkrankt sind, ge- 
stand der Schuldige die Tatsache, zugleich mit dem Anhange, daß von ihm 
das Gleiche im Dezember, am Tage des ersten Erscheinens des Puerperalfiebers 
in der Gebäranstalt vollzogen worden sei. Aucli damals sind nur die von ihm 
nach einer Leichenöffnung Eacplorierten allein zuerst erkrankt. 

Den im Dezember und Mitte Februar (durch kadaveröse Infektion?) 
erzeugten Erkrankungen folgten jedesmal bald auch mehrere leichtere oder 
schwerere PuerperalfieberfäUe. Sie verbreiteten sich schnell durch weitere 
Räume des Hauses. Es begleitete sie immer ein Kränkeln mehrerer Wöchne- 
rinnen und es bedurfte eines Zeitraumes von 16 bis 21 Tagen, bis endlich 
wieder glücklichere Verhältnisse zu sehen waren. 

Diesen Erlebnissen dürfte noch anzureihen sein, daß die geburtshilfliche 
Universitätsklinik der Gebäranstalt Münchens täglich morgens von 10 bis 
11 Uhr gehalten wird; daß in diese eine große Anzahl von Praktizierenden 
unmittelbar von den medizinischen, mit Typhuskranken belegten Kliniken des 
Krankenhauses, manchmal auch von den anatomischen Sälen kommen, daß 
der Gebärsaal dann häufig, ebenso die Wochensäle der Klinik, die Nach- 



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— 134 — 

Weisung der Luft der Anatomie geben, auch daß einige Praktizierende bei 
den Leichenöflfnungen Leichenteile berühren und dieses Verhältnis zu über- 
wachen und zu beseitigen unmöglich ist. 

Femer dürfte hier zu erinnern sein, daß bisher die Gebäranstalt Mün- 
chens nur immer während der Dauer der geburtshilflichen Universitätsklinik 
und nur, seit diese mit ihr verbunden ist (seit dem Jahre 1824), Aufischrei- 
bungen von epidemischen Puerperalfiebern, die in der Anstalt au%etaucht 
sind, in ihren Registraturen besitzt und die früheren, sehr genauen Listen 
diese Krankheit kaum erwähnen, femer daß Praktizierende, die im Hause 
wohnen, nicht selten pathologische Anatomie mit mikroskopischen wie chemi- 
schen Untersuchungen betreiben und von diesen oft schnell zu Gebärenden, 
Explorationen usw. abgerufen werden; auch eine genaue Überwachung vor 
diesen Untersuchungen bekanntlich dem Bereiche der Unmöglichkeiten zuge- 
zählt werden muß. Ebenfalls dürfte zu erwähnen sein, daß alle diese Ver- 
hältnisse auch in den früher bewohnten Lokalen während und bei den miß- 
lichen Verhältnissen des Hauses ohne Erscheinungen epidemischer Puerperal- 
fieber bestanden haben. 

Jjifolge Befehles der königlichen Regierung wurde mit Anfang April 
bis 22. Juni die geburtshilfliche Universitätsklinik geschlossen. Die Erkran- 
kungen haben zwar nicht geendet, doch sind sie seltener und minderen 
Grades geworden. 

Mit dem Eintritte der besseren Jahreszeit (anfangs Juni) haben sie 
ganz aufgehört. 

Als die Klinik im Juli wieder von Studierenden besucht wurde, tauchten 
zwar nochmals einige rasch und tödlich verlaufende Krankheitsfälle auf. Doch 
haben auch sie wieder geendet, als die Klinik durch den Schluß des Se- 
mesters nicht mehr von Studierenden besucht worden ist. Ein Zusammenhang 
mit einer Infektion durch die Studierenden ist bei diesen wenigen Erkran- 
kungen nicht anzunehmen. Sie erscheinen als sporadische Fälle, wie sie oft am 
Schltisse von Epidemien hich finden/* 

Das war allerdings ein Aufsatz, der Steine erweichen und Semmel- 
weis rasend machen konnte! Es kommt auf, daß ein Assistent zweimal 
— natürlich durch Unterlassung der Chlorwaschungen — nach Sek- 
tionen Endemien von Puerperalfieber hervorruft. Doch Martin kann 
sich nicht entschließen, „schon jetzt" klipp und klar zu erklären, ein 
Anhänger oder Gegner der Lehre von der kadaverösen Infektion zu 
sein. Von anderen Infektionsstoffen weiß er nichts, auch davon nichts, 
daß sein „epidemisches Puerperalfieber" seit Einführung der Chlor- 
waschungen ganz bedeutend seltener geworden ist. Er weiß auch 
nicht, daß die vielen „Bewährten der Wissenschaft" die kadaveröse 
Infektion zugegeben, sie jedoch nur als eine äußerst seltene gering- 
fügige Ursache der Puerperalfiebererkrankungen hingestellt hatten. 
Man begreift, welches Unheil die Sucht jener „Bewährten", die Be- 
deutung der Semmelweis'schen Entdeckung herabzudrücken, in den 
Köpfen der praktischen Ärzte angerichtet haben muß, wenn selbst ein 
Fachkollege, Professor und Direktor einer Gebäranstalt nach dem 
Studium ihrer gewundenen, verwirrenden Abhandlungen den Eindruck 
hatte, sie hätten die kadaveröse Infektion überhaupt verworfen! 

Ja, die Verwirrung, die im gesamten kontinentalen Europa be- 
züglich der puerperalen Infektionstheorie herrschte, war geradezu 



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— 135 — 

schauerlich! Hebra und Skoda hatten zum Teil irrtümliche Mittei- 
lungen gemacht und durch Referate in den Zeitschriften waren diese 
Irrtümer allüberall verbreitet worden. Die einzige authentische Dar- 
legung der Semmelweis'schen Theorie enthielten die Vorträge vom 
Mai, Juni und Juli 1850 in der Wiener k. k. Gesellschaft der Ärzte. 
Aber sie wurden in der Zeitschrift der Gesellschaft nur auszugsweise 
wiedergegeben, und Semmelweis hatte den großen Fehler begangen, 
seine Vorträge nicht niederzuschreiben, so daß sie niemals in extenso 
veröffentlicht wurden. Die eben erwähnte Zeitschrift hatte wohl in 
Österreich einige Verbreitung, im Auslande aber fast gar keine. Re- 
ferate, welche in Erkenntnis der hohen Bedeutung der Semmelweis- 
schen Vorträge die Vorgänge der denkwürdigen drei Sitzungstage 
schilderten, wurden in den österreichischen und ausländischen Zeitungen 
nicht gebracht, d. h. mit Absicht von Seite der Gegner unterdrückt. 
So kam es, daß Semmelweis' eigene Worte verhallten und seine eigene 
Darlegung niemals in der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden 
war, teils durch seine Schuld, teils durch die Gehässigkeit seiner 
Gegner. Diese aber, nicht schreibfaul, bekämpften in Abhandlungen 
und Büchern seine Theorie nach allen Regeln sophistischer Kunst, 
und was in diesen Werken stand, wurde von der ärztlichen Welt 
auf Treu und Glauben hingenommen. Selbst Fachgenossen, Direktoren 
von Gebäranstalten, Professoren der Geburtshilfe hielten es nicht 
für der Mühe wert, nach den Originalmitteilungen von Hebra, Skoda 
und Semmelweis zu forschen und diese selbst zu studieren! Auch sie 
verließen sich gemächlich auf das Urteil anderer — in einer so wich- 
tigen Frage, in welcher ein eigenes Urteil sich zu bilden ihre ver- 
fluchte Pflicht und Schuldigkeit gewesen wäre. Es ist überhaupt merk- 
würdig, wie geringem Interesse Semmelweis' Entdeckung gerade bei 
den Fachgenossen in Österreich, Deutschland und Frankreich begeg- 
nete! Hatten in ihren Gebärhäusern Tote über Tote und taten so, als 
ob die grausige Enthüllung sie gar nichts anginge! Nicht schlafen 
konnte Semmelweis vor Erregung, als ihm der Gedanke einer Infektion 
der Gebärenden mit Leichengift zum ersten Male durchs Hirn gefahren 
war, und die nächsten Monate, Jahre forscht er inmitten politischen 
Umsturzes, der Revolution, der Belagerung von Wien, unablässig der 
einmal aufgefundenen Spur nach. Und seine Fachkollegen? Die meisten 
von ihnen zeigten ein mitleidiges oder spöttisches Lächeln, rümpften 
die Nase und wußten für ihre Skepsis tausend hochgelehrte Gründe 
anzugeben. Diese ließ höchstens der Ruhm des Entdeckers nicht schlafen. 
Ja, wenn sie selbst die Entdeckung gemacht hätten! Aber gegenüber 
der eines anderen regte sich in den Alten senile Rechthaberei, in den 
Jungen der nackte Neid, und in dem Bestreben, die Bedeutung der 
Entdeckung möglichst herabzusetzen, fanden sich Alt und Jung herr- 
lich zusammen. 

Den Trieb, der Sache weiter nachzuforschen, neue Beobachtungen 
zu sammeln und auf Grund der gesamten Tatsachen eine Theorie aus- 
zubauen, hatten selbst die Anhänger der Infektionstheorie nicht. 



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— 136 — 

Warum? Offenbar mangelte ihnen die Fähigkeit. Semmel weis war der 
Einzige, der über seine Entdeckung vollen Aufschluß geben konnte. 
Freund und Feind wälzte sich im Gewirre richtiger und unrichtiger 
Vorstellungen, Semmelweis allein lag alles sonnenklar vor Augen : Ur- 
sache, Wesen, Begriff des Kindbettfiebers. Die ganze Theorie lag fertig 
in seinem Kopfe, er war der einzige Mensch auf dem ganzen Erden- 
rund, der die ganze damals erkennbare Wahrheit über das Kindbett- 
fieber wußte! War es nicht seine Pflicht, diese Wahrheit zu künden? 
Um dem Morden ein Ende zu bereiten? Oh, gewiß, und tausendmal 
sagte er es sich, und immer wieder drängten ihn seine Freunde, voran 
Freund Marko, ,,das gleichsam im Kopfe fertig dastehende Buch 
endlich niederzuschreiben!" Und immer entrang sich seiner Brust 
dieselbe verzweifelte Antwort: „Ich kann nicht schreiben!"*) 

Das Jahr 1857 brachte noch drei literarische Erscheinungen von 
Wichtigkeit. Zunächst ein „Kompendium der Geburtshilfe" von Dr. 
Joseph Späth, Professor der Geburtshilfe an der k. k. Josephs- Aka- 
demie in Wien. 

Die Erkrankungen der Wöchnerinnen teilt Späth ein in örtliche AfFek- 
tionen (Peritonäitis, Endometritis, Metrophlebitis, Metrolymphangioitis, Oopho- 
ritis etc.), Bluterkrankungen (Pyämie und Sepsis) und Mania puerperalis. 
Unter den ätiologischen Momenten der Endometritis puerperalis erwähnt er 
„Verunreinigung der Genitalien mit jauchigen, sich zersetzenden Stoffen (z. B. 
Leichengift)". Als Pyämie , bezeichnet man im allgemeinen jene Bluterkran- 
kung, welche durch Au&ahme sich zersetzender animalischer Stoffe in das 
Blut entsteht". 

Unter puerperaler Sepsis „faßt man alle jene Fälle von Puerperal- 
erkrankungen zusammen, in welchen die Wöchnerinnen gewöhnlich schnell 
.... unter den Erscheinungen von Blutentmischung erliegen, ohne daß ein 
Lokalleiden nachweisbar wäre, welches man als genügende Todesursache an- 
sehen könnte .... Die Ätiologie dieser Erkrankungen ist noch sehr im 
Dunkeln. Man beobachtet sie am häufigsten in großen Gebäranstalten, wenn 
überhaupt zahlreiche Erkrankungen an derselben vorkommen, sogenannte 
Puerperalfieber-Epidemien herrschen, obwohl auch kleine Anstalten und die 
Privatpraxis, wenn auch viel seltener, solche Fälle aufzuweisen haben." 

Trotz Kenntnis der Gefährlichkeit zersetzter animalischer Stoffe 
steht aber im ganzen Buch kein Wort über Reinigung, Desinfektion. 
Semmelweis wird nirgends erwähnt. 

Prof. Veit in Rostock, der in Virchow's Handbuch der speziellen 
Pathologie (Z. z. 1857) die Krankheiten der weiblichen Geschlechts- 
organe übernommen hatte, erklärte das Puerperalfieber für abhängig 
von epidemischen und endemischen Einflüssen. Die allgemeine 
Regel sei, daß die Krankheit als Epidemie auftrete. CberfüUung, 
miasmatische Ausdünstungen von Abtritten und Kanälen, Todesfurcht 
begünstigen den lokalen Ausbruch der Krankheit. Semmelweis habe 
für das von ihm hervorgehobene ätiologische Moment, die Infektion 
mit Leichengift, nur wenige Anhänger gefunden. Veit hält dafür. 



•) Hirschler. 



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— 137 — 

daß eine Übertragung von Leichengift nur ausnahmsweise stattfinden 
und niemals den Anschein einer epidemischen Krankheit hervorrufen 
könne. Und da auch in Hebammenlehranstalten und Privatwohnungen 
Puerperalfieber vorkomme, so könne die Leicheninfektion ^auf die 
Genesis des Puerperalfiebers kaum den allergeringsten Einfluß aus- 
üben". Die Sektionen von dem Personal des Hauses selbst machen zu 
lassen, erscheint ihm nur „unzweckmäßig-*, und die Ärzte und Hebammen 
brauchen sich nur nach jedem Besuch auf der Abteilung der Puer- 
peralkranken „durch Chlorwaschungen, Umkleiden, Nagelbürsten usw. 
zu reinigen, bevor sie sich mit gesunden Wöchnerinnen in Berührung 
setzen". 

Sodann erschien Carl Braun 's „Lehrbuch der Geburtshilfe mit 
Einschluß der operativen Therapeutik, der übrigen Fortpflanzungs- 
funktionen der Frauen und der Puerperalprozesse". Letzteres Kapitel 
ist zum Teil eine verkürzte Wiedergabe seiner früher erwähnten, in 
der „Klinik der Geburtshilfe" erschienenen Arbeit, doch die Ausdrucks- 
weise ist entschiedener, selbstbewußter. Während Braun in der „Klinik" 
sagte: „Die Mehrzahl hält gegenwärtig das Puerperalfieber für eine 
zymotische Krankheit akuten Charakters etc.", führt er nun diese seine 
Definition auch wirklich als seine eigene an. Er erwähnt kurz der 
„Hypothese der kadaverösen Infektion", nach welcher Leichen- 
teile und kadaveröser Geruch die Eigenschaft haben sollen, Puerperal- 
prozesse einzuimpfen. 

„Dadurch sollen die heftigsten Puerperalfieberepidemien hervorgerufen 
werden (?), und durch das Waschen der Hände der Ärzte vor den Unter- 
suchungen der Gebarenden mit einer Auflösung von Chlorkalk soll aller an 
den Händen zurückbleibender kadaveröser Geruch zerstört und darin ein 
Schutzmittel gegen Puerperalfieberepidemien zu suchen sein.*) 

Li Deutschland, Frankreich und England wurde diese Hypothese der 
kadaverösen Infektion bis auf die neueste Zeit fast einstimmig verworfen, 

a) Die Puerperalfieberepidemien nehmen während der Chlor- 
waschungen nicht selten zu, nach Unterlassung derselben hören sie aber auch 
gewöhnlich bald auf, 

g) Dem Chlorkalk in wässeriger Solution werden von tüchtigen 
Chemikern alle Eigenschaften abgesprochen, die kadaverösen Mole- 
küle zu zerstören. Was den Geruch anbelangt, welcher nach Leichenunter- 
suchungen zurückbleibt, so ist gewiß, daß Chlorkalk diesen Geruch nicht 
wegnimmt. Da er selbst einen sehr heftigen und unangenehmen Geruch hat, 
so kann er den Kadavergeruch mehr oder weniger maskieren, aber niemals 
zerstören; der Kadavergeruch verschwindet vollständig erst nach einigen 
Stunden und dauei-t nicht selten länger als der des Chlors." 

Senunelweis' Name wird nirgends ausgesprochen, so daß derselbe 
auch in dem Autorenregister nicht vorkommt. Ein äußerst wichtiger 
Unterschied gegen Braun' s frühere Abhandlung ist die gänzliche Ver- 



*) Die Unrichtigkeit der Hypothese der kadaverösen hifektion^ als Ursache ton Puei- 
peralfieherepidemien^ haben wir in dem früher schon zitierten Artikel über Puerperal- 
prozesse zu beweisen gesucht, worin alle neueren Schriftsteller uns auch beistimmen; 
daher wir diese Hypothese hier nur in Kürze berührten. 



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— 138 — 

werfung der Theorie der kadaverosen Infektion als Ursache von 
Puerperalfieberepidemien, ohne Hinzufügung des Zugeständnisses, 
daß die Leicheninfektion einzelne, sporadische Fälle von Puer- 
peralfieber wohl erzeugen könne. 

Ja, da stand es schwarz auf weiß: in Deutschland, Frankreich 
und England wurde die Hypothese der kadaverosen Infektion fast ein- 
stimmig verworfen! Semmelweis hatte sich der Hoffnung hingegeben, 
daß seine Lehre kraft ihrer Wahrheit endlich durchdringen müsse, 
und da ward sie kurz und bündig als abgetan erklärt! Und immer 
wieder dieser alte, unselige Irrtum von der kadaverosen Infektion! 
Ahnungslosen Lesern zum weiß Gott wie vielten Male aufgetischt, sei 
es aus Unwissenheit, sei es aus Böswilligkeit ! Überall Verwirrung, Un- 
kenntnis, Oehässigkeit. 

Welche traurigen Folgen mußten diese heillosen Zustände haben ! 
War es da nicht des einzigen Wissenden heiligste Pflicht, der Welt 
die Wahrheit zu künden? War Schweigen da nicht ein Verbrechen? 



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139 — 



Vorarbeiten zur „Ätiologie des Kindbettflebers". Weitere 
Urteile von Zeitgenossen. Verlegung der Pester Klinik. 
Mitarbeiter des „Orvosi hetilap". Vollendung des Werkes. 

1857 bis 1860. 

Noch im Herbst des Jahres 1857 faßte Semmelweis den ihm so 
schweren Entschluß, „nochmals vor die Öffentlichkeit zu treten". Zu 
diesem Zwecke verfertigte er zunächst eine enorme Zahl interessanter 
statistischer Tabellen und schrieb einige Kapitel seiner Lehre, die in 
einer kurzen, auf 6 Bogen berechneten Schrift erklärt und begründet 
werden sollte. Am 2. und 23. Januar und 16. Mai 1858 hielt er in 
ungarischer Sprache in der Pester Gesellschaft der Ärzte Vorträge 
über die „Ätiologie des Puerperalfiebers", welche im 2. Jahrgange 
des „Orvosi hetilap" zum Abdruck gelangten.*) Ganze Absätze der- 
selben waren wörtliche Übersetzung des bereits fertigen deutschen 
Urtextes. 

Gleichzeitig richtete er, dem alles Schreiben verhaßt war, Briefe 
an die Geburthelfer Everken, Stoltz, Wieger, Levy, Litzmann, 
den Internisten Dietl und den Chemiker Liebig, um über verschie- 
dene Dinge Aufklärung zu erlangen, und erbat sich die Ermächtigung, 
ihre Antworten in seinem künftigen Werke verwerten zu dürfen. 

Der Berliner Geburtshelfer Professor Schmidt hatte seinem oben 
angeführten, in den Charite-Annalen vom Jahre 1850 veröffentlichten 
Aufsatze folgende Anmerkung**) beigefügt: 

„Bei meiner kürzlichen Anwesenheit im Bade Lippspringe erzählte mir 
mein Paderbomer Amtsnachfolger, Herr Dr. Everken, daß in seiner Gebär- 
anstalt das Wochenbettfieber gerade zu einer Zeit geherrscht habe, als er 
im E^rankenhause besonders häufige Gelegenheit zu Sektionen gehabt und, 
ohne damals die Semmelweis*sche Erfahrung zu kennen, keinen Anstand 
genommen habe, ofb unmittelbar nach denselben die Touchierübungen der 
Hebammenschülerinnen an Schwangeren und Gebärenden zu leiten. Auch er 
glaube an die Möglichkeit. Natürlich habe er später solche Unmittelbarkeit 
vermieden, auch die unterchlorichtsaure Natronauflösung nicht vergessen." 



♦) Brück. 
♦♦) Ätiologie, p. 461. 



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— 140 — 

Semmelweis erkundigte sich nun in einem Briefe, den er Ende 
Januar oder Anfang Februar 1858 geschrieben haben dürfte, bei 
Dr. Everken, ob derselbe seit dieser Zeit (1849) das Puerperalfieber 
seltener beobachtet habe und erhielt einige Wochen später dessen 
Antwort*) vom 17. Februar 1858: 

,, Verehrter Herr Collega! 

Die durch den jGreh. Med. Rat Dr. Schmidt an angegebener Stelle 
damals veröffentlichte Äußerung über den Ausbruch des Puerperalfiebers in 
dem meiner Leitung übergebenen Gebärhause beruht auf Tatsachen, deren 
ursächliches Verhältnis wenn auch nicht die Gewißheit, wenigstens doch 
mehr als die Möglichkeit zum Grunde hat. 

Wiederholt kamen einzelne Fälle von Puerperalfieber vor, als eine 
Verbreitung desselben über mehrere Wöchnerinnen stattfand; ich muß ge- 
stehen, daß mit dem Ausbrechen der Krankheit ein Umstand sich vereinigt 
hatte, der durch Ihre Mitteilung als ursächliches Moment dargestellt wurde. 
Von Zeit zu Zeit hatte ich in dem Leichenhause des Hospitales und in dem 
des Gebärhauses adhäriste Leichen seziert. Es konnte mir nicht einfallen, 
diesen Umstand als alleinige Ursache aufzustellen, aber es mußte mich ver- 
anlassen, nach Leichenuntersuchungen keine Verrichtungen an Schwangeren, 
Gebärenden und Wöchnerinnen vorzunehmen. Es kamen keine Puerperalfieber 
femer vor, ich muß aber hinzufügen^ daß kurze Zeit darauf, als ein Umsich- 
greifen der Krankheit stattgefunden hatte, das Gebärhaus von dem Kranken- 
hause getrennt wurde, nicht daß seit dieser Zeit ein sporadisches Vorkommen 
selbst nicht beobachtet wurde. — 

Sie werden mir zugeben, verehrter Herr CoUega, daß die Entscheidung 
schwer ist, daß vielleicht nirgends der Schluß mehr täuscht: post hoc, ergo 
propter hoc, als in der Medizin. 

Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie von den vorstehenden 
Mitteilungen jeglichen Gebrauch machen. 

Mit vorzüglicher Hochachtung 

Ihr ergebenster 

Dr. Everken, 

Direktor des königl. Hebammeninstitutes? 

Aus Arneth's schon erwähntem Buche entnahm Semmelweis die 
Tatsache, daß auch in dem Gebärhause zu Straßburg Ärzte und He- 
bammen wie in Wien gesondert in zwei Abteilungen unterrichtet 
wurden, die nur durch eine dünne Wand getrennt waren und früher 
von zwei Vorständen, Professor Ehrmann und Professor Stoltz, seit 
Ehrmann's Abgang jedoch im Jahre 1845 von Professor Stoltz allein 
geleitet wurden. Genaue Daten über die Sterblichkeit an beiden Ab- 
teilungen konnte Arneth nicht erhalten, doch äußerten sich beide 
Professoren übereinstimmend dahin, daß auf der Klinik für Ärzte 
konstant mehr Sterbefälle vorgekommen wären. 

Um nun nähere Aufschlüsse über diesen Punkt zu erhalten, 
wendete sich Semmelweis am 1. Februar 1858 brieflich an Professor 
Stoltz, am 15. April 1858 an Dr. Wieger in Straßburg, welcher 
gleichzeitig mit Kußmaul im Jahre 1847 in Wien geweilt hatte. 

•) Ätiologie, p. ,467. 



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— 141 — 

Am 26. März 1858 sendete Stoltz einen französischen Brief, 
dessen Übersetzung lautet:*) 

a Erlauben Sie, daß ich Ihnen in französischer Sprache auf Ihren Brief 
vom 1. V. M. antworte, worin Sie von mir Aufklärung über eine Stelle in 
Dr. Arneth^s Buch verlangen, in welcher er behauptet, daß an der zum 
Unterrichte der Hebammen dienenden Abteilung der Straßburger Matemit6 
die Epidemien des Puerperalfiebers selten sind und die Sterblichkeit immer 
geringer als an der Klinik der medizinischen Fakultät. 

Die Tatsache ist wahr, aber ich schrieb den Unterschied in der 
Sterblichkeit immer dem Unterschiede in den Salubritätsverhältnissen der 
beiden Abteilungen zu. Denn in der Tat sind die Säle der Gebärklinik an 
der medizinischen Fakultät nieder, wenig geräumig und stets überladen, 
während die der Hebammen gut gelüftet und gut gelegen sind und im Ver- 
hältnis zu ihrer Größe immer eine geringere Zahl von Betten besitzen. Sie 
werden denn auch reinlicher gehalten und beherbergen im Verlaufe des 
Jahres weniger Schwangere und Kranke. Anderseits werden die schwierigsten 
Fälle immer der Fakultätsklinik zugewiesen. 

Bis zum Jahre 1856 befanden sich beide Abteilungen im allgemeinen 
Krankenhause. Voriges Jahr übersiedelten sie in ein eigenes, unter einem 
rechten Winkel aufgeführtes Gebäude, mit der Front gegen Süden und 
Westen und versehen mit Höfen und einem Garten. Die beiden Kliniken, 
diejenige der Fakultät und die der Hebammen, sind voneinander durch die 
Hörsäle und die Zimmer für die Instrumente getrennt. Die Schwangeren 
nehmen die ebenerdigen Lokalitäten ein; endlich ist die Abteilung für 
Hebammen vtdeder günstiger eingeteilt als die der Fakultät. Nichtsdestoweniger 
herrschte im Winter 185G und 1857 hier sowie in München eine gleichmäßig 
tödliche Epidemie an beiden Abteilungen und ungeachtet, daß man an der 
Fakultätsklinik die Desinfektion der Hände durch Chlor anwendete. 

Sie sehen hieraus, verehrter Collega, daß unsere Beobachtungen Ihrer 
Theorie über die Ätiologie des Puerperalfiebers nicht günstig sind. 

Ich werde dem ungeachtet Ihr Werk über diesen Gegenstand mit dem 
größten Interesse lesen und alle Ihre Verordnungen mit der möglichsten 
Sorgfalt befolgen lassen. 

Es freut mich, mit Ihnen in einen wissenschaftlichen Verkehr ein- 
getreten zu sein und ich wäre glücklich, wenn es nicht bei diesem einen 
Male bliebe.'' 

Dr. Friedrich Wieger antwortete am 19. Mai 1858:**) 
j,Ihr werter Brief vom 15. vorigen Monates wäre weit früher beantwortet 
worden, hätte ich mir eher eine Dissertation von Gustav Levy ^Relation 
de TEpid^mie de Fievre Puerperale observ6 aux Cliniques d'accouchement 
de Strassbourg, pendant le I. Semester de Tann^e scolaire 1856 — 1857, 
Strassbourg 1857" verschaffen können, worin gerade diese Verhältnisse ab- 
gehandelt sind, über welche Sie Aufklärung wünschen. Ich schicke Ihnen 
mein Exemplar, weil ich kein anderes auftreiben kann. Dasselbe soll Ihnen 
via Buchhandel zukommen. Sie werden darin ersehen, daß, seit die zwei 
Abteilungen in ihrem neuen Lokale sind, die Krankheit sie beide heim- 
gesucht hat. 

Was Arneth Ihnen mitteilte, ist richtig. 



•) Ätiologie, p. 182. 
••) Ätiologie, p. 131. 



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— 142 — 

Als die Hebammenschule unter Professor Ebrmann's Leitung stand, 
war dort das Puerperalfieber so ziemlich unbekannt. Seit Professor Stoltz 
beide Schulen übernommen (deren Säle für Schwangere und Kindbetterinnen 
im früheren Lokale, im zweiten Stocke des großen Krankenhauses, nur durch 
einen Saal, wo die Betten für die im Hause wohnenden Schülerinnen standen, 
getrennt waren), hauste die Krankheit in beiden Abteilungen wie jetzt auch, 
wo sie in einem schönen, neugebauten Pavillon vereiniget sind." 

Bei Professor Di etl in Krakau, der, ein Schüler Skoda's, in den 
vierziger Jahren Primararzt einer internen Abteilung des Wiedener 
Krankenhauses gewesen war und im Jahre 1848 in einer aufsehen- 
erregenden Arbeit die Anwendung des Aderlasses bei der Lungen- 
entzündung lebhaft bekämpft hatte, erkundigte sich Semmelweis 
brieflich über die Verhältnisse des von Karl Braun erwähnten 
Hospitals Beaujou zu Paris. 

Professor Dietl gab in seiner Antwort vom 28. April 1858 die 
gewünschte Auskunft und schrieb zum Schlüsse folgendes:*) 

„Allenthalben auf meinen Reisen machte ich die Bemerkung, daß man 
Ihre An»ichten über die Genese des Puerperalfiebers in der Einrichtung der 
Gebäranstalten würdigte und sowohl Kranke als Ärzte sorgfältig sonderte^ nament- 
lich letzteren Icdne Gemeinschaft mit Leichen gestattete, wie in Kopenhagen. 
Mit welchem Erfolge, kann ich freilich jetzt nicht berichten. 

Unmittelbare Anfragen an die ärztlichen Vorstände dürften Ihnen wohl 
manche erwünschte Aufschlüsse verschaffen. 

Im ganzen hört man jetzt wohl weniger von diesen verheerenden Puerperalfieber- 
Epidemien, 

Vielleicht liegt die Ursache in Beobachtung jener Einrichtungen ^ die sich 
auf Ihre Erfahrungen basieren, ohne daß man es sich selbst und der Öffent- 
lichkeit eingestehen willP 

Nicht vielleicht, das war tatsächlich die Ursache der besseren 
Gesundheitszustände in den Gebärhäusern. Man beobachtete überall die 
von Semmel weis gegebenen Vorschriften, wollte es aber vor der Öffent- 
lichkeit nicht eingestehen. Warum? Man neidete dem Manne seineu 
Ruhm. Die Eitelkeit der Gelehrten fand es zu lächerlich, daß dieser 
einfache Mensch, der selbst bei wissenschaftlichen Vorträgen und De- 
batten nur im Dialekt reden, der nicht einmal orthographisch schreiben 
konnte und nicht eine einzige wissenschaftliche Arbeit geliefert hatte, 
eine so wichtige Entdeckung gemacht haben sollte! Das war einfach 
ausgeschlossen. Professoren, die nicht Fachleute waren, hatten die 
Sache ungebührlich aufgebauscht. Etwas war ja daran, aber Semmel- 
weis hatte nur auf eine Ursache des Puerperalfiebers hingewiesen, die 
schon den Engländern bekannt war, eine Ursache unter tausenden. 
Um diese anderen angeblichen Ursachen zu bekämpfen, ersann man 
alle möglichen hygienischen Verbesserungen und führte dann auf diese 
die günstigen Resultate zurück. Selbst wer anfangs rein aus Neid und 
Haß Semmelweis bekämpft hatte, ward schließlich ein überzeugter 
Gegner, glaubte an das, was er den anderen weißmachte. 



•) Ätiologie, p. 306. 



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— 143 — 

Bescheiden, wie er war, verlangte Semmelweis nicht, daß seine 
Verdienste gepriesen würden. Mit der Anerkennung seiner Lehre wäre 
er zu&ieden gewesen, aber diese Anerkennung versagte man ihm. 
Man ahmte sein Schutzverfahren unter irgend einem Vorwand nach, 
bekämpfte ihn aber vom Katheder herab oder suchte ihn tot zu 
schweigen. Man stahl ihm sein geistiges Eigentum und schrieb 
sich selbst das Verdienst an den Erfolgen zu. 

Im April 1858 wendete sich Semmelweis brieflich an Professor 
Levy in Kopenhagen mit der Bitte, ihm mitzuteilen, was er innerhalb 
der zehn Jahre, die seit der Zusendung des Schwartz'schen Briefes 
durch Michaelis verflossen, in bezug auf das Kindbettfieber für Be- 
obachtungen gemacht habe. Levy verweist in seiner Antwort*) vom 
31. Mai 1858 auf seine Veröffentlichung in den Hospitals-Mitteilungen 
des Jahres 1848 und bekennt, daß seine Zweifel und Bedenklichkeiten 
von damals zum Teil noch fortbeständen. Die Schüler des halbjährigen 
klinischen Kurses an der Kopenhagener Gebäranstalt hätten als Ärzte 
mit Sezierübungen nichts mehr zu tun und denjenigen unter ihnen, 
die zu gleicher Zeit in anderen Hospitälern tätig seien, wäre es unter- 
sagt, an Leichenöffnungen in den Spitälern tätigen Anteil zu nehmen. 
In der Gebäranstalt selbst wurden Puerperalleichen von auswärtigen 
Hilfsorganen seziert. 

„Nur in den wenigen AusnahmsfäUen, wo die Todesursache nicht puer- 
peraler Natur ist, obduzieren wir selbst, mit der Vorsicht jedoch, daß der 
Obduzent nicht gerne am selben Tage die Exploration der Gebärenden vor- 
nimmt. 

In einer anderen Richtung aber haben wir reichliche Gelegenheit ge- 
habt, Erfahrungen zu sammeln, indem alle Kinderleichen, sowohl der Gebär- 
ais der Fflegeanstalt hier obduziert werden. Derlei Sektionen kommen daher 
3- bis 4mal wöchentlich vor und werden fast alle vom Reservearzte der 
Anstalt gemacht, ohne daß andere Präkautionen als die gewöhnlichen Reinlich' 
keitsrücksichten daljei beobachtet werden. Obgleich derselbe an der Exploration 
der Gebärenden und den operativen Geburten häufig beteiligt ist, haben wir 
doch nie zur Verdächtigung dieser Sektionen den geringsten Anlaß gefunden. 
Chlorwaschungen sind hier im Laufe der Jahre nur in äußerst seltenen Aus- 
ncüimsföllen, wo man es mit sehr fauligen und übelriechenden Präparaten zu 
tun hatte, angewendet worden." 

Semmelweis trachtete in seiner Antwort, die Zweifel Levy's zu 
zerstreuen, bemerkte aber schließlich, daß es ihm wichtiger sei, zu 
wissen, was Levy jetzt, nach zehnjährigen Erfahrungen, für wahr 
halte, als zu wissen, was Levy vor zehn Jahren für Zweifel gehegt. 

Als selbst nach geraumer Zeit keine Antwort eintraf, schrieb 
Semmel weis noch einmal an Levy. Es sei ihm bekannt, daß das Kopen- 
hagener Gebärhaus bis zum Jahre 1848 in solchem Grade vom Kind- 
bettfieber heimgesucht wurde, daß dessen Existenz bedroht war. Er 
wisse femer, daß Kopenhagen jetzt ein neues, trefflich gebautes Ge- 
bärhaus besitze, in welchem noch keine Puerperalfieberepidemie auf- 



•) Ätiologie, p. 291. 



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— 144 - 

getreten sein solle. Er möchte nun erfahren, ob auf Grund seiner „Ansicht 
über die Genese des Puerperalfiebers die Veränderungen im Gebär- 
hause zu Kopenhagen getroffen worden sind, und mit welchem Er- 
folge". 

Semmelweis' früherer Brief, der unbeantwortet geblieben, scheint 
Levy sehr aufgebracht zu haben, denn in seiner Erwiderung vom 
21. September 1858*) leugnet dieser, eine Antwort auf seinen Maibrief 
erhalten zu haben, während die sonst ganz grundlose Gereiztheit seiner 
Erwiderung beweist, daß er Semmelweis* belehrende Antwort gar wohl 
empfangen hat. 

„Ihre Ansicht über die Genese des Puerperalfiebers hauptsächlich durch 
Leicheninfektion würde, selbst wenn sie uns damals bekannt gewesen wäre, 
auf den Umbau und die hygienische Reorganisation unserer Gebäranstalt 
keinen Einfluß gehabt haben können, wie ich überhaupt nicht einsehe, welchen 
Einfluß sie auf die Einrichtung irgend einer Anstalt haben könnte. 

Als Vorsichtsmaßregel mag es in die Geschäftsordnung der Anstalt 
aufgenommen sein, daß man sich vor Übertragung kadaveröser Stoffe auf 
Gebärende durch die Exploration recht hüte; aber auf weitere Einrichtungen 
der Anstalt kann ich keinen Einfluß davon fassen. 

Wie ich selbst Ihre Ansicht aufgefaßt habe, glaube ich deutlich genug 
ausgesprochen zu haben. Und haben Sie meinem Schreiben Aufmerksamkeit 
genug geschenkt, werden Sie sich erinnern, daß wir aus Achtung vor kon- 
tagionistischen Skrupulositäten schon lange, bevor Ihre Ansichten zum Vor- 
schein kamen, uns vor Puerperal-Leicheninfektion zu schützen gesucht 
haben. 

Daß wir später aus Achtung vor Ihrer Ansicht auch in Beziehung auf 
nicht puerperale Sektionen vorsichtiger als früher geworden sind, mag sein; 
diese werden dennoch aber von uns selbst vorgenommen, während wir zu 
Sektionen von am Puerperalfieber Verstorbenen uns fremder Hilfe bedienen. 

Welchen Anteil solche Vorsichtsmaßregeln an dem verbesserten Ge- 
sundheitszustande der Anstalt gehabt haben mögen, läßt sich ja gar nicht 
berechnen, wenn zur selben Zeit höchst wichtige Veränderungen in baulicher 
und administrativer Richtung vorgenommen worden sind." 

Levy gehörte zu jenen Talmi- Gelehrten, die als Professoren nichts 
mehr lernen, weil sie alles besser wissen- Vor zehn Jahren hatte er 
sich über den Gegenstand weitläufig geäußert, und damit basta. Wie 
naiv von Semmelweis, zu fragen, was er nun nach zehnjähriger Beob- 
achtung für wahr halte! 

Den Nachfolger Michaelis' in Kiel, Professor Dr. C. F. Karl 
Litzmann, der sich schon im Jahre 1844 durch eine größere Arbeit, 
„Das Kindbettfieber in nekrologischer, geschichtlicher und therapeu- 
tischer Beziehung", einen Namen gemacht hatte, befragte Semmelweis 
um seine Erfahrungen und Beobachtungen an der Anstalt bezüglich 
des Puerperalfiebers. Litzmann**) antwortete am 25. September 1858 
aus Kiel: 



*) Ätiologie, p. 308 
♦*) Ätiologie, p. 289. 



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— U5 — 

„Von einer Reise zurückgekehrt, finde ich Ihren Brief vor und beeile 
mich, denselben noch in der Kürze zu beantworten. Wfthrend der zehn Jahre, 
daß ich Vorsteher der hiesigen Gebäranstalt bin, habe ich nach Kräften jede 
Gelegenheit zu einer Infektion der Wöchnerinnen durch Leichengift zu ver- 
meiden gesucht, mich nebst meinem Assistenten von jeder unmittelbaren Be- 
teiligung bei Sektionen fem gehalten und die Studierenden die bekannten 
Vorsichtsmaßregeln beobachten lassen. Ich bin in der Tat bezüglich des 
Puerperalfiebers glücklicher gewesen als mein Vorgänger und habe wenige 
Opfer zu beklagen gehabt. 

Den Hauptgrund dieses günstigen Verhältnisses suche ich jedoch in der 
Vorsicht^ mit der ich jede tJberfüllang der Anstalt mit Wöchnerinnen zu verhüten be- 
müht gewesen bin. Die Anstalt zählt acht oder eigentlich nur sieben Einzelzimmer 
für Wöchnerinnen. Der Regel nach hat jede Wöchnerin die ersten 5 bis 7 Tage 
ihr Zimmer für sich^ welches ihr auch als Geburtszimmer gedient hat; erst 
in der zweiten Woche des Puerperismus werden zwei Wöchnerinnen in 
ein Zimmer gelegt. Die Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn die Zahl der 
Wöchnerinnen eine Zeitlang sich über zehn erhob, so daß schon in den ersten 
Tagen des Wochenbettes zwei Wöchnerinnen zusammengelegt werden mußten 
und die benutzten Zimmer ohne ausreichende Lüftung sofort wieder belegt 
wurden, sofort das Kindbettfieber sich zeigte. Ich habe daher die Aufiiahme 
so weit zu beschränken gesucht, daß namentlich in den Wintermonaten die 
Zahl der Wöchnerinnen nicht auf längere Zeit über zehn stieg, habe im 
Notfälle die Gebärenden in Privatlokalitäten, die ich in der Nähe der Anstalt 
gemietet hatte, verlegt und dort ihr Wochenbett abhalten lassen und bin 
zu letzterer Maßregel immer dann geschritten, wenn Fälle von Kindbett- 
fieber in der Anstalt aufbraten. Diese Vorsicht hatte Michaelis nicht be- 
obachtet, die Zahl der jährlich vorkommenden Geburten betrug unter seiner 
Direktion 160 bis 190, während ich sie nie über 160 habe steigen lassen. 
Freilich bin ich ungeachtet aller Vorsicht nicht von kleineren Epi- oder En- 
demien verschont geblieben und habe auch zweimal zu einer zeitweisen 
Schließung der Anstalt fiüchten müssen. Die zur Zeit solcher Endemien in 
Privatlokalitäten verlegten Gebärenden blieben mit Ausnahme eines Falles, 
der durch Kindbettfieber tödlich endete, während des Wochenbettes sämtlich 
gesund oder erkrankten höchstens in einem leichteren Grade. Bemerken will 
ich übrigens noch, daß bisweilen das Kindbettfieber sich zuerst in der Stadt 
oder Umgegend zeigte und erst danach in der Anstalt auftrat, oder daß selbst 
diese ganz verschont blieb." 

Auch einer, der es besser wissen wollte und darüber — zum 
Schaden der Gebärenden — das bereits bekannte gute Wissen ver- 
nachlässigte. 

Am 30. März 1858 erhielt Semmelweis von dem Kandidaten der 
Chirurgie, Josef Steiner, der seine theoretischen Vorträge über Ge- 
burtshilfe gehört hatte, folgenden Brief:*) 

„Euer Hochwohlgeboren Herr Professor! 
Durchdrungen von der Wahrheit Ihrer Vorträge über Puerperalfieber^ welche 
ich zu besuchen im Laufe des Wintersemesters das Glück hatte, fühle ich mich 
veranlaßt, Mutmaßungen hier anzuführen, inwiefeme es möglich ist, daß auch 
an der Grazer Gebäranstalt Infektionen aller Art stattfinden konnten. 



♦) Ätiologie, p. 410. 
T. Wald heim, Ignta Philipp Semmelweii. 10 



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— 146 — 

Als ich in Graz das erste Jahr Chirurgie hörte, war im allgemeinen 
Elrankenhause ein Gasthaus, welches die Verpflegung der Kranken versah und 
auch der Sammelplatz aller Studierenden war; später aber ging die Leitung der 
Küche in die Hand der Barmherzigen Schwestern über und das Qtisthaus wurde 
entfernt Die Studierenden mußten daher den Sektionssaal als den Ort ihrer 
Zusammenkunft wählen, der Sektionssaal war somit jener Ort, wo sich Kollegen 
trafen und sie gemeinschaftlich die Zeit abwarteten, um zu den verschiedenen 
Vorlesungen zu gehen. Nachmittags müssen die Studierenden des achten Jahr- 
ganges sezieren, für welche das Sezieren obligat ist, die Studierenden der 
anderen Jahrgänge hingegen und die Kigorosanten sollten der Verordnung 
gemäß auch präparieren, doch kommen diese nur, um den Anfängern zu 
zeigen, wie sie zu präparieren haben; die Bigorosanten sind daher fleißige 
Besucher des Sektionssaales und unterlassen es auch nicht, die Anfänger in 
allen Zweigen der Anatomie zu unterweisen, bis sie von der Zeit abberufen, 
die einen sich für das Bigorosum vorbereiten, die anderen aber ihre Inspektion 
im Gebärhause fortsetzen. Was die letzteren betriflFt, so waren diese stets 
die fleißigsten Besucher des Sektionssaales, indem das Gebärhaus nur durch 
eine Straße vom Krankenhause getrennt ist; es ist den Inspektionierenden da- 
her nicht zu verargen, wenn sie anstatt 24 Stunden nacheinander im Gebär- 
hause zu bleiben, in den Sektionssaal kommen, um hier eine Zerstreuung zu 
finden, oder (was sehr oft geschah) ein armer Eigorosant Inspektion hatte, wo 
er sich auf lange Zeit vom Gebärhause nicht entfernen durfte, daher in den 
Sektionssaal kam, um sich hier Geld aufzutreiben, um dann ein Nachtmahl 
usw. zu haben, worauf er sich dann entfernte, um seine Inspektion fortzu- 
setzen. Doch mußte er sich um das erhaltene Geld früher verdient machen, 
imd zwar dadurch, daß er irgend einem Studierenden sein Präparat verfertigen 
half. Sehr oft geschah es, daß mein Bruder, welcher damals praktische Ge- 
burtshilfe studierte, zu mir in den Sektionssaal kam, um mit mir Anatomie 
an der Leiche zu studieren, oder er half mir das Präparat, welches ich zur 
bestimmten Zeit abgeben mußte, verfertigen, worauf er sich entfernte, um 
seine Inspektion fortzusetzen. Ich erinnere mich, mit meinem Bruder einmal 
ins Gebärhaus gegangen zu sein, er legte Hut und Stock weg und unter- 
suchte eine Kreißende; ich fragte ihn, warum er sich früher die Hand mit 
Fett eingeschmiert habe? Damit die Hand schlüpfrig werde, gab er mir zur 
Antwort. Ich bin überzeugt, daß, würde ich gesehen haben, daß mein Bruder 
sich mit einer Flüssigkeit die Hand gewaschen hätte, ich ebenso neu- 
gierig gewesen wäre, zu wissen, was das für eine Flüssigkeit sei, da ich aber 
das nicht bemerkte, so bedurfte es auch keiner Frage meinerseits, es müßte 
nur eine Nachlässigkeit von meinem Bruder gewesen sein, welche Nach- 
lässigkeit aber die Folge einer völligen Unwissenheit über die Entstehung 
des Puerperalfiebers ist, welche Nachlässigkeit aber allen Grazer Rigorosanten 
zugemutet werden darf, die wieder in einer anderweitigen Ursache zu suchen 
wäre. Es ist somit ein solcher Eigorosant oder besser gesagt ein solch 
fleißiger Besucher des Sektionssaales ein höchst gefahrliches Individuum für 
die Wöchnerinnen, denn sie bewerkstelligen jene Kommunikation zwischen 
Gebärhaus und Sektionssaal, ja ich möchte sagen zwischen letzterem und 
inneren Geschlechtsteilen der Wöchnerinnen derart, als sie nur zwischen 
zwei Zimmern sein kann, die eine gemeinschaftliche Tür haben, und wahr- 
haftig, die Wöchnerinnen würden im Seziersaale keiner solchen Gefahr aus- 
gesetzt sein, als sie es im Gebärhause selbst sind, denn der Untersuchende 
würde sich gewiß scheuen, eine Gebärende mit jener Hand zu untersuchen, 
welche früher nasse, blutige Muskelschichten geordnet hat, er würde sich 



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— 147. — 

daher gewiß die Hände früher reinigen; da aber die Wöchnerinnen unglück- 
licherweise im Gebärhause sein müssen und nicht im Seziersaale, daher ein 
solcher Rigorosant sich vom Sektionssaal entfernen muß, um seine Inspektion 
fortzusetzen, so trocknet die Hand an der Luft oder sie wird dadurch trocken, 
daß er sie einigemale in die Tasche gesteckt hat, bis er ins Gebärhaus 
kommt und untersucht dann ebenfalls mit jener Nachlässigkeit, wie mein 
Bruder. Daher es mir auch jetzt nicht mehr rätselhaft ist, warum bei einer 
stattgehabten Untersuchung der Herr Stadtphysikus von Graz ausrief: Die 
Gebärhäuser sind wahre MordanstaÜen! Ich fragte hierauf den Schuldiener, was 
das zu bedeuten habe. Er antwortete mir, als handelte es sich um die ge- 
ringste Sache von der Welt: „No jo, es liegen halt wieder a paar Wöchne- 
rinnen auf der Pritschen drin, wie die Löwen." Es sind zwar nur Mut- 
maßungen, die ich hier angeführt, aus welchen aber hervorgeht, daß man 
vollkommen berechtigt ist zu sagen, das Puerperalfieber ist die Folge einer 
Resorption. 

Und nun erlauben Sie mir, Euer Hochwohlgeboren Herr Professor, die 
Bitte hinzufügen zu dürfen, es zu entschuldigen, daß icli so frei war, Sie mit 
diesem meinem Schreiben belästigt zu haben, aber die Wahrheit Ihrer Vor- 
träge weckten diese Mutmaßungen in mir und ich konnte nicht umhin, Sie 
verehrter Herr Professor, davon zu benachrichtigen. 

Ich verbleibe mit Achtung Ihr stets dankbarer Schüler." 

Das war brennender Balsam auf eine blutende Wunde. 

Seinen Schülern wenigstens predigte Semmelweis nicht umsonst. 
Sie verstanden ihn, wurden sehend durch ihn, sie verbreiteten seine 
Lehre im ganzen Lande. Welch ein Segen ging so von seinen Worten 
aus! Wenn alle Geburtshelfer gepredigt hätten gleich ihm, welch Heil 
wäre der Welt widerfahren! Nur Anerkennung seiner Lehre und 
Semmelweis wäre glücklich gewesen. 

Doch davon war man gerade damals weiter entfernt als je. Die 
„Bewährten der Wissenschaft" hatten seine Lehre verworfen, und damit 
war für Professoren und Ärzte die Sache abgetan. Die Laien sprachen 
noch erregt von der fruchtbaren Semmelweis'schen Entdeckung, in den 
klinischen Vorlesungen aber wurde der Gegenstand nicht mehr berührt. 
So wuchsen denn allerorten die Mediziner hinsichtlich der Infektions- 
frage rein wie die Wilden auf und infizierten ahnungslos tausende und 
abertausende von Gebärenden. Indes, die Reinlichkeitsbegriffe des oben 
erwähnten Grazer Mediziners Steiner aus Ungarn dürften keineswegs 
die allgemein üblichen gewesen sein, denn sie gemahnen doch allzustark 
an Halbasien. 

Wie wenig man zu jener Zeit geneigt war, ihm Anerkennung zu 
zollen, bewies die Akademie der Medizin in Paris, welche vom 23. Fe- 
bruar bis zum 6. Juli 1858 abermals der Schauplatz einer Debatte über 
das Puerperalfieber war. Dubois,*) der erste Geburtshelfer des da- 
maligen Frankreich, ließ sich folgendermaßen vernehmen: 

„Auch die in Deutschland und England so lebhaft aufgenommene Theorie 
von Semmelweis, daß die Übertragung durch Blut, Ausgüsse der Kranken, 
ja durch jeden in Verwesung begriffenen Stoff geschehen könne, hat sich 



*) Ätiologie, p. 458. 



10* 



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— 148 — 

nicJU cUs richtig bewährt und ist wahrscheinlich schon an derselben Schule vergessen^ 
von wo sie ausging. Damit soll nun freilich darchans nicht gesagt sein, daß 
man deshalb die sorgfältigen Vorsichtsmaßregeln nicht nötig habe, sondern 
nur, daß die kontagiöse Eigenschaft weder so konstant, noch so tätig, noch 
so beharrlich ist, als es nach den zahlreichen Berichten geglaubt werden 
müßte. Wäre sie wirklich so, so müßte das ganze Personal der Gebärhäuser 
um jeden Preis in strengster Quarantäne gehalten werden, das Publikum wäre 
sonst fortwährend in der größten Gefahr. Man ist es deshalb dem Publikum 
gegenüber schuldig, die übertriebenen Annahmen auf ihre wahre Bedeutung 
zurückzufuhren. Bei einer großen Zahl von Frauen bestehen schon vor der 
Entbindung Zustände, welche für die Entwicklung des Puerperalfiebers 
günstig sind, wie man dies häufig in der Privatpraxis und in Gebärhäusem 
erkennen kann. In letztere kommen oft schwangere oder gebärende Frauen 
mit deutlich ausgesprochenen Zeichen von Puerperalfieber, welche sich dann 
meist sehr heftig ausbilden." 

Diese Rede Dubois', zumal dessen Vermutung, daß Semmelweis' 
Lehre an der Wiener Schule wohl schon wieder vergessen sein werde, 
dürfte letzteren zur Vollendung seiner Schrift nicht wenig angespornt 
haben. Damals schrieb er in sein Werk: „Meine Lehre ist an der Schule, 
von wo sie ausging, noch nicht vergessen und damit selbe auch in Zu- 
kunft nicht vergessen loerde, dafür wird gegenwärtige Schrift sorgenj^*) 

Dr. Depaul**) stellte in der Pariser Academie de medecine fol- 
gende Thesen auf: 

„1. Das Puerperalfieber besteht in einer primitiven Alteration des 
Blutes, die für sich allein bestehen oder auch die mannigfaltigsten anatomi- 
schen Störungen nach sich ziehen kann; es ist in dieser Eigenschaft eine 
spezifische, unbestreitbare Krankheit. 

2. Sie erscheint fast immer in epidemischer Form und richtet vorzugs- 
weise dort Verheerungen an, wo mehrere Schwangere und Wöchnerinnen in 
einer Lokalität vereinigt sind. 

3. Ihre kontagiöse Natur liegt am Tage; sie wird durch Infektion wahr- 
scheinlich auf dem Wege des Kontaktes fortgepflanzt. 

4. Die Therapie vermag fast nichts gegen sie; da aber auch die vielen 
hygienischen Verbesserungen in Gebärhäusem die Ziffer der Mortalität daselbst noch 
nicht zu vermindern vermocht haben, so ist das Belassen eines solchen Zustandes 
durchaus nicht mehr gestattet. 

5. Statistische Daten haben den entschiedensten Beweis geliefei-t, daß 
die Mortalität der Wöchnerinnen außerhalb der Gebärhäuser selbst unter 
den ungünstigsten, von Not und Elend erzeugten Umständen eine weit 
geringere ist. 

6. Als logische Folgerung ergibt sich notgedrungen hieraus, daß 
Schwangere und Wöchnerinnen selbst in kleiner Zahl nicht mehr in einem 
Lokal vereinigt werden dürfen. 

7. Es müssen daher Schwangere und Wöchnerinnen in ihren Wohnungen 
verpflegt und — wo dieses nicht tunlich -— in den Spitälern zerstreut oder 
bei Hebammen vereinzelt untergebracht werden." 



♦) Ätiologie, p. 469. 
♦*) Wr. med. Woch., 1869, p. 26. 



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— 149 — 

Depaul war Kontagionist, aber wenigstens ein ehrlicher, konse«* 
quenter Kontagionist. Über das Wesen der Krankheit wußte er freilich 
nichts zu sagen. 

Ganz im Sinne Depaul's waren die Ergebnisse der großen 
statistischen Untersuchungen, welche Dr. «Marc d'Espine*) nachher 
anstellte. Dieser fand: 

„2. In den Städten ist die Mortalität unter Schwangeren und Wöchnerinnen 
um die Hälfte größer als auf dem flachen Lande; 

3. in den besten Spitälern ist die durchschnittliche Mortalität die drei- 
fache gegen jene außerhalb der Gebärhäuser; sie steigert sich mit der 
Spitalfrequenz und hat in gewissen Jahren das 16 fache (Paris), in Wien 
sogar das 23fache erreicht." 

In der Gesellschaft für Geburtshilfe zu Berlin hielt Virchow**) im 
Jahre 1858 einen Vortrag über »Puerperalfieber-Epidemien", in welchem 
er ausführte: 

„Für das Vorkommen von Puerperalfieber-Epidemien sind wesentlich 
zwei Umstände von Interesse: die yVüterungszugtände und die gleichzeitigen 
Erkrankungen. In ersterer Beziehung scheint es, daß die größte Menge der 
Epidemien in den Wintermonaten vorgekommen ist. Zu den gleichzeitigen 
Erkrankungen gehören nebst akuten Exanthemen hauptsächlich ausgedehnte 
erysipelatöse, croupöse, jauchige und eiterige Entzündungen." 

Keiner der anwesenden Berliner Geburtshelfer erhob seine Stimme 
gegen Virchow's Darlegungen, 

Große Genugtuung dagegen bereiteten Semmelweis die aner- 
kennenden Worte, welche ihm ein Mann wie Justus v. Liebig zollte. 

Der berühmte Chemiker hatte in der 3. Auflage***) seiner chemi- 
schen Briefe geschrieben: 

„Es ist Tatsache, daß Leichen auf anatomischen Theatern häufig in 
einen Zustand der Zersetzung übergehen, der sich dem Blute im lebenden 
Körper mitteilt. Die kleinste Verwundung mit Messern, die zur Sektion 
gedient haben, bringt einen oft lebensgefahrlichen Zustand hervor. (Fälle, in 
denen Personen dieser furchtbaren Vergiftung zum Opfer fallen, sind nicht 
selten, so noch vor kurzem Dr. Kolletschka in Wien, Dr. Bender in 
Frankfurt a. M.) 

Der von Magen die beobachteten Tatsache, daß in Fäulnis begriffenes 
Blut, Gehimsubstanz, Galle, faulender Eiter etc., auf frische Wunden gelegt, 
Erbrechen, Mattigkeit und nach längerer oder kürzerer Zeit den Tod be- 
wirken, ist bis jetzt nicht widersprochen worden." 

Im dritten Anhange zu dieser Stelle sagt Lieb ig, nachdem er einen 
kurzen Auszug aus Skoda's Vortrag in der kaiserlichen Akademie zu Wien 
gegeben, Seite 714, folgendes: „Aus diesem Vortrage ergibt sich nebenbei, 
mie gering die Anerkennung gewesen üt, welche diese große, praktisch-wichtige Ent- 
deckung außerhalb der Akademie gefunden hat. Gewiß werden sich noch 
mehrere Ursachen des Kindbettfiebers namhaft machen lassen; daß aber die 
von Dr. Semmelweis mit allem Scharfsinn eines vorurteilsfreien Forschers in 



*) Wiener medizinische Wochenschrift, 1859, p. 442. 
♦*) ÄÜologie, p. 470. 
♦**) Ätiologie, p 422. 



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— 150 — 

der Gebäranstalt zu Wien ermittelte Ursache eine derselben ist, daran kann 
wohl kein Unbefangener zweifeln." 

Als Liebig diese anerkennenden Worte in der 4. Auflage seiner 
chemischen Briefe wegließ, erlaubte sich Semmelweis die briefliche 
Anfrage, ob Liebig inzwischen anderen Sinnes geworden sei, und er- 
suchte gleichzeitig um Liebig's Ansicht über die Desinfektionskraft 
des Chlorkalkes. Darauf kam folgende Antwort:*) 

„München, 21. März 1859. 
Euer Wohlgeboren ! 

Beehre mich auf Ihr Schreiben zu erwidern, daß die Hin weglassung 
Ihrer Beobachtung über das Eandbettfleber aus der neuen Auflage meiner 
chemischen Briefe nicht den Grund hat, daß ich die Wichtigkeit Ihrer Er- 
fahrung nicht wie früher anerkenne, sondern weil sie jetzt so bekannt und 
verbreitet ut^ daß ihre Beibehaltung in meinem Buche zwecklos erscheint; in 
einem eigentlichen Zusammenhange damit steht sie nicht. Es ist dies mit 
anderen Nachträgen ebenfalls geschehen. 

Der Chlorkalk besitzt unzweifelhaft eine desinfizierende Eigenschaft;. 

Ergebenst hochachtungsvoll 

der Ihrige 
Justus Liebig." 

Hätte Lieb ig damals geahnt, daß die Semmel weis'sche Erfahrung, 
die im Volke so allgemein bekannt und verbreitet war, von den Fach- 
leuten heimlich befolgt und öffenflich bekämpft und daß dem 
Entdecker jede Anerkennung verweigert wurde, er wäre gewiß mit um 
so größerem Nachdruck für den Verfolgten eingetreten! 

Eifrig waren die Verfolger an der Arbeit, und die zahlreichen 
Jünger, die aus ihren Schulen hervorgingen, waren ebenso viele 
Gegner der »Lehre von der kadaverösen Infektion". 

Ein Schüler von Kiwisch, Dr. Hermann Lebert, Professor der 
Geburtshilfe in Breslau, definierte im Jahre 1859 das Kindbettfieber 
in seinem Lehrbuch **) in folgender Weise: 

„Das Puerperalfieber ist eine fieberhafte, den Wöchnerinnen eigentüm- 
liche Krankheit, welche, miasmatischen Ursprungs, zuletzt ein Blutleiden setzt, 
das nach seiner verschiedenen Eigentümlichkeit mannigfache örtliche (meist 
entzündliche) Erscheinungen hervorruft, welchen jedoch das gemeinschaft- 
liche Merkmal zukonunt, daß sie sich im Krankheitsbeginne vorzugsweise im 
Gebärorgane lokalisieren und selten gleichzeitig, meist erst später, in jenen 
Gebilden des übrigen Organismus auftreten, welche mit der zunächst er- 
griffenen Partie der Gebärmutter organisch verbunden oder anatomisch analog 
sind. 06 direkte Inokulation durch Leichengift der an diesem Übel Ver- 
storbenen stattfinden könne, wie dies Semmelweis förmlich zu einem System 
erhoben hat, ist zweifelhaft ] jedenfalls wäre auch dieses nur eine der vielen 
Möglichkeiten der Übertragung,^ 

Nach Lebert verdanke man Kiwisch ^ weitaus die reichhaltigsten, 
besten und gründlichsten Arbeiten über diesen Gegenstand''!! 



*) ÄÜologie, p. 422. 
•*) Ätiologie, p 436. 



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— 151 — 

Ein Schüler Scanzoni's in Würzburg, Dr. Gisbert Cathrein, 
begnügte sich in seiner im Jahre 1859 erschienenen Inaugural -Disser- 
tation über das Puerperalfieber mit folgenden Worten: 

^Außerdem glaubte Semmel weis in neuerer Zeit entdeckt zu haben, 
daß die Krankheit durch eine Infektion mittels der mit Leichengift im- 
prägnierten Hände der Arzte entstehe, und hat außer Skoda noch eine ziem- 
liche Anzahl Anhänger gefunden/' 

Gegen Ende des Jahres 1859, als Semmelweis bereits am zweiten, 
polemischen Teile seines Werkes arbeitete, wobei seine Stimmung 
naturgemäß eine immer gereiztere wurde, erschien von einem Assi- 
stenten Scanzoni's, Dr. H. Silberschmidt, eine Schrift*) unter dem 
Titel: „Historisch-kritische Darstellung der Pathologie des Kindbett- 
fiebers, von den ältesten Zeiten bis auf die unsere." Darin heißt es 
unter anderem: 

„Skoda und Semmel weis glaubten, die nächste Ursache des Puer- 
peralfiebers sei Leichengift) sie glaubten, daß das Leichengift von den Ärzten, 
die kurze Zeit vorher Sektionen gemacht hatten, bei der Untersuchung in 
den Organismus der Gebärenden eingeführt werde. Zu dieser Meinung brachte 
sie die Beobachtung, daß auf der zur Untersuchung für die Studierenden 
bestimmten Abteilung das Kindbettfieber viel mörderischer auftrat, als auf 
der für die Hebammen eingenchteten." 

Der Autor erwähnt nun der prophylaktischen Chlorwaschungen, 
betont aber, indem er Semmelweis' Erfolge an der I. Wiener Gebär- 
klinik gänzlich verschweigt, daß sich die Chlorwaschungen dem Prof. 
Kiwisch in Würzburg und Scanzoni in Prag als erfolglos erwiesen 
haben. 

Er findet in der gesamten Literatur, die vom Puerperalfieber 
handelt, keine Stimme, die für Semmelweis' Lehre eingetreten wäre, 
und proklamiert schließlich als befriedigendes Resultat der Bemühungen 
so vieler Jahrhunderte, die Pathologie des Puerperalfiebers zu er 
forschen, die von Scanzoni aufgestellte Pathologie. 

Diese einfältige Sbhrift eines Assistenten, der nur in verba magistri 
jurare gelernt hatte und jedes selbständigen Urteils entbehrte, sich auch 
nicht die Mühe nahm, die eigenen Äußerungen des Mannes, dessen An- 
sichten er verwarf, nachzulesen, wurde auf Betreiben Scanzoni 's von 
der medizinischen Fakultät zu Würzburg mit einem Preise gekrönt! Kein 
Wunder, daß Semmelweis seine Ruhe vollends verlor! Alle Rücksichten 
hintansetzend, übergoß er nun in seiner Polemik alle die Widersacher 
mit Spott und Hohn und unterzog ihr Treiben einer schonungslosen, 
vernichtenden Kritik. 

Ein Schüler endlich von Anselm Martin in München, Dr. Franz 
Hierl, schrieb in seiner im Jahre 1860 veröffentlichten Inaugural- 
Dissertation „Über das Kindbettfieber": 

„Vor mehreren Jahren suchte Semmelweis — — die Infektion mit 
Leidiengift nachzuweisen, fand aber nur wenige Vertreter seiner Ansicht, da 
zahlreiche Gründe dagegen sprechen, daß eine wirkliche Übertragung von Leichengift 

*) Ätiologie, p. 403. 



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— 152 — 

bei der geburtshilflichen Untersuchung anders aU aus^iahmsweise stattfinden 
kann, und es ist klar, daß selbst die häufige Wiederkehr eines solchen Vor- 
ganges, weil seine Ursache nicht auf bestimmte Zeitabschnitte beschränkt 
bliebe, nicht den Anschein einer epidemischen Krankheit hervorriefe. Endlich 
geht aus dem Umstände, daß das Kindbettfieber nicht nur in jenen Gebär- 
häusem, wo Studierende unterrichtet werden, sondern auch in Hebammen- 
Lehranstalten und Privathäusem auftritt, genügend hervor, daß dies Moment 
auf die Genesis des Kindbettfiebers keinen Einfluß hat." 

Eine fast wörtliche Wiedergabe der Martin'schen Äußerungen 
vom Jahre 1857. 

Bezeichnend für die damaligen Zustände und Anschauungen ist 
auch ein im Verein für Natur- und Heilkunde zu Dresden gehaltener 
Vortrag, in welchem Med.-Rat Dr. Küchenmeister*) die Desinfek- 
tionsmittel in bezug auf ihre therapeutische Anwendung besprach. 
Er nennt unter den pulverförmigen Mitteln den — Baehschlamm, Mehl, 
Bismuth. nitric, vegetabilischen Teer, Bitumen und Tonpulver, Gips- 
teer, chlorsaures Kali (1 Teil auf 9 Teile Tonerde, von Billard emp- 
fohlen); unter den koagulierenden: Eisenchlorür, Jodtinktur, Tct 
Thujae; unter den wasserentziehenden das von De mar quay gepriesene 
Glyzerin. Über Chlor, Chlorkalk kein Wort. 

Martin (Monatsschr. f. Geb., 1860, 16) beobachtete im Winter 
1859/60 eine Epidemie puerperaler Colpitis und Endometritis; er 
ließ, „um der Übertragung von Ansteckungsstoffen durch die Unter- 
suchenden vorzubeugen, die Hände vorher waschen^ und Mediziner, 
welche Sektionen gemacht hatten, durch 24 Stunden nicht unter- 
suchen ! 

Zu Beginn des Jahres 1860 wurde die geburtshilfliche und chirur- 
gische Klinik zu Pest in das sogenannte Kunerwalder'sche Gebäude 
auf der Landstraße verlegt. Wie wenig mit diesem Wechsel gewonnen 
war, erfahren wir aus einem Pester Brief vom 24. April 1860, der in 
der Wiener medizinischen Wochenschrift erschien. 

„Wenn es auch nicht zu leugnen, daß die Anstalten an Eäumlichkeiten 
gewonnen haben, so ist doch die innere Einrichtung (Möbel, Betten etc.) 
bisnun noch die alte miserable; die zerbrochenen Bettatellen und Tische, das 
zerlumpte Bettzeug sind aus der alten Anstalt beibehalten worden. Namentlich 
die geburtshilfliche Klinik ist in einem unbeschreiblich pitoyablen Zustande; da hegen 
die armen Wöchnerinnen zum Teile auf Stroh auf dem Fußboden, anderen 
wurden Lagerstätten auf zwei nebendnandergehtelUen Holzbänken bereitet, andere 
kauern in irgendeinem Winkel eines Zimmers schwach und matt, und nur 
wenigen ist das glückliche Los beschieden, in einem regelmäßig gebauten 
Bette ihre müden Gheder strecken zu können ; überall schmutzige Wäsche, altes, 
beinahe verlumptes Bettzeug, und man muß den Professoren dieser Kliniken 
gerecht werden, daß nicht ihre Untätigkeit oder Gleichgiltigkeit an diesen 
Übelständen schuld trägt." 

Semmelweis war aber auch aus anderen Gründen mit dem neuen 
Lokale höchst unzufrieden. Es befand sich wieder in einem zweiten 



*) Deutsche Klinik, 1860, Nr. 13. 



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- 153 — 

Stockwerke, hatte unter sich die chirurgische Klinik und war in bezug 
auf die Räumlichkeiten gleichfalls so beschränkt, daß keines der 
Zimmer als Krankenzimmer reserviert werden konnte. Trotzdem gelang 
es, die Sterblichkeit auf 0-96% herabzudrücken, indem von 520 
Wöchnerinnen im Schuljahr 1859/60 nur 5 dem Puerperalfieber erlagen. 
Kein Zweifel, daß Semmelweis nun endlich, dank seinen rastlosen 
Bemühungen, ein intelligentes, pflichtgetreues Personal unter sich hatte, 
welches seine Anordnungen genau befolgte. Ob aber die erwähnten 
fünf Todesfälle wirklich nur Selbstinfektionsfälle waren, konnte Semmel- 
weis mit Rücksicht auf die zahlreichen sanitären Übelstände der Klinik 
nicht entscheiden. Unanfechtbare Beobachtungen zu machen über die 
Zahl der unvermeidlichen Selbstinfektionsfälle, war er nicht in der 
Lage. Diese Frage mußte er Kollegen überlassen, welche glücklicher 
waren als er!*) 

So weit ihm Klinik und Praxis Zeit ließen, arbeitete er unver- 
drossen fort an seinem großen Werke. Die Hauptkapitel waren bereits 
fertig. Eines derselben ließ er im „Orvosi hetilap" in ungarischer 
Sprache erscheinen unter dem Titel: „Der zwischen mir und den 
Engländern l)estehende Meinungsunterschied über die Ätiologie des 
Puerperalfiebers." Außerdem übernahm er die Leitung der geburts- 
hilflichen und gynäkologischen Rubrik des Blattes. 

Dann ging er an die Schlußredaktion. Eines Tages — es war im 
Jahre 1860 — begegnete ihm Dr. Hirschler auf der Straße. Semmel- 
weis begrüßte ihn, ungewöhnlich erregt, mit der Nachricht, er habe 
nun endlich den Anfang gemacht !**) Und er zog Hirschler mit sich 
nach Hause und las ihm das Vorwort vor, welches er eben verfaßt 
hatte. Die weitere Arbeit ging flott von statten, es war ja zum Teile 
ein Zusammenfügen fertiger Bausteine, zum Teile aber erging sich 
Semmelweis in den neuen Kapiteln, die er in geradezu stürmischer 
Eile niederschrieb, in endlosen Wiederholungen. Und es war nicht 
zum Vorteile des Werkes, daß er, rasch einen Bogen nach dem anderen 
fertigschreibend, mit diesen in die Druckerei eilte, ohne sie weiter 
durchzusehen.***) 



♦) Ätiologie, p. 109, 639. 

**) Hirschler hat diese Äußerung mißverstanden. Er glaubte, S. habe nun 
endlich mit der Arbeit überhaupt begonnen, und zwar naiver Weise mit dem Vorwort. 
S. aber meinte, er hätte zu dem fast fertigen Werke den Anfang, das Vorwort verfaßt 
Auch Brück war der irrigen Ansicht, daß S. sein Buch erst im Jahre 1860 sehrieb, 
und leitete daraus den weiteren Irrtum ab, daß die Hauptkapitel zuerst in ungarischer 
Sprache geschrieben wurden. 

♦♦*) Hirschler. 



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— 154 



Die „Ätiologie des Kindbettfiebers". OflTene Briefe. Ver- 
handlungen der St Petersburger Gesellschaft der 

Ärzte. 

1860 bis 1863. 

Am 30. August 1860 war das Werk vollendet und Ende Oktober 
d. J. erschien es im Buchhandel mit folgendem Titelblatt: 

Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxis 

des 

Kindbettflebers. 

Von 

Ignaz Philipp Semmelweis, 

Doktor der Medizin und Chirurgie, Magister der Geburtshilfe, o. ö, Professor der theoretischen 
und praktischen Oeburtshilfe an der kün. ung. Universität zu Pest etc. etc. 



Pest, Wien und Leipzig. 

G. A. Hartleben*s Verlags-Expedition. 

18G1. 

Ein stattlicher Band von 543 Seiten, der 4 fl. kostete. Heute ist 
das Werk im Buchhandel vergriffen und hat einen Wert von 80 Mk. 

Im Vorwort heißt es unter anderem: 

„Die Aufgabe dieser Schrift ist: dem Lehrer geschichtlich die 
Beobachtungen vorzuführen, welche ich an dieser Klinik*) in diesem 
Zeiträume gemacht, ihm zu zeigen, wie ich zum Zweifler an der bis- 
herigen Lehre über die Entstehung und den Begriff des Kindbettfiebers 
geworden, wie sich mir meine gegenwärtige Überzeugung unwider- 
stehlich aufgedrungen, damit auch er zum Heile der Menschheit dieselbe 
Überzeugung daraus schöpfe. 

Vermöge meines Naturells jeder Polemik abgeneigt. Beweis dessen, 
daß ich auf so zahlreiche Angriffe nicht geantwortet, glaubte ich es 
der Zeit überlassen zu können, der Wahrheit eine Bahn zu brechen, 
allein meine Erwartung ging in einem Zeiträume von 13 Jahren nicht 



*) Zu Wien 1847—49. 



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— 155 — 

in dem Grade in Erfiillung, wie es für das Wohl der Menschheit 
nötig ist 

Das Unglück wollte noch, daß in den Schuljahren 1856/7 und 
1857/8 auf meiner eigenen geburtshilflichen Klinik zu Pest die 
Wöchnerinnen in solcher Anzahl starben, daß meine Gegner diese 
Sterblichkeit als Beweis gegen mich benutzen konnten; es drängt zu 
zeigen, daß diese zwei Unglücksjahre gerade so viele traurige, unab- 
sichtliche, direkte Beweise für mich seien. 

Zu dieser Abneigung gegen jede Polemik kommt noch hinzu eine 
mir angeborne Abneigung gegen alles y was Schreiben heißt. 

Das Schicksal hat mich zum Vertreter der Wahrheiten^ welche in 
dieser Schriß niedergelegt sind, erkoren. Es ist meine unabiceisbare Pflicht, 
für dieselben einzustehen. Die Hoffnung, daß die Wichtigkeit und die Wahr- 
heit der Sache jeden Kampf unnötig mache, habe ich aufgegeben. Es 
kommen nicht mehr meine Neigungen, sondern das Leben derjenigen 
in Betracht, welche an dem Streite, ob ich oder meine Gegner Recht 
haben, keinen Anteil nehmen. Ich muß meinen Neigungen Zwang antun 
und nochmals vor die Öffentlichkeit treten, nachdem sich das Schweigen 
so schlecht bewährt, ungewamt durch die vielen bitteren Stunden, die 
ich deshalb schon erduldet, die überstandenen habe ich verschmerzt, 
für die mir noch bevorstehenden finde ich Trost in dem Bewußtsein, 
nur in meiner Überzeugung Gegründetes aufgestellt zu haben." 

Im Buche selbst finden sich noch einige Stellen, welche Zweck 
und Ziel der Arbeit treffend ausdrücken. Auf den ersten 272 Seiten 
bemüht er sich, seine «Lehre unerschütterlich zu begründen, und den 
traurigen Irrtum der Lehre vom epidemischen Kindbettfieber recht 
klar zu machen .... 

.... Das allein kann aber der Zweck der gegenwärtigen Schrift 
nicht sein, denn meine Lehre ist nicht dazu da, fest begründet in 
Bibliotheken unter Staub zu vermodern, sondern ihre Mission ist: im 
praktischen Leben segensreich zu wirken. Meine Lehre ist dazu da, um von 
den Lehrern der Medizin verbreitet zu werden, damit das Medizinal- Pei-- 
sonal bis hinab zum letzten Dorf Chirurgen, bis zur letzten Dorf heb amme 
darnach handle; meine Lehre ist dazu da, um den Schrecken aus den Gc- 
bärhäusern zu verbannen und um dem Gatten die Gattin, dem Kinde die 
Mutter zu erhalten 

Die überaus größte Anzahl von medizinischen Hörsälen widerhallt 
noch immer von Vorträgen über epidemisches Kindbettfieber und von 
Philippiken gegen meine Lehre; dadurch werden fort und fort Generationen 
neuci' Infektoren ins praktische Leben gesendet, und es ist nicht abzusehen, 
wann der letzte Dorfchirurg und die letzte Dorfhebamme das letzte 
Mal infizieren werden. 

Die medizinische Literatur der letzten zwölf Jahre strotzt noch 
immer von Berichten über beobachtete Puerperal-Epidemien, und in 
Wien, an der Geburtsstätte meiner Lehre, sind im Jahre 1854 wieder 
400 Wöchnerinnen dem Kindbettfieber erlegen; in den erschienenen 
medizinischen Werken wird entweder meine Lehre ignoriert oder an- 



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— 156 — 

gegriffen, die medizinische Fakultät zu Würzburg hat eine im Jahre 
1859 erschienene Monographie über die Pathologie des Kindbettfiebers, 
in welcher meine Lehre verworfen wird, mit einem Preise gekrönt, 
und wir werden Gelegenheit haben, Vorstände von Gebärhäusern an- 
zuführen, welche meine Lehre mit Erfolg beachten und dieselbe 
dennoch bekämpfen, den Erfolg anderen Umständen zuschreibend. 
Die Indignation Über di6 Größe dieses Skandals hat in meine widerstrebende 
Hand die Feder gedi*ückt. Ich würde glauben, ein Verbrechen zu begehen, 
wenn ich noch länger schweigend der Zeit und der unbefangenen 
Prüfung die praktische Verbreitung meiner Lehre überlassen würde."*) 

Diese selbst trägt er im Kapitel „Begriff des Kindbettfiebers" 
mit wunderbarer Klarheit vor. Das Kindbettfieber ist „ein Resorptions- 
fiebcTy bedifigt durch die Resorption eines zersetzten tierisch-organischen 
Stoffes, die erste Folge der Resorption ist die Blutentmischung, Folgen der 
Blutentmischung sind die Exsudationen, 

Der zersetzte tierisch-organische Stoff .... wird in der über- 
wiegend größten Mehrzahl der Fälle den Individuen von außen bei- 
gebracht, und das ist die Infektion von außen] das sind die Fälle, . . . 
welche verhütet werden können. 

In seltenen Fällen wird der zersetzte tierisch-organische Stoff . . . 
innerhalb der Grenzen des . . . Organismus erzeugt, und das sind die 
Fälle von Selbstinfektion, und diese Fälle können nicht alle verhütet 
werden. 

Die Quelle, woher der zersetzte tierisch-organische Stoff genommen 
wird, . . . ist die Leiche jeden Alters, jeden Geschlechtes, ohne Rück- 
sicht auf die vorausgegangene Krankheit, ohne Rücksicht, ob es die 
Leiche einer Wöchnerin oder Nichtwöchnerin ist, nur der Grad der 
Fäulnis kommt bei der Leiche in Betracht. 

Die Quelle .... sind alle Kranken . . ., deren Krankheiten mit 
Erzeugung eines zersetzten tierisch-organischen Stoffes einhergehen .... 

Die Quelle .... sind alle physiologischen tierisch-organischen Ge» 
bilde, icelche den vitalen Gesetzen entzogen, einen gewissen Zersetzungsgrad 
eingegangen sind .... 

Der Träger der tierisch-organischen Stoffe ist der untersuchende 
Finger, die operierende Hand, Insti'umente, Bettwäsche, die atmosphärische 
Luft, Schwämme. 

Die Stelle, wo der zersetzte tierisch-organische Stoff resorbiert 

wird, ist die innere Fläche des Ute^*us durch Wundwerden kann 

jede Stelle der Genitalien zur Resorption stelle werden 

Die Zeit, innerhalb welcher am häufigsten die Infektion geschieht, 
ist die Eröffnungsperiode . . . 

In der Nachgeburtsperiode und im Wochenbette wird die innere 
Fläche des Uterus wieder zugängig, und in diesen Zeiträumen ist es 
vorzüglich die in die Genitalien eindringende Luft, welche die Infektion 
vermittelt, wenn selbe mit zersetzten tierisch-organischen Stoffen ge- 
schwängert ist ... . 



•) ÄÜologie, p. 273 bis 276. 



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— 157 — 

Der zersetzte tierisch-organische Stoff • . . entsteht innerhalb 
der Grenzen des . . . Individuums dadurch, daß organische Teile, 
welche im Wochenbette ausgeschieden werden sollen, vor ihrer Aus- 
scheidung eine Zersetzung eingehen . . . Diese organischen Teile sind 
der Wochenfluß selbst, Decidua-Reste, Blutcoagula . . . Oder der zer- 
setzte tierisch-organische Stoff ist Produkt eines pathologischen Pro- 
zesses, infolge einer forcierten Zangenoperation werden infolge der 
Quetschung Partien der Geschlechtsteile gangränös, die gangränösen 
Teile aber, wenn resorbiert, erzeugen das Kindbettfieber durch Selbst- 
infektion . . . 

Das Kindbettfieber ist ... . keine Krankheitsspezies, das Kind- 
bettfieber ist eine Varietät der Pyämie .... 

Das Kindbettfieber ist Jc&ine kontagiöae Krankheit, aber das Kind- 
bettfieber ist eine von einer kranken Wöchnerin auf eine gesunde 
Wöchnerin übertragbare Krankheit durch Vermittlung eines zersetzten 
tierisch-organischen Stoffes .... 

Auch die Endometritis, die Metritis, die Hetrophlebitis puerperalis 
usw. . . . sind . r Resorptionsfieber . . ., weil alle diese Formen infolge 
der Resorption eines zersetzten Stoffes entstehen; Mrarum aber der 
resorbierte zersetzte Stoff einmal die Form, welche man Hyperinose, ein 
andermal die, welche man Pyämie, einmal die, welche man Blutdisso- 
lution und einmal wieder Formen, welche unter die genannten nicht 
subsumiert werden können, erzeugt, das wissen wir . . nicht Vielleicht 
hängt das von größeren oder geringeren Fäulnisgraden des resorbierten 
Stoffes, vielleicht von der Reaktionsfähigkeit des Organismus, vielleicht 
von anderen Umständen ab. Wir wissen nur gewiß, daß in allen diesen 
Fällen ein zersetzter Stoff resorbiert wird, welcher das Blut manchmal 
augenscheinlich, manchmal auf eine für unsere Sinne nicht erkennbare 
Weise entmischt. . . . Und daß auch in jenen Fällen, wo eine augen- 
scheinliche Blutentmischung fehlt, . . . wirklich ein zersetzter Stoff 
resorbiert wird, ist dadurch bewiesen, daß auch diese FäUe durch Chlor- 
vxischungen verhütet werden können/* 

Im Kapitel „Prophylaxis des Kindbettfiebers* bezeichnet 
Semmelweis als die Aufgabe des Arztes, „die Einbringung zersetzter 
Stoffe von außen zu verhüten, die Entstehung zersetzter Stoffe in den 
Individuen hintanzuhalten und endlich die wirklich entstandenen zer- 
setzten Stoffe so schnell wie möglich aus dem Organismus zu ent- 
fernen .... 

Da es bei einer großen Anzahl von Schülern sicherer ist, den Finger 
nicht zu verunreinigen, als den verunreinigten wieder zu reinigen, so wende 
ich mich an sämtliche Regierungen mit der Bitte um die Erlassung 
eines Gesetzes, welches jedem im Gebärhause Beschäftigten für die 
Dauer seiner Beschäftigung im Gtobärhause verbietet, sich mit Dingen 
zu beschäftigen, welche geeignet sind, seine Hände mit zersetzten 
Stoffen zu verunreinigen .... 

Die Notwendigkeit, die Hand zu desinfizieren, wird .... immer 
bleiben, und um dieses Ziel vollkommen zu erreichen, ist es nötig. 



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— 158 — 

die Handy bevor ein zersetzter Stoff berührt wird, gut zu beölen, da- 
mit der zersetzte Stoff nicht in die Poren der Hand eindringen könne; 
nach einer solchen Beschäftigung muß die Hand mit Seife geioaschen 
und dann der Einwirkung eines chemischen Agens ausgesetzt werden, 
welches geeignet ist, den nicht entfernten zersetzten Stoff zu zerstören; 
wir bedienen uns des Chlorkalkes und waschen uns so langCy bis die Hand 
schlüpf ng wird. 

Eine so behandelte Hand ist vollkommen desinfiziert. Alle Gregen- 
stände, welche mit zersetzten Stoffen verunreinigt sind, . . . Instru- 
mente, Bettwäsche, Schwämme, Leibschüsseln etc. . . . müssen . . vor 
ihrer Inberührungbringung mit den Genitalien desinfiziert, oder außer 
Verwendung gesetzt werden .... 

Da der Träger der zersetzten Stoffe auch die atmosphärische 
Luft sein kann, . . . sollen Gebärhäuser . . . nicht Bestandteile großer 
Krankenhäuser sein .... müssen die Exhalationen der Individuen vor 
ihrer Zersetzung aus den Räumen des Gebärhauses durch Ventilation 
entfernt werden. Nebstdem ist es ein Erfordernis der Prophylaxis des 
Kindbettfiebers, daß jedes Gebärhaus mehrere abgesonderte Räume 
besitze, um in denselben diejenigen Individuen, welche zersetzte Stoffe 
exhalieren, oder deren Krankheiten zersetzte Stoffe erzeugen, voll- 
kommen von den gesunden gesondert verpflegen zu können. Unter der 
Voraussetzung der Absonderung kranker Individuen ist das Zellen- 
system kein Erfordernis der Prophylaxis .... es ist vollkommen gleich- 
giltig, wie viele gesunde Wöchnerinnen in einem Zimmer verpflegt werdeUj 
wenn die Zahl der Wöchnerinnen nur im richtigen Verhältnisse zur 
Größe des Zimmers steht .... 

Was die Prophylaxis der Selbstinfektionsfälle anbelangt, so muß, 
damit kein zersetzter Stoff in den Individuen entstehe, die Austretbungs- 
periode, wenn selbe so zögernd verläuft, daß Quetschungen der Genitalien 
zu besorgen stehen, rechtzeitig mittels der entsprechenden Operation 
beendet werden: die Operation selbst muß so schonend wie möglich ge- 
macht werden .... 

Die Placenta, Placentae und Eihautreste müssen vor ihrem Über- 
gange in Fäulnis aus dem Organismus enifemt werden .... man ver- 
hüte Mittelfleischrisse, weil dadurch nicht nur eine resorbierende Fläche, 
sondern zugleich der zu resorbierende Stoff geschaffen wird. Ist aber 
wirklich ein zersetzter Stoff in den Individuen entstanden, so muß 
derselbe durch Reinlichkeit und Injektionen aus den Individuen entfernt 
werden .... und damit die Prophylaxis des Kindbettfiebers auch 
außerhalb der Gebärhäuser beobachtet werde, muß in den Eid . . . der 
Medizinal Individuen männlichen und weiblichen Geschlechtes bei Ge- 
legenheit ihrer Diplomierung .... aufgenommen werden, daß sie 
schwören, alles das auf das gewissenhafteste zu befolgen, was die 
Prophylaxis des Kindbettfiebers vorschreibt." 

Einen großen Raum nehmen die umfangreichen statistischen Ta- 
bellen im Buche ein, mit welchen Semmelweis nachwies, daß 

1. von der Gründung des Wiener Gebärhauses im Jahre 1784 
angefangen bis zum Jahre 1822, d. h. in der vor-anatomischen Zeit, 



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— 159 — 

zumeist weniger als l7o der Wöchnerinnen an Puerperalfieber ge- 
storben war; 

2. vom Jahre 1822 an, d. i. mit dem Beginne der anatomischen 
Richtung der Wiener Schule, die Sterblichkeit plötzlich zunahm und 
sich fortgesetzt auf großer Höhe erhielt; 

3. während der Jahre 1833 bis 1840 auf beiden Abteilungen des 
Wiener Gebärhauses, die damals von Schülern und Schülerinnen in 
gleicher Anzahl besucht wurden, die Sterblichkeit nahezu eine gleich 
hohe war, durchschnittlich 6 bis 77o; 

4. mit der Verweisung der Schüler auf die 1., der Schülerinnen 
auf die 2. Abteilung aber sofort ein Unterschied in der Sterblichkeit 
auftrat, nämlich während der Jahre 1841 bis 1846 auf der Ärzteklinik 
9-927o» auf der Hebammenklinik 3'387o im Durchschnitt; 

5. in den Londoner Gebärhäusern der Gesundheitszustand zur 
selben Zeit ein durchaus verschiedener war, was nicht möglich wäre, 
wenn atmosphärische Einflüsse das Puerperalfieber bedingten; 

6. die Jahreszeiten absolut keinen Einfluß auf die Entstehung des 
Kindbettfiebers haben; 

7. endlich die Mortalität nicht von der Überfüllung abhängt. 
(38 Tabellen!) 

Die zweite Hälfte des Buches ist den Äußerungen seiner Anhänger 
und Gegner sowie der Kritik der letzteren gewidmet. Was die Anhänger 
anbelangt, so spricht er nur von Rokitansky in warmem Tone; 
Hebra, der nur einmal, und Skoda, der mehrmals genannt wird 
rühmt er nirgends als seine Förderer und Gönner. Einleitend sagt er : 

„Es ist zwar wahr, daß meine Lehre so weitläufig wie dieses 
Mal noch nicht erörtert wurde, aber das Wesen der Lehre ist ver- 
öffentlicht worden, .... und man sollte im vorhinein glauben, daß für 
Männer der Wissenschaft, deren Lebenszweck Rettung von Menschen- 
leben ist, solche Andeutungen genügen werden, um zu ernstem Nach- 
denken aufzufordern, .... daß bei der Klarheit der Sache selbe ein- 
stimmig für wahr erklärt und darnach gehandelt werde. 

Die Erfahrung hat uns anders gelehrt . . . ."*) 

Das war eben einer seiner größten Irrtümer, daß er glaubte, das 
Wesen seiner Lehre sei in genügender Weise bekannt gemacht worden. 
Hebra hatte für ihn geschrieben, Skoda für ihn gesprochen; seine 
Reden wurden von einem Schriftführer im Auszug veröffentlicht; immer 
setzte es dabei Irrtümer, die von den Gegnern für seine Anschauung 
gehalten wurden; er selbst hatte nicht eine Zeile geschrieben — und 
das sollte genügen! Semmelweis ist niemals zu der Erkenntnis ge- 
kommen, daß es seine Pflicht gewesen wäre, die von seinen Freunden 
veröffentlichten Irrtümer öffentlich richtig zu stellen. 

Er übersah diese Irrtümer völlig und wurde sich niemals bewußt, 
welch Unheil dieselben in den Köpfen anrichteten. Und sehr spät 
dämmerte in ihm die Erkenntnis einer Verpflichtung gegenüber der 



•) Ätiologie, p. 273, 274. 



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— 160 -- 

Menschheit, seine Erfahrungen und Gedanken über Ursache, Wesen und 
Verhütung des Kindbettfiebers seinen Zeitgenossen selbst mitzuteilen. 
Er hielt seine Fachgenossen für Seinesgleichen, die, nun einmal auf- 
merksam gemacht, dasselbe sehen, beobachten und denken müßten wie 
er. In seiner Bescheidenheit glaubte er, ein jeder müsse nun über die 
Sache so klar denken, wie sie ihm klar geworden sei. Erst das An- 
wachsen der gegnerischen Stimmen belehrte ihn, daß er von seinen 
Zeitgenossen geringer denken müsse, und erst das Fortwüten der 
Seuche in den verschiedenen Gebärhäusern Europas erweckte in ihm 
das Gefühl der Verantwortlichkeit. Er allein war, wie er staunend 
bemerkte, im Besitze einer Wahrheit. Er mußte sie künden, um das 
gebärende Geschlecht vor weiterem Unheil zu bewahren. Er mußte 
seine Gegner belehren, überzeugen. 

Aber wie kam es, daß so viele Gelehrte die ihnen vorgehaltene 
Wahrheit durchaus nicht sehen wollten? 

„Wenn wir uns um die Ursachen umsehen, welche es machen, 
daß Männer der Wissenschaft sich so hartnäckig der Wahrheit wider- 
setzen; daß Männer, deren Lebenszweck ist, Menschenleben zu retten, 
so hartnäckig einer Lehre anhängen, welche ihre Pflegebefohlenen zum 
Tode verurteilt, und diejenige, welche selbe zu retten lehrt, angreifen, 
so werden wir deren sehr viele finden; .... 

Zwei Ursachen sind aber, welche der praktischen Verbreitung 
meiner Lehre hinderlich sind, die wir nennen wollen, weil wir in der 
Lage sind, dagegen etwas zu tun. 

Die eine ist die für reine Wahrheitsliebe zeugende Gewohnheit 
meiner Gegner, in ihren Angriffen sich immer wieder auf Gegner zu 
berufen, ja sogar die Wahrheit zu verleugnen." 

»Die zweite Ursache sind die vielen Einwendungen, die 

man dagegen erhoben hat, und ich gestehe, daß es mir begreiflich ist, 
daß Vielen diese Einwendungen imponieren^ und es gehört wirklich die 
Begeisterung für die Sache dazu, wie ich sie besitze, und das Vertrautsein 
mit der Sache, wie ich es bin, um immer zu merken, wo der Irrtum 
stecktj der sich als Wahrheit repräsentiert. So wie wir alles das, was 
zu unseren Gunsten gesagt wurde, hier zusammenstellen werden, mit 
noch größerer Gewissenhaftigkeit werden wir alles anführen, was gegen 
uns gesagt wurde; wir werden aber die Antwort nicht schuldig bleiben, 
obwohl wir wissen, daß wir dadurch das Odium so zahlreicher Fach- 
genossen auf uns laden. Wir werden uns trösten mit dem Bewußtsein, 
daß unsere Erwiderung nicht Zweck, sondern nur ein nicht zu umgehendes 
Mittel ist, um Gott weiß wie viele Arzte der Wahrheit zuzuführen, welche 
zum Nachteile der Menschheit durch die Sirenenklänge meiner Gegner 
im Irrtum erhalten werden."*) 

Die Überzeugung von der Wahrheit seiner Lehre gibt ihm den 
Mut, allein gegen die gesamte medizinische Welt aufzutreten: 



*) Ätiologie, p. 276, 276. 



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— 161 — 

^Überzeugende Kraft hat nur die Wahrheit und eine medizinische 
Fakultät hat nur überzeugende Kraft, wenn selbe die Wahrheit lehrt, 
und alle medizinischen Fakultäten der Welt zusammengenommen haben 
für mich keine überzeugende Kraft, insofeme selbe Irrtümer lehren 

ich sage allen medizinischen Fakultäten der Wek, ihr lehrt Irrtum, 

wenn ihr etwas anderes lehrt, als daß das Puerperalfieber in allen 
Fällen ein Resorptionsfieber sei.'**) 

Und wie er vor der Gesamtheit seiner medizinischen Widersacher 
nicht zurückweicht, so schreckt ihn auch einzeln kein Gegner, und 
wäre es ein noch so berühmter Mann; er kritisiert ihn schonungslos 
wie jeden Geringen neben ihm. Da wirft er Vir c ho w vor, ein so schlechter 
Beobachter zu sein, ,,daß er als pathologischer Anatom selbst im Jahre 
1858 noch immer nicht die Symptome eines Resorptionsfiebers in dem 
Leichenbefunde der am Kindbettfieber verstorbenen Wöchnerinnen er- 
kennt." Virchow, welcher seine Lehre nicht angegriffen, weil er die- 
selbe in seiner Überhebung vornehm ignoriere, sei der Ansicht, mangel- 
hafte Kontraktion des Uterus könne das Puerperalfieber erzeugen. Um 
eine gute Kontraktion hervorzurufen, dazu gehöre nach Virchow „aller 
Wahrscheinlichkeit nach ein besonderer Nerveneinfluß .... Sollte es 
sich nicht auf diese Weise erklären, daß gerade bei heimlich Gebärenden, 
bei denen eine so große Aufregung des Nervenapparates stattfindet, 
so selten gefährliche Zustände eintreten, während wir sie ... in über- 
füllten Gebäranstalten unter miasmatischen Einflüssen so oft erfolgen 
sehen?" Senmielweis macht sich lustig über diese leere Spekulation 
Virchow's, der einst gesagt hatte: „Die Naturforschung kennt keiner- 
lei Schreckbild, als den Kerl, der spekuliert!" Zum Schlüsse weist er 
hin auf seine 823 Schülerinnen — von seinen Schülern gar nicht zu 
sprechen — , welche als Hebammen die geburtshilfliche Praxis in Un- 
garn ausüben und „bessa* vnssen als Virchow, was zu tun, um nicht 
gleichzeitig Puerperalfieber zu haben, wenn Kranke mit erysipelatösen, 
croupösen, jauchigen und eitrigen Entzündungen ihrer Pflege anvertraut 
werden; und welche, aufgeklärter als die Mitglieder der Gesellschaft 
für Geburtshilfe in Berlin, Virchow auslachen würden, wenn er ihnen 
einen Vortrag über epidemisches Puerperalfieber halten würde".**) 

Mit dieser unerhörten, rücksichtslosen Offenheit und Geradheit 
sagt Semmelweis der Reihe nach jedem seiner Gegner seine Meinung 
rund heraus und beleuchtet ihre Worte und Taten. Seinen Feinden 
gegenüber zieht er die persönlichen Momente ans Tageslicht, welche 
diese veranlaßt haben, ihn zu bekämpfen. Man hat ihm diese scharfen 
Ausfälle, diese schonungslose Polemik niemals verziehen. Aber hatte 
man ein Recht, ihm deshalb Vorwürfe zu machen? Wer ist zu ver- 
urteilen, derjenige, welcher die Gehässigkeit seiner Feinde mit derben, 
wahren Worten kennzeichnet, oder wer seine Perfidie hinter glatten 
Wendungen zu verbergen weiß? Die törichte Welt verurteilt immer 



♦) Ätiologie, p. 349. 
**) Ätiologie, p. 468 biß 477. 
Y. Waldheim, Ignaz Philipp Semmel weis. 1 1 



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-- 162 - 

ersteren. Semmelweis hatte bisher keinen Gegner beleidigt, er hatte 
immer sachlich gesprochen. Und doch waren eine ganze Reihe von 
Fachgenossen aus rein persönlichen Gründen, die oft nicht einmal 
Semmelweis' Person betrafen, gegen ihn aufgetreten und hatte ihn 
mit den verwerflichsten Mitteln bekämpft. Sollte Semmelweis nicht 
das Recht haben, das Treiben dieser „Kollegen" aufzudecken? 

Aus der Polemik gegen Scanzoni, die nicht weniger als 100 
Seiten umfaßt, seien hier einige bezeichnende Stellen hervorgehoben. 

Scanzoni hatte sich bekanntlich gerühmt, als Erster Skoda- 
Semmelweis opponiert zu haben. 

„Gewiß, es wird eine Zeit kommen, wo Scanzoni, gelinde ge- 
sprochen, es wenigstens bedauern wird, daß es ihm nicht möglich ist, 
das Faktum aus dem Oedächtnisse der Menschen zu verwischen^ daß er 
der Erste war, welcher sich meiner Lehre . . . widersetzt. 

Gewiß, Scanzoni wird nie und nimmermehr einen Ehrenplatz in der 
Geschichte des Puerperalfiebers einnehmen^ und zwar nicht deshalb, weil 
er mir opponiert, sondern deshalb, weil er mir so opponiert, wie er 
eben opponiert hat .... der Zweck seiner Opposition . . war, immer 
selbst Recht zu haben, , . . daß es ihm nicht darauf ankam, die Wahr- 
heit zu verleugnen, um diesen Zweck zu erreichen."*) 

„Was Scanzoni über die Formen des Puerperalfiebers . . sagt, 
kann man zwar in vielen Lehrbüchern der Geburtshilfe lesen, aber in 
der Natur nicht beobacJUen.^ **) 

„Wenn ich mir in meiner Phantasie vergegenwärtige, was denn 
geschehen wäre, wenn das Schicksal diesen Kandidaten der Chirurgie ***) 
in Ihre Stellung, Herr Hofrat, gebracht hätte, so glaube ich, daß die 
Gauen Deutschlands weniger widei'hallen icürden vom Stöhnen der am Kind- 
bettfieber sterbenden Wöchnerinnen, erzeugt durch Ihre Schüler und 
Schülerinnen, die Sie aus der Prager und Würzburger geburtshilflichen 
Lehranstalt als so kolossale Ignoranten . . . ins praktische Leben ge- 
sendet haben .... was Sie, Herr Hofrat, als praktischer Arzt an der 
Menschheit gefrevelt, .... das schweigt in der Stille des Grabes . . . 

Und je länger ich über Ihre Wirksamkeit als Kliniker zu Würz- 
burg nachdenke, desto möglicher scheint es mir, daß Ihre Opposition 
gegen mich nicht so sehr aus Ihrer Unwissenheit ... als vielmehr aus 
bösem Willen entspringt, denn Sie haben . . . innerhalb sechs Jahren 
. . . nur 20 am Kindbettfieber verloren ... es steht Ihre Sterblich- 
keit zur Sterblichkeit Kiwisch's wie 20 Tote zu 432 Toten. 

Herr Hofrat sind der Welt Rechenschaft schuldig, wieso es kommt, 
daß Sie durch sechs Jahre einen so günstigen Gesundheitszustand . . . 
hatten . . . sind Herr Hofrat . . . privative ein so glücklicher Beobachter meiner 
Lehren und nur öffentlich mein Gegner? . . . unter welcher Maske haben 
Sie denn meine Lehren in das Würzburger Gebärhaus eingeschmuggelt 
...?... leben Herr Hofrat in der Überzeugung, daß Sie nur glänzen, 



*) ÄUologle, p. 397. 
♦♦) Ätiologie, p. 365. 
***) Joseph Steiner, dessen Brief oben wiedergegeben. 



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— 163 — 

wenn es rings um Sie finster ist? . . . Bauen Sie Ihre Größe, Herr 
Hofrat, auf die Verdummung derer, die bei Ihnen Belehrung suchen, 
dann bauen Sie Ihre Größe auf die Leichen jener unglücklichen Wöch- 
nerinnen, welche von denen, die Sie verdummt haben, in den Tod ge- 
stoßen worden. 

Sollte auch die menschliche Gerechtigkeit einem solchen unheil- 
schwangeren Gebahren gegenüber sich indolent verhalten, der gött- 
lichen Gerechtigkeit werden Sie, Herr Hof rat, nicht entgehenj^*) 

Gegenüber Kiwisch, der vor lauter Hirngespinnsten die Wirklich- 
keit nicht sehen konnte, führt Semmelweis folgende Anekdote an: 

^Es wollte einmal ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher 
sich die Idee des Löwen verschaffen. 

Was tut der Engländer? er unternimmt eine Reise nach Afrika 
und holt sich dort die Idee des Löwen, der Franzose geht in den 
Pflanzengarten, . . . was tut der Deutsche? der Deutsche sperrt sich 
in seine Studierstube ein, setzt sich an den Schreibtisch und konstruiert 
aus sich heraus die Idee des Löwen."**) 

Gegenüber Scanzoni und Silberschmidt: 

„Du lieber Gott, wann wird das Puerperalfieber aufhören über 
ganze Länderstrecken verbreitet vorzukommen, wenn durch solch eine 
gewissenlose unredliche Opposition die über Länderstrecken verbrei- 
teten Medizinalindividuen verdummt werden?"***) 

Zu den Verhandlungen der Pariser Akademie der Medizin vom 
Jahre 1858: „das dürre Stroh, was dabei zutage gefördert wurde, 
wollen wir ungedroschen lassen, Kömer sind nicht herauszu- 
klopfen."!) 

Zu Dubois: „Und von diesem gewissenlosen Menschen wird die 
französische Geburtshilfe beherrscht. 

Arme Menschheit, wem vertraust du dein Leben an?''tt) 

Gegenüber C. Braun, der ihm zum Vorwurf machte, daß er sich 
auf die Vergangenheit stütze und daraus sehr kühne Schlüsse ziehe: 

„In welche Barbarei würde das Menschengeschlecht versinken, 
wenn die Vergangenheit für folgende Generationen verloren wäre! 
Kann eine Generation die Schiffahrt erfinden und einen Great-Eastern 
bauen? Wie viele Generationen mußten sich abmühen, bis man es zu 
Lokomotiven brachte, welche den Semmering befahren '."ftt) 

Gleich diesen schwungvollen Äußerungen finden sich in dem Buche 
noch zahlreiche andere, welche von der Phantasie, Sprachgewalt und 
Gemütstiefe ihres Urhebers Zeugnis geben. 

Er spricht von anderen Ländern, in denen „die anatomische 
Richtung der Medizin noch nicht die Triumphe gefeiert, welche den 



♦) Ätiologie, p. 413 bis 417. 

♦*) Ätiologie, p. 431. 

♦♦♦) Ätiologie, p. 436. 

t) Ätiologie, p. 457. 

tt) Ätiologie, p. 459. 

ttt) Ätiologie, p. 497. 

11* 



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— 164 — 

Stolz der Wiener Schule und das Unglück des Wiener Gebärhauses 
bilden. "•) 

^Konsequent meiner Überzeugung muß ich hier das Bekenntnis 
ablegen, daß nur Oott die Anzahl derjenigen kennt, welche toegen mir 
frühzeitig ins Orah gestiegen. Ich habe mich in einer Ausdehnung mit 
Leichen beschäftigt, wie nur wenige Geburtshelfer. Wenn ich dasselbe 
von einem anderen Arzte sage, so beabsichtige ich bloß eine Wahrheit 
zum Bewußtsein zu bringen, welche, zum namenlosen Unglücke für 
das Menschengeschlecht, doch so viele Jahrhunderte nicht erkannt 
wurde. So schmerzlich und erdrückend auch eine solche Erkenntnis 
ist, so liegt die Abhilfe doch nicht in der Verheimlichung und soll 
dies Unglück nicht permanent bleiben, so muß diese Wahrheit zum 
Bewußtsein sämtlicher Beteiligten gebracht werden/ **) 

„Wahrlich, es zeugt von der Gedankenlosigkeit, mit welcher die 
Ätiologie des Kindbettfiebers behandelt wurde, wenn man den Indi- 
viduen, welche früher als so verworfen geschildert wurden, nun wieder 
eine Zartheit des Schamgefühls zugesprochen findet, wie es in den 
hohen und höchsten Kreisen nicht vorkommt; die Geburten gehen in 
den hohen und höchsten Kreisen in Gegenwart von Ärzten vor sich 
und doch sterben die Entbundenen dieser Kreise nicht in dieser An- 
zahl an Kindbettfieber infolge des verletzten Schamgefühls, wie die 
so verworfen geschilderte Bevölkung der Gebärhäuser. "*•*) 

»Der Erfolg der Chlorwaschungen ist . . . der Fels, an dem meine 

Gegner zerschellen." f) 

Nach Berechnung der 6240 verhütbaren Todesfälle, welche, abge- 
sehen von den sterbenden Transferierten und septischen Eandern^ an 
beiden Abteilungen des Wiener Gebärhauses innerhalb 26 Jahren vor- 
gekommen, ruft er aus: 

„Wahrlich, meiner Hand würde die Feder entgleiten bei Konsta- 
tierung eines so immensen Unglückes, .... wenn mir nicht die Über- 
zeugung Kraft geben würde, daß infolge dieser Schrift früher oder 
später dieses Unglück aufhören wird^ft) 

«Dadurch, daß ein Blinder die Farben nicht sieht, ist . . die Nicht- 
existenz der Farben nicht bewiesen." ftt) 

„Daß sich meine Ansicht in ihrer praktischen Anwendung in 
Wien während meiner Dienstzeit bestätigte, das ist ein exjoig wahres 
Faktum] .... 

Was in Wien wahr ist, ist in der ganzen Welt wahr, und wenn die 
Wahrheit, welche in Wien zur Geltung gebracht werden konnte, anders- 
wo nicht zur Geltung gebracht werden kann, so ist dadurch die Wahr- 
heit nicht zur Lüge geworden, sondern derjenige, welcher die Wahr- 



*) Ätiologie, p. 201. 

♦♦) Ätiologie, p. 66. 

*♦*) Ätiologie, p. 261. 

t) Ätiologie, p. 326. 

tt) Ätiologie, p. 382. 

ttt) Ätiologie, p. 427. 



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— 165 — 

heit nicht zur Geltung bringen konnte, hat seine Unfähigkeit be- 
wiesen. 

Hat Auenbrugger oder haben die Zeitgenossen Auenbrugger's 
sich ah unfähig bexoiesen, weil Auenbrugger eine allgemeine Anwen- 
dung der Perkussion nicht erlebt?''*) 

Geradezu ergreifend wirkt das Nachwort. 

„Daß es nicht Zanksucht ist, welche mir diese Polemik diktiert, 
dafür kann ich, als auf einen voUgiltigen Beweis, auf mein vieljähriges 
Schweigen deuten. 

Aber der unbefangene Leser wird aus der Opposition, welche ich 
ihm vorzuführen Gelegenheit hatte, nicht nur die Überzeugung ge- 
schöpft haben, daß die Zeit des Schweigens vorüber sei, sondern er 
wird sich zugleich auch davon überzeugt haben, daß es meine Pflicht 
und mein Recht toar, so zu polemisieren, wie ich eben polemisiert habe. 

Wann ich mit meiner gegenwärtigen Überzeugung in die Ver- 
gangenheit zurückblicke, so kann ich die Wehmut, die mich befällt, nur 
durch einen gleichzeitigen Blick in jene glückliche Zukunft verscheuchen, 
in welcher in- und außerhalb der Gebärhäuser in der ganzen Welt nur 
Fälle von Selbstinfektion vorkommen werden. Im Vergleiche mit diesen 
beiden ungeheuren Zahlen ist die Zahl derjenigen, welche mir und 
denen, welche meine Lehre befolgen, bis jetzt schon zu retten gelungen 
ist, verschwindend klein. 

Sollte es mir aber, was Gott verhüten möge, nicht gegönnt sein, 
diese glückliche Zeit mit eigenen Augen zu schauen, so wird die 
Überzeugung, daß diese Zeit früher oder später nach mir unaufhaltsam 
kommen muß, noch meine Todesstunde erheitern." 

Schon Brück (p. 84) bemerkte mit Recht, Semmel weis hättö 
besser daran getan, seinen Gegnern zum Rückzuge goldene Brücken 
zu bauen. Nichts lag ihm ferner! In solcher Stimmung schrieb er sein 
Buch nicht. Er suchte ihnen vielmehr jede Möglichkeit eines Rückzuges, 
eines Ausweges, einer Ausrede zu nehmen. Unser guter Semmelweis! 
War er noch derselbe von 1847? Nein, die Bosheiten der Feinde hatten 
aus dem gutmütigen, lebensfrohen Menschenfreunde einen grimmigen 
Hasser gemacht! Zu Boden schmettern wollte er sie. Sie sollten sich auf 
Gnade und Ungnade ergeben, sollten eingestehen: wir haben geirrt 
und Semmelweis hat Recht. Taten sie es nicht, dann sollten sie sich 
nur weiter ins Unrecht setzen, im Sumpfe des Irrtums und der Lüge 
immer tiefer sinken. Naturgemäß stieg im Laufe des polemischen 
Kampfes, den er führte, seine Erbitterung; naturgemäß vollzog sich 
hierbei auch eine andere Wandlung in ihm. Ehedem hatte er vor 
seinen Gegnern Respekt gehabt, hatte ihnen zumindest dieselben 
Fähigkeiten zugetraut, die er selbst besaß. Nun lagen sie zu seinen 
Füßen in ihrer ganzen Jämmerlichkeit! Die einen oberflächlich, un- 
wissend, aber schnell fertig mit ihrem vernichtenden Urteile; andere 
unfähig, zu beobachten; diese unfähig, das Beobachtete richtig zu 



*) Ätiologie, p. 525. 



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— 166 — 

deuten; jene endlich fähig und unterrichtet, aber ehrgeizig, eitel, 
neidisch, daher böswillig. Vor diesen Leuten hatte er Respekt gehabt! 
Welch blühenden Unsinn hatten diese Hofrate und Geheimen Medizinal- 
räte über das Kindbettfieber zusammengeschrieben ! Er wußte es besser 
als sie alle, er allein! Er allein hatte die ganze Wahrheit entdeckt und 
erfaßt! So notwendig er zu dieser Erkenntnis seiner Oberlegenheit 
kommen mußte, so notwendig war es, daß diese Erkenntnis sein Selbst- 
bewußtsein ungeheuer heben mußte. Deutlich läßt sich dies wachsende 
Hochgefühl in seinem Werke verfolgen. In der Einleitung zur Polemik*) 
sagt er noch ganz bescheiden: 

^Wir wollen . ., obwohl uns das Sprichwort »propria laus sordet" 
wohl bekannt ist, dennoch hier alles zusammenstellen, was zugunsten 
meiner Lehre gesagt wurde, um die Folgen der Verschwiegenheit meiner 
Gegner zu paralysierend Hier dünkt es ihn schon Eigenlob, wenn er 
nur die Stimmen seiner Anhänger anführt. Aber im Laufe der Polemik 
vergißt er dies und glaubt, er habe sich vorgenommen, sich selbst zu 
loben. So ruft er Scanzoni**) zu: 

„Sie wissen ja, Herr Hofrat, daß ich mir vorgenommen^ mich selbst 
zu loben, weil es meine Gegner nicht tun; in meinem Selbstlobe gehe 
ich so weit, zu behaupten, daß, die Kuhpockenimpfung Jenner's aus- 
genommen, es in der gesamten Medizin nichts Drittes gibt, welches 
geeignet wäre, durch Verhütung einer Krankheit so zahlreiche Menschen- 
leben zu retten, als meine Lehre über die Verhütung des Kindbett- 
fiebers." 

Auch von seiner Lehre spricht er, je mehr das Werk zu Ende 
gedeiht, mit inmier stärkerem Hochgefühl, so von „dem wahren Schluß- 
stein aller Forschungen über die Pathologie des Puerperalfiebers, 
nämlich meiner Pathologie" ***) und ganz zuletzt von der von ihm ent- 
deckten „eiaig wahren Ätiologie des Kindbettfiebers". f) 

Von besonderer Wichtigkeit sind alle Aussprüche Semmelweis' 
über Chirurgie. 

„Der Anatom, der Chirurg, die an chirurgischen Abteilungen 
operierten männlichen und weiblichen Individuen befinden sich nicht 
im puerperalen Zustande, und doch ei^kranken selbe, icenn bei ihnen 
ein deletärer Stoff resorbiert wird, an derselben Krankheit" ft) 

Zum Kindbettfieber, zur Pyämie prädisponiert „aUes das, was 
eine resorbierende Fläche für den zu resorbierenden deletären Stoff 
schafft. Hierher gehört die Schwangerschaft, . . . weil die innere Fläche 
der Gebärmutter der Schleimhaut verlustig wird; . . . der Stich bei 
Anatomen und Chirurgen, . . . die durch eine Operation gebildete Wund- 
fläche . . ."ttt) 

276. 
409. 



*) Ätiologie, p. 

♦*) Ätiologie, p. 4UV. 

♦♦*) Ätiologie, p. 408. 

t) Ätiologie, p. 484. 

ft) Ätiologie, p. 369. 

ttt) Ätiologie, p. 360. 



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- 167 - 

,Bei Anatomen, bei Chirurgen, bei Operierten an chirurgischen 
Abteilungen^ bei Neugeborenen, die an Pyämie sterben, findet sich eine 
identische Blutmischung wie beim Puerperalfieber."*) 

„Ich habe durch 6 Jahre . . eine gynäkologische Abteilung geleitet, 
jedoch zu einer Zeit, wo ich schon vmßte, was zu tun, um keine Ver^ 
anlassung zu Infektionen zu gd)en • ." **) er konnte daher über Pyämien 
auf Frauenabteilungen keine Erfahrungen sammeln. 

,Ich nehme während der 5 Jahre, seit ich Professor bin, alle mit 
Oebärmutterpolypen sich meldenden Kranken auf, ich habe in der 
Privatpraxis oft Gelegenheit, Gebärmutterpolypen zu operieren, ich 
habe diese namhafte Zahl Polypen . . . alle durch die Excision entfernt, 
ich habe nicht nur keinen einzigen Todesfall zu beklagen, ich habe selbst 
nicht eine einzige bedeutendere Erkrankung nach der Excision gesehen, 
obwohl darunter auch Polypen waren mit handtellerbreitem Stiele, und 
diesen günstigen Erfolg schreibe ich nur dem Umstände zu, daß ich 
mit reinen Händen operiere.^***) 

Bei anderen Gynäkologen dagegen sah es traurig aus! „Wie be- 
klagenswert auch die in gynäkologischen Abteilungen verpflegten Indi- 
viduen sind, das verkünden die Berichte .... wie oft sterben solche 
Individuen an Pyämie vor der Opei'otion, wie oft . . . selbst nach Ex* 
zisionen.^ i[) 

Semmelweis stand also damals bezüglich der chirurgischen Ope- 
.rationen auf folgendem Standpunkte: Durch Operationen schafft man 
Wundflächen, welche als rasch resorbierende Flächen eine Prädis- 
position zur Pyämie geben. Gelangt auf die Wundfläche ein deletärer 
Stoff, so wird er daselbst resorbiert und es kommt zur Blutentmischung, 
zur Pyämie. Um zu solchen Infektionen keine Veranlassung zu geben, 
muß man mit reinen Händen operieren, d. h. man muß Hände, Instru- 
mente etc., sofeme sie Träger deletärer Stoffe sind oder sein können, 
vor der Operation durch Chlorkalklösung desinfizieren. Seine Hände 
scheint Semmelweis aus Vorsicht stets desinfiziert zu haben und der 
Erfolg war recht ermunternd. Während die Patientinnen seiner Kollegen 
nach Operationen sehr häufig an Pyämie zugrunde gingen, hatte er 
niemals einen Todesfall zu beklagen. 

Es erscheint heutzutage fast unbegreiflich, daß diese Erfolge von 
Semmelweis die Chirurgen nicht veranlaßten, seine Methode nachzu- 
ahmen. Selbst in seinem engeren Freundeskreise fand Semmelweis keine 
Beachtung! Der Pester Professor der Chirurgie, v. Balassa, der von 
seinen Zeitgenossen als so tüchtig und hervorragend geschildert wurde, 
fand es nicht der Mühe wert. Semmelweis' Antiseptik zu erproben. Bei 
solcher Verblendung selbst der führenden Geister war natürlich ein 
Weiterausbau der genialen Lehre ausgeschlossen und ihr Schöpfer 
hatte keine Zeit, sich mit derselben weiter zu befassen. Sie erschien 



*) Ätiologie, p. 370. 

♦♦) Ätiologie, p. 427. 

♦♦♦) Ätiologie, p. 428. 

t) Ätiologie, p. 428. 



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— 168 — 

ihm nebensächlich gegenüber seiner Lehre von der Ätiologie des Kind- 
bettfiebers. Hätte er nicht sein Leben lang für letztere kämpfen müssen, 
er hätte gewiß die Einführung seiner Antisepsis auch in der Chirurgie 
erzwungen. Daß die allgemeine Antisepsis nicht von Österreich-Ungarn 
ihren Ausgang genommen hat, das danken wir seinen Feinden. 

Bezeichnend für seine krankhafte Verbitterung gegen Wien ist» 
daß er in dem Buche seiner edlen, weitblickenden Gönner Skoda und 
Hebra nicht mit einem Worte des Dankes gedenkt. Er preist nur die 
«Güte des Professors Rokitansky, dessen Freundschaft ich mich 
rühmen konnte und gegen welchen ich hier abermals meine Dankbar- 
keit erkläre."*) Mit Skoda war der Bruch seit 1860 vollständig, mit 
Hebra aber war er keineswegs verfeindet. 

Wie aus den verschiedenen Zeitangaben, die im Buche enthalten 
sind, hervorgeht, wurde dieses im Laufe von vier Jahren, von 1867 
bis 1860, niedergeschrieben. Daß es nicht aus einem Gusse ist, erkennt 
man auch sofort an der verschiedenen Ausdrucksweise. Wahrscheinlich 
wurden auch ältere Aufzeichnungen aus den vierziger Jahren zum 
Teile verwendet Dafür spricht der anfängliche Ausdruck „Resorption 
eines faulen tierisch-organischen Körpers",**) während er sonst durchwegs 
von „zersetzten tierisch-organischen Stoffen'' redet. Auf Seite 63 ist er nicht 
in der Lage, angeben zu können, in welchem Jahre die Trennung des 
Wiener Gebärhauses in zwei Abteilungen erfolgte; auf Seite 138 weiß 
er es: 1833. Auf Seite 64 verfügt er noch nicht über die Daten des 
Wiener Gebärhauses bezüglich der Jahre 1833 bis 1840, auf Seite 139 
hat er sie in Händen. Originellerweise läßt er ersteren Text unver- 
ändert und schreibt: „Ich bedauere, daß ich so spät zur Kenntnis dieser 
Tabelle gelangt bin, daß ich selbe nicht benutzen konnte an der Stelle, 
wo ich derselben das erste Mal bedurfte. Der Leser wolle daher von 
Zeile 11 angefangen die Seiten 63 und 64 nochmals lesen." 

Einerseits direkte Zeitangaben, anderseits die verschiedene Aus- 
drucksweise, die in den Jahren 1857 und 1858 ruhig und klar war, 
1869 und 1860 aber heftig, pathetisch wurde und sich in endlosen 
Wiederholungen gefiel, ermöglicht es, genau oder ungefähr zu be- 
stimmen, wann die einzelnen Kapitel verfaßt wurden. Das Vorwort 
dürfte Anfang 1860 entstanden sein, das erste Kapitel, dem die Über- 
schrift fehlt, im Jahre 1857, „Begriff des Kindbettfiebers" und „Prophy- 
laxis des Kindbettfiebers" — die klarsten Kapitel des ganzen Buches 
— im Jahre 1858, der polemische Teil („Korrespondenzen und Stimmen 
in der Literatur für und gegen meine Lehre") 1859, „Ätiologie", „En- 
demische Ursachen des Kindbettfiebers ** und „Nachwort" erst 1860. 
In diesem Jahre, da er durch die Polemik sich in hochgradige Erre- 
gung hineingeschrieben hatte, ordnete er das ganze Material, fügte die 
Teile zusammen und füllte noch rasch die Lücken aus — leider nicht 
zum Vorteil für sein Werk. Seine Ruhe war dahin und in seiner Auf- 
regung vermochte er die große Arbeit nicht mehr zu übersehen. So 



*) Ätiologie, p. 72. 
♦*) Ätiologie, p. 66. 



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— 169 — 

kam er zunächst zu keiner klaren, vernünftigen Disposition. Das erste 
Kapitel blieb, wie erwähnt, ganz ohne Überschrift. Es enthält bis p. 52 
eine Ejritik der bisher giltigen Ätiologie des Puerperalfiebers, in der 
zweiten Hälfte eine Beschreibung seiner Entdeckungen in Wien, statistische 
Tabellen über die Geschichte des Wiener Gebärhauses, welche die 
Richtigkeit seiner Entdeckung beweisen, die Erklärung aller bisher 
rätselhaften Erscheinungen durch seine Entdeckung und schließlich 
einen Bericht über seine Schicksale, seine Tätigkeit in Pest. Für dieses 
Konglomerat ließ sich freilich ein gemeinsamer Titel schwer finden. 
Zwischen das nächste treffliche Kapitel „Begriff" und das nicht minder 
treffliche „Prophylaxis des Kindbettfiebers" fügte er gegen Schluß der 
Arbeit zwei neue Kapitel ein, welche den bisher ziemlich guten Aufbau 
des Werkes ganz zerstörten. Besonders das lange Kapitel , Ätiologie" 
erwies sich als ein selbst für geduldige Leser schwer verdauliches 
Ungetüm. Es enthält nochmals eine Bekämpfung der bisher giltigen 
Ätiologie, nochmals eine Darlegung seiner Lehre, welche durch neue 
Beweise, nämlich durch die Statistiken der Wiener Zahlabteilung, der 
Geburtshäuser von Paris, Straßburg, London, Dublin und Edinburg 
sowie durch die Geschichte des Puerperalfiebers überhaupt gestützt 
wird; es enthält aber auch Briefe von Stoltz, Wieger und Micha- 
elis, Arbeiten von Chiari und Michaelis sowie Polemiken gegen 
Stoltz, Birly, Litzmann und die Engländer, was alles von Rechts 
wegen zu den späteren „Korrespondenzen und Stimmen" gehörte. Die 
Sprache ist lehrhaft, pathetisch. Endlose Wiederholungen des schon 
zehnmal Gesagten stellen den Leser auf eine harte Probe. 

Dieselbe Sprache findet sich im nächsten Kapitel , Endemische 
Ursachen des Kindbettfiebers." Es enthält eine Menge neuer Tabellen, 
welche beweisen, daß die Überfüllung an sich das Puerperalfieber in 
den Gebärhäusern nicht hervorruft, und widerlegt dann nochmals die 
bisher angegebenen endemischen Ursachen. Nur die Bemerkungen über 
Puerperalmiasma sind neu. Die ganze zweite Hälfte des Buches ist, 
wie erwähnt, den „Korrespondenzen und Stimmen" gewidmet. Aus dem 
Titel geht aber keineswegs hervor, daß im Anschluß an die- 
selben mit den Gegnern gründlich abgerechnet wird. Zum Schlüsse ist 
eine Inhaltsangabe beigefügt, welche so verfaßt ist, daß sie die schon 
bestehende Unordnung und Verwirrung nur vermehrt. Die einzelnen 
Kapitelüberschriften erscheinen nicht hervorgehoben, sondern in gleichem 
Druck und an derselben Stelle, wie die Inhaltsangaben einzelner Seiten, 
so daß man über die allgemeine Disposition des Werkes keinen Über- 
blick gewinnen kann. Dabei sind stellenweise unrichtige Angaben. Zwei- 
mal z. B., p. 4 und 10, steht: „Nicht durch endemische Einflüsse" — zu 
ergänzen: kann das Plus der Sterblichkeit erklärt werden. Tatsächlich 
soll es aber heißen: für p. 4 „nicht durch epidemische Einflüsse", 
und für p. 10 „nicht durch die bisher angegebenen endemischen Ein- 
flüsse." Unter den „Stimmen" sind Crede und Veit im Inhalte nicht 
angegeben. 

Alles in allem ein Werk, das einzelne Schönheiten, zahlreiche 
treffliche Ausführungen enthält und den Kern der Sache in 2 Kapiteln 



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- 170 — 

mit wunderbarer Klarheit schildert, als Ganzes aber als durchaus ver- 
unglückt bezeichnet werden muß. Teils die schon krankhafte Aufregung, 
zum größeren Teil aber gewiß die mangelhafte Gyjnnasialbildung, die 
ungenügende Schulung für schriftliche Arbeiten mögen an der ver- 
fehlten Anlage des Werkes schuld sein. Semmelweis' Abneigung gegen 
das Schreiben hatte seinen guten Grund. Das Schreiben war seine 
schwache Seite; auf diesem Felde fühlte er sich unsicher, fürchtete er, 
jeden Augenblick über Orthographie und Grammatik zu stolpern. Und 
als die unleidliche Lage endlich ihm die Feder in die Hand zwang, 
da ging es denn auch ohne zahlreiche Entgleisungen nicht ab. 

Man merkt aus den lateinischen Zitaten — „propria lans sordet," 
„De mortuis nihil, nisi bene" etc. — daß er das Gymnasium gemacht, 
aber er schreibt auch „eine Conditio sine qua non*', „dieses Testi- 
monium Paupertatis mentis". Er spricht von „indigester Kompi- 
lation", aber auch von „dekomprimierten Exkrementen". Er schreibt 
„Oxilardrüsen," „Resorbtion,** „Douchiren," „post mortam," „Golum- 
bus-Ei,*' „Naturel"; „mag welche immer Krankheit den Tod ver- 
anlaßt haben;" „Der zersetzte Stoff . . . entsteht in ergriffenen In- 
dividuen . . ."; „Resorption des tierisch-organisch faulen Körpers." 
Er macht falsche Interpunktionszeichen: „Obwohl wir . . . empfehlen. 
So können wir uns doch nicht verhehlen . . ."; „ungewamt durch die 
vielen bitteren Stunden, die ich deshalb schon erduldet, die über- 
standenen habe ich verschmerzt, für die mir noch bevorstehenden 
finde ich Trost . . ." Er vergißt oftmals bei Zitaten die Anführungs- 
zeichen, entweder ganz oder am Anfange oder am Ende, oder setzt 
sie seinen eigenen Worten bei, so daß ein wahres Chaos entsteht. 

Kein Wunder, daß der erwartete Erfolg des Werkes gänzlich 
ausblieb. Die Wenigsten hatten den Mut und die Ausdauer, sich durch 
diese 689 Seiten hindurchzuarbeiten; meist legte man es nach kurzer 
Einsichtnahme wieder weg. Nur den polemischen Teil las Freund und 
Feind. Markusovszky, Fleischer, Hirschler, Hebra, überhaupt 
jeder, der es gut meinte mit Semmelweis, bedauerte vom Herzen den 
maßlos heftigen Ton, den er im zweiten Teile angeschlagen hatte. 
Gegner und Feinde aber entrüsteten sich über die ganz unerhörte 
Ausdrucksweise eines Mannes, den man zu solchem Auftreten nicht 
für berechtigt hielt, weil man seine eigentliche Lehre nicht studiert 
hatte und seinen Gemütszustand nicht kannte. Gegner und Feinde 
rächten sich für die Polemik, indem sie das Werk gänzlich tot- 
schwiegen. Nur „Froriep's Notizen"*) feierten Semmel weis' Ent- 
deckung als einen der wichtigsten Fortschritte der Gegenwart und in 
Ungarn vrürdigte Markusovszky im „Orvosi hetilap" des Freundes 
Werk, mit Recht betonend, dem von der Wahrheit durchdrungenen 
Gemüte gebühre ein eben so großer Anteil an dem Werke als dem 
Geiste des Forschers. Fleischer veröffentlichte im „Gyögyaszat" einen 
Auszug aus dem Buche.**) 

•) Nach Brück: II, Nr. 18. 
••) Brück, p. 82. 



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— 171 — 

Semmelweis sendete Exemplare seines Werkes an eine Reihe 
deutscher, französischer und englischer Gesellschaften und Geburts- 
helfer, so an Routh, Webster, Copeland, Simpson, Murphy, die 
Societe de Medicine du departement de la Seine, die Academie des 
Sciences, Academie de Medicine, Societe medicale allemande de Paris 
und die Societe de Chirurgie. 

Der Pester Akademie der Wissenschaften widmete er ein Exem- 
plar mit einem ungarischen Begleitbrief, der übersetzt lautet:*) 

„Hochlöbliche Akademie! 

Die, Kindbettfieber' genannte und von altersher gekannte Erkrankung 
hat im Laufe dieses Jahrhunderts stetig zunehmend die europäischen 
geburtshilflichen Anstalten und deren Inwohner überfallen, die jähr- 
liche Zahl der ihr zum Opfer gewordenen Mütter und Kinder zählt 
nach Tausenden. 

Durch die Gnade der göttlichen Vorsehung ist es mir, dem er- 
gebenst Unterzeichneten, gelungen, den echten Charakter dieser bisher 
als Epidemie aufgefaßten Erkrankung zu entdecken und auf Grund 
dieser meiner Entdeckung zugleich (was die Hauptsache) das Auftreten 
der Krankheit in dem Maße zu verhüten, daß, während früher z. B. 
an der Wiener geburtshilflichen Abteilung die durch das Kindbett- 
fieber erzeugte Mortalität 31% betrug, sie nun überall dort, wo meine 
vorgeschlagenen prophylaktischen Maßregeln eingehalten werden, kaum 
iVo erreicht. Das Schicksal wollte es, daß ich, diese Entdeckung im 
Jahre 1847 machend, als Assistent der Wiener geburtshilflichen Ab- 
teilung, fern von meinem Vaterlande lebte. Dies ist der Grund, daß 
meine Entdeckung deutschen Fachgenossen zuerst vorgelegt wurde. 
Nach meiner Rückkehr in die Heimat habe ich nun meine Erfahrungen 
den ungarischen Fachmännern mitgeteilt, ebenso meine Theorien über 
das Puerperalfieber im hiesigen „Orvosi hetilap" veröffentlicht. 

Während jedoch meine Lehre hier keinem Widerspruch begegnete, 
erfuhr sie in Deutschland mancherlei Angriffe und Entstellungen. 

Die humanitäre Pflicht gebietet mir demnach, diese meine Theorien 
noch einmal zu entwickeln und die Nichtigkeit der dagegen erhobenen 
Einwürfe zu erweisen, was ich in dem beigeschlossenen und mit Rück- 
sicht auf das Publikum, auf welches ich Einfluß zu nehmen gezwungen 
bin, deutsch geschriebenen Werke hiermit vollführte. Wolle die hoch- 
löbliche Akademie dieses Werk als Zeichen der aufrichtigsten Ver- 
ehrung annehmen und Ihrer Bibliothek einverleiben." 

Kein Zweifel, Semmelweis fühlte sich als Ungar, als Sohn der 
ungarischen Nation. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, daß er, 
als Sohn deutscher Eltern, dem deutschen Volke entsprungen ist. Auch 
nichts an der weiteren Tatsache, daß er mit Unrecht Wien und seinem 
Volke grollte. 

Die österreichischen und deutschen Fachzeitschriften gingen über 
das neue Buch, das in medizinischen Kreisen soviel Staub aufwirbelte. 



*) Hueppe, Gedenkrede, Wr. kl. Woch. 1894. 



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— 172 — 

einfach zur Tagesordnung über. Man tat so, als ob nichts sich ereignet 
hätte, und war einfältig genug, zu glauben, daß man auf diese Strauß- 
manier über das Unangenehme der Sache hinwegkommen werde. Man 
hoffte wohl auch, auf diese Weise den Angreifer am empfindlichsten 
zu treffen, und darin täuschten sich die Leute allerdings nicht. Aber 
Semmelweis war nicht in der Stimmung, sich diese gehässige Behandlung 
gefallen zu lassen. Seine Herausforderung an alle seine Feinde war 
offen vor aller Welt ergangen und gerüstet stand er da, jeden seiner 
Gegner, der sich gegen ihn erhob, sofort niederzuschlagen. Die ersten, 
die seine deutschen Hiebe auf ihr Haupt lenkten, waren Spaeth und 
Scanzoni. Letzterer erschien Semmelweis verantwortlich für den Auf- 
satz seines Assistenten Dr. Otto v. Franque »Die puerperalen Erkrankun- 
gen in der Entbindungsanstalt zu Würzburg während der Monate Februar, 
März und April 1859", welcher in Scanzoni's Beiträgen zur Geburts- 
kunde und Gynäkologie vom Jahre 1860 erschien; und Spaeth leistete 
sich in einer Rückschau auf die geburtshilfliche Literatur des ver- 
gangenen Jahres, welche er in dem am 20. März 1861 ausgegebenen 
4. Hefte der „Medizinischen Jahrbücher" veröffentlichte, folgenden Satz: 

„Zum Verständnisse der eigentlichen Wochenbettkrankheiten haben 
Buhl, Martin, Klaproth, Wagner und Förster einen wesentlichen 
Beitrag geliefert durch Bestimmung des Verhältnisses der Salpingitis zur 
Peritonitis." 

Sofort sauste der Donnerkeil nieder. Es erschienen: 

„Zwei offene Briefe an Dr. J. Spaeth, Professor der Geburtshilfe 
an der k.k. Josefs- Akademie in Wien, und an Hofrat Dr. F.W. Scanzoni, 
Professor der Geburtshilfe zu Würzburg." (Pest, 1861.) 

Nach Anführung obiger Äußerung des Professor Spaeth sagte 
Semmelweis darin u. a.: 

„Durch diesen Ausspruch haben Herr Professor mir die Über- 
zeugung verschafft, daß auch Ihren Geist die puerperale Sonne, welche 
im Jahre 1847 in Wien aufgegangen, nicht erleuchtet, obwohl selbe 
Ihnen so nahe geschienen. 

Dieses hartnäckige Ignorieren meiner Lehre, dieses hartnäckige 
Ruminieren von Irrtümern veranlaßt mich, folgende Erklärung ab- 
zugeben : 

Ich trage in mir das Bewußtsein, daß seit dem Jahre 1847 tausende 
und tausende van Wöchnerinnen und Säuglingen gestorben sind, welche 
nicht gestorben wären, wenn ich nicht geschtciegen, sondern jedem Irrtume, 
welcher über Puerperalfieber verbreitet wurde, die nötige Zurecht- 
weisung hätte zuteil werden lassen; und damit Sie sich überzeugen 
können, Herr Professor, daß ich nicht übertreibe, wenn ich von tausenden 
und tausenden verstorbenen Wöchnerinnen und Säuglingen spreche, 
die seit 1847 gestorben, aber gerettet hätten werden können, so erlaube 
ich mir, Ihnen ins Gedächtnis zu rufen, was bloß an der ersten und 
zweiten Geburtsklinik in Wien vom 1. Januar 1849 bis letzten Dezember 
1858 geschehen ist; . . . es sind mithin bloß an den zwei Gratis- 
abteilungen des Wiener Gebärhauses nach dem Jahre 1847 in zehn 



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— 173 — 

Jahren 1924 verhütbare Infektionsfälle von außen vorgekommen, .... 
und an diesem Massacre sind Sie, Herr Professor, beteiligt. Das 
Morden muß aufhörenj und damit das Morden aufhöre, werde ich Wache 
halten, und ein Jeder^ der es wagen wirdf gefährliche Irrtümer über das 
Kindbettßeber zu verbreiten, wird an mir einen rührigen Gegner finden^ 

Für mich gibt es kein anderes Mittel, dem Morden Einhalt zu tun, 
als die schonungslose Entlarvung meiner Gegner, und niemand, der das 
Serz auf dem rechten Fleck hat, vdrd mich tadeln, daß ich dieses Mittel 
ergreife." 

Recht hatte er! 

Franque hatte in dem oben erwähnten Aufsatze mitgeteilt, daß 
in dieser Zeit von 99 Wöchnerinnen 30 an puerperalen Prozessen er- 
krankten, wovon 9 starben. Für diese heftige Epidemie sei kein an- 
derer Grund zu finden, als gewisse atmosphärische epidemische 
Einflüsse, die freilich nicht näher zu bestimmen seien. 

„Von all den Momenten, die als ätiologische für das Puerperalfieber 
angeführt werden, ist keiner, außer dem eben erwähnten, hier in ^Wendung 
zu bringen.^ Miasmatische Einflüsse der Anstalt selbst kämen nicht in Be- 
tracht, denn dieselbe sei neu errichtet, mit den besten Einrichtungen ver- 
sehen und keineswegs überfällt. Ein zweiter Grund, der wohl oft auf das 
bösartige Auftreten von Puerperalfiebern in Gebärhäusem von großem Einfluß 
sei, falle gleichfalls weg, der peinliche Gemütsaffekt nämlich, den die 
vor so vielen männlichen Individuen vor sich gehende Geburt notwendig auf 
die Kreißende haben müsse. Denn während der Epidemie wurden Studierende 
zu den Geburten nicht zugelassen. Auch die Individualität zeigte keinen 
Einfluß; schwächliche und starke Wöchnerinnen wurden befallen. Nachdem 
aber gleichzeitig nicht allein in Würzburg selbst, sondern auch in dessen 
Umgebung puerperale Erkrankungen und Todesfälle und unverhältnismäßig 
viele Blutungen während des Geburtsaktes vorkamen, so dürfte es „wohl 
nicht zu gewagt erscheinen, wenn man zur Erklärung aller dieser Erschei- 
nungen seine Zuflucht zu dem Einflüsse des gerade herrschenden genius 
epidemicus nimmf*. 

Darauf apostrophierte Semmelweis seinen ältesten und hart- 
näckigsten Feind Seanzoni in folgender Weise: 

„Herr Hofrat werden aus meinem Briefe an Professor Spaeth 
entnommen haben, daß ich, um dem Morden ein Ende zu machen, den 
unerschütterlichen Entschluß gefaßt habe, jedem, der es wagt, Irrtümer 
über das Puerperalfieber zu verbreiten, schonungslos gegenüber zu 
treten. 

Infolge dieses Entschlusses werde ich den Aufsatz von Dr. Otto 
V. Franque .... einer Kritik unterziehen. 

Mit Dr. Otto V. Franque kann ich nicht rechten, ich kann Dr. 
Otto V. Franque nur bedauern als einen Betrogenen, welcher in gutem 
Glauben sich alle Ihre Irrtümer und Täuschungen so gründlich ein- 
studiert. 

Die Verantwortung für die Irrtümer ihrer Schüler trifft nur Sie, 
Herr Hofrat; ich habe es daher nicht mit Dr. Otto v. Franque, ich 
habe es nur mit Ihnen, Herr Hofrat, zu tun. — 



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— 174 — 

In diesem Aufsatze lesen wir, daß in der Würzburger Entbin- 
dungsanstalt . . . von ?»9 Wöchnerinnen 30 an puerperalen Prozessen 
erkrankten, wovon 9 starben. 

leb leugne, daß diese Erkrankungen epidemischen Ursprunges 
waren, und behaupte, daß diese Erkrankungen dadurch hervorgerufen 
wurden, daß diesen Individuen auf eine oder die andere Weise zersetzte 
Stoffe von außen eingebracht wurden. 

Daß diese Erkrankungs- und Sterbefälle nicht miasmatischen Ur- 
sprunges in Ihrem Sinne seien, glaube ich auch; denn ein Fuerperal- 
Miasma in Ihrem Sinne existiert nicht, aber auch das Puerperal-Miasma 
in meinem Sinne hat diese Erkrankungen nicht hervorgebracht, weil 
das Puerperal-Miasma in meinem Sinne nur in der Nachgeburtsperiode 
und im Wochenbett infizieren kann; die 30 Erkrankungen aber sind 
Folgen einer Infektion von außen, welche vor da* Austreibungsperiode 
geschah, was die früher erwähnten Anomalien während und nach der 
Geburt und der Umstand beweist, daß die Kinder an einer der Mutter 
ähnlichen Blutentmischung ebenfalls starben. 

Meine Ansicht über das Puerperal-Miasma ist folgende: werden 
die physiologischen Exhalationen der Wöchnerinnen und der Säuglinge 
nicht durch Ventilationen entfernt, so gehen selbe in der Luft suspen- 
diert eine Zersetzung ein, oder werden fertige zersetzte Stoffe von 
kranken Wöchnerinnen exhaliert, so können diese in der Luft suspen- 
diert gehaltenen zersetzten Stoffe nur von der inneren Fläche des 
Uterus durch Resorption aufgenommen werden; das Puerperal-Miasma 
in diesem Sinne kann daher nur in der Nachgeburtsperiode und im 
Wochenbette, wo die innere Fläche des Uterus der mit zersetzten 
Stoffen geschwängerten Luft zugängig ist, Erkrankungen hervorrufen. 

Bei Wöchnerinnen, welche in der Nachgeburtsperiode oder im 
Wochenbette durch in der Luft schwebende zersetzte Stoffe erkrankten, 
bietet die vorausgegangene Geburt nicht die oben erwähnten Ano- 
malien dar; auch die Kinder solcher sterben nicht an Blutentmischung, 
aus dem einfachen Grunde, weil die Blutentmischung bei der Er- 
krankten zur Zeit eintritt, wo die Geburt schon vollendet, wo das Kind 
schon geboren. 

Um zu beweisen, daß die Erkrankungen in der Würzburger Ent- 
bindungsanstalt wirklich epidemischen Ursprunges waren, wird erzählt, 
daß während derselben Zeit in Würzburg selbst und in dessen Umge- 
bung unverhältnismäßig viele Blutungen während des Geburtsaktes 
imd auch mehrere tödlich endende puerperale Erkrankungen zur Be- 
handlung kamen. 

Herr Hofrat setzen also voraus, daß die Hebammen und die 
praktischen Ärzte, welche in Würzburg und dessen Umgebung die 
geburtshilfliche Praxis ausüben, besser wissen als Sie selbst, Herr Hof- 
rat, wie das Puerperalfieber zu verhüten sei; Sie setzen voraus, daß 
die Hebammen und praktischen Ärzte keine Infektionen machen. Wenn 
daher dennoch unter den Wöchnerinnen, welche diesen Individuen an- 
vertraut sind, Puerperalfieber herrscht, so kann das kein anderes als 



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- 175 — 

ein epidemisches sein und wenn das Puerperalfieber in Würzburg und 
dessen Umgebung epidemisch ist, so ist auch das Puerperalfieber in 
der Würzburger Entbindungsanstalt epidemisch. 

Ich gestehe, daß ich diese Ansicht nicht teile, ich glaube vielmehr, 
daß die Hebammen und praktischen Ärzte, welche in Würzburg und 
dessen Umgebung die geburtshilfliche Praxis ausüben, gerade so 
kolossale Ignoranten über die Entstehung und Verhütung des Kind- 
bettfiebers sind, als sie selbst, Herr Hofrat, und daß demnach die 
Puerperalfieberfälle in Würzburg und dessen Umgebung verhütbare 
Infektionsfälle von außen seien. 

Da es gewiß ist, daß die Hebammen und praktischen Ärzte, welche 
in Würzburg und dessen Umgebung die geburtshilfliche Praxis aus- 
üben, nicht in Pest gelernt haben, wie das Puerperalfieber entsteht 
und wie es verhütet werden könne, so stelle ich die Frage, wo haben 
selbe es gelernt? Bei Ihnen doch nicht, Herr Hofrat, bei Kiwisoh 
auch nicht; nennen Sie mir, Herr Hof rat, den Professor der Geburts- 
hilfe, der jetzt nach 14 Jahren meine Lehre vortragt, damit ich mich 

bei diesem Unicum bedanken könne. Alle Ärzte, die dort 

praktizieren, sind Ignoranten in bezug der Verhütung des Kindbett- 
fiebers, und an dieser Ignoranz sind die Professoren der Geburtshilfe 
schuld, bei denen die praktizierenden Ärzte Geburtshilfe gelernt Und 
diesbezüglich haben Sie, Herr Hofrat, ein bedeutendes Kontingent aus 
Unwissenheit Mordender in Deutschland versendet. 

Daß peinliche Gemütsaffekte kein ätiologisches Moment des Kind- 
bettfiebers seien, habe ich in meiner Schrift von Seite 374, Zeile 3 
von unten, bis Seite 389 bewiesen. 

Wenn Sie daher sagen lassen, daß Gemütsaffekte ihre Erkran- 
kungen nicht hervorgerufen haben, weil keine Studierenden während 
der Pseudoepidemie zu den Geburten zugelassen wurden, so haben 
Sie eigentlich, Herr Hofrat, sagen wollen, daß diese Erkrankungen 
nicht infolge einer Infektion von außen entstanden sind, weil ja die 
Schüler nicht untersucht haben. Für so gewissenlos halte ich Sie, Herr 
Hofrat, denn doch nicht, um vorauszusetzen, daß diese Geburten ohne 
alle Untersuchung vor sich gegangen; vielleicht haben Herr Hofrat 
selbst oder Ihr Assistent diese Kreißenden untersucht, um zu bestimmen, 
ob eine normale oder eine abnorme Geburt zu erwarten stehe; es ist 
um so wahrscheinlicher, daß während dieser Pseudoepidemie unter- 
sucht wurde, weil viermal mit der Zange operiert wurde, und einmal 
wurde eine Wendung gemacht. Herr Hofrat haben vergessen, daß zwei 
Ihrer Zimmer gynäkologischen Kranken gewidmet sind; in einer 
gynäkologischen Abteilung gibt es oft Kranke, deren Krankheiten zer- 
setzte Stoffe erzeugen und es ist nicht nötig, daß Studierende unter- 
suchen, um eine Pseudoepidemie hervorzurufen, dazu genügt der Herr 
Hofrat und der Assistent, welcher in der gynäkologischen Abteilung 
und in dem Kreißzimmer untersucht. 

Und wenn Sie, Herr Hofrat, auch in dem Umstände, daß nicht 
bloß auf der dritten Abteilung Erkrankungen vorgekommen sind. 



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— 176 — 

sondern auch auf der zweiten und ersten, wohin außer im Falle einer 
Erkrankung, kein männliches Individuum kommt, einen Grund finden, 
die Erkrankungen epidemischen Ursprungs zu halten, so teile ich diese 
Ansicht nicht, ich glaube vielmehr, daß die Hebamme, welche dort die 
Gebärenden untersucht, bei dem Würzburger Publikum Vertrauen be- 
sitzt, weil selbe bei Ihnen dient, daß selbe daher Privatpraxis ausübt 
und da selbe gewiß nicht mehr weiß als Sie, Herr Hofrat, wie man 
das Puerperalfieber verhütet, so wird selbe, wenn sie mit Kranken, 
welche zersetzte Stoffe erzeugen, in Berührung kommt, infizieren. 

Meine Lehre basiert unter anderem auch darauf, daß es mir in- 
folge meiner Lehre gelungen ist, von Mitte Mai 1847 bis 26. Juni 1861 
an drei Anstalten, 'welche früher alljährlich von furchtbaren Pseudo- 
kindbettfieberepidemien heimgesucht waren, die Sterblichkeit in dem 
Grade zu beschränken, daß die sich ereignete Sterblichkeit keine Epi- 
demie genannt werden kann, und wenn ja manchmal die Sterblichkeit 
größer war, als selbe in meinen Anstalten zu sein pflegte, so konnte 
immer nachgewiesen werden, daß trotz meinen Maßregeln den Indi- 
viduen zersetzte Stoffe von außen eingebracht wurden 

Ihre Lehre, Herr Hofrat, basiert auf den Leichen aus Unwissen- 
heit ermordeter Wöchnerinnen, und nachdem ich den unerschütter- 
lichen Entschluß gefaßt habe, dem Morden, soweit es in meiner Macht 
liegt, ein Ende zu machen, so richte ich an Sie, Herr Hofrat, folgende 
Aufforderung : 

Es sind nur zwei Fälle möglich. Entweder Sie halten meine Lehre 
für falsch oder Sie halten meine Lehre für wahr; ein drittes gibt es 
nicht. 

Halten Sie meine Lehre für falsch, so fordere ich Sie hiermit 
auf, mir die Gründe mitzuteilen, warum Sie meine Lehre für falsch 

halten. Halten Sie meine Lehre für wahr, so fordere ich 

Sie hiermit auf, das öffentlich ohne Rückhalt zu erklären, nicht um 
mir eine Genugtuung zu verschaffen, sondern um Ihre Schüler und 
Schülerinnen, die Ihnen außerhalb des Gebärhauses die Leichen zur 
Bestätigung Ihrer Lehre liefern, der Wahrheit zuzuführen. 

Sollten Sie aber, Herr Hofrat, ohne meine Lehre widerlegt zu 
haben, fortfahren, für die Lehre des epidemischen Kindbettfiebers zu 
schreiben und schreiben zu lassen; sollten Sie, Herr Hof rat, ohne 
meine Lehre widerlegt zu haben, fortfahren, Ihre Schüler und 
Schülerinnen in der Lehre des epidemischen Kindbettfiebers zu erziehen, 
so erkläre ich Sie vor Gott und der Welt für einen Mörder, und die 
«Geschichte des Kindbettfiebers" würde gegen Sie nicht ungerecht 
sein, wenn selbe Sie, für das Verdienst, der Erste gewesen zu sein, 
der sich meiner lebenrettenden Lehre widersetzt, aU medizinischen Nero 
verewigen würde." 

Semmelweis sendete ein Exemplar dieses offenen Briefes seinem 
Freunde Eduard v. Siebold, Professor der Geburtshilfe zu Göttingen, 
welchen er während seiner Assistenzzeit in Wien kennen gelernt und 
auch in Pest als seinen lieben Gast begrüßt hatte. Siebold aber nahm 



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— 177 — 

in einem in der Monatsschrift für Geburtskunde 1861 erschienenen 
Aufsatz «Betrachtungen über das Kindbettfieber'' gegen Semmelweis 
Stellung. Noch immer wähnend, daß Semmelweis in der Leicheninfektion 
y^die Hauptur Sache, ja sogar die einzige Ursache der Puerperalepidemien" 
sehe, wies er auf die Akademie der Medizin in Paris hin, welche unter 
dem Vorsitze von Orfila sich gegen die Semmelweis'sche Annahme 
erklärte und bedauerte, daß Semmelweis in seiner eben erschienenen 
Schrift „in so maßloser Weise gegen alle, die nicht seiner Meinung 
sind, oder auch nur Zweifel über dieselbe zu äußern wagten, zu Felde 
gezogen", da die Sache selbst ^ einen guten Kern" habe, „für Wien 
namentlich von großer praktischer Bedeutung" gewesen sei und „nirgends 
vergessen werden sollte". „Genug, über die Theorie der Leicheninfektion 
ist gegenwärtig das Urteil gesprochen, sie muß für übertrieben und für zu 
exklusiv angesehen werden ... es ist zu weit gegangen, wenn man dies 
als die einzige Ursache des Kindbettfiebers ansehen und durch sie das 
so häufige Auftreten, den bösartigen Charakter und die epidemische 
Verbreitung der Krankheit in Gebäranstalten erklären wollte.'* Wahr- 
lich, war das nicht zum Verzweifeln, wenn selbst ein Mann wie Siebold 
noch im Jahre 1861 so urteilen konnte, so wenig unterrichtet war, 
trotzdem er Semmelweis' Buch besaß? 

Das abfällige Urteil Siebold's berührte diesen um so schmerz- 
licher, als er mit ihm seit 14 Jahren, seit dessen Besuch in Wien im 
Jahre 1847, befreundet war. So spricht denn in dem offenen Briefe 
an Siebold, der alsbald erschien, sein Herz vielfach mit. „Ich erinnere 
mich mit Vergnügen der Zeit, die wir in Pest zugebracht; mich knüpfen an- 
genehme Erinnerungen an Sie, Herr Hofrat; aber das Stöhnen der am Kind- 
bettfieber sterbenden Wöchnennnen übertönt die Stimme meines Herzens, und 
meine Vernunft gebietet mir, die Wahrheit zur Geltung zu bringen, selbst wenn 
mein Herz dadurch schmerzlich berührt werden sollte . . . Ich beschwöre 
Sie, Herr Hofrat, machen Sie sich die Wahrheiten zu eigen, welche in 
meiner Schrift enthalten sind, damit Sie, Ihrem Gemüte entsprechend, 
eine Stütze für Ihre neue Überzeugung finden mögen in den heiteren 
Mienen der Wöchnerinnen und — in der leeren Totenkammer." 

So versöhnlich, milde, großherzig zu Anfang, wird er abermals 
im Laufe des Schreibens immer erregter, derart, daß er Siebold 
schließlich „absichtliche Entstellung" seiner Lehre oder „Mangel des 
Verständnisses" vorwirft und ausruft: „Nicht meiner Meinung zu sein, 
ist gleichbedeutend mit ,ein Mörder zu seiner Er hält auf Grund der 
viermonatlichen Verhandlungen der Pariser Akademie der Medizin 
vom Jahre 1858 „die Pariser nicht für so entscheidende Autoritäten" 
und findet, „daß die Painser Arzte es sehr nötig hätten, nach Pest zu 
kommen, um über Puerperalfieber aufgeklärt zu werden" 

„Nicht die Gebärhäuser müssen kassiert werden, um die Wöchne- 
rinnen gesund zu erhalten, sondern sämtliche Professoren der Geburts- 
hilfe, welche Epidemiker sind . . ." 

„In der Ätiologie, in dem Begriffe und der Prophylaxis des Kind- 
bettfiebers gibt es nichts Geheimnisvolles mehr; über die Natur des 

T. Waldheim, Ignas Philipp Semmel weit. 12 



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— 178 — 

Kindbettfiebers ist ein sonnenklares Licht verbreitet; kein einziger Punkt 
ist eine Hypothese, und die Zukunft hat in diesen drei Punkten nichts 
mehr zu lösenJ^ 

Nach einer vernichtenden Kritik der Miasmatheorie Siebold's 
macht Semmelweis zum Schlüsse den bemerkenswerten Vorschlag, 
Siebold möge sämtliche Ärzte Deutschlands auffordern, im August 
oder September 1861 in einer deutschen Stadt sich zu versammeln; er 
selbst wolle hinkommen und so lange dort lehren, bis alle Ärzte aus 
Überzeugung sich seiner Lehre angeschlossen haben wurden. Diese 
Versammlung kam leider nicht zustande. Siebold, seit längerer Zeit 
schon leidend, starb am 27. Oktober 1861. Nach seinem Tode wurden 
seine „Geburtshilflichen Briefe" (Braunschweig, 1862) herausgegeben, 
in welchen Siebold der ausgezeichneten Aufnahme gedenkt, welche 
er gelegentlich seines Besuches des Wiener Gebärhauses im Jahre 1847 
seitens des damaligen Vorstandes der I. Klinik, Professor Klein, und 
dessen Assistenten Dr. Semmelweis gefunden, „wofür ich beiden noch 
heute ein dankbares Herz bewahrt habe und daher auch dem Freunde 
Semmelweis gerne verzeihe, daß er mich vor kurzem, nachdem ihm die 
puerperale Sonne aufgegangen, wie er sich ausdrückte, in einem offenen 
Briefe mit eben diesen Strahlen verbrennen wollte, weil ich mich nicht 
unbedingt seinen Ansichten über das Kindbettfieber und dessen Ver- 
hütung zugewendet habe." 

Die Erklärung für Siebold's Verhalten ist einfach. Der schwer 
kranke Mann hatte nicht mehr die Kraft, Semmelweis' Werk gründlich 
zu studieren. Wäre es kurz und bündig, im ganzen so klar abgefaßt 
gewesen wie in den Einzelheiten, so hätte es Siebold vielleicht noch 
bezwungen, er hätte sich vielleicht überzeugen lassen. Aber in dieses 
Unding von einem Buche vermochte er nicht einzudringen, und so 
blieb er auch nach dem Erscheinen des großen Werkes, das Semmel- 
weis soviel Schweiß gekostet, über dessen Lehre vollständig ununter- 
richtet — er wie die meisten seiner Fachgenossen. 

Im Anschluß an den Sie bold- Brief erschien gleichzeitig ein 
zweiter offener Brief an Scanzoni; Veranlassung zu diesem waren 
die neuerlichen schweren Endemien, welche in dem neuen, bestein- 
gerichteten Gebärhause zu Würzburg nach einem neuen Berichte des 
Dozenten Dr. Otto v. Franque auch im Jahre 1860 herrschten. Damit 
war der Vorschlag der Franzosen, neue Gebärhäuser zu bauen, um die 
Wöchnerinnen gesund zu erhalten, gründlich widerlegt. In diesem 
Briefe findet sich u. a. folgende treffende Bemerkung: Herr Hof rat 
haben 13 Jahre Recht behalten, weil ich 13 Jahre geschwiegen, jetzt habe 
ich das Schweigen aufgegeben, und jetzt behalte ich Recht, und zwar 
für so lange, als das menschliche Weib gebären unrdJ' 

Seine vier offenen Briefe schickte Semmelweis an verschiedene 
Kollegen, u. a. an Dr. L. Kugelmann in Hannover, Pippingsköld 
in Helsingfors und Professor Pernice in Greifswald. 

Kugelmann antwortete mit folgendem Schreiben:*) 

*) Abgedruckt in: Offener Brief an sämtliche Professoren der Geburtshilfe. 



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— 179 — 

„Hannover, 18. Juli 1861. 

Sie hatten die Gewogenheit, mich mit der Zusendung Ihrer beiden 
Broschüren zu beehren, wofür ich Ihnen verbindlichsten Dank sage. Als 
Schüler v. Siebold's in Göttingen besuchte ich von Michaelis 1851 bis 
Ostern 1854 dessen Vorlesungen und Klinik, und ich fühle mich gedrungen, 
Sie zu versichern, daß dieser große Gelehrte bei jeder Gelegenheit Ihrer 
Entdeckung mit Auszeichnung gedachte. Vielleicht verzeihen Sie dem jüngeren 
Fachgenossen, wenn er Ihnen gegenüber die bescheidene Ansicht auszu- 
sprechen wagt, daß ein Mann wie Ed. v. Siebold, der als Historiker un- 
seres Faches ^en Zeiten angehören wird,*) selbst wenn er irrt, eine schonen- 
dere und rücksichtsvollere Behandlung verdient, als jene ephemeren Mode- 
erscheinungen, die, nur die Leistungen ihrer Vorgänger und Zeitgenossen ge- 
schickt und ungescheut benutzend, sich als große Regeneratoren geriren. 

Gestatten Sie mir nunmehr, hochverehrter Herr Professor, Ihnen in 
wenigen Worten die heilige Freude auszudrücken, welche ich beim Studium Ihres 
Werkes „Die Ätiologie etc. etc. des Kindbettfiebers" empfand. Unwillkürlich 
fühlte ich mich, als ich mit einem hiesigen Kollegen darüber sprach, zu der 
Äußerung gezwungen: dieser Mann ist ein zweiter Jenner ^ möchte seinem Ver- 
dienst eine gleiche Anerkennung, und seinem Streben eine gleiche Genug- 
tuung zuteil werden. 

Durch Zufall erwarb ich aus der Bibliotkek des hier verstorbenen 
Medizinalrates Kohlrausch Jenner's „An Inquiry into the Causes and 
Effects of the Variolae Vaccinae.'' Wie Sie aus der darin befindlichen Auto- 
graphie ersehen, ist dies das Dedikationsexemplar,**) welches der berühmte 
Verfasser dem Professor Blumenbach übersandte. 

Sie würden mich außerordentlich verpflichten, wenn Sie die ergebene 
Bitte gewähren wollten, diese Broschüre als Zeichen meiner unbegrenzten 
Verehrung entgegen zu nehmen. 

Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr- Professor, die Versicherung meiner 
ausgezeichneten Hochachtung 

Dr. L. Kugelmann." 

Offenbar als Antwort auf Semmelweis' Dankbrief schreibt L. 
Kugelmann***) am 10. August 1861: 

„Nur sehr Wenigen war es vergönnt, der Menschheit wirkliche, große 
und dauernde Dienste zu erweisen, und mit wenigen Ausnahmen hat die Welt 
ihre Wohltäter gekreuzigt und verbrannt. Ich hoffe deshalb, Sie werden in 
dem ehrenvollen Kampfe nicht ermüden, der Ihnen noch übrig bleibt. Ein 
baldiger Sieg kann Ihnen umsoweniger fehleny als viele Ihrer UterariscJien Gegner sich 
de facto schon zu Ihrer Lehre bekennen. Wie ist es zu verwundem, daß Leute, 
die Jahre lang in Wort und Schrift, unverständlich vielleicht auch sich selbst, 
über Unverstandenes schrieben und redeten, diese Lücke ihrer Erkenntnis auch 
sofort zu verdecken streben. Nicht viele setzen die Liebe zur Wahrheit über die 
Selbstliebe, Manche sind wohl in gewohnter Selbsttäuschung befangen. Auf 
andere wieder paßt der derbe Sarkasmus Heinrich H eine's, der irgendwo 
sagt: „Als Pythagoras seinen berühmten Lehrsatz entdeckt hatte, opferte 

er eine Hekatombe. Seitdem haben die eine instinktartige Furcht 

vor der Entdeckung von Wahrheiten.'' 



*) Siebold (1801 — 1861) ist der Verfasser eines klassischen Werkes über die 
Gescliichte der Geburtshilfe. 

**) Dasselbe hat sich in Semmelweis' Nachlasse leider nicht vorgefunden. 
♦**) Off. Brief an sämtlich. Prof. d. Geb. 

12* 



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— 180 — 

Vergessen Sie übrigens nicht, verehrtester Freund, daß Sie vorwiegend 
die Stimmen Ihrer Gegner vernehmen, nidU aber erfahren, wie viele sich von 
Ihnen belehren lassen. Als Beweis sende ich Ihnen beifolgende Zeilen, mit denen 
mir der Medizinalrat Dommes, Mitglied des Ober-Medizinalkollegiums und 
beschäftigter Geburtshelfer hierselbst, Ihr Buch zurückschickte, welches ich 
ihm mitgeteilt hatte. 

Medizinalrat Dommes schreibt: 

Hannover, 3. Juni 1861. 

Mit vielem Danke sende ich Ihnen, lieber Kollege, das so sehr ge- 
lungene Buch von Semmelweis zurück. Ich habe viel daraus gelernt und auch, 
wie man für die Wahrheit kämpfen muß." 

Semmelweis erhielt ferner von Pippingsköld, Geburtshelfer im 
allge9ieinen Hospital zu Helsingfors, ein anerkennendes Schreiben und 
von Professor Pernice in Greifswald die Mitteilung, er habe bereits 
alle Maßregeln, welche Semmelweis zur gänzlichen Beseitigung des 
Puerperalfiebers empfehle, auf seiner Klinik getroffen und werde nicht 
verfehlen, seinerzeit davon Nachricht zu geben, wie die Erfolge sich 
gestaltet. 

Bald aber zeigte sich, daß Semmelweis seinen Entschluß, jedem 
Gegner sofort zu antworten, auf die Dauer nicht durchführen konnte. 
Da und dort gab es bemerkenswerte Ereignisse, erhoben sich Stimmen 
für und wider ihn, doch Klinik und Praxis ließen Semmelweis nicht 
genug Zeit, mit jedem Einzelnen sich zu befassen. 

Im Oktober 1860 hatte es auf der IL Gebär klinik in Wien wieder 
eine heftige „Epidemie" gegeben. Von 101 Wöchnerinnen starben nicht 
weniger als 35! Provisorischer Vorstand der Hebammenklinik war da- 
mals — der inzwischen Professor gewordene Dr. Zipfel! Seinen Bericht 
an die niederösterreichische Statthalterei gab die „österreichische Zeit- 
schrift für praktische Heilkunde" (1861, Nr. 50) auszugsweise wieder. 
Da heißt es u. a.: 

„Fragt man nach den ätiologischen Momenten dieser verheerenden 
Senche, so muß hemerkt werden, daß sie unter den anscheinend günstigsten 
Salubritätsverhältnissen hereinbrach und um sich griff. Die große Sommer- 
hitze war vorüber, die Temperatur fortwährend angenehm, milde, die Luft 
trocken, erfrischend, der Himmel heiter .... Die Wochenzimmer waren 
nicht überfüllt . . . Kranke mit gangränösen Zerstörungen, mit putriden oder 
jauchigen EfEuvien waren lange Zeit nicht vorhanden. Leichenöffnungen 
wurden das ganze Jahr hindurch prinzipiell vermieden. An eine 
Infektion während der Geburt mit putriden oder kadaverösen Stoffen auf 
dem Wege der manuellen Exploration kann gar nicht gedacht werden, da 
jede Gelegenheit zur Verunreinigung der Hände mit derartigen Substanzen 
mit ängstlicher Sorgfalt vermieden wurde. Müssen demnach die ersten Keime 
der Seuche avf Rechnung unbekannter epidemischer Einflüsse gebracht werden, so 
trägt dieselbe dennoch im weiteren Verlaufe so entschieden den Stempel der 
Endemie aufgeprägt, daß an der Existenz eines auf die Eäunüichkeiten der 
Anstalt beschränkten und sich daselbst fort und fort regenerierenden Miasmas, 
oder vielleicht richtiger gesagt, eines Kontagiums, nicht länger gezweifelt 
werden kann. Denn die Gebäranstalt an der Josefs-Akademie und die für 



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— 181 -- 

Zahlende sind von der Seuche gänzlich verschont und in der Privatpraxis 
findet sich auch keine Spur davon. 

Professor Zipfel bemerkt weiterhin, daß er schon in den Jahren 1842 
und 1843, als Assistent an dieser Klinik, während einer der verheerendsten 
Seuchen reichhaltig Gelegenheit gefunden hatte, die enorm große Differenz 
der Sterblichkeit an den beiden Abteilungen der Gebäranstalt, besonders in 
einzelnen Monaten, zu beobachten, so daß alle großen Puerperalseuchen in 
dem Wiener Gebärhause nicht als Epidemien, sondern als Endemien auf- 
zufassen seien. 

Als provisorischer Vorstand der II. Gebärklinik war derselbe bemüht, 
der Entstehung, Anhäufung und Verschleppung des mutmaßlichen Miasmas 
oder Kontagiums . . . Schranken zu setzen, es wurden alle Maßregeln ver- 
fügt .... einen nachhaltigen Erfolg hatten sie bisher nicht und konnten 
ihn auch nicht haben, da sie die Krankheitserreger wohl teilweise, aber nicht 
in ihrer Totalität zu entfernen, zu vernichten vermochten .... Zur Erzie- 
lung eines vollständigen Erfolges müßten diese Desinfektionsverauche (durch 
salpetrigsauere Dämpfe) in der ganzen Anstalt gleichzeitig durchgeführt, die 
Anstalt müßte gesperrt werden. In dieser Absperrung erblickt Professor Zipfel 
das einzige radikale Mittel, das beste AntimiasTnaticum . . . ." Nachdem diese 
Maßregel schwer durchführbar, so sei es am besten, man lasse die Schwangeren 
außerhalb der Gebäranstalt entbinden und nehme sie erst nach 24 bis 48 
Stunden in die Gebäranstalt auf. Nach Analogie der Gassengeburten, welche 
bekanntlich nur sehr selten erkranken, müßte dann ein günstiger Gesund- 
heitszustand eintreten. 

Das war echt Zipfel'sche Weisheit. 

In der Klinik der Geburtskunde (1861) erschien eine größere, 
teils klinische, teils pathologisch-anatomische Studie von Hecker und 
Buhl in München. Nach Hecker's Bericht erkrankten auf der Zahl- 
abteilung 4'97oi auf der klinischen Abteilung aber 16'3%!! Für diesen 
Unterschied in der Morbidität fand Heck er keine zureichende Er- 
klärung. 

„Man wird von selbst auf den Gedanken geführt, daß hier noch andere 
Einflüsse zur Geltung gekommen sind, daß man vielleicht den Unterricht der 
Studierenden in der Untersuchung der Schwangeren und Kreißenden als 
ätiologisches Moment beschuldigen und so in die Bahnen der Semmelweis- 
schen Theorie von der Entstehung des Puerperalfiebers durch Infektion mit Leichen- 
gift einlenken könnte. Wie bekannt, ist diese Theorie von neuem mit großer 
Zuversicht und unter heleidigendai Vorwürfen gegen Andersdenkende hervorgetreten 
und man muß sich zti ihr in irgend einer Weise stellen^ schon um der Anschuldi- 
gungen willen, die ihr Urheber gegen alle schleudert, welche keinen großen 
Wert auf die aus seiner Ätiologie hervorgehenden prophylaktischen Maßregeln 
legen wollen." Trotz vorurteilsfreier Bemühungen konnte sich Heck er nicht 
von der Richtigkeit derselben überzeugen. Denn es war während der Epi- 
demie keine Gelegenheit zur Infektion der Schwangeren und Kreißenden mit 
Leichengift. Die Sektionen wurden immer auf der Anatomie gemacht und die 
Assistenten beteiligten sich dabei nur durch Zusehen. Die Studierenden mußten 
vor der Untersuchung ihre Hände mit desinfizierenden Flüssigkeiten reinigen. 
Wiederholt erkrankten Kinder an puerperaler Sepsis, deren Mütter ein ganz 
normales Wochenbett durchmachten. Die gruppenweise Erkrankung spreche 
sehr gegen die Semmelweis^sche Theorie. Es sei mit dieser gar nicht zu er- 



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— 182 — 

klären, weshalb zwischen den einzelnen Invasionen der Krankheit mitunter 
14 Tage und mehi- verliefen, weshalb Personen mit in den Krankheitsprozeß 
hineingerissen würden, die man schon wegen der vorgerückten Zeit des bis 
dahin ganz regelmäßig verlaufenen Wochenbettes außer dem Bereich desselben 
stehend glaubte. 

„Diese meine angeführten Ghründe erachtete ich für wichtig genug, um 
an der Lthre von der Infektion durcfi Leichengift Anstoß zu nehmen. Ich will 
derselben ihr Verdienst nicht absprechen, das für mich darin besteht, daß sie 
nachdrücklich auf die Handhabung der größten Beiiüichkeit bei allen septischen 
Prosessen in der Chirurgie^ wie Geburtshilfe hingewirkt hat, aber sie ist nach 
meinem Dafürhalten, gegenüber den kolossalen Erscheinungen des Puerperal- 
fiebers, einseitig und ich muß den Standpunkt, von dem ihr Urheber ausgeht, 
für einen beschränkten, daher unrichtigen halten." 

Einseitig, beschräükt, unrichtig, weil Hecker sich nicht die Mühe 
genommen hatte, Semmel weis' Lehre zu studieren! Man mußte zu ihr 
in irgend einer Weise Stellung nehmen, aber man las nur die belei- 
digenden Vorwürfe gegen Andersdenkende. 

Buhl kam auf Grund seiner anatomischen Beobachtungen zu der 
Überzeugung, daß bei jedem Fall von Puerperalfieber die Innenwand 
des Uterus erkrankt sei, und von da könne sich der Prozeß auf drei 
Wegen fortpflanzen: längs der Schleimhaut der Tuben, durch die 
Blut- und durch die Lymphgefäße. Dementsprechend trete der Puer- 
peralprozeß in drei Hauptformen auf: als puerperale Peritonitis ohne 
Pyämie, als puerperale Pyämie ohne Peritonitis und als puerperale 
Pyämie mit Peritonitis. Der erste sporadische Fall entstehe durch In- 
fektion der Uterusinnenwand, die weitere Verbreitung der Krankheit 
aber erfolge durch ein Miasma oder Kontagium. 

Eine eingehende Kritik des Semmelweis'schen Buches veröffent- 
lichte Assistent Dr. Breisky im „Literarischen Anzeiger" der Prager 
Vierteljahrsschrift (1861, 2. Bd.): 

^Nachdem 13 Jahre seit der ersten Publikation der Semmelweis'schen 
Theorie über die Entstehung und Verhütung des Puerperalfiebers verstrichen 
sind und sich dieselbe nicht in dem Grade Bahn gebrochen hat, wie es nach 
ihres Schöpfers Ansicht für das Wohl der Menschheit nötig ist, tritt sie nun 
zum zweiten Male und zwar in der Gestalt eines über 500 Seiten dicken 
Buches in die Öffentlichkeit. — Diesmal proklamiert sie sich als die einzige 
und „ewig wahre" Ätiologie des Kindbettfiebers, nach welcher alle Erkran- 
kungen, keinen einzigen Fall ausgenommen, entstehen. Diesmal begnügt sie 
sich nicht mit der gewöhnlichen Form der wissenschaftlichen Ansprache an 
die Fachgenossen, deren Wert, von der Stärke ihres Inhaltes getragen, ruhig 
der wiederholten Prüfung vorgelegt wird; sondern geriert sich als Koran der 
puerperalen Glaubenslehren y der mit fanatischer Leidenschaft gepredigt wird und, die 
Ungläubigen zu bekehren, mit Feuer und Schwert in den Kampf zieht. Nur 
dieser Standpunkt des Propheten, der das Menschengeschlecht mit seiner Glau- 
benslehre zu retten sich berufen fühlt, kann dem Verfasser die Waffen jener 
, göttlichen Grobheit" leihen, mit welcher er, der „vermöge seines Naturells 
jeder Polemik abgeneigt" ist, gegen eine stattliche Reihe von Geburtshelfern 
und Ärzten, unter denen Namen von anerkannter Bedeutung glänzen, den 
Kampf führt; nur dieser Standpunkt des Propheten konnte ihn in seiner Er- 



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— 183 — 

regung so weit führen, daß er seine Gegner zu Verbrechern macht und die 
Strafen „der göttlichen Gerechtigkeit" über sie herabbeschwört . . . 

Niemand kann das hohe Interesse der Tatsachen leugnen, welche die 
Rapporte der Wiener Gebärklinik für Arzte im Jahre 1847, besonders aber 
im Jahre 1848 nach der Einführung der Chlorwaschungen ergeben haben. 
Verfasser kann sich nicht beklagen, daß diese Tatsachen nicht die allgemeinste 
Ävfmerksamkeit der Geburtshelfer erregt und zu eifrigen Beobachtungen aufge- 
fordert hakten/ 

B. gibt nun kurz die Grundzüge der Semmelweis'schen Lehre wieder, 
geht aber unglaublicherweise mit keinem Wort auf die Erfahrungen und 
Gedanken ein, welche eben zum logischen Aufbau der ganzen Lehre geführt 
haben. Vielmehr befaßt er sich sofort mit den drei Anstalten, an denen 
Semmelweis gewirkt; bezweifelt die Gefährlichkeit des von Semmelweis er- 
wähnten Carcinoma uteri und der Kjiiegelenkskaries, nachdem die betreffen- 
den Wöchnerinnen selbst nicht an Puerperal£eber erkrankten; hält nichts 
von dem Einfluß der Wäsche auf die Sterblichkeit in einer Gebäranstalt, 
nachdem die Mehrzahl aller gesunden Wöchnerinnen, die der armen Volks- 
klasse angehören, über reine Wäsche nicht verfügt; erklärt, daß man an der 
Tatsache, daß so mancher Gegner Semmel weis' die Chlorwaschungen ohne 
jeden Erfolg angeordnet habe, nicht zweifeln dürfe und aus ihr den Schluß 
ziehen müsse, daß in den von ihnen beobachteten Fällen die Leicheninfektion 
eben nicht die Ursache des Puerperalfiebers gewesen sei. Zum Schlüsse ver- 
weist B. auf die Prager Gebärklinik, in welcher im November 1860 von 127 
Wöchnerinnen nur eine starb, trotzdem die Zahl der Schüler 40 betrug und 
diese Schüler meist „nach dem Besuche der internen, der chirurgischen oder 
okulistischen Klinik und nicht selten nach den pathologisch-anatomischen 
Sektionen" in die Anstalt kamen und „die Chlorwaschungen für gewöhnlich 
nicht eingeführt sind." B. folgert daraus, daß die deletären Stoffe für sich 
allein nicht die ihnen von Semmel weis zugeschriebene Bedeutung haben; sie 
seien immer da, aber damit das Puerperalfieber entstehe, müsse noch etwas 
hinzukommen. Dieses Etwas sei eben noch nicht näher gekannt. 

Markusovszky übernahm es, im ^Orvosi hetilap" Breisky zu 
erwidern. Nachdem er dessen Einwände auf ihren wahren Wert ge- 
prüft, machte er folgende bedeutende Bemerkungen: 

„Die Untersuchung über die Ätiologie des Puerperalfiebers ist 
noch nicht abgeschlossen, so viel ist gewiß. Sie ist es selbst dann nicht, 
wenn die Infektion mit zersetzten animalischen Stoffen durch jedermann 
als die Quelle des Kindbettfiebers anerkannt würde. Ja die Definition, 
welche Semmelweis von der genannten Erkrankung geliefert, ist nur 
als eine vorläufige anzusehen, da die Elemente, aus welchen sich diese 
zusammensetzt — sowohl die Begriffe der Pyämie, wie auch der Re- 
sorption und des Fiebers — noch Gegenstand der üntersuchimg bilden. 
Unserer Meinung nach muß noch auf dem Wege exakter For- 
schung nachgewiesen werden, was jener organische Stoff sei, 
welcher die Infektion vermittelt, und wie er sich in hysto- 
logischer und chemischer Beziehung verhalte (dies ist z. B. 
auch in Bezug auf das Syphiliskontagium nicht nachgewiesen); auf 
welche Art und Weise er in den Organismus gelange; welcher- 
lei chemische und physiologische Veränderungen er daselbst 
bewirke; welches die Bedingungen der Resorption und der 



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— 184 — 

Wirksamkeit desselben seien, nachdem er nicht in allen 
Fällen zu wirken scheint; welcher Art jene physiologischen 
Vorgänge seien, durch deren Verkettung das Kindbettfieber 
bald ohne jegliches Exsudat, bald wieder in Begleitung von 
massenhaften, ausgedehnten Exsudaten und Metastasen auf- 
tritt u. s. w 

Alle diese Fragen müssen noch aufgeklärt werden, jedoch ist es 
Aufgabe des Geburtshelfers, dies zu tun? Und dürfen wir wohl daraus, 
daß die neue Lehre noch nicht in allen ihren Einzelheiten klargestellt 
ist, den Schluß ziehen, daß sie falsch ...?..• Wenn wir bedenken, 
wie sehr sich in unseren Tagen die Ansicht über die Pyämie schon 
geändert; . . . daß wir auch bei unreinen äußeren Geschwürsflächen 
nicht immer in der Lage sind, die Ursache dessen anzugeben, warum 
die Wunde sich plötzlich reinigt, der Gewebszerfall aufhört und die 
Narbenbildung ihren Anfang nimmt: so werden wir gewiß von der 
relativ neuen Lehre und von einem einzelnen Menschen nicht fordern, 
daß sie eine Ausnahme machen und sämtliche Fragen lösen, deren 
Beantwortung nur unter Zuhilfenahme sämtlicher Zweige der Natur- 
wissenschaft möglich ist ... • Das aber dürfen wir auf alle Fälle, so- 
wohl von dem Verfasser, wie auch von seinen Gegnern fordern, daß 
sie zur Aufklärung dieser so wichtigen Fragen energisch und auf- 
richtig das Ihre beitragen und die gewonnenen Erfahrungen ohne 
Leidenschaft und Voreingenommenheit beurteilen. 

Dies hat, unserer Meinung nach, Breisky unterlassen, als er, 
ohne die lebensrettende Entdeckung und die auf Grund derselben ge- 
wonnenen günstigen Resultate zu berücksichtigen, bloß eine Reihe von 
Einwendungen zweifelhaften Wertes gegen dieselbe vorzubringen für 
gut fand und von dem Geburtshelfer einen so vielseitigen Ausbau 
seiner Lehre nach jeder Richtung hin verlangt, wie dies . . bloß das 
Zusammenwirken der Physiologie, Chemie, Physik und der Gewebs- 
lehre nur mit der Zeit, wenn diese Disziplinen weiter fortgeschritten 
sein werden, zu Wege bringen kann." 

Alle Achtung vor diesem Manne, der den Mut hatte, im Gegen- 
satze zu seinem Freunde offen zu sagen, die Untersuchung über die 
Ätiologie des Puerperalfiebers sei noch keineswegs abgeschlossen. 
Semmelweis' Definition der Krankheit sei nur eine vorläufige! Alle 
Achtung vor diesem weitblickenden Gelehrten, der die Grenzen der 
Semmelweis'schen Entdeckung mit solcher Klarkeit schaute und mit 
solcher Schärfe auf jenen Punkt wies, wo weitergeforscht werden 
müsse: auf die Untersuchung des organischen Stoffes, welcher 
die Infektion vermittelt! Schade, daß Markusovszky seine Gedanken 
nur in ungarischer Sprache veröffentlichte! Sie verdienten, in allen 
Kultursprachen der Erde verkündet zu werden, und hätten zweifellos 
da und dort befruchtend gewirkt. So aber blieben sie auf dessen enges 
Vaterland beschränkt und kamen wohl nicht einmal dem Kritisierten zu 
Ohren. Und Brück mußte sie erst ausgraben und ins Deutsche über- 
setzen, um sie der Vergessenheit zu entreißen. Ein kleines Volk kommt 



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— 185 — 

eben ohne Weltsprache nicht aus und schadet nur sich selbst, wenn 
es ausschließlich die eigene Sprache pflegt 

Semmelweis hatte für Freund Marko 's Zukunftspläne kein Ver- 
ständnis mehr. Zu sehr hatte er sich in seine Lehre verbissen, in die 
Verteidigung derselben gegenüber zum Teile unredlichen Gegnern, als 
daß ihn noch interessierte, was über diese Lehre hinausging. In jün- 
geren Jahren hätte er wohl solch neue Ideen mit Freude begrüßt, 
hätte für diese Anregung seinem Freunde gedankt, doch jetzt war es 
zu spät. Seine Kraft war verbraucht im aufreibenden Kampfe. Er konnte 
seine Lehre nur mehr wieder und wieder predigen; sie war ihm zum 
Dogma geworden, an dem niemand rütteln durfte. Deshalb wird er 
auch an Markusovszky's Aufsatz wenig Gefallen gefunden und in 
seiner schon krankhaften Gereiztheit Freund Marko wohl gar seinen 
Gegnern beigezählt haben. Um jene Zeit dürfte sich ein charakteristi- 
scher Vorfall zugetragen haben, welchen seine Witwe mitzuteilen die 
Güte hatte: Eines Abends war Markusovszky mit einigen anderen 
befreundeten Ärzten bei ihnen zu Gast. Das Gespräch kam wie immer, 
wenn Semmelweis mit Kollegen beisammen war, schließlich auf das 
unvermeidliche, schon gefürchtete Thema Kindbettfieber. Markusovszky 
riet davon ab, den Gegnern in so heftiger Form entgegenzutreten. 
Kaum daß er geendet, reute ihn schon jedes Wort, denn Semmelweis 
geriet in unbeschreibliche Erregung und donnerte mit schon tausend- 
mal wiederholten Sätzen seinen treuesten Anhänger nieder, während 
die minder treuen Kollegen mit sarkastischem Lächeln sich an dem 
unerquicklichen Schauspiele weideten. Noch viele Jahre später gedachte 
Markusovszky mit Schmerz dieses peinlichen Auftrittes und sagte zu 
Semmel weis' Witwe: „Ich, der ich der einzige war, der fest und treu 
zu ihm hielt, ich mußte dieses fulminante Sturzbad seines Grolles über 
mich ergehen lassen!" 

Die vielen seelischen Aufregungen der letzten Zeit waren an 
Semmelweis keineswegs spurlos vorübergegangen. Noch im Jahre 1857 
ein blühend aussehender, lebensfroher Mann, erschien er nach Verlauf 
von nur 4 Jahren, wie das beigefügte Bild — eine Heliogravüre nach 
einer Photographie aus dem Jahre 1861 — beweist, verbittert und 
beträchtlich gealtert. 

In der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Speyer, 
die im September 1861 tagte, fand Semmelweis' Werk ein lebhaftes 
Echo. Der alte Streit über die Ätiologie des Puerperalfiebers, der den 
meisten Ärzten schon zu gunsten der Epidemiker entschieden schien, 
war durch Semmelweis' Buch von neuem angefacht worden, und zwar 
in so wuchtiger Weise, daß die gesamte ärztliche Welt sich mit der 
Frage neuerdings befaßte und dazu Stellung nahm. Da konnten sich 
die Leute vom Fache nicht in Schweigen hüllen. Hecker, Virchow, 
Betschier, Arnold, Roser sprachen sich mehr oder minder ablehnend 
aus gegenüber Semmelweis' Lehre, nur Professor Lange in Heidel- 
berg trat warm und entschieden für dieselbe ein. Dieser traf sofort 
nach Übernahme seines Amtes in Heidelberg zur Bekämpfung der 



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— 186 — 

zahlreichen Erkrankungen, welche in dem dortigen Gebärhause vor- 
kamen, die Anordnung, daß jede Leiche einer Wöchnerin sofort aus 
dem Gebärhause entfernt werde, und daß die Nachgeburten nicht 
mehr, wie es bisher geschehen war, in den Abtritt geworfen, sondeln 
aus dem Hause geschafft werden sollten; strengste Reinlichkeit in allem 
und jedem wurde gefordert und die Waschung mit Chlorkalk dem ge- 
samten Personal zur Pflicht gemacht. Wie mit einem Schlage waren 
nun die sogenannten Epidemien verschwunden! Nur einzelne leichte 
Erkrankungen kamen noch vor und von 300 Wöchnerinnen starb 
nur eine einzige an Puerperalfieber. 

Auch Semmelweis konnte mit dem Gesundheitszustand seiner 
Wöchnerinnen zufrieden sein. Im Schuljahre 1860/61 hatte er keine 
einzige an Kindbettfieber leidende Wöchnerin! Auf Braun's Ärzte- 
klinik in Wien dagegen wütete im Herbst des Jahres 1861 wieder eine 
Pseudoepidemie — innerhalb 45 Tagen erkrankten 113 und starben 
48 Wöchnerinnen — , welche ein derartiges Aufsehen erregte und zu 
so anklagenden Gerüchten Anlaß gab — eine Wirkung des Semmel- 
weis'schen Buches! — , daß der Vorstand der Klinik genötigt war, der 
Direktion des Allgemeinen Krankenhauses über den Verlauf der „Epi- 
demie" und die dagegen ergriffenen Maßregeln eingehend Bericht zu 
erstatten. Die Zeitschrift für praktische Heilkunde druckte diesen Be- 
richt zum Teil ab. 

Während der Gesundheitszustand bisher ein befriedigender war, ^er- 
krankten am 22. Oktober zahlreiche Wöchnerinnen in allen fünf 
Wochensälen an typhösen fieberhaften Erscheinungen mit einer 
meistens binnen 2 bis 3 Tagen endenden Blutzersetzung, ohne daß 
sicJi eine vernünftige^ in der Schule selbst zu ermittelnde Ursache auffinden 
ließ . . . Bei genauer Untersuchung zeigte sich nun, daß in der letzten Woche 
des Oktobers ein Zehntel der aufgenommenen Gebärenden heftig 
fieberte und ihre Krankheit in das Gebärhaus mitbrachte . . . 

Professor Braun fand sich daher veranlaßt, folgende außergewöhnliche 
Maßregeln zu treffen: 

1. Allen Studierenden wurde jede Vaginalexploration vom 1. No- 
vember angefangen untersagt . . . 

2. Alle Operation sübungskurse der geburtshilflichen Dozenten und 
Assistenten am Kadaver wurden vom 1. bis 15. November sistiert . . . 

5 a. Obwohl verdünnte Lösungen von Chlorkalk in offenen G^fUßen von 
Autoritäten in der Chemie für unpassend zur Zerstörung organischer Stoffe und 
des üblen Geruches angesehen werden vnd ihre praktische Unxjcirksamkeit in Wien 
1854 — 55, sowie an anderen Universitäten enviesen wurde^ so wurde dasselbe 
dennoch in die Waschbecken gebracht . . . 

c) Wurde zur Zerstörung des üblen, an den Händen haftenden Geruches 
das von Liebig empfohlene übermangansaure Kali angewandt . . . 

Trotz aller dieser oben angeführten außerordentlichen Maßregeln er- 
krankten vom 1. bis 15. November von 253 verpflegten Wöchnerinnen neuer- 
dings 48 . . ." 

Also, weil ein Zehntel der Gebärenden schon an Puerperalfieber 
leidend aufgenommen wurde, führte man die Semmelweis'sche Prophylaxe 
ein, und trotz dieser gab es in den nächsten 14 Tagen wieder 48 Er- 



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— 187 — 

krankungen. Ergo war das Kindbettfieber durch ein Miasma außerhalb 
der Anstalt erzeugt . . . 

Ganz im Sinne dieses Gedankenganges machte hierzu die Redak- 
tion der „österreichischen Zeitschrift für praktische Heilkunde", welche 
Professor v. Patruban leitete, folgende Bemerkung: 

„Wir hielten es für zeitgemäß, über den Gang dieser Epidemie sogleich 
zu berichten, einerseits, um argen Gerüchten vorzubeugen, andererseits, um aus 
den von dem würdigen Vorstande der I. Klinik getroffenen, höchst lobens- 
werten Vorsichtsmaßregeln zu beweisen, welch argen Täuschungen sich Professor 
Semmelweis in Pest bezüglich der Unfehlbarkeit seiner Präservative hingegeben, und 
wie es durchaus nicht an der Zeit war, jene zwei berüchtigten Sendschreiben aus- 
zustreuen, deren Inhalt den Vetf asser selbst gerichtet hatj^ 

Auf der Karlsbader Naturforscherversammlung im Jahre 1862 
wiederholte Professor C. Braun diese Ansichten und Daten in seinem 
Vortrage „Über die Statistik der Puerperalkrankheiten im Wiener 
Gebärhause" und bemerkte, bei sorgfältigen Chlorwaschungen habe 
die Mortalität von 1849 bis 1853 doch 2 bis 40/o, 1854 sogar 8-57o er- 
reicht, während sie in den folgenden 4 Jahren bei bloßen Seifen- 
waschungen auf 3*2 und l"57o herabsank, trotzdem Professor Braun 
permanent Operationskurse an Leichen hielt. Die Waschung der Hände 
mit Seife sei vorteilhafter als die Chlorwaschung. 

Noch ärger als in Wien waren die Zustände in der Prager Gebär- 
und Findelanstalt.*) Sie erinnerten fast an die bösen Zeiten der vierziger 
Jahre, während welcher Scanzoni als Assistent über den Puerperal- 
prozeß so reiche Erfahrungen hatte sammeln können. Im Jahre 1860 
waren S^/^^Jo Wöchnerinnen und I8V470 Kinder, 1861 40/0 Wöchnerinnen 
und 2272% Kinder gestorben. Und dabei hatte man die ins Allgemeine 
Krankenhaus transferierten und daselbst gestorbenen Wöchnerinnen, 
welche wenigstens zwei Dritteile bildeten, in diesen Ausweis nicht ein- 
bezogen! 

Am ärgsten aber wütete das Puerperalfieber in dem völlig neuen 
Gebärhause zu Stockholm,**) woselbst im Jahre 1860 die Morbidität 40%, 
die Mortalität 167o erreichte! 

In den Medizinischen Jahrbüchern vom Jahre 1862 referierte 
Spaeth über Puerperalfieber-Epidemien und diesbezügliche Arbeiten. 
Tilbury Fox sei der Ansicht, ^daß die Fälle von Puerperalfieber und 
Erysipel Glieder einer und derselben Kette darstellen". Tyler Smith 
halte „es für besonders angezeigt, die ganze Aufmerksamkeit auf Ver- 
hütung des Leidens zu richten. Auch müsse man vor allem die 
Natur des Puerperalfiebers betreffs seiner Infektion und Kontagiosität 
zu erforschen suchen, und er empfiehlt, jede Gebärende soviel als möglich 
mit antiseptischen Vorkehrungen zu umgeben.^* 

Eine Arbeit Dr. Lehmann's über die Krankheit bringe nichts 
neues, sondern bestätige allerwärts den alten Satz: 



*) Prager Vierteljahrsschrift. 1863. 
**) Retzius, Monatsschrift für Geburtskunde. 1861. 17. 3. 



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— 188 — 

^Et de febre puerperarum 

Weiß man nicht wie und nicht warum." 

Zum dritten Male griff Semmelweis zornerfüllt zur Feder, doch 
diesmal wendete er sich mit einem offenen Briefe an sämtliche 
Professoren der Geburtshilfe (Ofen, 1862). Er gibt darin zunächst einen 
Überblick über die Grundlagen seiner Lehre, aber in dem Tone eines 
Fanatikers, der keinen Widerspruch duldet, doch auch nicht müde 
wird, das schon hundertmal Gepredigte nochmals zu wiederholen. 

^Im Mai 1862 wird es 15 Jahre, daß ich als Assistent an der 
I. Gebärklinik zu Wien die alleinige, ewig wahre Ursache aller 
Fälle von Kindbettfieber, keinen einzigen Fall von Kindbettfieber aus- 
genommen, welche vorgekommen sind, seit das menschliche Weib 
gebärt, und welche vorkommen werden, so lange das menschliche 
Weib gebären wird, in dem zersetzten tierisch-organischen Stoffe ent- 
deckt habe. — 

Diese verhütbaren Resorptionsfieber in der Fortpflanzungsperiode 
des Weibes, entstanden durch verhütbare Infektion von außen, stellen 
die Pseudokindbettfieberepidemien dar, welche im Jahre 1664 in Paris 

im Hotel „Dieu" begonnen und im Jahre 18^1 noch immer 

nicht aufgehört haben." 

^Von 1664 bis 1847 war es ärztliche Unwissenheit, von 1847 
an aber zum Teile ärztliche Unfähigkeit, zum Teil ärztliche Unred- 
lichkeit, der Tausende von Müttern und Kindern zum Opfer fielen." 

Unter Boer, der am 15. September 1789 seine Antrittsrede hielt 
und mit letztem Oktober 1822 in den Ruhestand trat, hatte das Wiener 
Gebärhaus Jahre aufzuweisen mit nur 0*397o (1794) und 0*48o/o (1797 
bis 1799) Sterblichkeit. Aus unbekannten Gründen verschlimmerte sich 
das Mortalitätsprozent gegen Ende seiner Laufbahn, also noch vor 
dem offiziellen Beginn der anatomischen Richtung (1823). Semmelweis 
fand die Ursache. »Aus den Schriften Boer 's geht hervor, daß er 
viele der verstorbenen Wöchnerinnen in Gegenwart der Schüler ent- 
weder selbst sezierte oder durch andere sezieren ließ und daraus ist 
die vorgekommene größere Sterblichkeit zu erklären." 

Der Aufsatz des Prof. Dr. Otto Spiegelberg „Zur Geburtshilfe 
und Gynäkologie in London, Edinburg und Dublin (Monatsschrift für 
Geburtskunde, 1856) veranlaßt Semmelweis, nochmals die beiden Gründe 
auseinanderzusetzen, welche den überraschend günstigen Gesundheits- 
zustand der Wöchnerinnen in Großbritannien erklären. „Bekanntlich 
halten die Ärzte des dreieinigen Königreiches das Kindbettfieber für 
eine kontagiöse Krankheit; die Ärzte des dreieinigen Königreiches, 
wenn selbe mit einer kindbettfieberkranken Schwangeren, mit einer 
kindbettfieberkranken Kreißenden, mit einer kindbettfieberkranken 
Wöchnerin, mit einer Puerperalleiche sich beschäftigen, be- 
schäftigen sich nicht mit einer gesunden Schwangeren, mit einer ge- 
sunden Kreißenden, mit einer gesunden Wöchnerin, ohne früher Maß- 
regeln getroffen zu haben, welche geeignet sind, die Übertragung des 
Kontagiums von den Kranken auf die Gesunden zu verhüten; zu diesen 
Maßregeln gehören auch Chlorwaschungen der Hände. 



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— 189 — 

Das Kindbettfieber ist keine kontagiöse Krankheit. 

Das Kindbettfieber wird durch kein Kontagium, sondern durch 
einen zersetzten tierisch-organischen Stoff vervielfältigt, daher ist nicht 
eine jede an Kindbettfieber leidende Schwangere, Kreißende und Wöch- 
nerin geeignet, das Kindbettfieber bei einer gesunden Schwangeren, 
Kreißenden und Wöchnerin hervorzubringen. Verläuft das Kindbett- 
fieber beim kranken Individuum ohne Erzeugung eines zersetzten 
tierisch- organischen Stoffes nach außen, so ist von dieser Krankheit 
das Kindbettfieber auf eine Gesunde nicht übertragbar. — 

Wenn daher die Ärzte des dreieinigen Königreiches Vorsichtsmaß- 
regeln gegen die Übertragung des Kontagiums auch in solchen Fällen 
anwenden, in welchen die puerperalerkrankte Schwangere, Kreißende, 
Wöchnerin keinen zersetzten tierisch-organischen Stoff nach außen er- 
zeugt, so tun selbe zwar etwas Überflüssiges, aber nichts Schädliches. 
In Fällen aber, wo die Puerperalerkrankte — — einen zersetzten 
tierisch-organischen Stoff nach außen erzeugt, oder in Fällen von 
Beschäftigungen mit Puerperalleichen zerstören die Ärzte des drei- 
einigen Königreiches, in der Absicht, ein Kontagium zu zerstören, den 
nach außen erzeugten zersetzten tierisch-organischen Stoff der er- 
krankten Individuen und der Puerperalleiche und verhüten auf diese 
Weise die zahlreichen Infektionen, .... und dadurch haben die Ärzte 
des dreieinigen Königreiches einer Anzahl von Müttern und un- 
geborenen Früchten das Leben gerettet, wofür sie Gott segnen möge. 

Zur Höhe der Wahrheit, daß das Kindbettfieber herstamme von 
der Leiche jeden Alters, jeden Geschlechtes, ohne Rücksicht, ob es die 
Leiche einer Wöchnerin oder einer Nichtwöchnerin ist ; 

Zur Höhe der Wahrheit, daß das Kindbettfieber herstamme von 
jedem Kranken jeden Alters, jeden Geschlechtes, dessen Krankheit mit 
Erzeugung eines zersetzten tierisch-organischen Stoffes nach außen 
einherschreitet, ohne Rücksicht, ob das kranke Individuum am Kind- 
bettfieber leide oder nicht ; 

Zur Höhe der Wahrheit, daß das Kindbettfieber herstamme von 
allen physiologischen tierisch-organischen Gebilden, welche, den vitalen 
Gesetzen entzogen, einen gewissen Zersetzungsgrad eingegangen sind. 
Zu dieser Höhe der Wahrheit haben sich die Ärzte des drei- 
einigen Königreiches nicht hinaufgeschwungen. Sie haben nur eineri 
Teil der Wahrheit^ aber nicht die ganze Wahrheit erkannt. Es könnten 
daher aus dem Teile der Wahrheit, welchen die Ärzte des dreieinigen 
Königreiches nicht erkannt haben, zahlreiche verhütbare Resorptions- 
fieber in den englischen, irländischen und in dem Edinburger 

Gebärhause erzeugt werden. Die Ursache, warum das nicht geschieht, 
und zugleich der zweite Grund des günstigen Gesundheitszustandes 
der Wöchnerinnen der drei Länder ist der Umstand, daß die Gebär- 
häuser des dreieinigen Königreiches sämtlich selbständige Institute 
und nicht Teile eines großen Krankenhauses sind. Wegen der großen 
Entfernung des Gebärhauses von den übrigen Krankenanstalten ist 
der Schüler des Gebärhauses gehindert, während der Lernzeit im Ge- 



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— 190 — 

bärhause sich noch mit anderen Zweigen der Medizin, welche seine 
Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigen würden, zu beschäftigen. 

Der günstige Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in den Gebär- 
häusern des dreieinigen Königreiches ist daher nicht die Folge einer 
mit Bewußtsein durchgeführten, das Kindbettfieber verhütenden Tätig- 
keit. Der günstige Gesundheitszustand ist vielmehr das Resultat eines 
glücklichen Zufalles. Wenn der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen 
schon infolge eines glücklichen Zufalles ein so günstiger sein kann, 
wie klein wird die Sterblichkeit infolge des Kindbettbettfiebers sein, 
wenn der oberste Grundsatz der Verhütungslehre des Kindbettfiebers 
. . . eine strenge Anwendung finden wird? Wenn urir uns die glückliche 
Zukunft vergegenwärtigen, welche dem gebärenden Geschlechte, der unge- 
härenen Frucht bevorsteht und einen gleichzeitigen Blick in die Ver- 
gangenheit werfen, so sind wir genötigt, das erdrückende Geständnis 
abzulegen, daß es keine zweite Krankheit gibt, welche so massenhaft nur 
durch die Schuld der Ärzte erzeugt woi-den wäre^ als das Kindbettfieber 
erzeugt wurde. Der Menschenfreund kann sich nur mit der Wahrheit 
trösten, daß es, die Blattern ausgenommen, aber auch keine dritte 
Krankheit gibt, deren Verhütung so vollkommen in der Macht des 
Arztes läge, als die Verhütung des Kindbettfiebers . . . Die Blattern 
entstehen nicht durch die Schuld der Ärzte, aber das Kindbettfieber 
entsteht durch die Schuld des ärztlichen Personales männlichen und 
weiblichen Geschlechtes. Und wenn wir auch einen Schleier werfen 
über die Verheerungen, welche das Kindbettfieber vor dem Jahre 1847 
anrichtete, weil für ein Unglück, welches aus allgemeiner Unwissenheit 
entsteht, niemand verantwortlich gemacht werden kann. . . . 

So verhält sich die Sache doch anders mit den Verheerungen, 
welche das Kindbettfieber nach dem Jahre 1847 anrichtete. Im Jahre 
1864 toird es 200 Jahre, daß das Kindbettfieber wütet. Es ist hohe Zeit, 
dem ein Ende zu machen. Wer trägt denn die Schuld, daß das Kindbett- 
fieber in den 15 Jahren nach Entdeckung der Verhütungslehre des 
Kindbettfiebers noch immer Verheerung anrichtet? Niemand anders als 
die Professoren der Geburtshilfe. 

Von der großen Anzahl der Professoren der Geburtshilfe haben 
innerhalb 15 Jahren nur zwei die von mir entdeckte Wahrheit erkannt, 
selbe mit Erfolg beobachtet und nur diese zwei waren zugleich auch 
redlich genug, das auch öffentlich anzuerkennen. Einer dieser Pro- 
fessoren der Geburtshilfe war Michaelis in Kiel, der andere ist der 
Geheime Hof rat Professor Dr. Lange in Heidelberg. 

Mehrere Professoren der Geburtshilfe haben die von mir entdeckte 
Wahrheit erkannt, selbe mit Erfolg beobachtet, was die in ihren Gebär- 
häusern verminderte Sterblichkeit beweist, sind aber nicht redlich genug, 
um das auch öffentlich anzuerkennen. 

Sollten sich die Professoren der Geburtshilfe nicht baldigst dazu 
bequemen, ihre Schüler und Schülerinnen in meiner Lehre zu unter- 
richten; sollten die Regierungen noch länger die Kindbettfieberepide- 
mien in den Grebärhäusern dulden, so werde ich .... mich an das 



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— 191 — 

hilfsbedürftige Publikum wenden, ich werde sagen: Du Familienvater, 
weist Du, was das heißt, einen Geburtshelfer oder eine Hebamme zu 
Deiner Frau zu rufen, . . . . ? Das heißt so viel, als Deine Frau und 
Dein noch ungeborenes Kind einer Lebensgefahr aussetzen. Und wenn 
Du nicht Witwer werden willst und wenn Du nicht willst, daß Deinem 
noch ungeborenen Kinde der Todeskeim eingeimpft werde und wenn 
Deine Kinder ihre Mutter nicht verlieren sollen, so kaufe Dir um einige 
Kreuzer einen Chlm'kaUc, gieße ein Wasser derauf und lasse den Geburts- 
helfer und die Bebamme Deine Frau ja nicht innerlich untersuchen^ bevor 
sich nicht der Geburtshelfer, bevor sich nicht die Hebamme in Deinet^ 
Gegenioart die Hände in Chlor gewaschen haben und auch dann noch 
lasse den Geburtshelfer und die Hebamme noch nicht innerlich unter- 
suchen, bis Du Dich nicht durch Betasten ihrer Hände überzeugt hast, 
daß sich der Geburtshelfer und die Hebamme so lange gewaschen 
haben, daß die Hände schlüpfrig geworden. 

Ich hoffe, das hilfsbedürftige Publikum wird gelehriger sein, als 
die Professoren der Geburtshilfe .... 

Auch der Inhalt der beiden berüchtigten Sendschreiben hat nicht 
mich, sondern meine Gegner verurteilt. Im Jahre 1854 sind 400 Wöch- 
nerinnen ohne Aufsehen ins Grab gestiegen, ich habe diese Sterblich- 
keit erst im Jahre 1860, als ich mir die betreffenden Rapporte ver- 
schaffte, erfahren. Nach dem Erscheinen meines Werkes und nach der 
Ausstreuung jener zwei berüchtigten Sendschreiben machten 113 Erkran- 
kungen vom 1. Oktober bis 15. November 1861, von welchen im Gebär- 
hause 48 starben, schon so ein Aufsehen, daß Karl Braun sich ge- 
zwungen sah, zu meiner Lehre zu flüchten, .... Solch glänzende Ei-- 
folge beweisen mir, daß ich auf dem richtigen Wege bin, um endlich das 
gebärende Geschlecht und die ungeborene Frucht vor einem früh- 
zeitigen, verbrecherischen Tode zu bewahren; solch glänzende Erfolge 
legen mir die Pflicht auf, auf diesem Wege, welchen ich betreten, 
fortzuschreiten, bis ich das Ziel erreicht." 

„Fortsetzung und Schluß", die folgen sollten, sind nicht mehr 
erschienen. Freimd Marko's Bemühungen gelang es. Semmelweis ab- 
zuhalten von der Abfassung weiterer Streitschriften, die im Grunde 
nichts neues zutage förderten, wohl aber Semmelweis' Nerven gänzlich 
zerrütteten. Der treue Freund mochte wohl auch besorgen, daß die 
jahrelang fortgesetzte intensive Beschäftigung mit ein und demselben 
Gegenstande zur Entwicklung einer fixen Idee führen könnte, wofür 
schon bedrohliche Anzeigen vorlagen. Markusovszky übernahm es, in 
Zukunft Semmelweis' Lehre im „Orvosi hetilap" zu vertreten und an 
den Auslassungen der Gegner strenge Kritik zu üben. Den offenen 
„Brief an sämtliche Professoren" ließ er den Lesern seines Blattes in 
Form einer Beilage zukommen und begleitete ihn mit folgenden 
Worten : 

„Der Sieg einer guten Sache kann sich wohl verspäten, insbe- 
sondere, wenn sie gegen Irrlehren ankämpfen muß; doch ist endlicher 
Erfolg unausbleiblich. Und so können auch wir mit voller Zuversicht 



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— 192 -- 

hoffen, daß sich unser aufrichtiger Wunsch verwirklichen und dem 
Verfasser jene vollständige Genugtuung zuteil werden wird, die ihm 
einzig und allein nur die ungeteilte Anerkennung seiner Lehre zu 
bieten vermag."*) und in einer Reihe größerer Artikel — „Stimmen 
über Semmel weis' Lehre", »Meinungsäußerungen der auswärtigen Presse 
über die Semmelweis'sche Ätiologie des Kindbettfiebers", »Febris puer- 
peralis recidiva" ,,Das Kindbettfieber und die neue Ventilationsvor- 
richtüng im Wiener Allgemeinen Krankenhause" — hielt er im Laufe 
der nächsten Zeit „unbarmherzig Gericht über jene, zum Teil auf 
Oberflächlichkeit beruhenden, zum Teil jedoch aus unlauteren Motiven 
hervorgegangenen Entstellungen, mittels welcher man das Ansehen der 
neuen Lehre zu untergraben bestrebt war."**) 

Nur noch einmal trat Semmelweis öffentlich für sein Schmerzens- 
kind ein — im Jahre 1863, nachdem in der St Petersburger Gesell- 
schaft der Ärzte eine fünf Sitzungen ausfüllende Debatte über Ätiologie 
und Prophylaxis des Kindbettfiebers stattgefunden hatte. Hervorgerufen 
wurde diese Debatte durch eine größere Studie des Petersburger Geburts- 
helfers Dr. Hugenberger, welche lautete: „Das Puerperalfieber im St. 
Petersburger Hebammeninstitute von 1845 bis 1859, mit Bezugnahme 
auf gleichzeitige Verhältnisse in den übrigen Gebärhäusern und dem 
Weichbilde der Stadt Petersburg". Hugenberger wies darin nach, daß 
zehn Endemien stets von vereinzelten pathologischen Geburten ihren 
Ausgang nahmen, bei welchen brandige Zerstörung der Geburtsteile 
oder faulige Zersetzung der Sekrete eintrat. 

Während eines 15jährigen Zeitraumes gab es im Petersburger Heb- 
ammeninstitut die größte Mortalität (4'18^/o) im Winter, eine geringere 
im Frühling und Herbst, die geringste (2*02%) im Sommer. Im Durchschnitt 
stellte sich die Sterblichkeit daselbst auf 3*87o> während dieselbe unter Puerperen 
in Petersburg im gleichen Zeiträume nur 0*7% betrug. Sechsmal herrschte 
die Krankheit epidemisch in dem Hebammeninstitute, während im Weich- 
bilde der Stadt nicht eine Epidemie von Kindbettfieber beobachtet wurde. 
Die Sterblichkeit war während der Jahre 1845 bis 1859 im Hebammen- 
institute fast nie die gleiche, gewöhnlich eine sehr verschiedene, bedeutend 
geringere oder größere als im Petersburger Erziehungshause. Im Jahre 1847 
infizierte Dr. Etlinger unmittelbar nach einer Sektion eine Kreißende in 
der Anstalt und eine Dame in der Stadt, die er bei Abortus untersuchte, 
und beide starben an Pyämie. Puerperalfieber und Erysipel verdanken nach 
Hugenberger einer Ursache, der septischen Infektion, ihre Entstehung 
und sind als koordinierte E£Pekte einer Schädlichkeit anzusehen. „Formu- 
lieren wir zum Schlüsse unsere Ansicht über die vorzüglichste Ursache des 
Puerperalfiebers im Hebammeninstitute, so werden die drei Quellen nach 
Semmelweis auch bei uns von größter Wahrscheinlichkeit und erleiden nur 
in Bezug auf ihre größere oder geringere Häufigkeit Ausnahmen. Für In- 
fektion durch Leichengift sprachen nämlich die seltensten, für Selbstinfektion 
bei weitem die Mehrzahl, für Infektion durch zersetzte organische Stofie 
fühi-ende Hospitalluft endlich die häufigsten Fälle." 



*) Brück, p. 91. 
♦♦) Brück, p. 92. 



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— 193 — 

Auch in den Sitzungen der Petersburger Ärztegesellschaft ent- 
puppten sich mehrere Ärzte als warme Anhänger der Semmelweis'schen 
Lehre, so vor allen v. Grünewaldt, Massmann, Tarnoffsky, Krich, 
Kettler, Professor Zdekauer. Nur zwei Ärzte, Brunn und Kreuzer, 
traten für Kiwisch' Auffassung des Puerperalfiebers als einer mias- 
matischen, epidemisch auftretenden Krankheit ein. Die Mehrzahl aber, 
die Doktoren v. Haartmann, Zimmermann, Metzler, Mickwitz, 
Etlinger, Rauchfuß, v. Wrangeil, Schmidt und Professor Kieter, 
gab zu, daß zersetzte tierische Substanzen häufig Puerperalfieber er- 
zeugten, beschuldigte aber in gleicher Weise auch miasmatische, kos- 
mische, tellurische Einflüsse als Urheber der Krankheit. Der Vorsitzende, 
Dr. V. Arneth, welcher damals als Leibarzt der Großfürstin Helene 
in Petersburg lebte, erklärte der Hauptsache nach mit Semmelweis 
übereinzustimmen, warf diesem jedoch Einseitigkeit vor, indem Semmel- 
weis jedem anderen ursächlichen Momente, z. B. anderen gleichzeitigen 
Krankheiten wie Pneumonie, Erysipel, Gelenkaffektionen etc., mit 
Unrecht allen Wert abspreche. Von Professor Seyfert in Prag be- 
richtete Arneth, daß er die kranken Wöchnerinnen unter den gesunden 
liegen lasse, weil er fürchtete, durch den moralischen Eindruck einer 
Transferierung in besondere Zimmer den Kranken zu schaden! 

Ein wichtiges praktisches Ergebnis der Verhandlungen war die 
Annahme einer von Dr. Tarnoffsky verfaßten Instruktion für Heb- 
ammen, welchen es zur Pflicht gemacht wurde, ihre Hände und Instru- 
mente mit Chlorwasser zu desinfizieren, wenn sie mit zersetzten Se- 
kretionsstoffen von Kranken zu tun gehabt hatten. 

Hugenberger übersendete Semmelweis die Protokolle dieser 
Debatte samt seiner eigenen Arbeit mit folgenden Begleitworten: „Sie 
werden daraus ersehen, wie viel Anhänger Sie im hohen Norden ge- 
funden und wie sehr die Jugend zu Ihnen hält. Und es ist schon da- 
durch viel gewonnen, denn in den Händen dieser liegt die Zukunft."*) 
In fünf Nummern des Jahrganges 1863 des ^Orvosi hetilap" besprach 
nun Semmelweis den Verlauf der Petersburger Verhandlungen. »Unter 
dem Eindruck dieser günstigeren Erfahrungen, sagt Brück, **) schlägt 
Semmelweis auch dort, wo er zu polemisieren gezwungen ist, mildere 
Saiten an. Er ist friedfertiger und objektiver als in seinen früheren 
Schriften." 

Nebenbei arbeitete der rastlose Mann seit dem Jahre 1860 an 
einem anderen großen Werke. Die Vollendung seiner „Ätiologie" hatte 
ihn offenbar von der alten Angst befreit, daß er nicht schreiben könne. 
Die Übung hob sein Selbstvertrauen, er sah, daß es mit der Feder 
ganz gut ginge, wenn er nur wolle. So schritt er denn frischen Mutes 
an eine zweite, bedeutende Aufgabe, und der »Orvosi hetilap" vom 
Herbst 1860, welcher das Erscheinen der Ȁtiologie" anzeigte, brachte 
gleichzeitig die Mitteilung, daß Semmelweis an einem Lehrbuch der 



*) Brück, p. 97. 
♦^) Brück, p. 98. 
▼. Wald heim, Ignaz Philipp Sömmelwels. y^ 



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-— 194 — 

Geburtshilfe arbeite. Zwei Jahre später berichtet das Blatt, daß von 
den 180 Holzschnitten, welche das Buch zieren sollten, schon 100 durch 
den Xylographen Russ fertiggestellt seien, „was hoffen ließe, daß 
unsere Literatur bald in den Besitz eines vollständigen Lehrbuches 
der Geburtshilfe gelangen werde''. Es sollte in deutscher und ungarischer 
Sprache erscheinen. Über das weitere Schicksal dieser Arbeit ist leider 
nichts mehr bekannt geworden. In dem Nachlasse fand sich auch nicht 
eine einzige Zeile derselben vor.*) 



*) Brück, p. 103. 



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195 



Gynäkologische Arbeiten, ümsehwung der öfFent- 

liehen Meinung zugunsten der Semmelweis'schen 

Lehre. Krankheit und Tod. 

1863 bis 1865. 

Über die Tätigkeit Semmelweis' während seiner letzten Lebens- 
jahre verdanken wir Brück wichtige Nachrichten. Er erzählt:*) 

„Mit seinem Berichte über die St. Petersburger Verhandlungen 
hat Semmelweis die im Interesse seiner Lehre begonnene schrift- 
stellerische Tätigkeit abgeschlossen. Auf die ungeheueren Aufregungen, 
welche ihm der in den letzten Jahren geführte Federkrieg gebracht 
hatte, war ein Stadium der Abspannung gefolgt . . . Resigniert zog er 
sich zurück, das Werk der Verteidigung Markusovszky überlassend. 

Er selbst aber suchte Beruhigung auf einem anderen Gebiete, 
das von jeher den Gegenstand seiner Neigung gebildet hatte: auf dem 
Gebiete der Gynäkologie. 

Semmelweis befaßte sich mit Vorliebe mit dieser Disziplin; hielt 
er doch deren gründliche Kenntnis dem Geburtshelfer für unentbehr- 
lich. Er hatte es daher als einen zweifach harten Schlag empfunden, 
daß er kurz nach seiner Ernennung zum Professor der Geburtshilfe 
sich gezwungen gesehen, auf seine Stelle im Rochusspitale .... zu 
verzichten. Um seine Schüler dennoch in das Kapitel der Frauen- 
krankheiten, soweit es eben anging, einführen zu können, sorgte er 
dafür, daß auf seiner Klinik immer einige Betten für gynäkologische 
Fälle in Reserve gehalten wurden. — 

Als Gynäkologe war Semmelweis der rechte Selfmademan. Er 
hatte, da ihm vermöge seiner Stellung im Krankenhause dazu keine 
Zeit verblieb, nie eine gynäkologische Abteilung besucht; doch pflegte 
er, als Ersatz dafür . . . fast täglich die weiblichen Leichen in der 
Totenkammer des k. k. allgemeinen Krankenhauses zum Behufe gynä- 
kologischer Studien zu untersuchen . . . Dabei hatte er nun reichlich 
Gelegenheit, sich eine genaue Kenntnis der pathologischen Verände- 
rungen der weiblichen Sexualorgane anzueignen. Und da er bestrebt 
war, durch genaue Untersuchung der Leiche noch vor der Sektion die 



•) Brück, p. 98. 

Vi* 



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— 196 — 

Diagnose festzustellen, um dann dieselbe durch den Befund kontrollieren 
zu können, gelang es ihm, sein Tastgefühl dermaßen zu entwickeln, 
daß er sich auf dasselbe beinahe unbedingt verlassen konnte. Als er 
dann später in Pest Gelegenheit hatte, seine auf diese Weise erworbenen 
Fähigkeiten auch beim Krankenbette zu verwerten und den Schatz 
seiner Erfahrungen durch die klinische Beobachtung zu bereichern, 
sah er sich im Besitze so ausgedehnten Wissens, daß es ihm ein 
leichtes war, sich auch in den verwickeltesten Fällen zurecht zu finden. 
Dieser gereiften Einsicht wie auch seiner genauen Kenntnis der patho- 
logischen Anatpmie hatte er es zu danken, daß er sich, obgleich er 
auch hier Autodidakt war, auf das Feld der gynäkologischen Chirurgie 
wagen durfte und selbst vor eingreifenderen Operationen nicht zurück- 
schreckte, wenn der Zustand seiner Patientinnen es erforderte. 

Ein wahres Ereignis nach dieser Richtung hin war jene Ovario- 
tomie, welche er am 22. Juni des Jahres 1863 auf seiner Klinik aus- 
führte; sie war die erste, welche in Ungarn überhaupt gemacht wurde. 
In dieser Zeit waren es namentlich Baker Brown, Tylor Smith^ 
Clay, Spencer Wells, welche die Aufmerksamkeit der Fachkreise 
durch ihre zahlreichen und zum großen Teile von günstigem Erfolge 
begleiteten Ovariotomien auf sich gezogen hatten. Aus allen Teilen 
der Welt strömten die Ärzte herbei, um als Augenzeugen den Opera- 
tionen derselben beiwohnen zu können. Auch Markusovszky hatte 
sich (1862) unter ihnen befunden und über seine Beobachtungen ein- 
gehend in seinem Blatte berichtet. Da sich nun in seinen Berichten 
eine umständliche Beschreibung des von Brown befolgten Operations- 
verfahrens findet, und Semmelweis seine Operation kurz nach dem 
Erscheinen derselben ausführte und dabei tatsächlich die Methode 
Brown's befolgte, ist wohl anzunehmen, daß Markusovszky 's Be- 
richt nicht ganz ohne Einfluß auf die Ausübung seines Wagnisses ge- 
blieben sein mochte. Die Operation verlief unter Assistenz Balassa's 
und im Beisein mehrerer Professorenkollegen und einer zahlreichen 
Hörerschaft ziemlich glatt, obgleich der Fall nicht zu den günstigeren 
gehörte, da es sich nach Eröffnung der Bauchhöhle herausstellte, ^daß 
die Zyste gleichsam die Fortsetzung der Gebärmutter bildete, oder 
anders gesagt, daß sie keinen Stiel besaß" (Stefan Bathory, „Orvosi 
hetilap"*, 1863, Nr. 46, 49). Semmelweis unterband dieselbe, nachdem 
mittels Troikart etwa 8 Pfund einer kaffeesatzähnlichen konsistenten 
Flüssigkeit entleert worden, knapp an der Uteruswand mit Silberdraht 
und Seidenfäden, legte sie in die Klammer und fixierte sie in die 
Bauchwunde. Der Verlauf war ungünstig. Nach 12 Stunden Wohl- 
befindens begann Patientin zu fiebern und verschied 52 Stunden nach 
der Operation unter den Erscheinungen von Kollaps. Die Autopsie 
ergab nekrotischen Zerfall der in der Klammer und außerhalb der- 
selben befindlichen Partien der Zystenwand. 

Semmelweis' Initiative sollte indessen trotz ihres ungünstigen Aus- 
ganges nicht ohne Resultat bleiben; Balassaund später einzelne Schüler 
desselben versuchten sich mit mehr Erfolg in der genannten Operation . . . 



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— 197 — 

Auch mehrere größere Arbeiten, welche sämtlich aus den Jahren 
1864 und 1865 stammen . . . und welche in der gynäkologischen Bei- 
lage des ,,On"osi hetilap" erschienen sind, zeugen für das lebhafte In- 
teresse, daß er der Gynäkologie entgegenbrachte. Wir finden hier 
namentlich drei umfangreiche Aufsätze, welche „Die neueren und 
älteren Theorien der Menstruation", „Die Menstruation und 
deren Anomalien", und schließlich „Die operative Behandlung 
der Ovarienzysten" zum Gegenstände haben, und nicht bloß eine 
eingehende Kenntnis der einschlägigen Literatur verraten, sondern 
auch den unumstößlichen Beweis dafür liefern, wie reich der Born 
der eigenen Erfahrung war, aus dem deren Verfasser schöpfen durfte.*) 
Bedauerlicherweise ist die letztgenannte Arbeit nicht abgeschlossen; 
die alsbald eingetretene schwere Erkrankung verhinderte Semmel weis 
an der Vollendung derselben. Sowie diese sind auch die früher er- 
wähnten als wertvolle Fragmente eines die gesamte Gynäkologie 
umfassenden Werkes zu betrachten, welches Semmelweis zuschreiben 
beabsichtigte. 

„. . . . Und sollte auch die Bedeutung des Gynäkologen Semmel- 
weis nicht an jene, die er sich als Geburtshelfer errungen, heran- 
reichen, so ist doch auch diese Seite seiner Tätigkeit nicht bloß für 
die Hochschule, an welcher er wirkte, und für die medizinische Lite- 
ratur Ungarns von hoher Wichtigkeit — er war der erste, der in 
seiner Heimat das bis dahin brachliegende Gebiet bebaute und zum 
Studium desselben anregte — sondern schon aus dem Grunde auch 
von weit allgemeinerem Interesse, weil wir auch hier unzweifelhafte 
Anzeichen dessen finden, daß er auf dem Wege war, jene anti- 
septischen Maßregeln, welche er in der Geburtshilfe zur 
Geltung brachte, auch in die operative Gynäkologie ein- 
zuführen." 

Inzwischen machte sich ein erfreulicher Umschwung in den Ur- 
teilen der Fachgenossen bezüglich seiner Lehre bemerkbar, zunächst 
schüchtern, vereinzelt, dann immer lauter, immer häufiger. Es ereignet 
sich sogar das Weltwunder, daß ein paar Gegner ihre Überzeugung 
ändern, daß sie Anhänger der früher bekämpften Lehre werden. Allen 
voran Prof. Spaeth, der nach dem Tode des Hofrates Bartsch im 
Jahre l86i die Hebammenklinik in Wien übernommen hatte. Es ist 
psychologisch interessant, zu beobachten, mit welcher Vorsicht Spaeth 
sich anfangs ausdrückt, um seine Schwenkung, die ihm unausweichlich 
erschien, möglichst unbemerkt zu vollziehen. Es wird uns Menschen 
ja so schwer, einen Irrtum einzusehen; schwerer noch, ihn zu bekennen ^t:^ 
und am schwersten wird dies Gelehrten, denn ihre Aufgabe ist es ja, 
zu belehren, nicht irrezuführen. Freilich, gerade deshalb sollten sie 
den Irrtum eingestehen. Aber die Eitelkeit! 

Am 16. Januar 1863 hielt Spaeth in der Wiener Gesellschaft der Ärzte 
einen Vortrag „über die Sanitätsverhältnisse der Wöchnerinnen an 



"') Außer diesen Arbeiten finden sich aus seiner Feder einige kasuistische Bei- 
träge von minderer Bedeutung in den einzelnen Jahrgängen des „Onrosi hetilap**. 



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der Gebärklinik für Hebammen in Wien vom Oktober 1861 bis Januar 
ised"* (Medizin. Jahrb. 1863, 1). Mit deutlicher Beziehung auf Semmel- 
weis, dessen Namen er aber nirgends ausspricht, sagte er ein- 
leitend: 

„Es gibt auf dem Gebiete der Wissenschaft Fragen, die sich immer 
neuerdings wieder an die Fachmänner herandrängen, die zu ihrer Lösung 
berufen sind, und zwar mit unabweisbarer Hartnäckigkeit, solange sie nicht 
eine dogmatische Entscheidung erlangt haben. Unter diesen Fragen steht jetzt 
gerade wieder in erster Ueüit auch die über die Wesenheit und Ursachen der 
Wochenerkrankungen, Sie ist wieder in den Vordergrund getreten, nicht etwa weil 
sie wach gerufen wurde durch den grausen Knall der Csikospeitsche, sondern weil 
die zeitweiligen Verheerungen^ welche diese fürchterlichen Erkrankungen immer 
neuerdings wieder unter den Wöchnerinnen anrichten, die große Wichtigkeit 
zeigen, die bezüglichen Rätsel zu lösen. . . . Jedermann hat eine individuelle 
Bildung, macht . . . individuelle Erfahrungen und abstrahiert davon . . . seinen 
individuellen Anschauungen entsprechende Urteile. Darin liegt der Grund, 
daß Männer der Wissenschaft, wenn sie auch mit aufrichtigem Ernste ihre 
Grundsätze aus den gemachten Erfahrungen ableiten, doch verschiedene 
Theorien über denselben Gegenstand bilden können . . . Darum hat aber auch 
niemand das Recht^ bei Ventilierung noch unerledigter Fragen einen Anders- 
gläubigen zu besehimpfen oder zu verachten^ wenn dieser nur nach Wahrheit strebt und 
gewistenhafl na^ den bisherigen Erfahrungen handelt. . . . Jeder . . . erscheine als 
hartnäckiger, aber ehrlicher und nach Wahrheit strebender Mitkämpfer. Keine 
Rücksicht und keine Schonung soll dabei auf dem Kampfplatze gelteu . . . 
doch die feindliche Kampflust die Freundschaft außerhalb der Schranken nie 
beirren ... So sehr von diesen Grundsätzen abweichende Pnvathefehdungen dem 
Gedeihen der guten Sache schaden, so ist doch die Scheu, offen und ehrlich die 
Wahrheit auszusprechen, die Absicht, die wahren VerhäUtUsfe unter einem anderen 
Jjichte erscheinen zu lassen, noch weit verwerflicher, weil dadurch gar manche 
irrige Anschauungen, oft sogar für längere Zeit, einen Halt gewinnen und die Fe^^l- 
Stellung der Wahrheit verzögert wird. Leider aber treffen Vorwürfe in dieser 
Beziehung nicht selten sowohl Ärzte in Privathäusern, als auch solche an 
öffentlichen Anstalten: denn die einen sowohl wie die anderen stellen oft- 
mals statt der wahren Diagnose absichtlich die einer in ihren klinischen 
Erscheinungen ähnlichen Erkrankung oder die einer im Verlaufe dazu auf- 
getretenen Komplikation, z. B. Typhus, Intestinalkatarrh , Pneumonia, 
Pleuritis etc. hin. Die Geburtshelfer in Privathäusem ünden sich . . . hierzu 
veranlaßt, weil sie dadurch ihren Ruf als praktische Geburtshelfer besser zu 
schützen glauben, und die Ärzte an öffentlichen Anstalten . . . entweder nur, 
um die Sanitätsverhältnisse an denselben günstiger erscheinen zu lassen, 
oder um einer Ansicht, die sie sich als die wahre denken . . . zum Siege zu 
verhelfen. . . . Warum soll er sich scheuen, die Wahrheit zu sagen, wenn die 
Sanitätsverhältnisse an seiner Anstalt ungünstig sind? Es weiß ja jedermann, 
daß in allen Gebärhäusem die Wochenerkrankungen zeitweilig verheerend 
auftreten, weil man bisher noch kein Mittel, sie gänzlich zu verhüten, kennt, 
und gewiß kein vernünftiger Mann der Wissenschaft wird irgend einem Vor- 
stande die Schuld häufiger Erkrankungen zuschreiben, da gewiß jeder soviel 
Gewissenhaftigkeit besitzt, das Möglichste zu tun, dieselben zu verhüten und 
Menschenleben zu schonen. Wozu daJier sich scheuen, die Wahrheit zu sagen? ht 
es nicht, als fühlte man sein Gewissen nicht rein und glaubte, sich entschuldigen 
zu müssen? 



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— 199 — 

Femer darf man nicht vergessen, daß alle jetzt lebenden Geburtshelfer 
im wesentlichen dieselben Prophylactica zur Abhaltung der Wochen erkran- 
kongen in Anwendung bringen, wenn sie auch noch so verschiedener 
theoretischer Ansichten über die Ursachen und das Wesen derselben sind. 
Das emsigste Streben nach Peinlichkeit in jeder Beziehung bei Be- 
handlung des Weibes in der Fortpflanzungsperiode, daher: fleißiges Lüften 
der Kreiß- und Wochenzimmer, Anwendung von verdampfender salpetriger 
Säure, ätherischen Ölen etc. zur Verbesserung der Luft, Reinigung der 
Hände der Untersuchenden oder Hilfeleistenden und aller mit der Kreißenden 
und Wöchnerin in Berührung kommenden Utensilien durch fleißiges Waschen, 
durch desinfizierende Flüssigkeiten, wie Ohlorkalklösung, Cha- 
mäleon miner ale etc., Reinigung der Wäsche, Entfernung aller jauchenden 
und faulenden animalischen Stoffe, Separierung der Kranken von den gesunden 
Gebärenden und Wöchnerinnen, Verhütung einer Überfällung der Ejreiß- und 
Wochenzimmer, möglichst schonende und zweckmäßige Leitung der Geburt, 
Sorge für gute Kontraktionen des Uterus nach derselben etc. empfiehlt jeder 
in dieser Angelegenheit als beachtenswert, der Kontagionist, um dem Kontagium 
entgegen zu wirken, der Miasmatiker, um das Miasma zu vertilgen, der In- 
fektionist, um sich zersetzende tierische Substanzen zu zerstören und ihre 
Aufnahme in den Organismus möglichst zu hindern. Sie tun alle dasselbe zur 
Erreichung desselben Zweckes, nur mit verschiedenen theoretischen Ansichten. 
Es kann daher keinen, von was immer für einer Farbe er sei, ein Vorwurf 
treffen, wenn unter seinen Schutzbefohlenen Wöchnerinnen nicht der beste 
Sanitätszustand herrscht, wenn er nur nach bestem Wissen und Gewissen 
alles tut, wovon man sich nach was immer für einer Theorie vernünftiger- 
weise einen günstigen Einfluß erwarten kann. Freilich darf er aber dabei 
seine theoretische Ansicht nicht für die allein wahre ansehen, solange sie 
noch nicht allgemein als solche anerkannt ist, sondern muß auch die anderen 
vernünftigen Ansichten ebenso achten, wie die seinige. Mit Anerkennung 
dieser Grundsätze kann gewiß jeder offen und ehrlich und ohne Scheu vor 
irgend einem Vorwurfe seine Erfahrungen zum besten geben, mögen sie sich 
auf günstige oder ungünstige Sanitätsverhältnisse beziehen, um damit Licht 
in das Dunkel des so hochwichtigen Gegenstandes zu bringen." 

Li der Zeit vom 1. Oktober 1861 bis 1. Januar 1863 wurden auf der 
II. geburtshilflichen Klinik 4168 Mütter entbunden und von diesen starben 
212, somit 5*1%, an Puerperalprozessen. Innerhalb dieser Periode erkrankten 
aber in der Zeit vom 1. Oktober 1861 bis 2. Februar 1862 von 1127 Neu- 
entbundenen 236 an Puerperalprozessen und davon starben nicht weniger 
als 148, d. i. 13*2%. Speziell im Monat November 1861 stieg das 
MorbiditätsverhÜtnis auf 30-2%, das Mortalitätsverhältnis auf 19-4^/o!! 
Statistische Zusammenstellungen und Berechnungen ergaben, daß während 
der fürchterlichen Endemie von den Gassengeburten nur eine am Kindbett- 
fieber erkrankte und keine starb, während der längere oder kürzere Aufenthalt 
in der Anstalt noch vor der Entbindung keine größere oder geringere 
Disposition zur Erkrankung bedingte; daß die überwiegende Mehnsahl der 
Schwangeren gesund in die Gebäranstalt kam, folglich die Ursache der 
häufigen Erkrankungen innerhalb der Anstalt zu suchen sei; daß die zahl- 
reichen Frühgeburten das Wüten der Endemie nicht beeinflußten, daß Ge- 
bärende, bei denen operative Eingriffe nötig waren und Wöchnerinnen, die 
an Blutflüssen litten, zumeist an Fieber erkrankten; daß endlich am meisten 
jugendliche und Erstgebärende der Seuche erlagen. Spaeth folgerte, daß das 
krankmachende Agens, welches man noch nicht kenne^ jedenfalls erst in der 



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— 200 — 

Anstalt seine WirkuDg entfalte, und zwar während derZeit der Geburt und nachher, 
solange die Neuentbundenen noch im Kreißzimmer liegen. Man müsse daher die 
Aufmerksamkeit vor allem auf den Geburtsakt und das Kreißzimmer richten. 

Was erfährt man nicht alles aus diesem interessanten Vortrage! 
Die praktischen Ärzte und die Kliniker von damals getrauten sich nicht 
mehr, Puerperalerkrankungen ihrer Patientinnen als solche zu be- 
zeichnen, sondern stellten absichtlich falsche Diagnosen, die ersteren, 
um ihren guten Ruf als Geburtshelfer zu retten, die letzteren, um die 
Sanitätsverhältnisse ihrer Klinik günstiger erscheinen zu lassen, sowie 
um dem Scheine nach Recht zu behalten ! Man fühlte sein Gewissen nicht 
rein, scheute sich aber, die Wahrheit zu sagen. Das waren ja recht 
nette Zustände! Spaeth konnte Semmelweis' Feinde nicht vernichtender 
schildern, konnte Semmelweis' Anklagen gegen diese nicht glänzender 
rechtfertigen. Und dennoch waren es nicht die Heuchler und Fälscher, 
die er verurteilte, sondern — Semmelweis. Mit Hilfe derselben Logik 
wollte Spaeth auch glauben machen, daß nicht Semmelweis' energi- 
sches, mannhaftes Auftreten, sondern die Verheerungen, welche das 
Puerperalfieber zeitweilig anrichtete, den alten Streit über die Ursache 
dieser ICrankheit wieder angefacht hätten. Man fühlte die überzeugende 
Kraft seiner Lehre, man fürchtete die Keulenschläge des Erbitterten, 
aber man wollte es öffentlich nicht eingestehen. Auch seine Schwen- 
kung sucht Spaeth zu verschleiern. Auf einmal ist allergrößte Reinlich- 
keit angeblich das Streben sowohl des Kontagionisten wie des Mias- 
matikers und Infektionisten! Spaeth nimmt die ganze Lehre an, führt 
Semmelweis' Prophylaxe mit größter Sorgfalt durch, zum Schlüsse 
aber wirft er doch noch die Bemerkung hin: das krankmachende Agens 
kenne man noch nicht. 

In den Medizinischen Jahrbüchern des Jahres 1863 schrieb Spaeth 
als Referent für Geburtshilfe folgendes: 

„Löschner (Vierteljahresschrift f. pr. Hlkde. Prag 1862, I) bemerkt 
bei Gelegenheit seines Berichtes, in welchem er der Puerperalfieber- 
epidemie des Prager Gebärhauses im Jahre 1861 erwähnt, daß zur 
Zeit dieser Epidemie das PuerperalEeber auch häufiger als zu anderen Zeiten 
in der Stadt und auf dem Lande geherrscht hätte und daß Schwangere im neunten 
Monate schon puerperalkrank in die Anstalt gekonunen und daher um so rascher 
diesem Leiden erlegen wären. Referent muß es für höchst wünschenswert 
erklären, daß einmal genaue wissenschaftliche Daten über das Vorkommen 
des Puerperalfiebers in der Privatpraxis geliefert würden, denn gründlichere 
Kenntnis in dieser Beziehung würde gewiß wesentlich zur Erforschung der 
ursächlichen Momente dieses furchtbaren Leidens beitragen. Jetzt wissen wir 
aber in dieser Hinsicht kaum mehr, als daß kranke Wöchnerinnen auch in 
Privathäusern vorkommen und vielleicht zeitweise auch zahlreicher getroffen 
werden und es ist um so mehr zu bedauern, daß Männer in einer Stel- 
lung wie Löschner über das zeitweilig häufigere Auftreten dieses Leidens 
in Privathäusem nur in so vagen, für die Wissenschaft völlig wert- 
losen Ausdrücken berichten, da diesen gegenüber nicht weniger wichtige 
Stimmen sich hören lassen, denen zufolge man glauben möchte, daß das 
gleichzeitig zahlreiche — sogenannte epidemische — Vorkonmien des Puer- 
peralfiebers nur in Gebärhäusem beobachtet werde. 



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— 201 — 

So sagt Oppolzer (Allg. Wien. med. Ztg., 1862, Nr. l^J bis 15), 
welcher als praktischer Arzt den Wiener Boden wohl kennen dürfte, daß 
während der Epidemie, welche im Winter 1861 bis 1862 im Wiener Gebär- 
hause herrschte, die übrige Stadt fast ganz von dieser Krankheit 
verschont blieb, und daß überhaupt an Gebäranstalten das Puerperalfieber 
viel häufiger und heftiger herrsche als in Privathäusern. 

Über das Wesen des Puerperalfiebers spricht sich 0. dahin aus, 
daß er selbes für eine Krankheit hält, die durch Infektion mit in Zer- 
setzung begriffenen Substanzen entstehe, welche Infektion aber nicht 
notwendig durch die Genitalien stattfinden müsse, sondern auch auf 
anderen, wenn auch uns ganz unbekannten Wegen die giftigen Stoffe 
in den Organismus bringe, dort das Fieber, in den meisten, wenn 
auch nicht in allen Fällen Erkrankungen der Genitalien und sehr häufig 
Entzündung in den verschiedenen übrigen Körperteilen erzeuge. 

Dumontpallier (L'Union medic. de Paris 1862) spricht die "Überzeu- 
gung aus, daß man unter dem Namen Puerperalfieber eine große Anzahl 
krankhafter Zustände zusammenfasse, welche alle die Pyämie als gemein- 
schaftlichen Charakter haben. Um diese Erkrankungen mit Verständnis auf- 
zufassen, dürfe man nicht vergessen, daß schon vom Beginn der Schwanger- 
schaft an im Weibe Veränderungen eingeleitet wüi-den, die in ihrer Gesamt- 
heit und Vollendung den Puerperalzustand bildeten, welcher zwar als physio- 
logisch zu betrachten wäre; aber doch zu bestimmten Erkrankungen mit Pyämie 
eine Diathese bilde, und zwar liege in diesem Puerperalzustande, insofeme 
er den Gesamtorganismus treffe, eine JPrädisposition zu Erkrankungen im 
allgemeinen und in seinen örtlichen Veränderungen die Ursache zu Lokal- 
affektionen. Dementsprechend müsse man auch den klinischen Beobachtungen 
zufolge „puerperale ZufUlle", die von örtlichen Affektionen ausgehen und das 
eigentliche Puerperalfieber unterscheiden. 

Als eigentümliche Form ersterer Art erklärt D. die Eiterinfektion Neu- 
entbundener, führt davon ein Beispiel an und sieht sich veranlaßt, die Gleich- 
artigkeit dieser Affektion mit Pyämie nach Amputationen zu konstatieren. In 
beiderlei Fällen treffe man: Frostanfälle; Schmerzen an verschiedenen Stellen 
des Körpers; Störungen im zentralen Nervensysteme; einen Gesamtzustau d, 
der auf eine allgemeine Erkrankung hindeute; oberflächliche und Zellgewebs- 
abszesse; Eiterergüsse in Gelenkshöhlen; Metastasen in den wichtigsten Fin- 
ge weiden; äußerste Hinfälligkeit; rascher Tod und in beiden Fällen wäre ein 
Eiterherd anatomisch nachweisbar, von wo aus der Übergang des Eiters in- 
den Organismus stattgefunden hätte. 

Eine solche Eiterbildungsstätte sei bei jeder Wöchnerin vorhanden, 
nämlich die Placentarstelle und der Übergang des Eiters von dieser Stelle 
aus finde statt entweder durch Phlebitis suppurativa und unmittelbaren 
Eitererguß ins Blut oder durch Resorption des Eiters. In letzterer Beziehung 
glaubte D. mit Robin, daß nicht sowohl die Eiterkörperchen, sondern das 
Eiterserum der infizierende Teil sei und daß dasselbe eine bestimmte Zer- 
setzung erleiden müsse, um eine Eiterinfektion hervorbringen zu können. In 
dieser Hinsicht weist nun D. auf die Forschungen von Pasten r, Chalvet, 
R^veil und Eiselt hin, welche die Existenz mikroskopischer Orga- 
nismen in der Luft nachwiesen, die als Ursache von Gärung und 
Infektion zu betrachten seien. Denn solche niedere Organismen glaubt D., 
daß sie, wenn aus der Luft in das Eiterserum gelangt, in demselben jene 
Modifikation hervorbrächten, wodurch es infektionsföhig würde. In dem zeit- 
weiligen, ungemein häufigen Vorhandensein solcher Organismen in der Luft 



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— 202 — 

glaubt D. die Ursache des zeitweiligen epidemischen Auftretens des fraglichen 
Leidens zu finden. Ebenso sieht auch D. in diesem Momente und darin, daß 
nicht jedes Individuum eine gleiche Neigung zur Eiterbildung besitze, wie 
die Erfahrung lehre, den Grund darin, da!ß nicht jede Wöchnerin erkranken 
müsse, wenn auch in jeder an der Placentarstelle eine eiternde Wunde 
wäre." 

Über eine in Dublin im Winter 1861/62 beobachtete Puerperal- 
fieberepidemie berichtete J. Denham in der Dubl. Quart. Review (Nov. 
1862). Breisky referierte darüber in der Prager Vierteljahrschrift 
(1863, 2). 

^D. bedauert, daß jene Schriftsteller, welche den Infektionscharakter 
des Puerperalfiebers vertreten, das epidemische Element seines Auftretens 
vollständig übersehen und unberechtigte Beschuldigungen gegen Ärzte aus- 
sprechen, welche das Unglück haben, innerhalb des epidemischen Kreises zu 
leben, und gegen Institute, welche zur Aufnahme von Kranken dienen, welche 
das epidemische Gift vielleicht schon tagelang vor ihrer Aufnahme in sich 
trugen." Er bekämpft die Anschauungen Semmelweis*, Simpson 's und 
Copeland's und erzählt eine Äußerung Professor Braun 's, die er kürzlich 
gelegentlich seines Aufenthaltes in Wien hörte: „Z>tc Sttulentm bind tftefs vor- 
handen, da8 Puerperalfieber aber nur zeitweilig'' 

Über Denham's Bericht referierte auch Professor Spaeth ein- 
gehend in den Med. Jahrb. (1863, 2). 

„Puerperalfieberepidemien. Denham beschreibt eine solche Epi- 
demie, welche im Dubliner Gebärhause vom Beginne des November 1861 bis 
zum 11. Januar des folgenden Jahres, an welchem Tage die Anstalt eben 
der Epidemie wegen geschlossen wurde, herrschte. Während dieser Zeit kamen 
212 Entbindungen vor, nach welchen 46 Mütter von Wochenbettkrankheiten 
und 8 von Scarlatina heimgesucht wurden. Von ersteren erlagen 28, von 
letzteren 7. Betreff der Puerperalerkrankungen betrug daher die Morbidität 
21-7% und die Mortalität IS-^V^. 

Auf Grund dieser Beobachtung sich auf die Aussprüche von Douglas, 
M'Clintok, Hardy und Kennedy berufend, glaubt D., daß eine gi-oße 
Verwandtschaft zwischen Puerperalfieber, Erysipel und Scarlatina bestehe. 
Die Ursache davon sieht D. in Vergiftung des Blutes, die wirklich durch 
epidemische Einflüsse zustande gebracht würde. Dabei sei jedoch die Konta- 

giosität des Leidens durchaus nicht ausgeschlossen Endlich bestärkten 

ihn in seiner Ansicht auch die Aussagen von Braun in Wien und Heck er 
in München, welche die von ihnen beobachteten Epidemien ebenfalls nicht durch /»<- 
fektion im Hause entstanden, sondern durch Einflüitt^e außerhalb desselben hervor- 
gerufen erklären, — D. spricht sich daher entschieden gegen die 
Theorie von Semmelweis aus; glaubt jedoch schließlich, daß wir sowohl 
betreffs der Natur als auch betreffs der Behandlung dieses Leidens noch 
viel zu lernen haben 

Hecker (Intelligenzbl. bayr. Ärzte 1862) berichtet über das Etatsjahr 
1861 bis 1862 an der Münchener Gebäi'anstalt .... Die Sterblichkeit stei- 
gerte sich aufs Höchste im Dezember und Januar ohn^ nachweisbare Ursache, 
Nur glaubt H. die „Semmelweis'sche Theorie über die Entstehung des Kind- 
bettfiebers durch Leichengift^ entschieden in Abrede stellen zu müssen, da die 
Sterblichkeit an der zahlenden Abteilung nicht geringer war als an der 
klinischen und da zur Zeit der Osterferien und zur Zeit des Hebammen- 



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— 203 — 

Unterrichtes die Gesundheits Verhältnisse unter den Wöchnerinnen schlechter 
waren, als zur Zeit des Besuches der Klinik durch Mediziner. "^ 

Habit's Referat über Hecker's Bericht (Prager Vierteljahrsschr., 
1863, 4) enthielt noch folgende Bemerkung: 

„Nach H.'s Vorstellung liegt den Erkrankungen ein Miasma zugrunde, 
welches sich an den Effluvien der Wöchnerinnen, namentlich bei Überfüllung 
und maiigdhafter VentVatim, entwickelt und nach Ablauf einer gewissen Zeit 
sich wieder selbst zerstört. Zur Beschränkung des Übels wurde denn auch 
für ausgiebige Luftemeaerang und strengste Reinhaltung von Räumen und 
Utensilien gesorgt, sowie die Trennung der Kranken von den Gesunden 
veranlaßt." 

Im selben Bande der medizinischen Jahrbücher veröffentlichte 
Dr. Karl Mayrhofer, Assistent an der I. geburtshilflichen Klinik in 
Wien, seine „Untersuchungen über Ätiologie der Puerperalprozesse", 
aus welchen „ein Zusammenhang zwischen epidemischen Puerperal- 
prozessen und dem Vorkommen von Vibrionen im Lochialsekret 
hervorzugehen schien, wie sie bei der Fäulnis tierischer Substanzen 
in größter Menge vorkommen". ^Es ist offenbar das Nächstliegendste, 
an einen kausalen Zusammenhang zu denken, sei es nun, daß die 
Vibrionen bei Enmetritis einen geeigneten Boden zu ihrer Entwick- 
lung finden, oder daß sie, zur rechten Zeit in den Uterus gekommen, 
den Puerperalprozeß verursachen." Zu Tierversuchen verwendete 
Mayrhofer teils gärende Zuckerlösung, welche nach 14tägiq:em offenen 
Stehen milchig trübe geworden war, teils den Belag faulender Muskeln^ 
der mit Wasser abgespült und filtriert wurde, so daß im Filtrate bloß 
Vibrionen aufzufinden waren. Es wurde „Entzündung der Innenfläche 
der Fruchthälter und Erscheinungen septischer Blutvergiftung hervor- 
gerufen", die Tiere starben nach kurzer Zeit. 

Anläßlich der Errichtung einer neuen Gebäranstalt in Prag wurden 
im Jahre 1863 von Seite der österreichischen Behörden Gutachten über 
Puerperalfieber und Gebärhäuser eingeholt von den Professoren Ro- 
kitansky, Skoda und Oppolzer in Wien, Virchow in Berlin, Lange 
in Heidelberg, Schwarz in Göttingen, Hecker in München und 
Löschner in Prag. Den Experten wurden mehrere Fragen gestellt, deren 
^wichtigste lauteten: 

1. Ob nach dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft die kon- 
tagiöse Entstehung und Verbreitung der Puerperalfieberepidemien 
sichergestellt^ wahrscheinlich oder möglich ist? 

3. Ist bei Epidemien die gänzliche Sperrung und Desinfizierung, 
daher der Bestand eines Wechselhauses nötig? 

Rokitansky, Skoda und Oppolzer gaben vereint ihr Gutachten 
ab: Ad 1. Die kontagiöse Entstehung und Verbreitung ist un- 
zweifelhaft .... Ad 3. Sperrung des Gebärhauses, Unterbringung 
der gesunden Schwangeren und Wöchnerinnen in einem Wechselhause 
von Vs Belegraum des Gebärbauses ist nötig. 

Virchow: Ad 1. Bei der Entstehung und Verbreitung des Puer- 
peralfiebers ist eine sich herausbildende Prädisposition des Indi- 



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— 204 — 

viduums zu diffusen und malignen Entzündungsformen die Hauptsache; 
durch sie allein kann, ohne daß eine Kontagion stattfindet, die Puer- 
peralerkrankung erfolgen. Eine lokale, spezifische Infektion, Kontagion 
tritt erst bei einer gewissen Höhe der Epidemie und bei einer ge- 
wissen Intensität des Kontagiums in Wirksamkeit. Bei einem prä- 
disponierten Individuum kann die Kontagion wirkungslos bleiben. „/cA 
selbst habe, während ich täglich mit Leichen und Leichenteilen beschäftigt 
war, auf meinei' Abteilumj in der Charite jahrelang Wöchnerinnen mit 
dem besten Erfolge behandelt,'* Ad 3. Vollständige Räumung muß bei 
Feststellung verbreiteter Infektion, teilweise Räumung mit Absperrung 
und Desinfektion bei charakteristischen Einzelerkrankungen statt- 
finden. 

Lange: Ad 1. Das Puerperalfieber entsteht aus einer durch In- 
fektion mit zersetzten tierischen Stoffen verursachten Grunderkrankung. 
Meist ist es Infektion von außen, seltener Selbstinfektion. Die Konta- 
giosität des Puerperalfiebers (durch Übertragung spezifischer Produkte) 
muß verneint werden. Dagegen ist eine Übertragung mittels „tierischen 
oder Leichengiftes" wohl anzunehmen. Ad 3. Sperrung ist wenig erfolg- 
reich. Desinfizierung selbstverständlich geboten, ein Wechselhaus not- 
wendig. 

Hecker und Schwarz: Ad 1. Das Puerperalfieber entsteht durch 
schädliche Effluvien, ähnlich dem Spitalbrande. Ad 3. Schon eine An- 
stalt kleineren Maßstabes bedarf eines Wechselhauses. 

Löschner: Ad 1. Unentschieden. Ad. 3. Gänzliche Aufhebung des 
Rapportes zwischen den einzelnen Häusern ist nötig. Im Notfalle gänz- 
liche Sperrung.*) 

Die fünfte Auflage von Naegele's Lehrbuch der Geburtshilfe, in 
der Bearbeitung von Professor Grenser in Dresden, erbrachte den 
Beweis, daß für letzteren ein Semmelweis nicht existierte. Ganz wie 
der alte Busch vor 40 Jahren empfahl Grenser für die innere 
Untersuchung einfach die Ei'wärmung und Einfettung der Finger. 

„Es erleichtert dies das Einbringen des Fingers, macht die Unter- 
suchung dadurch weniger schmerzhaft für die Frau und mindert für dm 
Geburtshelfer die GefaJir der Ämtechwngj wenn er mit kontagiösen Krankheiten 
Behaftete zu explorieren hat.^ 

Professor Karl v. Helly, Nachfolger C. Braun's im k. k. Gebär- 
hause alle Laste bei Trient, veröffentlichte einen klinischen Bericht 
über das Schuljahr 18t)l/62 (Prager Vierteljahrsschrift, 1863, 4.): 

„Die Verhältnisse, unter denen die Versorgten in der Anstalt leben, 
sind seit Jahren dieselben und doch wvrde immer tvieder nach ein^m Zeiträume 
von 2 bis 3 Jahren das gruppenweise Erkranken an Puerperalfieber beobachtet. Da 
femer gerade im Herbst, als die letzte Epidemie zum Ausbruche kam, d<is 
Gebärhavs nicht überfüllt war, kann die Ursache der Krankheit nicht in den 
örtlichen Verhältnissen des Geb&rhauses gefunden werden. Aber auch die 
Übertra^mg von Leichengift kann hier als ursächliches Moment nicht in Betracht 



•) Med. Jahrb. ISß.-i. 



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— 205 — 

kommen, da Schülerinnen einer Hebammenschulo keine anatomischen Studien 
treiben, die Arzte der Anstalt aber ihre Hände nach jeder der ohnehin 
seltenen Leichenöffnuiufm der rigorosesten lieinigung unterziehen. Daraus ergibt 
sich wohl auch, welcher Ansicht wir uns über die Entstehung des Puerpei'al- 
fiebers hinzuneigen gezwungen fühlen." 

Daraus erklärt sich wohl auch, daß im Schuljahr 1861/62 zu alle 
Laste von 201 Wöchnerinnen nicht weniger als 15, d. L 77»%, zu 
sterben sich gezwungen fühlten. 

Am 29. Januar 1864 berichtete Professor Spaeth abermals in der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte über «die Sanitatsverhältnisse der 
Wöchnerinnen an der Gebärklinik für Hebammen in Wien während 
des Solarjahres 1863". An der Gebärklinik für Ärzte betrug die 
Mortalität 14%, an der für Hebammen 0-57o« 

^ Diese ungemein günstigen Verhältnisse wurden während der letzten 
drei Dezennien an der L Gebärklinik nur im Jahre 1848 bei einer Mortalität 
von -1*2% und an der II. Gebärklinik von keinem Jahre übertroffen. . . . 
Wenn Sie mich fragen, worin der Grund liegt, daß in diesen Jahren der 
Gesundheitszustand unter den Wöchnerinnen fortwährend ein so günstiger 
blieb, ... so muß ich gestehen: Ich weiß ea nicht. Wenn Sie mich aber 
fragen, worauf ich mein besonderes Augenmerk richte, um günstige Sanitäts- 
verhältnisse an der Klinik zu erzielen, so muß ich erwidern, . . . daß ich es 
mir zur ersten Aufgabe machte, mit aller Energie die »trengMe, Peinlichkeit in 
allem und jedem durchzuführen. Zu diesem Zwecke strebte ich a) vor allem 
nach Beschaffung und Erhaltung reiner Luft; h) nach möglichster 
Separierung der Kranken von den Gesunden und c) nach möglich- 
ster Reinlichkeit bei allem, was irgendwie mit einer Kreißenden 
oder Wöchnerin in Berührung kommen kann. . . . Was die Separierung 
der Kranken von den Gesunden anbelangt, so halte ich dieselbe besonders 
wichtig im Kreißzimmer. Ich lasse daher Personen mit jauchigem Frucht- 
wasser oder Fieberbewegungen stets abseits liegen oder gar noch vor der 
Geburt ins Krankenhaus überbringen. Derlei Personen werden stets nur einer 
J^chülerin zur Obsorge zugewiesen. Keine andere Schülerin darf eine solche 
Person weiter untersuchen, und die ihr zugewiesene Hebamme darf auch 
keine andere Gebärende mehr berühren und hat dafür zu sorgen, daß die 
bei ihrer Pflegebefohlenen in Gebrauch stehenden Utensilien mit keiner 
anderen Kreißenden mehr in Berührung konmien. In den Wochenzimmern 
halte ich die Separierung für weniger wichtig, doch werden auch aus den- 
selben namentlich Wöchnerinnen mit jauchigen Lochien alsbald in die 
Krankenzimmer überbracht und beim Räumen eines Zimmers alle Kranken 
von den Gesunden geschieden. 

Um die möglicliste Reinlichkeit in allem, was mit einer Kreißenden 
oder Wöchnerin in Berührung kommt, zu erzielen, trachtete ich nicht bloß 
die gewöhnlichen Reinlichkeitsmaßregeln mit Strenge durchzuführen, sondern 
bestrebte mich auch fortwährend durch Wort und Beispiel den Schülerinnen 
die größte Sorgfalt in diesem Punkte einzuprägen. Darum ist auch eine 
Chlorkalklösung stets im Kreißzimmer vorrätig, von der sowohl ich als meine 
Herren Assistenten Gebrauch machen, wenn wir unsere Hände mit irgend 
etwas Faulendem etc. in Berührung gebracht haben, und von welcher Gebrauch 
zu machen in solchen Fällen auch die Schülerinnen verhalten werden. Nicht 
aU ob ich von der unfehlbar günstigen Wirkung der Chlorkalklösung überzeugt wäre^ 



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— 206 — 

sondern weil ich glaube, daß dadurch die Schülerinnen zu größerer Gewissen- 
haftigkeit im Punkte der Reinlichkeit ihrer Hände veranlaßt werden. . . . Ein 
besonderes Augenmerk glaubte ich auf die früher üblichen hölzernen Leib- 
schüsseln richten zu müssen. ... Es ist nicht zu zweifeln, daß Holz ein sehr 
unpassendes Material ist . . . Ich bewirkte daher die Anschaffung leicht zu 
reinigender GeflÜ3e aus Zink. 

Nur in einem Punkte vernachlässigte ich aus Furcht vor Übertragung 
infizierender Stoffe die wünschenswerte Reinlichkeit selbst. Ich verbot seit 
nahezu 2 Jahren das tägliche Waschen der äußeren Geschlechtsteile der 
Wöchnerinnen. Dasselbe wurde früher stets von den Zimmerwärterinnen 
mittels Wasser und Schwamm vorgenommen. Trotz alles Zuredens konnten 
sie sich doch nicht immer enthalten, dabei mit dem Schwamm selbst die 
Genitalien abzuwischen und so den Schwamm zu verunreinigen, mit dem sie 
gleich wieder die nächsten wuschen. Ich wurde daher gegen diesen gewiß 
höchst gefUhrlichen Vorgang so mißtrauisch, daß ich auch keine andere 
Methode zur Reinigung der äußeren Geschlechtsteile, z. B. das Begießen der- 
selben mittels eines kleinen GefS,ßes dulden zu dürfen glaubte; weil bei 
jeder Methode das untergehaltene GefUß mit der nächsten Wöchnerin in 
Berührung kommen und dadurch eine Infektion veranlassen kann. Ich verbot 
es daher gänzlich und ließ nur täglich morgens beim Wechseln des unter- 
gebreiteten Leintuches die Genitalien mit eben diesem Leintuche abwischen. 

Durch diese Auseinandersetzungen glaube ich nun klar genug meine 
Denkungsweise dargetan und meine Ansicht ausgesprochen zu haben, daß in 
der strengen Erhaltung der Heinliclikeit in jeder Beziehung ein höchst wichtiger 
— gewiß aber nicht der einzige Faktor zur Erzielung eines guten Gesundheits- 
zustandes unter den Wöchnerinnen zu suchen ist." 

Als Gegner der Infektionslehre hatte Spaeth 167o Mortalität auf 
seiner Klinik erzielt, als ßefolger der Semmelweis'schen Prophylaxis 
plötzlich nur 0*5%. Und doch, den Grund für die rasche Besserung 
des Gesundheitszustandes — er wußte ihn nicht!! 

Am 5. Februar 1864 hielt Professor Spaeth wiederum in der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien einen Vortrag über „die Vor- 
kommnisse des Wiener Gebärhauses während der letzten 30 Jahre mit 
besonderer Berücksichtigung der Puerperalerkrankungen" (Med. Jahrb. 
1864, 1). 

Nach einem historisch-statistischen Rückblicke erwähnt er des Ein- 
greifens des Assistenten Dr. Semmelweis an der I. geburtshilflichen Klinik 
im Mai 1847, worauf sich der Sanitätszustand daselbst auffallend rasch 
besserte, so daß die Mortalität im Jahre 1848 schließlich nur mehr 1*2% 
betrug, auf welchem Punkte sie seit 1823, während Kleines Herrschaft, nie 
mehr gestanden hatte. Spaeth kann es aber charakteristischerweise nicht 
unerwähnt lassen, „daß sich zur selben Zeit auch die zweite Klinik 
eines außerordentlich günstigen Gesundheitszustandes erfreute". 
In den kommenden Jahren erreichte „die Mortalität weder an der einen noch 
an der anderen Klinik die Höhe der vergangenen Zeiten wieder. Nur die 
Jahre 1852, 1854 und 1855 waren an der ersten Klinik durch 4 07o7 9-1% 
und 5-40 ^nd an der zweiten Klinik durch ö'T^/o, 6-27o ^"^ 5'^7o Mortalität 
ausgezeichnet. Die letzten Endemien waren die beider Kliniken vom Oktober 
1861 bis Februar 3 862, welche rapportmäßig an der ersten Klinik die Mor- 
talität mit l'l^lo uiid an der zweiten mit 10% erscheinen ließen, aber eben 



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— 207 — 

nur 4 Moiiale dauerten, und endlich die Endende an der Klinik für Arzte im 
Winter 1862 bis 1863, welche gor nur 3 Monate dauerte und eine Mortali- 
tätshöhe von 6*2 Vn erreichte". Was nun die Ursache dieser Endemien anbe- 
langt, so hält sie Spaeth nicht als eine „Folge von tellurischen oder kosmi- 
schen Veränderungen", findet auch keinen Zusammenhang mit anderen epi- 
demischen Krankheiten, mit Ausnahme des Botlaufs, und gibt im Gegensatz 
zu C. Braun völlig Semmelweis Becht, der jeden Einfluß der Temperatur 
und der Jahreszeiten auf die Entstehung des Puerperalfiebers leugnet. Da- 
gegen weist Spaeth auf die Wichtigkeit der Ventilation der Kreiß- und Wochen- 
zimmer hin und meint, die Wintermonate übten einen ungünstigen Einfluß 
dadurch aus, daß sie zur Anhäufung von faulenden tierischen Stoffen in der 
Anstalt Veranlassung geben. „Die Ursachen der Puerperalfieberende- 
mien der Gebärhäuser sind in der Anstalt selbst und nicht außer- 
halb derselben zu suchen. . . Die hierher gehörigen schädlichen 
Agentien entfalten erfahrungsgemäß unstreitig ihren Einfluß 
während der Geburt oder ersten Stunden nach derselben. . . . Das 
wichtigste, vielleicht einzige Agens zur Erzeugung von Puerperal- 
fieber sind faulende, animalische Stoffe, mögen dieselben auf 
was immer für eine Weise im Körper der Kreißenden oder Wöch- 
nerin erzeugt, an der Anstalt selbst hervorgebracht oder von 
außen eingeschleppt worden sein. Der Übergang faulender animalischer 
Stoffe in das Blut einer Kreißenden oder Wöchnerin veranlaßt die einzelnen 
Erkrankungen, und in der Anhäufung derartiger Fäulnisprodukte 
an einer Anstalt ist die Ursache der Puerperalfieberendemien an 
derselben zu suchen. Beschaffung und Erhaliung guter Luft, strenge 
Separierung der Kranken von den Gesunden und möglichstes 
Reinhalten alles dessen, was mit einer Kreißenden oder Wöchnerin 
in Berührung kommt, vermögen daher am besten denselben ent- 
gegen zu wirken. . . . 

Welche Beachtung verdient nun die Theorie von Semmel- 
weis? — Diese Frage drängt sich im Laufe der Betrachtungen wohl un- 
willkürlich auf; doch will ich ihr auch absichtlich nicht aus dem Wege 
gehen, weil ich glaube, daß sich die in dieser Streitfrage erhitzten Gemüter 
wieder soweit abgekühlt haben dürften, daß man jetzt] ein ruhiges Wort 
darüber sprechen kann. Ich erachte es für eine unverzeihliche Leichtfertigkeit, 
wenn Garnier*) sagt: „Signaler cette doctrine c'est en montrer Finanitö 
et Ton ne comprend guere, qu'en Allemagne de m6dicins aient pris la peine 
de la refuter'' ; und bin aus eigener Erfahrung und durch Berücksichtigung 
der oben angeführten Tatsachen von ihrem hohen Werte überzeugt. Bestimmt 
hätte diese Theorie weit mehr Fachmänner als offene Freunde für sich ge- 
wonnen, wenn nicht Seramelweis anfangs die ihm in die Augen fallenMe 
Tatsache einseitig für das Ganze hingestellt und später seine Theorie in einem 
Tone verfochten hätte, den kein Mann der Wissenschaft bis dahin zu führen 
gewohnt war. Niemand leugnet die Möglichkeit, durch die Untersuchung einer 
Kreißenden mittels eines mit Leichengift verunreinigten Fingers derselben 
eine Metrophlebitis oder Lymphangioitis zu verursachen; niemand kann 
aber in diesem einen Momente die einzige und wirkliche Ursache 
von Puerperalfieberendemien an Anstalten erblicken. Jedermann gibt 
zu, daß durch behutsames Beinigen der mit Leichengift beschmutzten Hände 
die Gefahr einer möglichen Infektion bei Untersuchung beseitigt wird und 

*) L'union m6dicale de Paris, N. 90 (23 Acut, 1862) p. 365. 



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— 208 — 

ich will auch ChlorkaUdösung oder Chamaeleon minerale etc. als ganz geeignet 
für solche Waschungen betrachten, aber niemand kann darin das einzige 
Mittel gegen Puerperalfieberendemien an einer Klinik finden. 
Semmelweis hat selbst diese Einseitigkeit schon längst einge- 
sehen und hat in seinem Werke über die Ätiologie des Puerperal- 
fiebers mit hinlänglicher Klarheit dieselben Grundsätze aus- 
gesprochen, die ich oben mit keiner wesentlichen Abweichung 
als Resultat der Erfahrung hingestellt habe. Auch wage ich es un- 
umwunden auszusprechen, daß es gar keinen Fachmann mehr gibt, der nicht in 
f-fineni Inneren von der Richtigkeit der Semmelweis'«cÄcn Ämicht iiberzenqt itft, 
wenn er auch noch so sehr dagegen spricht. Man achte nur auf eines jeden Hand- 
lungsweise und ich frage, wer handelt nicht nach ihren Grundsätzen? 
Warum predigt jeder, daß die strengste Reinlichkeit notwendig sei? Warum 
läßt dieser die Hände der Untersuchenden mit Chlorkalklösung oder Chamae- 
leon minerale waschen und jener alle Blut- und Lochienflecken mit ähnlichen 
Flüssigkeiten ausputzen? Warum sucht man zweckmäßige Ventilationseinrich- 
tungen, selbst mit bedeutenden Geldopfern zu schaffen? Warum sieht man 
auf die strengste Reinlichkeit in der Wäsche und den verschiedenen Uten- 
silien? Warum schafft man sich so viele Unbequemlichkeiten beim Reinige« 
und Putzen der Zimmer, beim Separieren der Kranken von den Gesunden? 
Warum schafft sich jemand diese und noch viele andere Mühen und Aus- 
lagen, welche ja alle nur auf Entfernung faulender Stoffe und Ver- 
hütung der Ansammlung faulender Effluvien an der Anstalt ab- 
zielen, wenn er nicht überzeugt ist, daß er hinsichtlich des Ge- 
sundheitszustandes seiner Anstalt dadurch einen wesentlichen 
Nutzen schafft? 

Auch die Theorie von Mayerhofer — wenn sie sich als richtig heraus- 
stellt — kann für nichts anderes angesehen werden, als für eine weitere 
Bestätigung der Semmelweis 'sehen Ansicht, da sie ja die durch Fäulnis 
tierischer Stoffe entstandene Vibrionen als Vermittler der In- 
fektion hinstellt.'' 

Noch vor einem Jahre hatte Spaeth anders gesprochen. Da war 
es nicht der „Infektionist" allein, der größte Reinlichkeit anstrebte, 
sondern auch der Kontagionist und sogar der Miasmatiker ! Die ,. Ätio- 
logie" hat Spaeth so gründlich studiert, wie wenige seiner Zeit- 
genossen es getan haben; und doch ist auch ihm entgangen, daO 
Semmelweis gleich in der ersten Publikation Hebra's den Inhalt seiner 
ganzen Lehre veröffentlichte und durchaus nicht auf dem anfänglichen 
Standpunkte der Leicheninfektion als alleiniger Ursache des Puerperal- 
fiebers stehen geblieben war. Die mangelhafte Disposition des Semmel- 
weis'schen Werkes dürfte diesen Irrtum Spaeth 's, wie so vieler, vieler 
anderer verschuldet haben. Eine Folge dieses Grundirrtums war es, 
daß Spaeth fälschlich ausführte, die allgemeine Erfahrung habe die 
Einseitigkeit der Semmelweis'schen Auffassung erkannt und berichtigt 
und hinterher Itabe Semmelweis in seinem Werke diese Einseitigkeit 
selbst eingesehen und sich die Grundsätze der allgemeinen Erfahrung 
zu eigen gemacht. 

Bemerkenswert ist, was Spaeth als feststehende Tatsachen 
• auszusprechen wagt: daß niemand mehr die Möglichkeit einer Leichen- 



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— 209 — 

Infektion leugne, daß es keinen Fachmann mehr gebe, der nicht 
von der Richtigkeit der Semmelweis'schen Ansicht überzeugt 
wäre und nicht nach ihren Grundsätzen handelte! Semmelweis ha^ 
also noch bei Lebzeiten auf allen Linien gesiegt! Es gab nur 
Anhänger seiner Lehre, allerdings zwei Sorten. Wer sich vor der Welt als 
Gegner geberdete, war nur ein heimlicher Anhänger der Desinfektion. 
Am 15. April 1864 sah sich Professor Dr. Karl Braun, auf welchen 
manches Wort Spaeth's bezogen worden sein mochte, veranlaßt, in 
der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien zu sprechen „über Luft- 
wechsel, den neuen Ventilationsbau mit Benutzung der natürlichen 
Temperaturdifferenzen und Luftströmung, sowie über neue Einrich- 
tungen der ärztlichen Universitätsklinik für Geburtskunde und Gynä- 
kologie in Wien." Gleich die ersten Worte kennzeichnen seinen Standpunkt : 

^Rdne warme Luft in genügender Menge i^t das iwtwendiff$'r Erfordernis 
einer jeden Gebäranstalt zur Entfernung von Gärungserregem^ zur Verminde- 
rung der Puerperalerkrankungen, zur Besserung derselben im Verlaufe und 
zor Beschränkung der Mortalität; sie ist daher als das hygienische Kardinalmittel 
unter den Präventivmaßregelii in einer geburtshilflichen Klinik zu betrachten." 
Nach eingehender Besprechung der neuen Ventilationseinrichtungen bemerkt 
er: „Die geringe Mortalität in den Gebärhäusern ist wieder der 
feinste Gesundheitsmesser der Salubrität ihres Baues, ihrer Ein- 
richtungen und ihres Luftwechsels" und fahrt die geringe Zahl von 
Puerperalerkrankungen und Todesfällen während der Wintermonate auf den 
Einfluß der neuen Ventilationseinrichtungen zurück. „In den Jahren 1867 bis 
1860 war die MortaHtät eines Jahres 2'S^/q, 1*9% ^^^ 2*2^0 ^^^ «• vmrdm 
von niemandem Waschungen mit Chlorwasser vorgenommen; daher die günstigen 
Sanitätsverhältnisse nicht diesen zugedacht werden können. 25 n bis 800 Stu- 
denten wurden jährlich damals klinisch praktisch unterrichtet und die Hälfte 
derselben am Kadaver von zwei Dozenten im Operieren eingeübt. Der ausgedehn- 
teste praktische Unterricht und ziemlich gute Sanitätsverhältnisse bestanden 
nebeneinander, nur waren die Wintermonate ungünstiger als die Sommerzeit. 

Im Oktober 1861 zeigte sich an beiden Wiener geburtshilflichen ELli- 
niken plötzlich das Puerperalfieber epidemisefi mit einer Mortalität bis 7*7% 
in der ersten, bis auf 6*7% in der Hebammenklinik. Im Monate November 
IHd wurden daher folgende vom hohen k. k. Staatsministerium genehmigte 
außerordentliche Maßregeln in der ärztlichen Klinik durchgeführt: Kein 
Student durfte während des ganzen Monates November explorieren ; bloß die 
angestellten Hebammen bedienten die Gebärenden; kein Operationskurs am 
Kadaver wurde gegeben; die Zerstreuungsmethode wurde angewendet und 
Transferierungen der mit Puerperalfieber Behafteten wurden zahlreich vor- 
genommen ; der praktische Unterricht suspendiert ;chemischeDesinfektionen 
der Zimmerlufb und der explorierenden Hände der Hebammen vorgenommen, 
und zwar: Salpeterräucherungen . . . .; die Hände der beschäftigten Assi- 
stenten und Hebammen wurden vor und nach Explorationen mit einer Lösung 
des von Professor Schneider empfohlenen besten Desodorans und Anti- 
septicam, nämlich mit Chamaeleon minerale im Verhältnisse von 1:300 
(Rp. Kau hypermanganati drachm. 1 , Aq. dest. lib. duas) sorgfältig gereinigt, 
und da beim längeren Eintauchen der Hände in eine dunkelviolette Chamäleon- 
lösung die Haut derselben bräunlich wird, so wurden dieselben unmittelbar 
darauf in verdünnte Salzsäure (1:6) getaucht (Rp. Acidi muriat. venal. 

T Waldheim, Tgnaz Philipp Semmel weil. 14 



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- 210 — 

unc. sex, aq. communis libras tresj und schließlich erst noch Seife and 
Nagelbürste in Anwendung gezogen .... Alle genannten Chemikalien wurden 
durch ein halbes Jahr bis Mai 1862 gebraucht und die erkrankten Wöchne- 
rinnen von den gesunden strenge separiert. Trotz alles dessen war die Mor- 
talität in Rücksicht der Geburtenzahlen an der ersten Gebärklinik im Novem- 
ber 1861 8% u^^ i^it Einrechnung der ins Krankenhaus transferierten 
Fiebernden und dort verstorbenen Wöchnerinnen über 10%. . . . Im Dezem- 
ber 1861 wurden bloß wenige Praktikanten an der ersten Gebärklinik täglich 
beschäftigt, die Explorationen sehr sparsam vorgenommen, alle oben genannten 
Chemikalien, auch Chamäleon und Salzsäure gebraucht, wobei die Mortalität in der 
Schule dennoch 7Vn 'ind (5% der Transferierten, somit 13% ergab .... 

Die obengenannten chemischen Desinfektionen mit Einschluß des Chamä- 
leon minerale und Salzsäure sind kein verläßliches Schutzmittel gegen Puer- 
peralprozesse, da unter der ausgedehntesten Anwendung derselben während 
zwei Monaten die Mortalität groß blieb .... 

Ohne Sperrung der Kliniken, ohne Abweisung einer Gebärenden hat 
die größere Sterblichkeit im Februar 1862 aufgehört. 

In den sechs Beheizungsmonaten 1862 bis 1863 f November bis April» 
war die Wintersterblichkeit 5%, im Sommer nur l'77o- Es war somit die 
Mortalität während der Beheizungszeit der Wöchnerinnen um 3ä% größer 
als in der Sommerszeit, in welcher die Fenster bei Tag geöf&iet sind. Es 
mußte daher der Beheizung und technischen Ventilation der Wochenzimmer 
während des Winters eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. . . . 

Im Winter 1862 und 1863 wurden die Chemikalien mit Einschluß von 
Chamäleon und Salzsäure auf das fleißigste gebraucht und, um die Reinlichkeit zu 
erhöhen, auch noch zum Befeuchten der explorierenden Finger kein Schweinefett, 
sondern nur Glyzerin verwendet, welchem auf ein Pfund zwei Drachmen käufliche 
Salzsäure zugesetzt wurde, und dennoch herrschten keine günstigen Sanitäts- 
verhältnisse, da sich ein Verlust von 3* ><^/o, ö'O^i» und 6 o^o ergab 

In den Beheizungsmonaten der vier Jahre 1857 bis 1860 war . . . der Verlust . . 
2'7%,ungeachtetaußerSeife keine Chemikalien in der Klinik gebrauchtwurden. 

In den Beheizuugsmonaten der drei Jahre 1861 bis 1863 war . . . der 
Verlust . . 4*1%, ungeachtet außer Seife Chemikalien . . . systematisch 
und fleißig gebraucht wurden. 

Es waren somit unter deniGebrauche der Chemikalien in den Behei- 
zungsmonaten die Verhältnisse ungünstiger, und zwar um 14 pro Mille .... 

Aus dem Vergleiche der Unterrichtsreformen und der sanitäi'en Einrich- 
tungen können wir entnehmen, daß .... die besten Sanitäts Verhält- 
nisse von der Zeit an erst hier konstant herrschen, seit welcher 
ein vollständig genügender Luftwechsel von mehr als 60 Kubik- 
meter pro Kopf und Stunde in den Gebär- und Wochenzimmer statt- 
findet, alle Leintücher gehörig erwärmt und vollends getrocknet ge- 
braucht werden, die Aborte durch Ventilation der Vorzimmer oder Küchen 
isoliert und mit einem über die Firste des Hausdaches führenden 
Fallrohre eingerichtet sind. Ich glaube daher diesen Einrichtungen den 
größten Einfluß auf die gegenwärtigen sehr guten Sanitätsverhältnisse der 
geburtshilflichen Klinik zuschreiben zu müssen .... 

Das Puerperalfieber wurde von alters her bis auf Rokitansky*) von 
den meisten Ärzten als eine miasmatische Krankheit betrachtet; das Wesen 
des Miasma war aber nicht exakt erwiesen worden und nur sovi^l richtig 



♦) Lehrbuch d. path. Anatomie, 3. Aufl, Wien 1861, 3. Bd. 



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— 211 — 

gestellt, daß der Träger des Miasma die Luft gewöhnlich ist und die 
Disposition zum Erkranken meistens nur auf die ersten acht Tage 
nach der Niederkunft sich erstreckt. 

Litzmann*^ hat es schon vor 20 Jahren durch seine gediegenen 
Schriften bestätigt, „daß die meisten Puerperalfieberepidemien in die Winter- 
monate fallen . . . ; daß durch Anhäufung vieler Wöchnerinnen in einer 
Anstalt die Entstehung und Verbreitung des Kindbettfiebermiasmas sichtlich 
. . befördert werde . . . ; bei Wöchnerinnen überdies noch reichliche und 
übelriechende Sekretionen, deren schädlicher Einfluß im Winter, 
wo die Lüftung behindert ist, am stärksten sich geltend machen; in 
der Überfüllung der Anstalten allein aber die alleinige und ausreichende 
Ursache des Kindbettfiebers nicht zu sehen sei, da dasselbe auch in den 
kleinerennicht überfüllten Anstalten beobachtet werde, daher in den 
Zimmern der Wöchnerinnen die äußerste Sorgfalt auf die Erhal- 
tung einer reinen und trockenen Luft, sowie auf Reinlichkeit über- 
haupt und insbesondere auf das Bettzeug und die Wäsche verwandt werden 
muß/ Ist einmal das Kindbettfieber in einer Anstalt ausgebrochen, so sollen 
nach Litzmann ^der Arzt und die Hebamme nie unmittelbar und in den- 
selben Kleidern aus der Kranken ab teilung in die gesunde gehen und durch 
öfteres Waschen mit Chlorwasser das etwa an ihnen haftende Kon- 
ta<^um zu zerstören suchen." 

Dem Professor TAtzmanu in Kiel gebührt somit die PnoHtätj Chlorwaschttitffcii 
für (ieh(uhäv«cr ewpfohfeii zn haben. 

Ich habe vor 10 Jahren**) diesem Gegenstande auch schon meine vollste 
Aufmerksamkeit gewidmet und bin damals zu dem Schlüsse gelangt, daß 
^Beschäftigung am Kadaver durch kadaveröse Infektion als eine vorzügliche 
Ursache von sogenannten Puerperalfieber- Epidemien in Gebärhäusem durchaus 
nicht beschuldigt werden können (was Virchow***) jetzt rückhaltlos auch 
behauptet), sondern vielmehr die in der Luft suspendierten Zersetzungs- 
produkte der puerperalen Exkrete bei "Cberfüllung der Lokalitäten und 
mangelhafter Ventilation als eine besondere Veranlassung und 
Ausbreitungsmoment der Puerperalprozesse angesehen werden 
müssen, und sprach die Überzeugung aus, daß Puerperalprozesse unter 
gewissen Verhältnissen wie andere Krankheiten: wie Hospitalbrand, Typhus, 
Erysipel, Exantheme, Cholera usw. mitteilbar sind, mithin kein Mittel außer 
acht gelassen werden darf, eine Mitteilung der Puerperalprozesse zu ver- 
hindern, alle Vorsichtsmaßregeln, welche wir zur Verhinderung, Beschränkung, 
Milderung epidemischer Krankheiten kennen, auch in Gebärhäusem zur Ver- 
meidung und Beschränkung derselben angewendet werden müssen. Ich habe 
deshalb auf die Absonderung der Schwangeren und Wöchnerinnen von allen er- 
krankten Individuen gedrungen, über die zweckmäßigste Bauart und Einrichtung 
der Gebärhäuser mich ausgesprochen, einen großen, lichten, viele reine Luft 
haltenden Korridor für dieselben verlangt, und habe damals rasche Strömun- 
gen reiner warmer Luft ... in den mit Wöchnerinnen belegten 
Zimmern zu den vorzüglichsten Schutzmitteln gegen die sogenannten 
Puerperalfieber- Epidemien der Gebärhäuser auf das wärmste empfohlen . . . 

In neuerer Zeit findet man schätzenswerte Beiträge über Miasmen. Die 
miasmatische Luft wird jetzt aus Schwefelwasserstoff, Schwefelammonium, 

*) Das KiQdbettfieber. Halle 1844. 
**) Klinik der Geburtshilfe und Gynäkologie. Erlangen 1855, bei Enke, p. 476, 484. 
*♦*) Wiener Medizinische Halle 1864. Nr. 11. 

14* 



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— 212 — 

Kohlensäure, Stickstoif, Phosphoi-wasserstoff und aus verschiedenen organischen 
lebenden Produkten bestehend angenommen, von welchen Barker den 
Grasen, Pasteur und Schneider den organischen Atmosphärilien — 
den !E^egem der Gärung, der klinische Assistent Dr. Mayrhofer den 
im Lochialexkrete der fiebernden Wöchnerinnen oft massenhaft unter dem 
Mikroskope von ihm aufgefundenen, sich lebhaft bewegenden Vibrionen zu- 
schreiben. Obwohl die durch Zuckergärung erzeugten Vibrionen sich ganz 
gleich verhalten wie die aus faulenden Muskeln gewonnenen, beide durch 
Injektion in die Jugularis ins Blut direkt oder in den Uterus bisweilen 
tödliche Krankheiten experimentell bei Tieren erzeugen, aber in der Mehr- 
zahl der Fälle sowie Jauche auf diese nicht nachteilig wirken, 
somit entweder eine uns unbekannte Dispositionsfähigkeit der zum Objekte 
verwendeten Tiere oder unbekannte Eigentümlichkeiten der pflanzlichen 
Vibrionen für das seltene Gelingen einer Infektion angenommen werden 
müssen; so ist doch die Möglichkeit nicht zu bestreiten, daß die massenhaft 
aus den Exkreten Gesunder und Kranker sich entwickelnden Vibrionen in 
die Zimmerlufk gelangen, hier suspendiert bleiben, auf die Lungenschleimhaut 
oder auf die Uterusschleimhaut gelangen, Gefäßwände durchwandern, eine 
Gärung anregen und bei disponierten Individuen tötliche KranJ^heiten dadurch 
veranlassen können. 

Es ist daher auch nach den neuesten Ergebnissen der posi- 
tiven Naturforschung strengstens geboten, die durch das Zusammen- 
leben nicht nur der kranken, sondern auch der gesunden Menschen sich 
erzeugenden schädlichen Gase und Gärung erregenden Organismen 
in der ausgiebigsten Weise wegzuführen, was durch kein chemisches 
Agetts besser gelingt, als durch raschen Luftwechsel in genügender 
Menge/ 

Im I. Bande der Prager Vierteljahrsschrift des Jahres 1864 
referierte Breisky über den Bericht des k. k. Gebär- und Findel- 
hauses zu Wien vom Solarjahre 1861. Von 8664 Wöchnerinnen er- 
krankten an Puerperalprozessen 791 (= 9*l7o) und starben 433, also 
4'5%. Besonders wertvoll findet Breisky den Berieht des Professors 
Braun, aus welchem er mit Kursivschrift hervorhebt, daß die ein- 
zelnen Jahre bezüglich des Puerperalfiebers auffallende Schwan- 
kungen zeigen, welche in beiden Kliniken, aber meistens gleiche 
zeitig, steigen und fallen, sowie daß die chemischen Desinfektionen 
keine verläßlichen Schutzmittel gegen Puerperalfieber sind. 

Im n. Bande der Medizinischen Jahrbücher des Jahres 1864 
referierte Professor Spaeth über Puerperal-Epidemien in Alle laste 
bei Trient (247o Mortalität) im Schuljahr 1861 bis 1862, in Jena 
während der 3 Jahre 1859 bis 1861 (10-47o) und in Straß bürg 
während des Schuljahres 1860 bis 1861 (l7l7o). 

j^h) Ätiologie der Wochenerkranknngen. Die Ursache des höchst un- 
günstigen Oesundheitszustandes in Jena sucht Koch in Verunreinigung 
der Luft von den Aborten aus und Siefermann in Straßburg, der sich wit 
Stolz selbst besonders ungünstig für die Semmelweis'sche Theorie ausspricht ^ 
erwähnt, daß die von ihm beschriebene Epidemie auch in der Stadt und 
außerhalb derselben ihre Opfer forderte und daß man während derselben 
auffallender als je beobachtete, daß diese Erkrankung schon lange vor dem 
normalen Schwangerschaftsende die Individuen befallen könne, weshalb sie 



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— 213 — 

Äuch häufig die Ursache von Frühgeburten geworden sei. Dessen ungeachtet 
bemerkt aber S., daß jene Mütter, welche schon längere Zeit vor der Ent- 
bindung an der Anstalt weilten, ein beträchtlicheres Kontingent der Er- 
krankungen geboten haben, als jene, welche schon in der Geburt begriffen, 
die Anstalt betraten, obwohl wieder bei letzteren die Sterblichkeit größer 
^^ewesen sein soll. Espagne in Montpellier (Gaz. med. d. Paris, 1863) 
beschuldigte die durch anhaltende Regen und feuchte Winde erzeugte Ver- 
änderung des sonst sehr trockenen Klimas als Ursache des ungewöhnlich 
häufigen Auftretens von Wochenerkrankungen daselbst und glaubte, eine 
derartige klimatische Veränderung überhaupt den Ursachen der Puerperal- 
iieber-Epidemien beizählen zu müssen. Denn, besonders wenn man sie nicht 
gewohnt sei, wirke feuchte Luft erschlaffend und mache inaktiv. Alles 
Schwächende treibe zur Adynamie. Das Puerperalfieber habe aber sicher 
einen adynamischen Charakter und sei daher ausgezeichnet durch große 
Leichtigkeit, krankmachende Stoffe zu resorbieren und durch Mangel gegen 
letztere zu reagieren. Es sei daher die Bluterkrankung das Primitive und 
die Resorption von Eiter das Konsekutive, weshalb es Puerperalfieberfalle 
ohne und mit Lokalisation gebe. 

Robert Johns (The Dublin Quarterly Joum. 186 i) endlich beachtet 
nicht bloß die Ätiologie der Puerperalfieber-Epidemien, sondern die der 
Wochenerkrankungen überhaupt und meint, daß die Zahl der Ursachen 
der Entzündungen nach der Geburt ^Legion" sei; daß jedoch folgende 
als die häufigsten und wichtigsten angesehen werden müßten: 1. Kränklich- 
keit während der Schwangerschaft; 2. Mangel an Reinlichkeit und Ventilation 
^Spitalseinfluß) ; Kontagion (epidemische Ursache); 4. Kränkung wegen Ver- 
führung u. dgl., Ängstlichkeit und Aufregung durch Besuche; 5. Diätfehler 
und Gebrauch von Stimulantien ; 6. Blutfluß, Einführung der Hand zur 
Wendung oder Placentalösung, zurückgebliebene Partien der Nachgeburt 
oder faulende Blutklumpen im Uterus: 7. künstliches Saugen an den Brüsten 
zu bald nach der Geburt oder zu rasches Zurücktreiben der Milch mit kalten 
Essigumschlägen; 8. Verkühlung, zu frühes Aufstehen oder zu frühes Aus- 
gehen nach der Geburt: 9. eingetretene oder drohende Puerperalkonvulsionen ; 
10. Uteruserkrankungen: 11. Chloroforminhalationen während der Geburt." 

Id der Sitzung der Berliner Geburtshilflichen Gesellschaft vom 
21*. Juni 1864 hielt Stamm einen Vortrag „über die Vemichtungs- 
möglichkeit des epidemischen Puerperalfiebers" (Berliner klinische 
Wochenschrift 1864, p. 313). Er sagte u. a.: 

^Wie entsteht Puerperalfieber? Es liegt uns jetzt eine ganze 
Literatur von Fällen darüber vor, daß zersetzte animalische Materie, möge 
sie von Leichengift oder von gangränösem Decubitus, bösartigem Erysipel, 
Carcinoma uteri usw. oder von zurückgebliebenen und sich zersetzenden 
Placentar- und Eihautresten herrühren, Puerperalfieber hervorrufen kann. Die 
untersuchende Hand und die unreinen Gebrauchsgegenstände tragen oft die 
Schuld der Infektionsvermittlung. Semmelweis gebührt das große Ver-- 
dienst dieser Entdeckung. Das Faktum selbst, daß zersetzte anima- 
lische Materie . . . Puerperalfieber hervorrufen kann, ist jetzt durch die 
medizinische Weltliteratur bestätigt." Unreine Hände und Gebrauchs- 
gegenstände gäben zweifellos sehr oft den ersten Anlaß für die Erkrankungen, 
aber auch die Luft könne der Träger der zersetzten animalischen Materie 
sein, welche Einzelfalle von Puerperalfieber erzeuge und bei Epidemien die 



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— 214 - 

Hauptursache der Verbreitung der Krankheit sei. Die Luft der Kreiß- und 
Wochenzimmer müsse deshalb so rein gemacht werden als die Außenluft. 

In den Nummern 15 bis 46 der Wiener Medizinischen Halle vom 
Jahre 1864 äußerte sich Stamm in gleicher Weise, aber schon im 
September 1864, auf der Naturforscherversammlung zu Gießen, verstieg 
er sich plötzlich ganz einseitig zu folgender Behauptung: »Sorget stets 
für frische, reine Luft und die Krankheit wird verschwinden, nicht 
wieder auftreten!" Winckel konnte nicht umhin, auf diese Wider- 
sprüche des mehr temperamentvollen als weisen Mannes hinzuweisen. 

Der II. Band des groß angelegten Handbuches der historisch- 
geographischen Pathologie von Hirsch, Professor der Medizin in 
Berlin, erschien im Jahre 1864 und enthielt einen Artikel: Infektiöse 
Puerperalkrankheiten. 

Hirsch schildei-t, wie das Puerperalfieber entweder als der Ausdruck 
einer miasmatischen, auch miasmatisch-kontagiösen Infektion oder als 
die „Folge eines durch Resorption fauliger Zersetzungsprodukte bedingten, 
d. h. septikämischen Prozesses" aufgefaßt wurde. Nach Anführung aller 
Tatsachen, welche zugunsten der Miasmatheorie aufgezählt wurden, kritisiert 
sie Hirsch eingehend und gelangt zu der Überzeugung, daß diese Theorie 
vollkommen unhaltbar sei. Dann geht er zur Besprechung der Resorptions- 
theorie über. Diese sei eigentlich so alt als die Geschichte der Krankheit 
selbst, „eine eigentlich wissenschaftliche Begründung hat dieselbe aber erst 
in der neuesten Zeit gefunden, in welcher man überhaupt die Eigentümlich- 
keiten des pyämischen und septikämischen Krankheitsprozesses zu erkennen 
angefangen hat; ein großes Verdienst um die Bearbeitung der Lehre vom Puerperal- 
fieber in diesem Sinne hat sich Semmelweis erworben und die Zeit scheint 
nicJit femey wo ihm, abgeseJien von der Einseitigkeit seiner Auffassung^ diese An^ 
erkennung von allen Seiten ausgesprochen icird^ Dann folgt eine Besprechung 
aller Argumente und Beobachtungen, welche für diese Theorie geltend 
gemacht wurden, wobei er u. a. sagt: 

^1. Denman (Introduction to midwifery. London 1788) ist, soviel ich 
weiß, der erste gewesen, der erklärt hat, daß Kindbettfieber zuweilen durch 
Arzte und Hebammen, welche Puerperalfieberkranke zu behandeln haben, auf 
andere Wöchnerinnen übertragen werde.'' 

Ihm folgten Gordon (1792), Armstrong (1814), Douglas, Campbell, 
Hutchinson, Gooch (1829), Blackmore, Roberten (1832), Ingleby 
(1833), Storrs (1842), Reedal, Warrington, Holmes, Lee (1843', 
Elkington (1844). 

, Clark (London med. Gazette 1847) entband im ^fai 1S47 in einem 
Zwischenräume von 8 Tagen zwei Frauen, die beide an tödlichem Puerperal- 
fieber erkrankten ; nach dem ersten Falle glaubte er, es handle sich lediglich 
um örtliche, durch die Wohnung etc. der Kranken bedingte Schädlichkeiten, 
als aber der zweite Fall hinzukam, wurde ihm die Ursache klar; und zwar 
fand er sie in dem Umstände, daß er an demselben Tage, als er die erste 
Frau entband, bei einem an phlegmonösem Erysipel leidenden Matrosen . . . 
tiefe Einschnitte in den Arm gemacht und von dort zu der Kreißenden ge- 
gangen war, dieselbe also wahrscheinlich infiziert hatte. Clark gab sogleich 
die geburtshilfliche Praxis für einige Zeit auf, außer jenen beiden Fällen ist 
aber damals in Colchester kein weiterer Fall von Kindbettfieber vorge- 
kommen." 



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— 215 — 

„42. Semmelweis (Die Ätiologie etc, 1861) hat das Verdienst, den 
außerordentlichen Einfluß der Übertragung von Leichcngifl auf die Genese von 
Kindbettfieber an den im Wiener Gebärhause gemachten Erfahiningen in einer 
prägnanten Weise gezeigt zu haben. — 

Semmelweis hat sich durch die Erklärung dieser Zahlenverhältnisse 
(Statistik des Wiener Oebärhauses) und die praktische Verwertung der aus 
denselben abstrahierten Kesultate ein nnsterhUches Verdiouit^ nicht bloß um das 
Wiener Gebärhaus, sondern um die Menschheit trworhen. — — — 

Ich darf übrigens . . . hinzufügen, daß, meiner Überzeugung nach, jener 
Modus der Infektion (Leicheninfektion) ein sehr weseiUUcher, aber kelneswef/i der 
einzige ist, welcher die hohen Erkrankungs- und Sterblichkeitsverhältnisse . . . 
bedingt hat . . . danach ist es eben eine weitere Aufgabe der Forschung 
geworden, alle diejenigen Verhältnisse aufzudecken, welche, abyeselien von dem 
einen Modun der Infektion durch Leichengift, die septikämische Vergiftung der 
Gebärenden und Wöchnerinnen auf direktem und indirektem Wege ver- 
mitteln. — - — 

Die obige Darstellung läßt erkennen, wie vollkommen unstatthaft es 
ist, von einem Kontagium des Kindbettfiebers zu sprechen . . . Bei Kind- 
bettfieber haben wir es nicht mit einem aus einer spezifischen Quelle 
entsprossenen Krankengifbe, sondern mit einer Schädlichkeit zu tun, die 
überall angetroffen wird, wo eine faulige Zersetzung tierischer Stoffe vor 
sich geht, mögen dieselben . . . einem lebenden oder toten, einem gesunden 
oder kranken Organismus angehören. - — — 

Die Reihe der hier aufgeführten Beobachtungen und Tatsachen . . . 
genügen, die Theorie von dem septikämischen Ursprünge von Puerperalfieber 
als eine . . . wohl begründete ansehen zu lassen." — — — 

Es ist nicht ein Gedanke in dem Aufsatze, den Semmelweis nicht 
schon vorher ausgesprochen hätte. Hirsch hat sich völlig auf dessen 
Standpunkt gestellt Aber gleich Kiwisch, Busch, Siebold, Spaeth 
und wie sie alle heißen, zeigt sich auch Hirsch über die Entstehung 
der Semmelweis'schen Lehre nicht unterrichtet. Welches Lob hätte er 
als Wissender Semmelweis gezollt, wenn sich dieser schon durch die 
Entdeckung der Leicheninfektion ein unsterbliches Verdienst um die 
Menschheit erworben hatte?! 

Mit inniger Freude verzeichnete Mar kusovszky in seinem Blatte 
die sich mehrenden Stimmen bewundernder Anerkennung. 

Es sei ein erhebendes Gefühl — schreibt er im Jahrgang 1864 
des ,Orvosi hetilap" — zu bemerken, wie die Wahrheit siege und wie 
die Macht und die Wirkung des noch vor kurzem mißachteten Ge- 
dankens um sich greife; die Art und Weise aber, wie Semmelweis' 
Gegner den Rückzug antreten, sei „auch vom psychologischen Stand- 
punkte interessant für alle jene, welche die Geschichte des Puerperal- 
fiebers, von der im Jahre 1847 von Semmelweis gemachten Entdeckung 
an, mit Aufmerksamkeit verfolgen". Es sei ergötzlich, zu sehen, wie 
sie „ihre früheren Behauptungen drehen und deuten, hier etwas weg- 
lassend, dort wieder einiges hinzufügend, nur um ebenfalls Recht zu 
behalten''.*) 



•) Brnck, p. 111. 



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— 216 — 

Im Jahre 1866 übernahm Dozent Dr. Habit in den Medizinischen 
Jahrbüchern das Referat für Geburtshilfe und schrieb: 

^Puerperalfieber. Pathologisch - anatomische Notizen zum 
Puerperalfieber bringt R. Maier (Virch. Ai-ch. 1864) . . . Seinen Fällen 
entnimmt er folgendes: Die Überwachung der zugänglichen Teile des Genital- 
apparates kann gegen die Puei-peralerkrankung viel, aber nicht alles leisten . . . 
Statt der erysipelatösen Entzündungsformen am Uterus und seinen Anhängen 
können auch an anderen Körperteilen erysipelatöse oder phlegmonöse Prozesse 
auftreten, und zwar als alleinige, als wesentliche oder wichtige begleitende 
Erscheinung. Die %'erschiedenartigsten pathologischen Prozesse können, ohne 
daß sie mit dem Genitalsystem in Berührung stehen, der ganzen Erkrankung 
den Hauptcharakter geben. — — - — 

Nach Virch ow, der in der Sitzung der Gesellschaft der Geburtshilfe 
in Berlin den 13. Februar 1864 über die nosologische und ätiologische Stellung 
des epidemischen Puerperalfiebers sprach (Monatsschrift für Geburtskunde, 
23. Band), könne man die hauptsächlichsten Prozesse beim epidemischen 
Puerperalfieber in zwei Gruppen sondern: 1. Diphtheritische Prozesse der 
Oberfläche der Scheide und des Uterus. 2. Phlegmonöse Prozesse, die, analog 
dem sogenannten Pseudoerysipelas der Oberfläche des Körpers, in tiefer 
liegenden Teilen ihren Sitz hätten. Diese beiden Arten seien häufig isoliert, 
oft indes auch kombiniert; das Wesen beider sei identisch. Die erste Ent- 
wicklung dieser Prozesse kann eben so gut auf der Uterusfläche oder auf 
oberflächlichen Wunden, als in dem tiefen Bindegewebe um den Uterus und 
die Scheide geschehen . . . Die Prozesse kommen bei einer Epidemie von 
Infektion oder Kontagion, Selbstinfektion mitbegriffen, können aber auch . . . 
spontan entstehen. — - 

Professor Buhl (Ibid. 23. Bd., 4. Heft, p. 303) in München veröffent- 
lichte ein paar Beobachtungen, welche den Satz bestätigen sollen, daß jedes 
spontan sich entwickelnde Puerperalfieber oder der erste Fall in einem Gebär- 
hause, der eine Reihe späterer Fälle nach sich zieht, durch eine sehr 
schwierige, mit ernsteren traumatischen Einwirkungen und Bildung brandig- 
fauliger Wundstoffe verbundene Geburt zustande konunt. Ganz andere, nidit- 
puerperale^ traumatische Eingriffe an Vagina und Uterus können nämlich eine Krank- 
heit erzeugen^ welche dem Puerperalfieber in jeder Beziehung gleicht. Zum Beweise 
hierfür führt er 4 Fälle an ('1 Episiorhaphien, 1 Ecrasement der Vaginal- 
portion wegen Carcinom, 1 Excochleation eines Blumenkohlgewächses mit 
nachheriger Kauterisation). In allen 4 Fällen erfolgte nach Brandigwerden 
der Wunden innerhalb 8 Tagen der Tod in einer mit der bösartigen Form 
des Puerperalfiebers ganz unverkennbar ähnlichen Weise; indem hier wie 
dort der Ausgangspunkt die diphtheritisch brandig gewordene Vagina oder 
der Uterus, hier wie dort Bildung von eitriger Lymphangitis im subperitonealen 
Bindegewebe des Uterusüberzuges und Kombination mit Peritonitis und häufig 
auch Pleuritis eintrat. Das Puerperalfieber verliert dadurch alles Spezifische; es ist 
virklich nur eine von den Genitalien ausgehende Pgämie, — — — 

Wegscheider (Monatsschr. f. Geburtsk., 23. Bd.) teilte . . , Beob- 
achtungen über Verschleppung von Puerperalfieber durch 2 Berliner Hebammen 
mit, wodurch in dem einen Falle von 5 Neuentbundenen alle 5 erkrankten 
und 3 starben, in dem anderen von 22 entbundenen Frauen 11 zugrunde 
gingen. 

Professor Martin teilt die Maßregeln mit, deren strengen Befolgung 
er die Verminderung der PuerperalfieberföUe in dem Berliner Entbindungs- 



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— 217 - 

hause zuschreiben zu dürfen glaubt ... 1. Jede Klreißeude und Wöchnerin 
erhält einen frisch gewaschenen, mit frischem Stroh gefüllten Strohsack, 
frisch überzogene wollene Decken und Kopfkissen, niemals Geburtskissen 
oder wachsleinene usw. Unterlagen, welche eine andere Kreißende oder 
Wöchnerin benutzt hat. 2. Vor jeder Untersuchung müssen die Hände der 
explorierenden Person gewaschen werden. Praktikanten, welche mit Leichen 
sich beschäftiget haben, dürfen an demselben Tage nicht explorieren. 
3. Katheter, Einspritzröhren etc. sind aus Metall zu beschaffen, damit sie 
vor dem Wiedergebrauche bei einer anderen Person mit Lauge ausgekocht 
werden können. Jede Wöchnerin hat ihr besonderes Rohr zu Vaginalinjektionen, 
Welche letztere fast bei allen Wöchnerinnen täglich wiederholt zur Anwendung 
kommen. 4. Die Leichen etwa gestorbener Wöchnerinnen dürfen nicht von 
den Wärterinnen bedient werden. — Über die Entstehung des epidemischen 
Puerperalfiebers, nämlich die diphtheritische Entzündung der weiblichen Ge- 
schlechtsteile, bemerkte Martin, daß sie nicht so einfach sei, wie manche 
Ärzte zu glauben scheinen. Sie beruht nämlich: 1. auf fauliger Zersetzung 
der in den Genitalien vorhandenen Sekrete, insbesondere des Blutes und der 
Nachgeburt und Eihautreste; diese Fäulnis wird begünstigt: a) durch Zutritt 
der Luft, h) durch ein krankhaftes Sekret der Genitalschleimhaut, z. B. Tripper- 
sekret; 2. auf Einführung von sogenanntem Leichengift, d. h. zersetzten 
tierischen Substanzen in die weiblichen Geschlechtsteile, vor, unter oder 
nach der Geburt; 3. Übertragung der diphtheritischen Produkte selbst durch 
den Finger untersuchender Personen oder durch Klystier- und Scheiden- 
spritzröhren, Katheter, Schwämme, Kolpeurynter usw., durch von kranken 
Personen gebrauchte Unterlagen, Geburtskissen, Betten, Wäsche usw. Ob 
dieses Kontagium auch durch die Luft sich übertragen könne, ist sehr 
zweifelhaft . . . Der Ausgangspunkt des Puerperalfiebers sei jeder Zeit die 
Scheiden- und Uterusschleimhaut; doch werde das Exsudat leicht übersehen, 
da es oft bald ausgestoßen werde. Zu diesen diphtheritischen Prozessen 
geselle sich Lymphangoitis und Peritonitis leicht hinzu. — — — 

Ll)er 77 Fälle von Puerperalerkrankungen, von denen 20 mit dem Tod 
endigten, in der Olmützer Gebäranstalt beobachtet, berichtet K Schoefl 
(Wiener Spit. Ztg. 1864, 9, 10, 11). Verfasser nimmt als Entstehungsursache 
die Entwicklung eines seinem Wesen nach nicht näher bekannten Miasmas 
oder Kontagiums an, das sich meist in naßkalter Jahreszeit bildet (?). Die 
kadaveröse Infektion als alleinige oder Hauptursache der beobachteten 
Epidemie hinzustellen, weist Verfasser ab; er stellt eine solche als höchst 
zweifelhaft hin." 

Und gleich Virch ow veröffentlichte schließlich auch sein Mitarbeiter 
Prof. Veit (Mon. f. Geb. 1865), einen Aufsatz, in welchem er Semmel- 
weis' Standpunkt vollkommen billigte, dessen Verdienste neidlos hervor- 
hob und seine Überzeugung in die Worte zusammenfaßte, daß ^das 
Puerperalfieber nichts weiter als das Produkt einer septischen In- 
fektion ist/ 

Wahrlich, überall begann es licht zu werden! Alte Gegner, wie 
Spaeth, Veit, Virchow, Buhl und Martin scheuten sich nicht, in 
Semmelweis' Lager überzugehen; neue Freunde, wie Hirsch, Oppolzer, 
Wegscheider erhoben ihre Stimme. Wohl bekämpften die Lehre 
nach wie vor eine Reihe von Professoren, so Scanzoni, Braun, 
Löschner, Hecker, Schwarz, denen Breisky, Helly, Schoefl 



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— 218 — 

und Siefermann Gefolgschaft leisteten. Doch was man von ihnen 
hielt, das hatte Spaeth zu deutlich gesagt, und in diesem Falle wog 
ein Überläufer mehr denn 99 halsstarrige Gegner. Aber wenn diese 
den Sieg der Wahrheit auch nicht verhindern konnten, eines erreichten 
sie mit ihrem teilweise gehässigen Widerspruche: daß der Entdecker 
der Wahrheit des Sieges nicht mehr froh wurde! 

Semmelweis' Familienleben hatte sich in den sechziger Jahren 
recht glücklich gestaltet. Seit dem 10. August 1861 gab es wieder ein 
Töchterchen im Hause, die kleine Margit, und am 22. November 1862 
kam ein Stammhalter hinzu, Bela, der ki*äftig gedieh. Der 26. Juli 
1864 endlich brachte ein zweites Töchterchen, Antonie, welches speziell 
des Vaters Liebling wurde.*) 

Doch so glücklich dieser sich im engsten Familienkreise auch 
fühlte, der Gedanke an das Mißgeschick seiner Lehre konnte ihn so- 
fort aus der Stimmung bringen, und schon der Anblick seiner Bücher 
und Schriften, das Zusammentreffen mit Kollegen genügte, um ihn 
auf das leidige Thema zu bringen. „Der Gegenstand, bemerkt Hegar 
treffend, hatte sich seiner nun einmal bemächtigt, so daß er nicht 
mehr davon frei werden konnte. Non deve fermarsi Tuomo in una 
sola cosa, perche allora devien matto, sagt ein italienischer Spruch. 
Wie bei einer Art Zwangsvorstellung mußte er stets wieder auf jenes 
Thema zurückkommen. War davon die Rede, so verwandelte sich der 
Mann. Sonst kostete ihm der mündliche Ausdruck Anstrengung, nun 
entwickelte er eine zündende Beredsamkeit. Sonst bescheiden und an- 
spruchslos, ohne Ehrgeiz, vergleicht er nun, leuchtenden Auges, seine 
Entdeckung mit der Jenner's." Und Brück**) berichtet: ^Welcher 
Gegenstand immer den Ausgangspunkt seiner Vorlesungen gebildet 
haben mochte, stets kehrte er mit beinahe krankhafter Vorliebe zu 
jener Frage zurück, die von allem Anfange an seinen Geist am leb- 
haftesten beschäftigt hatte. Und wenn er dann seinen Hörern von der 
Zurücksetzung sprach, die seine Lehre noch inmier erfuhr, traten ihm 
nicht selten Tränen in die Augen und, seiner nicht mehr mächtig, sah 
er sich genötigt, die Vorlesung abzubrechen. Zu wahrhaft elementaren 
Zomesausbrüchen kam es seinerseits, wenn er bei den Prüfungen die 
Erfahrung machte, daß der eine oder der andere unter seinen 
Schülern den Geist seiner Lehre nicht vollständig erfaßt hatte. Er 
konnte dann derart heftig werden, daß es dem Vorsitzenden nur mit 
Mühe gelang, ihn zu beschwichtigen. 

Jedes abfällige Urteil, jeder Bericht über eine neuerliche ^Puer- 
peralepidemie" brachte ihn zur Verzweiflung, und doch war er immer 
auf der Suche nach solchen Urteilen und Berichten.'' 

Anderseits vermochten die zahlreichen anerkennenden Urteile der 
jüngsten Zeit, die Freund Marko sich stets beeilte, mitzuteilen, den 
verbitterten Mann nicht mehr zu erfreuen. Die Empfänglichkeit für 



*) Nach Mitteilungen von SemmelweU' Witwe 
*♦) p. 104. 



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— 219 — 

fremde Anerkennung, die er doch immer anstrebte, war ihm gänzlich 
verloren gegangen. Er sah nur immer die Feinde, die ihn weiter be- 
kämpften, und jede Erörterung über seine Lehre ging sofort über in 
eine heftige Polemik gegen seine alten Widersacher. Schließlich brachte 
ihn schon der Anblick junger Männer und Frauen auf seine Lehre 
und veranlaßte ihn, solchen ihm wildfremden Menschen seine Ansichten 
über das Kindbettfieber auf offener Straße laut und heftig zu predigen. 
Auch zuhause*) wanderte er oft stundenlang in seinem Zimmer auf und 
ab und rief und klagte seine Gegner laut an. Es wurde immer schwerer, 
ihn zu behandeln, denn sein Betragen wurde immer exzessiver; von 
einem Extrem verfiel er in das andere, oft ganz unvermittelt; er wai' 
unberechenbar. Stimmte ihn etwas heiter, so zeigte er sich sofort ge- 
radezu ausgelassen, und im nächsten Augenblick konnte ein kleiner 
Ärger seine ganze Wut entfachen. Widerspruch versetzte ihn geradezu 
in Raserei; hernach kam er wieder in melancholische Stimmung, 
welche dem unglücklichen Manne oft Tränen in die Augen trieb. Er 
wurde zerstreut und vergeßlich, was er früher nie gewesen, und dem 
Auge der Gattin fiel es auch auf, daß sein Gang ein unsicherer wurde. 
Dennoch ahnte niemand Böses, man hatte sich an seine stürmischen 
Aufwallungen, sein exzentrisches Benehmen nach und nach gewöhnt 
Am 13. Juli 1865 war Semmel weis mit Frau und Kindern zu 
Besuch bei Freunden, die außerhalb der Stadt wohnten. Dort aß und 
und trank er allerlei so unmäßig durcheinander und hatte ein so 
sonderbares Benehmen, daß seiner Gattin während der Heimkehr plötz- 
lich der entsetzliche Gedanke durchs Hirn fuhr: Gott, er wird doch 
nicht wahnsinnig werden?! Zu Hause angelangt, setzte er sich wieder 
zu seinen Büchern, so daß sie, etwas beruhigt, wieder Hoffnung schöpfte 
und den schrecklichen Gedanken zu verscheuchen sich bemühte. Je 
länger sie jedoch über sein merkwürdiges Betragen während der letzten 
Zeit nachdachte, desto begründeter erschien ihr die fürchterliche Erklärung. 
In ihrer Seelenangst sandte sie eilends zu Markusovszky und teilte 
ihm ihre Besorgnisse mit. Dieser suchte sie wohl zu beruhigen, doch 
dem Scharfblicke des Weibes entging es nicht, daß der treue Freund 
selbst die schwersten Befürchtungen für Semmelweis hegte. Dessen 
Geisteszustand verschlimmerte sich nun mit jedem Tage. Er fuhr fort, 
unmäßig zu essen und zu trinken, und hatte plötzlich die Marotte, nur 
des Nachts seine Patientinnen zu besuchen. Sein zerstreutes, kindisches 
Wesen, seine wirren Gedanken, sein sonderbares Benehmen fiel natür- 
lich auch am Krankenbette und im Hörsaal auf. Ende Juli 1865 fand 
eine Sitzung des FrofessorenkoUegiums statt. Es handelte sich unter 
anderem um die Neubesetzung der Assistentenstelle auf der geburts- 
hilflichen Klinik. Aufgefordert, darüber zu referieren, zog Semmelweis 
aus seiner Tasche eine Eidformel für Hebammen und las diese zur 
peinlichen Überraschung der Zuhörer bis zu Ende vor. Tief- 



*) Alles Folgende oach Mitteilungen von Semmelweis' Witwe und nofrfttin 
▼on Hebra. 



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— 220 — 

erschüttert» veranlaßten seine Kollegen in schonungsvoller Weise, daß 
Semmelweis in einem Wagen riachhause gebracht wurde. Die Professoren 
Bokeis, Wagner und Balassa traten zu einem Konsilium zusammen; 
man verordnete Beruhigungsmittel, ließ ihm zur Ader und nahm eine 
Kaltwasserkur in Gräfenberg in Aussicht. Semmelweis erwies sich wider 
Erwarten als geduldiger Patient, ohne Widerrede ließ er alles mit sich 
machen. Seiner Gattin klagte er: „Es fehlt mir was im Kopf!'^ Leider 
fruchteten die Mittel nichts, die Geistesumnachtung machte mit jedem 
Tag Fortschritte. Zwar seinem Weibe gegenüber benahm er sich wie 
ein gutes krankes Kind, und seinen Kindern blieb er der zärtliche 
Vater, der besonders die kleine Antonie gerne wie ehedem auf seinen 
Armen schaukelte, zur nicht geringen Angst der besorgten Grattin und 
Mutter. Aber seine Absonderlichkeiten nahmen immer höhere Grade 
an. So begann er unbekleidet in seinem Zimmer herumzugehen, die 
Füße auf den Tisch zu setzen usw. Da zu befürchten war, daß er sich 
oder anderen ein Leid antun könnte, ließ Balassa bestandig zwei 
Ärzte um ihn sein und alle spitzen Instrumente und Werkzeuge aus 
seiner Nähe entfernen. 

In den letzten Tagen des Juli eröffnete Balassa der Gattin, an- 
gesichts der steten Verschlimmerung sei es mit Gräfenberg nichts 
mehr, ihr Mann müsse nach Wien in die Landesirrenanstalt gebracht 
werden! Diese leitete Direktor Riedel, der Reformator des österrei- 
chischen Irrenwesens, nach dessen Angaben die neuen Irrenanstalten 
zu Prag und Wien (1848 und 1850) gebaut worden waren und der als 
der Erste den klinischen Unterricht in der Psychiatrie einführte. Wenn 
Einer helfen konnte, so war es Riedel. 

Am Morgen des 31. Juli 1865 wurde die schwere Fahrt angetreten. 
In Begleitung eines Oheims und des Assistenten Dr. Bathory bestieg 
das Ehepaar Semmelweis mit der herzigen Antonie, welche noch von 
der Mutter gestillt wurde, die Bahn nach Wien. Semmelweis wurde in 
der Meinung gelassen, es ginge die Heise über Wien nach Gräfenberg, 
und auf der ganzen Fahrt, die ohne Zwischenfall verlief, sprach er 
davon, daß seine Frau tags darauf nach Pest zurückfahren solle, um 
die beiden anderen Kinder zu holen, damit sie alle vereint nach Gräfen- 
berg reisen könnten. 

Wien war Semmel weis einst das Ziel seiner Sehnsucht gewesen; 
Leiter der I. geburtshilflichen Klinik zu werden, war der höchste seiner 
Wünsche. Mit umnachtetem Geiste, ein totkranker Mann, kehrte er nun 
an die Stätte seiner ersten segensreichen Erfolge zurück . . . 

Am Wiener Staatsbahnhofe erwartete die Ankommenden der tele- 
graphisch verständigte Prof. Ferdinand Hebra, und in zwei Fiakern 
— im zweiten fuhr Semmelweis zwischen Bathory und Hebra — 
ging es rasch nach des letzteren Wohnung in der Alservorstadt. Während 
der Fahrt schlug Hebra dem kranken Freunde vor, sich in sein neues 
Sanatorium aufnehmen zu lassen. Semmelweis ließ sich leicht dazu be- 
reden. In der Mariannengasse Nr. 10 vor der Wohnung Hebra's an- 
gekommen, wurden sie am Tore von dessen Gattin Johanna emp- 



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— 221 — 

fangen. Herzlich und heiter begrüßte Semmelweis dieselbe und sagte: 
„Da bin ich wieder, ein kranker Kerl! Aber der Ferdinand wird 
mich schon wieder gesund machen. Er ist der einzige, zu dem ich Ver- 
trauen hab." Nach kurzem Verweilen sagte der immer energische 
Hebra: ^Komm, Nazi, jetzt schaust dir meine Anstalt an." Semmel- 
weis stieg wieder in den Wagen und frug dann seine Frau: , Kommst Du 
nicht mit?"* ^Sie bleibt bei mir mit dem Mäderl", antwortete Hebra 's 
Gattin. Beim Anblick seiner ehemaligen Patientin stieg Semmelweis 
nun plötzlich die Erinnerung an das Jahr 1847 auf und er rief: 
«Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen gerufen hab: A Büaberl 
is'!?" Die Wagentüre flog zu, Abschiedsgrüße, und die Herren fuhren 
davon. In der nahen Landesirrenanstalt in der Lazarethgasse an- 
gelangt, zeigte Semmelweis großes Interesse für die Einrichtung 
und besichtigte alles. Die eisernen Gitterfenster seines Zimmers fielen 
ihm auf. Weshalb das nötig sei? „Der Sicherheit halber" war die Ant- 
wort. Man ging in den Garten, ein Arzt der Anstalt zog Semmelweis 
ins Gespräch, so daß Hebra und der Oheim sich unbemerkt entfernen 
konnten. Semmelweis kehrte nach einiger Zeit in sein Zimmer zurück, 
entkleidete sich und wollte dann wieder hinauseilen, wahrscheinlich 
in der Absicht, seiner Praxis nachzugehen, wie er es in den letzten 
Wochen spät abends und nachts immer getan hatte. Als man ihn am 
Fortgehen hinderte, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Sechs Wärter 
konnten ihn kaum bändigen. Man legte ihm die Zwangsjacke an und 
brachte ihn zur Beruhigung in die Dunkelkammer. 

Am nächsten Morgen erschien bangen Herzens seine Frau in der 
Anstalt und hoffte, ihn wieder sehen zu dürfen. Doch Direktor Riedel 
machte ihr schonend Mitteilung von dem Vorgefallenen und bedeutete 
ihr, ein Wiedersehen sei jetzt absolut unmöglich. Gebrochen kehrte 
Frau Semmelweis mit ihrer Kleinsten in Begleitung des Oheims nach 
Pest zurück und blieb sechs Wochen an das Bett gefesselt 

Indessen vollzog sich das Schicksal an ihrem Gatten. Die An- 
staltsärzte entdeckten am Mittelfinger seiner rechten Hand eine Ver- 
letzung, die er sich angeblich bei einer gynäkologischen Operation 
zugezogen hatte. Die Wunde war gangränös geworden und perforierte 
das Gelenk. Abszesse im ünterhautzellgewebe des rechten Armes 
traten auf, eine große Metastase bildete sich zwischen den linksseitigen 
Brustmuskeln, welche das Rippenfell zerstörte und durch Pyo-Pneumo- 
Thorax am 13. August 1865 den Tod herbeiführte. 

In dem heute noch vorhandenen Protokolle der Niederösterrei- 
chischen Landes-Irrenanstalt finden sich folgende Daten über Semmel- 
weis verzeichnet: 

Laufende und Journal-Nr. 449/441 

Tag und Jahr des Eintrittes 31./VIL 1865, 

Vor- und Zuname Semmelweis Ignaz, 

Alter 47, 

Religion kath., 

Geburtsort und Land Ofen, zust.: Pest, 



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— 222 — 

Stand verh., 

Persönliche Eigenschaften Prof. a. d. Univers, in Pest, 

Verpflegsklasse I., 

Parere und Krankheitsgeschichte Dr. Bokeis, Dr. Wagner, Dr. 

sind ausgefertigt von Balassa, 

Krankheitsform Manie 

Gestorben am 13. VIII. 1865 an Gehirn- 

lähmung 
Zum wievielten Male in einer 

Irrenanstalt Imal 

Die Leiche wurde in die Totenkammer des Allgemeinen Kranken- 
hauses gebracht und dort, wo der Lebende vor 20 Jahren so un- 
ermüdlich seine anatomisch-pathologischen Studien getrieben hatte, von 
Prof. Meynert und Dr. Scheuthauer, Rokitansky's Assistenten, 
seziert. Die Sektion ergab außer den erwähnten pyämischen Prozessen 
hyperämia meningum, hyperämia et atrophia cerebri cum hydro- 
cephalo chronico, degeneratio grisea medullac spinalis. Am 15. August 
wurde der große Tote vom Leichenhofe des Allgemeinen Kranken- 
hauses nach dem Schmelzer Friedhofe überführt. 

Die Wiener Zeitungen vom 16. und 17. August 1865 brachten 
über das tragische Ereignis meist nur kurze, nichtssagende Notizen. 
So die „Wr. Zeitung", „N. Fr. Pr.^ und das „Neue Fremdenblatt". 
Das „Vaterland" meldete nichts. 

Die „Presse" vom 16. August berichtete in ihrer kleinen Chronik: 
„Professor Dr. Ignaz Semmelweis ist gestern um 11 Uhr vormittags 
in der Döblinger Privatheilanstalt bei Wien infolge einer Gehirnlähmung 
gestorben. Semmelweis war als tüchtiger Spezialist in weiblichen 
Krankheiten und durch seine Arbeiten über die Krankheiten der 
Wöchnerinnen in den weitesten Kreisen bekannt. Auch im hiesigen 
Gebärhause wurden auf Grund seiner Theorien verschiedene Vor- 
kehrungen gegen das hier oft epidemisch auftretende Kindbetterinnen- 
fieber getroffen." 

Bessere Würdigung fand der große Tote im „Fremdenblatt", 
welches am 16. August unter den Tagesneuigkeiten folgende Notiz 
brachte: 

„Am 13. d. verschied in der Döblingei'*) Heilanstalt der Professor 
der Pester Universität Dr. Ignaz Semmelweis. Derselbe war nicht 
nur eine Zierde des Institutes, dem er als Lehrer angehörte, sondern 
genoß auch in den weitesten Kreisen der medizinischen Wissenschaft 
wohlverdientes Ansehen. Professor Semmelweis, einer der eifrigsten 
Schüler Rokitansky's, hatte sich schon als Assistent der geburtshilf- 
lichen Klinik in Wien 1846 bis 1848 ein großes Verdienst um diese 
Anstalt und die leidende Menschheit dadurch erworben, daß er die 



♦) Der Irrtum, den „Presse'* und „Fremdenblatr damals aufbrachten, daß Semmel- 
weis in der Döblinger Privatheilanstalt gestorben wäre, hat sich in vielen Kreisen 
bis auf den heutigen Tag erhalten. 



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— 223 — 

Ursache der deletären Puerperalfieberepidemien in Wien in der In- 
fektion durch zersetzte animalische Stoffe nachwies und auch die 
Mittel, um diesem Übel vorzubeugen, angab. Diesen glücklichen Ge- 
danken seiner Jugend verfolgte er auch als Mann mit unerbittlicher 
Strenge ebensosehr wie mit dem Feuereifer der Begeisterung für die 
Wahrheit, und es ist gewiß ebensosehr ihm, wie dem Fortschritte der 
Wissenschaft im allgemeinen zu danken, daß seine Lehre immer mehr 
an Terrain gewann. Professor Semmelweis starb im kräftigsten Mannes- 
alter, er hatte das 50. Jahr noch nicht erreicht^ und hinterläßt drei 
unmündige Kinder/' 



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224 



Das Urteil der Nachwelt. 

Semmelweis ist nur 47 Jahre alt geworden. Er ist an seinen 
Gegnern zugrunde gegangen. Nicht an den ehrlichen, sondern an den 
unredlichen, die ihn sein Leben lang in die Verteidigungsstellung 
zwangen, wodurch es bei ihm schließlich zur Manie wurde, für sein 
Schmerzenskind zu kämpfen. Er wäre an Manie zugrunde gegangen, 
hätte er sich nicht in den letzten Julitagen des Jahres 1865, als seine 
Zurechnungsfähigkeit schon aufgehoben war, eine Verletzung zugezogen, 
welche infolge Verunreinigung brandig wurde und zu Pyämie führte. 
So starb der schon dem Tode Verfallene an jener anderen Krankheit, 
deren Identität mit dem Kindbettfieber er zuerst erkannt, deren Ver- 
hütung in der Geburtshilfe, Gynäkologie und Chirurgie er gelehrt 
hatte. Er hütete sich selbst nicht vor ihr, als sein Geist getrübt war. 

Markusovszky widmete im „Orvosi hetilap" dem dahingeschie- 
denen Freunde einen würdigen Nachruf. „Er war einer von jenen 
nicht immer glücklichen, aber vom Schicksal begünstigten Sterblichen, 
denen es gegeben war, die Wissenschaft mit einer neuen Anschauung 
zu bereichern und damit der Menschheit einen wichtigen Dienst zu 
erweisen. Und was sein Verdienst in dieser Richtung noch erhöht, ist 
der Umstand, daß seine Entdeckung kein Spiel des Zufalls, sondern 
das Resultat einer aus der Wissenschaft geschöpften lebendigen Über- 
zeugung gewesen .... Er war ein aufrichtiger, natürlicher Mensch, 
und es ging ihm auch die Fähigkeit ab, sich anders zu geben. Egois- 
mus und Duckmäuserei sind seiner geraden Seele stets fremd ge- 
blieben.*) 

Die medizinischen Zeitschriften Österreichs und Deutschlands 
brachten nur ganz kurze Notizen über Semmelweis' Tod. Eine Wür- 
digung seiner Persönlichkeit, seiner Leistungen wurde von keinem 
Blatte für nötig gehalten. 

Wie wenig seine Lehre aber in Pest Wurzel gefaßt hatte, trotz 
der eifrigen Propaganda, welche er und Markusovszky für dieselbe 
mündlich wie schriftlich getrieben, bewies die Wahl seines Nachfolgers. 
Als solcher wurde Dr. Johann Diescher, o. ö. Professor der — theo- 
retischen Medizin für Wundärzte, ernannt! Die Semmelweis'sche Pro- 
phylaxis wurde von diesem über Nacht zum Geburtshelfer gewordenen 

*) Brück, p. 105, 54. 



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— 225 — 

Fachmanne nur sehr lässig betrieben, infolge dessen die Sterblichkeit 
auf der Gebärklinik wieder an Hofrat Birly's Zeiten zu gemahnen 
anfing. Und da im St. Roehusspitale, wie erwähnt, Primarius Dr. Walla 
herrschte, so bot Pest nach Semmelweis' Tode das klägliche Schau- 
spiel, daß zwei seiner nur durch ihre Unbedeutsamkeit hervorragenden 
Gegner sich in seine Nachfolge teilten. Erst nach Walla 's Tode im 
Jahre 1869 wurde ein Schüler von Semmelweis, sein erster Assistent, 
Dr. Josef Fleischer, von der städtischen Behörde zum dirigierenden 
Arzte der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung des St. Rochus- 
spitales ernannt. Walla hatte im Jahre 1862 von 175 Wöchnerinnen 
5, 1863 von 153 Wöchnerinnen 10, 1864 von UO Wöchnerinnen 8, 

1865 von 126 Wöchnerinnen 7, 1868 von 101 Wöchnerinnen 7 an Puer- 
peralfieber verloren. Fleischer dagegen hatte im Jahre 1870 bei 138 
Wöchnerinnen keine einzige Tote!*) 

Und die geburtshilfliche Klinik kam gar erst im Jahre 1876, nach 
Prof. Diescher's Pensionierung, in die Hände eines Semmelweis- 
Schülers, des Prof. Theodor v. Kezmarszky, welcher gleich Fleischer 
das Puerperalfieber sofort aus dem Gebärhause bannte. 

Und was ereignete sich nach Semmelweis' Tode in der Hauptstadt 
Österreichs ? 

Welche Saat durch fast zwei Jahrzehnte in Wien ausgestreut 
worden war, das läßt sich mit genügender Deutlichkeit an Hussa's 
Lehrbuch der Geburtshilfe für Hebammen erkennen, welches im Jahre 

1866 in Wien erschien. 

Unter den allgemeinen Regeln für die Hebammen bei jeder Unter- 
suchung forderte Hussa: 

„Sie soll vor und nach jeder Untersuchung sich die Hände gehörig 
mit Seife nnd einer Nagelbürste reinigen.*^ 

Als die hauptsächlichsten Ursachen des Kindbettfiebers werden ange- 
führt: „Erkältung, Diätfehler, Unreinlichkeit, Aufenthalt in verdorbener 
dumpfer Luft, Gemütsbewegungen, namentlich Schreck, oder länger, schwere 
und lange andauernde Entbindungen, Zurückbleiben eines Teiles der Nach- 
geburt, oder aber Ansteckung von außen. Geht eine Hebamme von einer so 
erkrankten Wöchnerin oder einer Frau, die aus irgend einem Grunde an 
einem übelriechenden Ausflusse leidet, zu einer anderen Gebärenden und hat 
sie sich die Hände vorher nicht sehr sorgfältig gereinigt, so kann sie durch 
das bloße Untersuchen die Entstehung dieser Krankheit veranlassen." 

Solche Weisheit durfte im Jahre 1866 in einem Hebammenlehr- 
buche verkündet werden, in Wien, dem Geburtsorte der Semmelweis- 
schen Lehre! Die Hauptstadt des finsteren Rußland besaß schon im 
Jahre 1863 eine Hebammeninstruktion, welche den Geburtshelfern 
Österreichs hätte vorbildlich sein können! 

Über die Sanitäts Verhältnisse der Wöchnerinnen an der Wiener 
Hebammenklinik während des Jahres 1864 berichtete wieder Professor 
Spaeth in den Mediz. Jahrbüchern des Jahres 1866. 



*) Nach einer Statistik, welche Geheimrat Hegar zur Verfügung steUte. 

V. Wal dheira, I(rnaz Philipp Semmelweit. 15 



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— 226 — 

Die Mortalität betrug an der ersten Klinik 1'1%, an der zweiten 
07 Vo- Zweimal stieg auf letzterer für einige Wochen die Mortalität auf 
durchschnittlich 1*98%, nach Spaeth*s Ansicht infolge der jedesmal herr- 
schenden Überfüllung. „Die Besprechung dieses Faktums fuhrt mich un- 
willkürlich auf die Behauptung von Semmelweis: daß die Überfüllung der 
Anstalt für den Gesundheitszustand der Wöchnerinnen gleichgiltig sei. Ich 
muß diesem Ausspruche einige Beachtung schenken, da ihn Semmelweis 
durch seine vielwendige Statistik zu beweisen sucht und die zahllosen Zahlen 
in seinem großen Werke über die Ätiologie des Kindbettfiebers jedem Leser 
genug bündige Beweise für die von ihm aufgestellten Behauptungen scheinen 
dürften. Ich muß aber bei meiner obigen auch schon anderwärts ausgespro- 
chenen Ansicht bleiben, die von Semmelweis aufgestellte für unrichtig und 
seine Beweisgründe für nichtig zu erklären. Er sucht nämlich den Beweis 
für seinen Ausspruch dadurch herzustellen, daß er aus den offiziellen Kap- 
porten Monate anführt, in welchen bei großer Geburtenzahl die Sterblichkeit 
gering und umgekehrt auch solche, in welchen bei geringer Geburtenzahl die 
Sterblichkeit groß war. Dagegen ist zu sagen, daß in den offiziellen Rap- 
porten die Zahl der Verstorbenen sich niemals bloß auf die im selben Monate 
Entbundenen bezieht. Daher können in einem Monate mit großer Geburten- 
zahl viele erkranken und von diesen mehrere erst im nächsten Monate, in 
welchem sich wenige Geburten ereignen, sterben. So wird dann bei geringer 
Geburtenzahl große Sterblichkeit und bei großer Geburtenzahl geringe Sterb- 
lichkeit nachweisbar erscheinen. Auch verschlimmert sich der Gesundheits- 
zustand nicht plötzlich, wenn Überfüllung derselben eintritt, und die Ver- 
schlimmerung kann erst ihre bedeutendste Höhe erreichen, wenn die Über- 
füllung schon wieder nachgelassen hat, wodurch wieder dasselbe Verhältnis 
in den Rapporten erzielt werden kann. Femer ist es gewiß nicht gleichgiltig, 
ob die Überfüllung an einer Anstalt, welche keine besonderen Ventüations- 
einrichtungen besitzt, im Sommer oder im Winter stattfindet, und schließlich 
muß ich erwähnen, daß Semmelweis Seite 214 in seinem zitierten Werke den 
Hauptbeweis für seine in Rede stehende Ansicht dadurch herzustellen glaubt, 
daß er nachweist, daß unter den 97 von ihm zu dieser Statistik benutzten 
Monaten die 5 ungünstigsten eine geringere Geburtenzahl dartun, als die zwei 
Rüstigsten. Dieser Beweis hat aber einen um so geringeren Wert, da er alle 
fünf Monate, und zwar ohne Rücksicht auf die oben erwähnten Verhältnisse, 
einer und derselben Endemie entnahm, welche als die furchtbarste ihres- 
gleichen vom Anfang Oktober 1841 bis Ende Mai 1843 auf der Gebärklinik 
für Arzte wütete." Zum Schlüsse weist Spaeth darauf hin, daß er es ge- 
wesen, der die Bitte um zweckmäßige Ventilationseinrichtungen an das Mini- 
sterium angeregt habe. Das zielte auf seinen Kollegen von der ersten Ge- 
bärklinik. 

Spaeth zitierte und widerlegte in diesem Vortrage eine Behaup- 
tung, welche Semmelweis niemals gemacht hatte. 

Großes Aufsehen machte unterdessen in Deutsehland das Werk 
yDie Pathologie und Therapie des Wochenbettes" von Professor Dr. 
Fr. Win ekel in Rostock, dessen 1. Auflage 1866 erschien. 

In der Vorrede erklärte der Verfasser, daß die älteren Monographien 
über diesen Gegenstand, von Helm (1839), Kiwisch (1840 bis 1842) und 
Berndt jun. (1846), dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft nicht mehr 
entsprächen. Denn es „sind gerade in den letzten zwei Jahrzehnten die Krank- 
heiten der Wöchnerinnen durch eine Reihe vorzüorUcher Arbeiten in einer 



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— 227 — 

Art und Weise gefordert und so bedeutend gefördert worden, daß es mir 
hohe Zeit erschien, die Früchte dieser emsigen Bemühungen den Studierenden 
sowohl, als den praktischen Ärzten zugängiger zu machen". 

Kapitel VI („Ätiologie des sogenannten Puerperalfiebers") enthält zu- 
nächst eine historische Skizze über die bisherigen Theorien von dem Wesen 
und den Ursachen perniziöser PuerperalQrkrankungen. Nach Erwähnung von 
Eisenmann, Helm, Kiwisch heißt es dann: 

„Endlich trat Semmel weis zuerst im Jahre 1847 mit der Behauptung 
auf, daß Leichengift die nächste Ursache des Kindbettfiebers sei, und 
bildete sich bis zum Jährt 1861^ in welchem seine bekannte Schrift: „Die Ätiologie, 
der Begriff und die Prophylaxis etc." erschien, aUmähUdi folgende Theorie über 
das Wesen und die Ursachen jener epidemischen Erkrankungen aus . . . ." 

Im folgenden wird nun klar dargelegt und bewiesen, daß der Puer- 
peralprozeß nichts dem Wochenbett allein Eigentümliches habe und sich von 
der Septikämie und Pyämie, welche so oft bei Wunden einträten, in nichts 
unterscheide; daß der Ausgangspunkt der Erkrankung immer in den Geni- 
talien selbst liege und von diesen aus erst die Allgemeinerkrankung erfolge; 
daß Einzelßllle entständen nach Quetschungen, Verwundungen der Genitsdien, 
durch Faulen zurückgebliebener Eihaut- und Piacentarreste, nach Blennorrhoe 
oder durch Infektion verletzter Stellen der Genitalien mit kadaverösen 
Stoffen, mit dem Sekret jauchiger, brandiger Wunden; daß Epidemien zumeist 
nur in Gebärhäusern vorkämen und von den Bodenverhältnissen, Temperatur- 
verhältnissen und Feuchtigkeitsgraden vollkommen unabhängig seien; daß bei 
verzögerten Geburten die Erkrankungen häufiger, bei Gassen geh urten seltener 
aufträten; daß Überfülluug keineswegs immer die Morbidität steigere; daß in 
der Privatpraxis gehäufte Fälle immer der Praxis eines Arztes oder einer 
Hebamme entstammen; daß in Gebäranstalten Epidemien mitunter von einem 
Falle von Selbstinfektion, häufig aber von der direkten Übertragung in- 
fizierender Stoffe auf gesunde Gebärende und Wöchnerinnen ihren Ausgang 
nähmen; daß das infizierende Kontagium ein fixes sei, welches haupsächlich 
durch die Finger der Untersuchenden, die Instrumente, Gerätschaften und 
Werkzeuge seltener durch die Luft übertragen werde; daß daher die Venti- 
lation nicht das einzige und nicht das wichtigste Mittel zur Verhütung sei; 
endlich, daß die analogen Erkrankungen der Neugeborenen mit Recht als 
puerperale Infektion bezeichnet werden. 

Man sieht, Winckel steht ganz auf Semmelweis' Standpunkte, je- 
doch aus seinen Darlegungen geht dies keineswegs hervor. Er er- 
wähnt dessen Namen so äußerst selten, die Namen späterer Forseher 
dagegen so häufig, daß der Uneingeweihte durchaus nicht den Ein- 
druck bekommt, das ganze hier vorgetragene Lehrgebäude stamme im 
Grunde von dem „so fanatisch predigenden" Semmelweis. 

Überdies verbreitete auch Winckel, trotzdem er dessen Buch so 
gründlich studiert hatte, den alten unseligen Irrtum, Semmelweis hätte 
im Jahre 1847 nur von Leicheninfektion gesprochen! 

Nicht minder günstig für die allgemeine Annahme der Lehre in 
Deutschland wirkte eine neue Arbeit von Professor Dr. G. Veit in 
Bonn, welcher, getreu seiner schon in der Monatsschrift für Geburts- 
kunde ausgesprochenen Überzeugung, in der im Jahre 1867 erschienenen 
2. Auflage seiner „Krankheiten der weiblichen Geschlechtsorgane" 
(Virchow's Handbuch der spez. Fatol, u. Therapie) im Kapitel „Puer- 
to* 



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— 228 — 

peralfieber", das vollständig neu bearbeitet wurde, eine ausführliche, 
sachliche Beweisführung für die Richtigkeit der Infektionstheorie brachte, 
wobei Semmelweis' Beobachtungen bei jeder Gelegenheit an erster 
Stelle genannt werden. 

^Diese Deutung*' — daß nämlich nach Semmel weis' Lehre das Kind- 
bettfieber ein Resorptionsfieber sei, hervorgerufen durch Infektion mit zer- 
setzten tierischen Stoffen — „«< in den letzten Jahren in immer größere Kr eine 
eingedrungen und xoird in kurzer Zeit kaum noch Gegner finden. Die Beweise für 
ihre Richtigkeit und gegen die Haltbarkeit der miasmatischen Genesis stellen 
wir in den folgenden Paragraphen zusammen." § 345 enthält den Nachweis, 
daß die Elrankheit von tellurischen und atmosphärischen Verhältnissen unab- 
hängig ist; § 346, daß die verschiedenen pathologischen Prozesse beim Puer- 
peralfieber sich ausreichend durch die Annahme einer septischen Infektion 
erklären; § 347, daß die Inokulation septischer Stoffe bei Elreißenden und 
Wöchnerinnen sporadisches wie epidemisches Puerperalfieber erzeugt; § 348, 
daß das Puerperalfieber nicht eine ausschließlich bei Wöchnerinnen vorkom- 
mende Krankheit ist; § 349, daß bei den kreißend Aufgenommenen die Krank- 
heit viel seltener auftritt als bei Schwangeren, die kurz vor ihrer Entbindung 
die Anstalt betreten; § 350, daß Erstgebärende sehr häufig erkranken, ebenso 
solche, welche schon zehnmal oder öfters geboren haben; § 351, daß die 
Inkubationszeit 24 bis 48 Stunden beträgt und daß auch die Neugeborenen 
an Puerperalfieber erkranken können; § 352, 358, 354, 355, daß das vor 
wiegende Vorkommen des Puerperalfiebers in Gebäranstalten, die Differenzen 
der verschiedenen Hospitäler untereinander und die Fluktuationen in einem 
und demselben Hause zu verschiedenen Zeiten sich nur durch die Infektions- 
theorie vollständig erklären lassen; § 356, daß bei ungünstigem Gesundheits- 
zustande der Wöchnerinnen einer Anstalt eine Überfüllung derselben die 
SterbHchkeit in auffallender Weise vermindert." 

Von besonderem Interesse ist, in welcher Weise Veit zu den 
Äußerungen von Spaeth und Braun Stellung nimmt: 

„Nach dem Abgange S.'s aus der Assistentenstelle wirkte, wenn auch 
nicht die Überzeugung von der Richtigkeit der von S. bezeichneten Ätiologie, 
so doch das Vorhandensein dieser Ansicht nach. Die Sterblichkeit in der 
ersten Klmik beschränkte sich 1849 auf 27o> 1850 auf 1*1% ^nd 1851 auf 
1-1%, in der zweiten auf respektive 2*1ö/o und 3%. Als hierauf der 
Schein dafür sprach, daß man die Ansicht S.'s ruhig ad acta legen könne, 
stieg die Sterblichkeit wieder in beiden Kliniken. In den letzten Jahren hat 
sie abermals beträchtlich abgenommen. C. Braun sucht die Ursache dieser 
Abnahme in der Verbesserung der Ventilation, in der Einführung des Böhm- 
schen Heizungs- und Ventilationssystems. Wir können aber dieser Einrichtung 
nicht die behauptete Tragweite beimessen. In der zweiten KliTiik ist der Böhm- 
sche Apparat nur in beschränktem Umfange eingeführt worden; wir suchen 
daher den Grund für die kolossale Verringerung der Mortalität in dieser Abtei- 
lung — 1863 starben hier nur 0'5^/o — vielmehr vorzugsweise in den mit 
großer Sorgfalt durchgeführten Bemühungen Spaeth's, lokale Infektionen -^u ver- 

hüten Erwägen wir endlich . . . . , daß Mayerhofe r, der Assistent 

der ersten Klinik, nicht mehr wie früher, das Medium für die Inokulation 
der Vibrionen in der Luft sucht, sondern inzwischen zu der Überzeugung 
gelangt ist, daß der untersuchende Finger gewöhnlich den Träger der Vibri- 
onen bildet, so liegt uns eine Deutung, welche auch in der ersten Klinik 
nicht bloß mit der Verbesserung der Ventilation rechnet, ungleich näher." 



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— 229 — 

§ 358 handelt von der Prophylaxis. 

„Je weniger die Erfolge der ärztlichen Kunst bei den schweren Er- 
krankungen befriedigen, desto wichtiger ist die Prophylaxis. 

Die Aufgabe, welche die letztere zu lösen hat: die Verhütung der 
Infektion mit septischen Stoffen, ist von den Privatärzten und Heb- 
ammen ungleich leichter zu erfüllen, als von dem Personal der Gebär- 
häuser. 

Der wichtigste Punkt ist, daß mit reinen Händen untersucht und Hilfe 
^releistet wird und daß nur reine Gerätschaften bei der Pflege der Schwange- 
ren und Wöchnerinnen zur Verwendung kommen. Leider ist dies nur dadurch 
sicher zu erreichen, daß jede Verunreinigung mit septischen Stoflfen vermieden 
wird: denn die Wirkung der bekannten Desinfektionsmittel ist, abgesehen von 
der längere Zeit andauernden Wirkung der Atmosphäre, unzuverlässig. Die besten 
sind: das Chlor und das übermangansaure Kali. 

Die mit Konsequenz durchgeführte Anwendung der Chlorwaschungen 
vor jeder Exploration hat die Sterblichkeit in der Klinik für Ärzte zu Wien 
1847 und 1848 beträchtlich vermindert; und die Berichte anderer Geburts- 
helfer über die anscheinend völlige Nutzlosigkeit dieser Maßregel sind für 
uns deshalb von geringerem Gewicht, weil diesen Berichterstattern die Über- 
zeugung von der Wahrheit der Infektionstheorie fehlt und nur eine feste 
Überzeugung in dieser Beziehung die Gewähr gibt, daß die Bemühungen, zu 
desinfizieren, in vollem Umfange stattfinden. Dennoch glauben w'ir^ daß Seinmel- 
ireis die Erfolge der Chlorte ofichnngen ilhersdtätzt : vielleicht wird dieser Aus- 
spruch schon durch den Ausbruch des Puerperalfiebers in der Klinik zu 
Pest, für welchen Semmelweis freilich den Gebrauch schlecht gewaschener 
Leintücher und die Verabsäumung des regelmäßigen Wechsels der Wäsche 
verantwortlich machen kann, bewiesen. Gexeiß ist der unausgesetzte Gehrauch 
rhciiiiacher DetrinfeJcfionsmittel nicht in allen Anstalten nötig^ um einen relativ gün- 
stigen Gesundheitszustand zu erzielen; in Wien dauerte ein solcher von 1857 
bis 1860 fort, ohne daß Chlorwasser oder übermangansaures Kali in Anwen- 
dung gezogen wurde. Die Beinig^ing der Hände auf die gewöhnliche Weist^ wenn 
nie nvr sorgfältig abgeführt wirdy leistet auch etwas. Damit ist indessen der Vorzug 
der chemischen Desinfektion im allgemeinen und insbesondere ihre Zweck- 
mäßigkeit nach der Besudelung mit septischen Stoffen nicht zurückgewiesen. 

Um eine Infektion durch leblose Gegenstände zu verhüten, muß jede 
Kreißende und Wöchnerin ein mit ungebrauchten oder gut gereinigten Mate- 
rialien garniertes Bett und nur für sie bestimmte, durch Auskochen gereinigte 
Kanälen usw. erhalten; der Gebrauch der Schwämme wird am besten ganz 
vermieden.'' 

Veit glaubte, Semmelweis hätte den Erfolg der Chlorwaschungen 
überschätzt. In Wahrheit hatte dieser sie unterschätzt, weil er nicht 
ahnte und nicht ahnen konnte, daß sie auch dann notwendig wären, 
wenn man sich mit zersetzten organischen Stoffen nicht verunreinigt 
hätte. 

Um wie viel mehr aber unterschätzte Veit den Wert und die 
Notwendigkeit der Chlorwaschungen! So sehr seine lichtvolle Dar- 
stellung geeignet war, der neuen Lehre begeisterte Anhänger zu werben, 
seine Sehlußbetrachtung verdarb wieder alles, und Veit ist wohl daran 
schuld, wenn sich stellenweise in Deutschland, z. B. in Halle, die seichte 
Auffassung einnistete, „an der Desinfektion sei etwas dran". 



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~ 230 — 

Was Mayerhofer, Braun's Assistenten, anbelangt, sc halte dieser 
in den Jahren 1863, 1864 und 1865 in einer Reihe von Vorträgen und 
Aufsätzen*) die Ergebnisse seiner interessanten Untersuchungen ver- 
öffentlicht und war, wie Veit erwähnte, allmählich zu der Ansicht 
gelangt, daß nicht die Luft, sondern der untersuchende Finger ge- 
wöhnlich der Träger der Vibrionen sei. Haußmann**) entdeckte jedoch 
Mayerhofer's Vibrionen auch in den Lochien einer völlig gesunden 
Wöchnerin und im Scheidensekrete von Schwangeren, welche nachher 
ein vollkommen normales Wochenbett durchmachten. Damit schien 
die Pathogenität der Vibrionen widerlegt zu sein. 

Die Notwendigkeit der Herausgabe einer neuen vierten Auflage 
seines Lehrbuches nötigte Scanzoni im Jahre 1867, zu Semmelweis 
neuerdings öffentlich Stellung zu nehmen. Er entledigte sich dieser 
peinlichen Aufgabe in folgender, für ihn so recht bezeichnenden 
Weise : 

„Wir müssen es als eine Errunyemchaft der Neuzeit betrachten, d(fß der 
Betriff dieser äußerst perniziösen und leider so häufig zur Beobachtung 
kommenden Krankheit gegenwärtig genauer festgestellt werden kann, als dies norlt 
vor kurzem der Fall u-ar. Den unermüdlichen Ftir»c1mngen der letzten 10 Jahre 
verdanken wir es nämlich, daß das Puerperalfieber jetzt mit beinahe aus- 
nahmsloser Übereinstimmung aller Sachverständigen als eine Infektionskrankheit 
betrachtet wird, welche gewöhnlich die Wöchnerinnen in den ersten Tagen 
oder Wochen nach der Geburt, um Vieles seltener die Schwangeren befallt, 
sich im wesentlichen durch die Erscheinungen entweder der Pyämie oder der Sepsis 
charakterisiert . . . hervorgegangen aus der Aufnahme putrider Zersetzungsprodukt f* 
animaliscfier Stoffe in die Blutmasse . . . 

Es ist eine keineswegs neue Auffassvngy wenn man jede Neuentbundene 
als eine Verwundete bezeichnet . . . und zwar bietet sie nicht bloß eine 
Wunde dar, sondern eine oft sehr bedeutende Zahl von Verletzungen . . . 

Faßt man diesen Umstand ins Auge, so kann es nicht befremden, daß 
die ausgedehnten Gefäßzerreißungen an der Placentarstelle . . . von jeher als 
Atrien für die Aufnahme deletärer Stoffe ins Blut betrachtet wurden . . . 

Die Unhaltbarkeit der Hypothese von der Verbreitung des Puerperalfiebers 
durch ein Kontagium ist gegenwärtig wohl über jeden Zweifel erhaben und 
hat Hirsch die Frage mit wenigen^ aber schlagenden Worten beleuchtet ..." 

Von einer Epidemie im wahren Sinne des Wortes könne gar nicht wohl 
gesprochen werden. Die atmosphärischen Verhältnisse betrachte er als eines 
der wichtigsten Kausalmomente, denn nur die Luft, in welcher sich eine 
gewisse Anzahl von Wöchnerinnen befinde, sei der Träger der Schädlich- 
keiten, daher nichts die Entstehung der sogenannten Puerperalfieber- 
Endemien in Gebärhäusern so sehr fordere, als „die Überfüllung solcher 
Anstalten und die Beherbergung von Kranken, welche jauchende, brandige 
Wunden, mißfarbige stinkende Ausflüsse aus den Genitalien, coUiquative 
Stuhlentleerungen usw. darbieten ... 



*) Mayrhofer, Wr. m. Jahrb. 1863. — Sitzung d. k. k. Ges. d. Arzte in Wien 
vom 27. Mai u. 3. Juni 1864. — Wr. allg. med. Ztg. 1864. 23. — Monatschr. f. Ge- 
burtskunde. Febr. 1865. 

♦♦) Haußmann: Med. Zentralbl., 1868, 27. — Beitr. t. Geburtsh. n. Gynäkol., 
Berlin III, 3. p. 311. 



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— 231 — 

„Man hat sich bestrebt, dieser Beobachtung eine andere Deutung zu 
geben, indem man annahm, daß die Übertragung der deletären Stoffe von 
einer Kranken auf die andere nicht durch das Medium der Luft, sondern 
dadurch stattfände, daß die von einer Kranken gelieferten, in Fäulnis über- 
gegangenen Stoffe mittels der Hände der untersuchenden Ärzte, mittels der 
nicht gehörig gereinigten Unterlagen, Schwämme, Injektionsrohre und anderer 
Utensilien unmittelbar an und in die Genitalien anderer Wöchnerinnen ver- 
pflanzt werden, eine Ansicht, die namentlich in der neuesten Zeit in Semmel- 
weis (Die Ätiologie etc.) einen sehr eifrigen Vertreter fand. Indes, so wie 
Hecker (dessen Klinik I., pag. 224) diesen Standpunkt für einen einseitigen, 
beschränkten und deshalb unrichtigen erklärt, ebenso miisHtn wir htute^ ytradc 
80 wie vor 18 Jahren auf das Bestimmteste erklären^ daß wir die Möglichkeit einer 
derartigen Infektion für einzelne Fälle wohl nicht in Abrede stellen wollen^ daß 
es aber auf der anderen Seite ein eitles Bemühen ist, die Häufigkeit und Bös- 
artigkeit der puerperalen Erkrankungen in Gebäranstalten einzig und allein 
auf diesem Wege zu erklären" . . . 

Auch er wolle die Untersuchung der Gebärenden nur mit ganz reinen, 
am besten unmittelbar vor der Exploration gewaschenen Händen vorgenommen 
wissen, doch ob zu diesen Waschungen desinfizierende Mittel zu verwenden 
seien, darüber entscheide zumeist ^die individuelle Ansicht, ob auf diesem 
Wege Infektion mit deletären Stoffen stattfinden könne oder nicht. Wir 
würden diese Vorsichtsmaßregel nicht aus individueller Überzeugung von 
deren Ersprießlichkeit, sondern zur Entfernung jedes möglichen Vorwurfes 
empfehlen, wenn der Untersuchende sich kurz zuvor mit Leichenöföiungen 
oder mit Explorationen von Elranken beschäftigt hat, welche zur Verunreinigung 
seiner Hände mit Eiter, Jauche, überhaupt fauler Stoffe, Veranlassung geben 
konnten. Wie gesagt, wir glauben nicht, daß diese Maßregel wirk- 
lichen Nutzen bringt, aber man vernachlässige sie unter den genannten 
Umständen nicht, weil aus einer solchen Vernachlässigung von Seite jener, 
welche der Semmel weis 'sehen Ansicht von der Übertragbarkeit faulender 
Stoffe in die Genitalien der Kreißenden huldigen, schwere Vorwürfe erhoben 
werden könnten." 

y^Seit es den unermüdlichen Bestrebungen der gegenwärtigen Vorstände . . . 
Braun und Spaeth gelungen ist, der Lvftverderbnis durch zweckmäßige Be- 
heizungs- und Ventilationsapparate vorzubeugen, läßt der Gesundheitszustand . . . 
nichts zu wünschen übrig, und dieses einzige, im großen durchgeführte 
Experiment zeigt schlagender, als alle hier anzuführenden theoretischen 
Gründe, die Richtigkeit des oben getanen Ausspruches, daß die Verderbnis der 
Luft als das die puerperale Infektion der in Gebärhäusern verpflegten Wöchne- 
rinnen am meisten begünstigende Moment betrachtet werden müsse. — — — 

Wir sind somit noch immer der Ansicht, daß es in Gebärhäusern zunächst 
miasmatische Einflüsse sind, welche den dort von Zeit zu Zeit auftretenden 
häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen zugrunde liegen . . . es gereicht uns 
zu wahrer Befriedigung, daß Semmelweis, der bei seinem ersten Auftreten 
die kadaveröse Infektion beinahe als ausschließliches Kausalmoment der 
häufigen Erkrankungen in Gebärhäusern verfocht, sich später genötigt sah, auch 
dm übrigen, oben besprochenen Injektionsvegen die geziemende Rechnung zu tragen, 
was jeder zugeben wird, der seine letzte gehamischte Arbeit mit dem Inhalte 
der ersten, von Skoda zugunsten der Semmelweis'schen Entdeckung veröffent- 
lichten Abhandlung vergleicht. Übrigens können und wollen wir nicht unerwähnt 
lassen, daß sich Semmelweis durch seine rastlosen und aufopfernden Be- 
mühungen auf diesem Felde ein großes Verdienst um die in Gebärhäusern ver- 



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— 282 — 

pflegten Wöchnerinnen erworben hat; denn seinen Bemühungen ist es wesentlich 
zu danken^ daß den hygienischen Verhältnissen in diesen Anstalten gegenwärtig 
viel mehr Sorgfalt zugewendet wird, als es noch vor kurzer Zeit der Fall war." 

Dem lebenden Semmelweis hatte Scanzoni jede Anerkennung 
versagt und dadurch, sowie durch seine gehässigen Angriffe, seine 
unredliche Kampfweise jenem das Leben verbittert, ja zerstört; nun, 
da der Ärmste unter der Erde ruhte als zersetzter organischer Stoff, 
nun anerkannte der edle Feind seine „rastlosen und aufopfernden Be- 
mühungen" um die Verbesserungen der hygienischen Verhältnisse in 
den Gebäranstalten, wodurch er sich ein „großes Verdienst um die 
Wöchnerinnen erworben" habe. Doch nicht einmal dem toten Semmel- 
weis ließ Scanzoni völlig Gerechtigkeit widerfahren, um vor der 
Welt sich den Anschein zu retten, als hätte doch er schließlich Recht 
behalten! Nicht einmal dem toten Semmelweis gegenüber läßt Scan- 
zoni ab von seiner alten Taktik der Entstellung! Die Feststellung des 
Begriffes des Puerperalfiebers als einer Infektionskrankheit ist ihm 
eine Errungenschaft „der letzten zehn Jahre". Die Placentarstelle 
wurde angeblich „von jeher als Atrium für die Aufnahme deletärer 
Stoffe ins Blut betrachtet." Die Unhaltbarkeit der Hypothesen von der 
Verbreitung des Puerperalfiebers durch ein Kontagium hat nicht ein 
gewisser Semmel weis, sondern — „Hirsch mit wenigen, aber schla- 
genden Worten beleuchtet". 

Die erste Veröffentlichung der Semmelweis'schen Entdeckung 
geschah nach Scanzoni durch Skoda ;Hebra 's Mitteilungen und Semmel- 
weis* Vorträge, die Scanconi ganz gut kannte, werden verschwiegen. 
Scanzoni beschuldigte von jeher die Luft als den Träger der Schäd- 
lichkeiten, die Überfüllung der Gebärhäuser; die von Braun und Spaeth 
mit Ventilationsapp*araten erzielten großartigen Erfolge haben mithin 
Scanzoni glänzend Recht gegeben. Die Verderbnis der Luft erzeugt 
am häufigsten puerperale Infektionen, und Infektion durch Berührung 
kommt nur in vereinzelten Fällen vor. Scanzoni konstatiert daher 
mit wahrer Befriedigung, daß Semmelweis sich später genötigt gesehen, 
seinen Einwendungen Rechnung zu tragen. Scanzoni hat also doch 
Recht behalten, daß miasmatische Einflüsse im Gebärhause das Kind- 
bettfieber erzeugen!! 

Nun, Scanzoni ist es vielleicht gelungen, seine Zeitgenossen zu 
täuschen, wie er tatsächlich seine Assistenten und Schüler und die 
Mitglieder der Würzburger Fakultät getäuscht hat; vielleicht, daß er 
schließlich selbst glaubte, was er andern immer vorlog — die Nach- 
welt vermochte er nicht zu täuschen. Seine verschiedenen Äußerungen 
liegen uns vollständig vor, und unser Urteil über sein Gebaren kann 
nur ein vernichtendes sein. 

Da war der berühmte Peter Frank der alten Wiener Schule doch 
ein ganz anderer Mann! „Offen und ehrlich gestand er ein, wenn er sich 
geirrt hatte; sein Sohn Josef erzählt, daß er seinen Vater niemals zu- 
friedener gesehen habe, als wenn er seinen Hörern erklären konnte: 
, Meine Herren! Streichen Sie diese Stelle in meinem Werke aus! Als 



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— 233 — 

ich sie schrieb, hielt ich sie für wahr; nun aber bin ich vom Gegen- 
teil überzeugt."*) 

Nachdem die bekanntesten Geburtshelfer immerfort in allen 
Büchern den Irrtum von der Leicheninfektion wiederholten, kann es 
nicht \^ undernehmen, daß jüngere Ärzte, welche aus diesen Werken 
schöpften, ahnungslos den Irrtum übernahmen und gleichfalls weiter- 
verbreiteten. 

So sprach Dr. Boehr in der Berliner Gesellschaft für Geburts- 
kunde am 26. Mai 1868 über „Die Infektionstheorie des Puerperalfiebers 
und ihre Konsequenzen für die Sanitätspolizei" und meinte: 

„Schon Semmelweis hat in seiner Schrift: „Der Begriff. ... die Ein- 
seitigkeit seiner früher ausschließlich avf die Infektion mit Leichengift gerichteten 
Anschauungen dahin erweitert'*'' etc. 

Winckel wiederholte in der 2. (1869) und 3. Auflage (1877) seiner 
Pathologie des Wochenbettes den alten Irrtum. In der Frage der Über- 
tragung der Krankheit durch die Luft stellte er sich auf Veit's Seite: 

.jSo notwendig eine gute Ventilation auch ist, so wird sie demnach 
doch nie imutande sein, der Verbreitung jener Puerperalerkrankungen in großen 
Gebärhäusern dauernd entgegenwirken, oder sie gar völlig avfzuhehen (Braun). 
Diff günstigen Resultate, welche man von den neuerdings in Wien angewandten 
Ventilatiomvorrichttuigen gesehen haben will, sind diesen entschieden nicht 
allein zuzuschreiben, denn diese Einrichtungen wurden erst im Jahre 
186-1 gemacht, während durch den Bericht von Spaeth festgestellt ist, daß 
in beiden Wiener Gebärkliniken schon 1863 ein Mortalitätsverhältnis von 
nur 1'06% vorgekommen war.'' 

Die modernen Miasmatiker, die Miasma-Infektionisten Spaeth, 
Braun und Scanzoni hatten kein Glück mehr. Ihre Lockrufe ver- 
hallten, ihre Worte machten keinen mehr irre, wenigstens nicht in 
Deutschland. 

Ein neuer talentvoller Jünger erstand der Semmelweis'schen Lehre 
in Dr. Karl Schroeder, Professor in Erlangen, welcher in seinem 
Lehrbuch der Geburtshilfe (1871) folgendes bemerkte: 

„In der neuesten Zeit hat indessen die auch in diesem Buche vertretene 
Ansicht von der Entstehung des Puerperalfiebers, nach der dasselbe nichts 
als die Resorption septischer Stoffe von einer Wundfläche aus ist, immer 
mehr an Boden gewonnen .... In der Tat, wer die unten zitierten Arbeiten 
von Veit und Hirsch aufmerksam durchliest und die Möglichkeit der Ent- 
stehung des Puerperalfiebers durch Resorption zersetzter organischer Stoffe 
noch bezweifelt, der ist nicht zu überzeugen .... Entstanden ist diese Er- 
klärung des Puerperalfiebers auf englischem, weiter ausgebildet auf deutschem 
Boden. Der erste, der aussprach, daß das Kindbettfieber zuweilen durch 
Ärzte und Hebammen, welche Puerperalfieber zu behandeln haben, auf andere 
Wöchnerinnen übertragen werde, war Den mann. Sehr bald häuften sich in 
England die Beweise für die manuelle Übertragbarkeit der Krankheit und 
eine große Anzahl von Beobachtungen wurde beigebracht, in denen Wöchne- 
rinnen nicht bloß von Puerperalfieberkranken, sondern auch von Kranken 
mit phlegmonösem Erysipel oder jauchigen Wunden durch die Hand des 



*) Puschmann, Modiz. In Wien. 



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— 234 — 

Arztes infiziert wurden Weiter in ihren Konsequenzen besonders für 

die gi-oßen Gebäranstalten verfolgt, näher ausgeführt und scharfsinnig durch 
Zahlen begründet wurde diese Ansicht durch Semmelweis, dei' überall da, tco 
von den Wohltätern des Menschengeschlechtes die Hede ist^ mit in erster Reihe genannt 
zu werden verdient. Er trat zuerst im Jahre 1847 mit der^ wie sich leicht zeigen 
ließ, durchaus eimeitigen und ungenügenden Behauptung auf, daß das Puerperal- 
fieber auf der Infektion mit Leichengift beruhe, erweiterte aber seine Ansicht 
selbständig soweit, daß man die jetzt herrschende Anschauung von der Ätio- 
logie im wesentlichen als «em Eigentum und sein Verdienst betrachten muß.*' 

Schroeder zeigt sieh hier in bezug auf die Hebra'sche Mittei- 
lung, die einzige vom Jahre 1847, schlecht unterrichtet, hat aber offen- 
bar Semmelweis' Vorträge in der Wiener Gesellschaft der Ärzte gelesen, 
auf Grund deren er im Gegensatz zu Hirsch und Winckel, Braun 
und Scanzoni sagen konnte, Semmelweis habe seine Lehre selb- 
ständig weiter ausgebaut zu der jetzt allgemein anerkannten 
Theorie. 

In Ungarns Hauptstadt wurde die Erinnerung an den so früh 
Dahingeschiedenen wieder wachgerufen durch eine gehaltvolle Gedenk- 
rede, welche sein treuer Jünger, Primararzt Dr. Fleischer, am 
2. Oktober 1872 in der königl. Ungar. Gesellschaft der Ärzte in 
Budapest hielt. Im Hinblick auf die Zustände der geburtshilflichen 
Klinik, welche Prof. Dies eher durch seine nachlässige Prophylaxe 
herbeigeführt hatte, entbehrte die Gedenkrede nicht einer deutlichen 
Spitze gegen diesen würdigen Nachfolger Semmelweis'. Fleischer ent- 
rollte hier ein fertiges Lebensbild seines großen Meisters, und gewiß 
war er nach Markusovszky in erster Linie hierzu berufen. Die 
Kenntnis gar mancher wichtigen Begebenheit und Schilderung ver- 
danken wir dieser seiner biographischen Skizze. 

Inzwischen war Josef Lister^s antiseptische Wundbehandlung 
auch auf dem Kontinent bekannt geworden und die Entdeckungen 
eines neuen Wissenschaftszweiges, der Bakteriologie, lehrten das Vor- 
handensein lebender organischer Fäulniserreger. Damit war ein be- 
deutender Schritt vorwärts getan, über Semmelweis hinaus, doch ganz 
im Sinne der von Markusovszky aufgestellten Forderungen. 

Eine im Jahre 1873 erschienene Arbeit, »Die puerperalen und 
pyämischen Prozesse" von Hjalmar Heiberg, Professor der patho- 
logischen Anatomie in Christiania, ließ es noch unentschieden, ob Bak- 
terien als die materia peccans oder nur als zufällige Erscheinungen 
bei Pyämie und Puerperalfieber zu betrachten wären. Bezeichnender- 
weise enthält der Aufsatz den Namen Semmel weis auf keiner Seite. 
Die modernen Forschungen begeisterten die Wissensdurstigen, man 
stürmte vorwärts, von Entdeckung zu Entdeckung, und vergaß darüber 
des Vaters der Antisepsis. 

In Österreich wurde sein Name, sein Wirken fortan systematisch 
unterdrückt, und ganze Generationen von Medizinern wurden heran- 
gebildet, welche in den Vorlesungen den Namen Semmelweis nie zu 
hören bekamen. 



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— 235 — 

Besser war es im Deutschen Reiche. Einzelne verknöcherte Gegner 
verschwiegen ihren Schülern wohl seine Verdienste, aber die Mehrzahl 
der deutschen Geburtshelfer trat mannhaft für die Anerkennung seines 
Wirkens ein, selbst solche, die ihn früher bekämpft hatten, und stellte 
sich damit in bewußten Gegensatz zu den führenden Geburtshelfern 
Österreichs. 

In der gynäkologischen Klinik zu Breslau hielt Prof. Dr. Otto 
Spiegelberg im Februar 1874 zwei Vorträge »Über das Wesen des 
Puerperalfiebers" (Volkmann, Klin. Vortr., Gynäk. 1 bis 30) anläßlich 
einer Endemie auf der genannten Klinik, welche in dem kurzen Zeit- 
raiune vom 9. bis 20. Januar von 11 Wöchnerinnen 6 dahingerafft 
hatte. 

^Wer war ihr Träger; woher kam er, warum ging er so schnell? Etwa 
ein Miasma? Das kann nicht sein; das tritt anders auf. Meine Herren, ich 
kann es Ihnen sagen : Der Trör/er waren die Hilfelmtetiden, der Bringer eine zu- 
fällig erkrankte Wöchnerin .... Suchte man auch lange schon den Ursprung 
der Krankheit in verdorbener Luft und Unreinlichkeit (Li tz mann), so ge- 
bührt das Verdienst, die Infektionstheorie zuerst verteidigt zu haben, doch 
den Engländern, und unter den Deutschen dem ao viel geschmähten Semmelweis. 
Aufs klarste dargelegt und in ihre Konsequenzen verfolgt wurde sie von Hirsch, Veit 
und Winckel. 

Die Anschauung, daß die Infektionstheorie erst von Hirsch, Veit 
und Winckel aufs klarste dargelegt und in ihre Konsequenzen verfolgt 
wurde und daß erst ihr Eintreten für Sammelweis seiner Lehre in 
Deutschland zum Durchbruch verhalf; ist seitdem oft wiederholt worden 
und hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Mit Unrecht ! Semmel- 
weis selbst hat seine Lehre mit genügender Deutlichkeit, ja klassischer 
Klarheit dargelegt und bis in die letzten Konsequenzen verfolgt. Daß 
sein Buch infolge einer ungeschickten Disposition zwischendurch 
manches Nebensächliche enthält oder Wichtiges, was an andere Stelle 
gehört hätte; daß der Stil stellenweise durch pathetische Wiederholungen 
ermüdend wirkt usw. — das alles ändert nichts an der Tatsache, daß 
er die Hauptpunkte seiner Lehre in allen Einzelheiten mit geradezu 
klassischer Einfachheit und Klarheit geschildert hat. Hirsch, Veit und 
Winckel haben seiner Lehre nicht eine neue Beobachtung, nicht 
einen neuen Gedanken hinzugefügt. Sie haben nichts weiter getan, 
als seine Lehre vollständig wiedergegeben, und zwar natürlich los- 
gelöst von dem biographischen und polemischen Beiwerk, das sein 
Buch enthielt, und wiedergegeben in modernem medizinischem Deutsch, 
während Semmelweis sich schlichter, populärer ausdrückte. 

Sie haben durch diese rein stilistische Verbesserung die neue 
Lehre dem Verständnisse der deutschen Ärzte näher gebracht und 
verbreiten geholfen — darin liegt ihr Verdienst. Daß sie überhaupt 
für Semmelweis Partei ergriffen, das war, sobald sie sich von d^r 
Richtigkeit seiner Lehre überzeugt hatten, nur selbstverständliche 
Pflicht. Der Lehre zum Siege verholfen hat nur Semmelweis 
selbst mit seiner Ätiologie und seinen offenen Briefen, die er alle 



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— 236 — 

mit seinem Herzblut geschrieben. Ohne diese Schriften hätte die Ge- 
burtshilfe der sechziger Jahre sich im Finstern fortbewegt, wie sie 
während der fünfziger Jahre, bevor Semmelweis seine Donnerstimme 
erschallen ließ, sich immer mehr in Irrgänge verrannte. 

Drei Dissertationen der nächsten Zeit zeigen, in welchem Geiste 
die jungen Mediziner von ihren Lehrern erzogen wurden. 

Während ein Schühr Olshausen's in Halle, E. Kleinschmidt, 
in seiner Inaugural-Dissertation „Die puerperperale Pyämie und ihr 
Verhalten gegenüber der chirurgischen'' (1874) verrät, daß er von 
Semmelweis nie etwas gehört, zeigt sich ein Schüler des uns schon 
bekannten Geh. Rates Professor Dr. Pernice in Greifswald, Cand. 
med. Joseph ünckell, „Zur Prophylaxe des Puerperalfiebers.*' (Inaug.- 
Dissert. 1875) über Semmelweis' bahnbrechendes Wirken vollkommen 
unterrichtet. 

In Straßburg endlich schrieb Christian Mewis in seiner Inaugural- 
Dissertation „Über puerperale Erkrankungen in der Straßburger Ent- 
bindungsanstalt" (1874): 

„Semmelweis endlich (1847). bezeichnete das Leichengift als die Ursache 
der Puerperalerkrankungen, und in seiner Schrift: „Die Ätiologie, Begriff und 
Prophylaxis etc." bezeichnet er sie als Resorptionsfieber, welche durch die 
Aufnahme eines zersetzten tierisch-organischen Stoffes ins Blut entstehen, 
eine Ansicht^ welche jetzt in Deutschland fa^t allgemein adoptiert ist; dagegen 
findet sie noch viele Gegner in Frankreich, England und Amerika." 

Der uns schon bekannte Professor der Gynäkologie in München, 
Karl V. Hecker, veröffentlichte im Jahre 1881 „Beobachtungen und 
Untersuchungen aus der Gebäranstalt zu München''. 

Es betrug die Mortalität nur 1'62%. 

„Es muß betont werden, daß einer nie ermüdenden Sorgfalt in der 1 er- 
hiitnng von Ansteckung ein g(^i^ser Anteil an den guten Besultaten vindiziert 
werden muß .... Infolge des starken Andranges zum Studium der Medizin .... 
war ich gegwungen, eine größere Anzahl Studierender zu dem hier üblichen 
vierwöchentlichen praktischen Untenichte in die Anstalt aufzunehmen, als 
dies sonst zu geschehen pflegte und mußte deshalb immer in größerer Sorge 
vor Übertragung infektiöser Stoffe auf die Kreißenden sein, um so mehr, als 
es bei der Kürze des medizinischen Studiums unmöglich ist, von den jungen 
Leuten eine gänzliche Enthaltsamkeit von der Beschäftigung mit anatomischen 
Gegenständen und chirurgischen Objekten während der Zeit ihres Prakti- 
zierens in der Gebäranstalt zu verlangen. Um so mehr habe ich ihnen alsdann 
die skrupulöseste Reinlichkeit zur kategorischen Pflicht gemacht, vor jeder 
Untersuchung Waschungen mit Karbolsäurelösung vornehmen, bei denselben 
das Karbolöl in Anwendung bringen lassen." 

Hecker hatte sich also endlich im Jahre 1881 doch entschlossen, 
der Infektionstheorie sich hinzuneigen. Doch auch da noch mit Vorsicht. 
Er vindizierte der Prophylaxis nur einen gewissen Anteil an den 
guten Ergebnissen. 

Im selben Jahre sah sich auch der älteste, noch lebende Gegner 
von Semmelweis, Karl Braun, gelegentlich des Erscheinens der 2. Auf- 
lage seines Lehrbuches (1881), gezwungen, seinen derzeitigen Stand- 



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— 237 — 

punkt bezüglich der lafektionstheorie vor der Öffentlichkeit zu kenn- 
zeichnen. Mit Spannung greift man zu dem Buche. 

Der 6. Abschnitt, betitelt: Das Puerperalfieber, ist 45 Seiten lang. 
Auf diesen 45 Seiten kommt der Name Semmelweis zweimal vor, 
jedesmal in kleinstem Druck, im Neben text des Kapitels: Ätiologie 
des Puerperalfiebers. Da heißt es: 

„Die Ansteckungsfähigkeit (die Übertragbarkeit) des Puerperal- 
fiebers wurde fast von allen Ärzten als erwiesen angenommen. 

Cruveilhier hielt das Puerperalfieber für ein Hospitalfieber (1831), da 
ja die Wöchnerin eine Verwundete sei. 

Simpson (1850) betrachtet die Entbundene als Verwundete und nahm 
für diese dieselben Konsequenzen wie für eine Verwundete an. 

Die Übertragbarkeit eines Infektionsstoffes wurde in zahlreichen Fällen 
nachgewiesen und größte Reinlichkeit und Vorsicht für Ärzte, Hebammen 
und das Wartepersooal angeordnet (Semmelweis (1847), Winckel (1869), 
Spiegelberg (1870), Schröder (1874), Landau (1874), Lee (1875), 
Kehrer (1875). 

Statt der Infektion durch Leichengift setzte man Pyämie und die 
Anschauungen und Erfahrungen der Chirurgen über Blutvergiftung von 
der Wunde aus wurde nun auch als oberster ätiologischer Gimndsatz für 
Puerperalfieber angenommen; dadurch verlor es das Charakteristische. 
Wir sehen unter für Infektion günstigen Verhältnissen auch bei Nicht- 
puerperalen nach Operationen an den Genitalien bisiveilen dem Wochenbett- 
fieber analoge Zustände entstehen. 

Die Frage, ob die kontagiöse Entstehung und Verbreitung der Puer- 
peralfieberepidemien sichergestellt, wahrscheinlich oder möglich sei, wurde 
vor wenigen Jahren noch nach vier divergierenden Richtungen beantwortet. 

aj Nach Cruveilhier, Eisenmann, Helm, Kiwisch, Hecker und 
Schwarz entsteht das Puerperalfieber durch schädliche Effluvien, ähnlich dem 
Ho.*?pitalbrande, durch ein Miasma, durch einen chemischen Stoff, der 
sich in einem Hause durch Zusammenleben vieler Wöchnerinnen entwickelt. 

bj White sprach aber 1110 schon die Ansicht aus, daß bei Puerperalfieber 
die fauligen Stoffe entweder im Organismus selbst erzeugt würden, oder daß die mit 
putriden Stoffen geschwängerte Luft in denselben gelange und hier die Krankheit ver- 
anlasse; daher ansteckungsfähig sei. 

Nach Semmelweis (1847) und Lange (1862) entstehe das Puerperal- 
fieber aus einer durch Infektion mit zersetzten tierischen Stoffen 
verursachten Bluterkrankung; meist sei es Infektion von außen, seltener 
Selbstinfektion. Die Kontagiosität des Puerperalfiebers (durch Übertragung 
spezifischer Produkte) sei zu verneinen; dagegen sei eine Übertragung 
mittels tierischen oder Leichengiftes anzunehmen .... 

Die meisten Gynäkologen der Neuzeit haben daher die Ansicht aus- 
gesprochen, daß das Puerperalfieber sich spontan erzeugen kann, daß es 
aber dann auf gesunde Gebärende und Wöchnerinnen ansteckend unrkt, 
und daß die Ansteckung durch die in die Genitalien eindringende unreine 
Luft oder durch eingeführte unreine Hände oder Instrumente vei*breitet 
werden kann . . . 

Alle Momente, welche die Geburt erschweren, steigern auch die Mor- 
bilität (Busch, Hugenberger, C. Braun, Hecker). 



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— 238 — 

Entbunden Aufgenommene zeigten den relativ günstigsten Gesundheits- 
zustand (Hugenberger, Spaeth). 

Fast möchte man glauben, daß diese Art der Würdigung der 
Verdienste Semmelweis' durch den ersten Geburtshelfer Österreichs 
in Alfred He gar, den berühmten Gynäkologen des Deutschen Reiches, 
den Entschluß wachgerufen oder doch beschleunigt hat, in einer eigenen 
Arbeit die ganze Bedeutung des Wirkens dieses vielgeschmähten und 
verfolgten, verkannten Mannes überzeugend darzulegen. Hegar wen- 
dete sich zu diesem Zwecke an Professor Dr. Tauffer in Budapest, 
welcher ihm eine Übersetzung der Fleischer'schen Gedenkrede ver- 
schaffte, und veranlaßte Dr. Ignaz Hirschler, seine Erinnerungen 
im Januar 1882 niederzuschreiben. Dessen Schilderung des Charakters 
von Semmelweis sei hier wiedergegeben, um begreiflich zu machen, 
daß es nur einer Flut von Kränkungen und Schmähungen, nur ge- 
häuftem Hass und Neid gelingen konnte, diesen prächtigen, lebens- 
frohen Menschen in die Nacht des Wahnsinns zu treiben. 

„Semmelweis war eine durchaus glückliche, heitere Natur. Er 
faßte das Leben von der schönsten Seite auf, war nie ein Kopfhänger 
oder Grübler, gab sich vielmehr dem Genüsse des Augenblicks mit 
rückhaltloser Freude hin. Seine beinahe kindlich naive Art begleitete 
ihn aus der sorgenlosen Studienzeit in das ernste Berufsleben hinüber 
und blieb ihm bis zu seinem frühzeitigen Ende getreu. Niemand konnte 
herzlicher, als er, über einen gelungenen Witz lachen oder sich der 
Freude eines heiteren Zusammenlebens mit Gleichgesinnten schranken- 
loser hingeben. Wen er liebte, wessen ehrliche, uneigennützige Bestre- 
bung er einmal erkannt zu haben glaubte, dem gab er sich auch ganz 
zu eigen; seine Offenheit hatte da keine Grenzen. Aber mit eben 
solcher Entschiedenheit haßte er das Schlechte und Niedrige; nichts 
vermochte ihn wieder zu versöhnen, wenn er sich einmal von der 
gemeinen Gesinnung eines Menschen — und stand derselbe ihm äußer- 
lich noch so nahe — überzeugt zu haben glaubte. Sein Freimut in 
der Äußerung solcher Wahrnehmungen, sowie überhaupt im Verkehr, 
war ganz in Übereinstimmung mit seinem Wesen, aber keineswegs ge- 
eignet, ihn sonderlich zu fördern. Beschränkte Mitglieder des Pro- 
fessorenkollegiums, höhere Beamte oder sonstige Vorgesetzte fürchteten 
und haßten ihn darum". 

Die persönlichen Erinnerungen Hirschlers bildeten für Hegar 
eine wahre Fundgrube, aus welcher er mit feiner Menschenkenntnis 
alles für das Verständnis des Semmel weis' sehen Charakters und 
Lebensganges Bezeichnende schöpfte und verwertete. Ausgerüstet auch 
mit historischem Fachwissen, die Sprache mit seltener Gewandtheit 
und mit künstlerischem Sinne meisternd, konnte Hegar in seiner 
Monographie*) Semmelweis ein Denkmal setzen, welches dem Künstler 
nicht minder zur Ehre gereicht als dem Gefeierten. 



*) Alfred Hegar: Ignaz Philipp Semmelweis. Sein Leben und seine Lehre, 
zugleich ein Beitrag zur Lehre der fieberhaften Wundkrankheiten. 1882. 



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— 239 — 

Wir haben Hegar's Aussprüche in dem vorliegendem Werke des 
Öfteren wiedergegeben. An dieser Stelle seien nur noch zwei Äuße- 
rungen wörtlich citiert, die Schlußworte und sein Urteil über Semmel 
weis' Gegner, welches von seiner milden, vornehmen Gesinnung Zeug«, 
nis ^"ibt. 

„Man würde freilich sehr Unrecht tun, wenn man etwa annähme, 
irgend Einer der Gegner habe, trotz fester Überzeugung von der 
W^ahrheit der Lehre, sie bekämpft, nur um seine Culpa nicht einge- 
stehen zu müssen. Allein unbewußt hat diese Notwendigkeit, eine 
Schuld zu bekennen, gewiß mitgewirkt. Der Mensch ist ja äußerst er- 
finderisch in Selbsttäuschung und besonders in Nichts ingeniöser, als 
in der Kunst, die wahren Motive seines Handelns nicht bloß vor an- 
deren, sondern vor sich selbst zu verstecken". 

„Die Deutschen verfallen in den Fehler, die ausgezeichneten Ta- 
lente ihrer eigenen Nation zu unterschätzen, noch leichter als andere 
Nationen und schreiben den Ruhm einer Entdeckung oft lieber einem 
Fremden, als ihrem Landsmann zu. So hat Li st er viel mehr Aner- 
kennung bei ihnen gefunden als Semmelweis, obgleich jener Anstoß 
und theoretische Begründung seiner Lehre von einem anderen, Pasteur, 
erhalten hat und viel weniger originell ist, als Semmelweis, welcher 
alles aus sich selbst geschöpft hat .... Ehre dem genialen Kopf, 
welcher, unbeirrt durch die herrschenden Anschauungen und Systeme, 
eine so bedeutungsvolle, heilbringende Wahrheit erkannt hat. Ehre 
dem Manne mit dem edlen Gemüt, bei welchem das Mitgefühl mit 
der leidenden Menschheit als mächtige Triebfeder zur Auffindung und 
zur Weiterverbreitung jener Wahrheit mitgewirkt hat". 

Um dieselbe Zeit schrieb der Professor der Geburtshilfe in Inns- 
bruck, Kleinwächter (Eulenburg, Realencykl., 1882, Bd. 11, Art. 
Puerperium) folgendes nieder: 

„In ein neues Stadium kam die Frage über die Entstehungsursache des 
Puerperalfiebers, als 1841 Semmelweis in Pest mit Heiner Itidenschaftlich aus- 
t/e.^2n'orhenen einseitigen Avffmsuny auftrat, daß das Puerperalfieber nichts 
anderes als eine Infektion mit Leichengift sei. Immerhin hatte 
Semmelweis' Emanation doch das Gute, daß von nun an der Prophylaxis 
eine größere Aufmerksamkeit zugewendet und durch sie die Forschung über 
das Contagium fixum neuerdings und diesmal erfolgreicher als früher an- 
geregt wurde . . . Erst der neuesten Zeit blieb es vorbehalten, die Lehre 
von den Wundkrankheiten und dadurch auch jene des Puerperalfiebers voll- 
kommen umzugestalten. Rindfleisch's, Koch's, namentUch aber Klebs' 
Verdienst ist es, die niedersten pflanzlichen Organismen, welche 
man in faulenden organischen Substanzen in verschiedenen Pormen 
trifft, als die (wahrscheinlichsten) Träger des Infektionsstoffes ge- 
funden zu haben. — — — 

Als zweite, namentlich zuerst von Kehr er (Versuche über Entzündung 
und Pieber erregende Wirkung der Lochien, 1875) hervorgehobene Entstchvngs- 
tt-ei^e wird die Selbstinfektion angenommen." 

Wir wissen, daß Semmelweis 1847 in Wien gelebt und sich da- 
mals weder leidenschaftlich noch einseitig über das Puerperalfieber 



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— 240 — 

ausgesprochen hat. Den Begriff der Selbstinfektion hat er als Erster 
aufgestellt und in die Medizin eingeführt. 

„Die Spaltpilze in den Genitalsekreten der Frau selbst" sagte Pro- 
fessor R. Kaltenbach in Halle (Volkmann, Samml. klin. Vortr. Gynäk. 
206, 1886 bis 1890), „bilden die lange gesuchten Krankheitserreger für 
die sogenannten Fälle von Selbstinfektion, welche schon Semmelweis, 
der Begründer unsei'er geburtshilflichen Antisepsis^ mit genialer Divinatioiis- 

kraß den Fällen äußerer Übertragung gegenübergestellt hat 

Nach Semmelweis nahmen wohl die meisten Geburtshelfer in gewissen 
Fällen, wie z. B. bei faulenden Piacentarresten, eine Selbstinfektion 
an." Daß diese in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen 
Jahrhunderts den Gegenstand eines lebhaften wissenschaftlichen Streites 
war, an welchem sich unter anderen Ahlfeld, Hegar, Thorn be- 
teiligten, interessiert uns hier nicht weiter. Es sollte nur festgestellt 
werden, daß der Begriff „Selbstinfektion", der von Semmel weis als 
Autointoxication verstanden worden ist und als solche heute eine ganz 
ungeahnte Bedeutung bekommen hat, von Semmelweis stammt. 

Im Jahre 1883 erschien die 2. Auflage von Hirsch' Handbuch 
der historisch-geographischen Pathologie. Dessen Kenntnisse hatten sich 
in der Zwischenzeit nicht vertieft. 

„Die rationelle Prophylaxis einer Krankheit wurzelt in der Kenntnis 
und Berücksichtigung der dieser Krankheit zugrunde liegenden, direkt oder 
indirekt wirkenden Ursachen ; von diesem Prinzipe hat Semmelweis auf Grund 
der von ihm im Wiener Gebärhause gemachten Erfahrungen im Jahre 1847 
seine Lehre von der Prophylaids des Puei*peralfieber8 entwickelt, und warn 
er »ich auch in einseifiger Ännchauiüiy der maßgebenden Verhältnistte bewegt hat^ so 
sind seine Arbeiten doch bahnbrechend für die Entwicklung der Lehre von 
den Ursachen und der Verhütung dieser Krankheit geworden und er hat 
sich mit denselben nicht nur um das Wiener Gebärhaus, sondern um die 
Menschheit ein großes Verdienst erworben." 

„Es ist, wie schon erwähnt, das große Verdienst von Semmelweis, die 
Frage auf dem Wege der exakten Forschung in diesem Sinne erledigt zu 
haben, und sein Verdienst wird dadurch nicht verringert^ daß er in dem Schlm.>ey 
welchen er aus den von dem Wiener Gebärhause beigebrachten Tatsachen zog, i*ich 
auf einem einseitigen Standpunkte der Anschauung bewegtej'^ 

„Somit hat Semmelweis die Lehre von dem septischen Charakter des 
Puerperalfiebers begründet und gleichzeitig, mit einem Hinweise auf die 
Übertragung des infizierenden Stoffes durch die Hand des Arztes und der 
Hebamme, die lokale Inftktion betont und somit die Basis zu der Annahme 
gelegt, daß es sich bei Kindbettfieber um eine septische Wundkrankheit 
handelt, für welche jede Puei*pera durch die bloßgelegte Schleimhaut an der 
inneren Oberfläche des Uterus, welche als Wundfläche anzusehen, die große 
Mehrzahl der Gebärenden aber auch durch die beim ungeschickten Touchieren 
sowie bei dem Durchtreten des Pötus erzeugten größeren und kleineren Ein- 
risse im Cervix, in der Scheide und im Scbeideneingange prädisponiert ist. 
— Allerdings war der Schluß^ den Semmelweis aus den Tatsachen gezogen hatte^ ein 
einseitiger^ indem er die Sepsis ausschließlich aus Übertragung de^ (sogenannten) 
Leichengiftes ableitete. Ohne Zweifel kann der infizierende Stoff aus den mit 
dem puerperalen Prozesse selbst verbundenen Fäulnisvorgängen stammen, . . . 



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- 241 — 

demnächst aber kann er auch . . . aus den bei den verschiedenartigsten Krank- 
heiten vorkommenden Eiter- und Jaucheheidcn herrühren; auch erfolgt die 
Übertragung desselben keineswegs nur durch die Hände des Arztes oder der 
Hebamme, sondern auch, wie die Erfahrung lehrt, durch die Kleider derselben, 
durch Instrumente, . . . Schwämme^ Bettldssen^ Leinenzeug usw., sowie endlich durch 
die bei dem Einführen von Eingern oder Instrumenten, vielleicht auch durch 
Aspiration in die Geschlechtsteile (Scheide oder Uterus) der Puerpera ge- 
langende Im/i.** 

„Ich rechne es mir zur Ehre an, in der ersten Bearbeitung dieses 
Werkes als sein Evangelist aufgetreten zu sein und seinen bis dahin wenig 
beobachteten Arbeiten die Aufinerksamkeit der deutschen Ärzte zugewendet 
zu haben. Ich hatte mich bemüht^ die von Semmelweis entwickelten Anschauungen 
über die Genese des Kindbettfiebers auf Grund der bis dahin gesammelten 
Erfahrungen über diese Krankheit zu erweitem allgemeinere Gesichtspunkte über 
die Ätiologie derselben zu gewinnen^ und ich habe die Genugtuung gehabt, die 
Resultate meiner Untersuchungen seitens der ersten, deutschen Gynäkologen 
mit Beifall aufgenommen zu sehen, so daß mir auch heute noch die Ehre zuteil 
wirdj neben Semmelweis als Begründer der rationellen Lehre von der Entstehung 
det< Puerperalfiebers genannt zu werden,^'' 

Nun, diese Ehre wird Hirsch heutzutage nicht mehr zuteil. Es 
gibt nur einen Begründer der rationellen Lehre von der Entstehung 
des Puerperalfiebers, und neben Semmel weis war Niemand, der das 
Wesen dieser Krankheit mit gleicher Klarheit und Schärfe erfaßt hätte. 

Die gänzlich unrichtige Wiedergabe der Semmelweis'schen Lehre 
durch Hirsch kritisierte später Hegar (Volkmann, Klin. Vortr. 351, 
1886-1890, Gyn.) mit folgenden Worten: 

„Die sehr weit verbreitete und von Hirsch noch in der neuen Auflage 
seines Handbuches der historisch-geographischen Pathologie aufgenommene 
Ansicht, nach welcher S. das Leichengifb als ausschließliche Ursache be- 
schuldigt und die Übertragung nur durch die Hände des Untersuchenden 
stattfindet, ist ganz falsch. H, kann das Werk von S, nicht gelesen haben,^ 

Übrigens bemerkte im Jahre 1884 auch Geh. Medizinalrat Professor 
Dr. Heinrich Haeser in seinem „Grundriß der Geschichte der Medizin", 
Semmelweis habe sich „durch seine lang verkannte Entdeckung einer 
der wichtigsten Ursachen des Kindbettfiebers, der Infektion durch Leichen- 
gift"*, ein unvergängliches Denkmal gesetzt. 

Im selben Jahre veröffentliche Pritsch seine »Grundzüge der 
Pathologie und Therapie der Wochenkrankheiten." Zum Verständnis 
seiner folgenden Äußerungen sei vorausgeschickt, daß Fritsch bei 
Olshausen in Halle Assistent war, der nach Veit'scher Auffassung 
die Desinfektion nur sehr lax betrieb. Erst im Jahre 1872, als Lister's 
Verfahren in Deutschland bekannt wurde, begann für Halle und für so 
manche andere Universitätsstadt die Zeit der Antisepsis. 

„Welcher alte Assistent eines Gebärhauses erinnert sich nicht jener 
trüben, vorantiseptischen Zeit, wenn der unheimliche Gast: eine Puerperal- 
fieber-Endemie, erschien? . . . Wer hätte nicht einen für immer das Gewissen 
belastenden Fall vor 1872 erlebt . . . Wer irgendwie sich selbst ein strenger 
Richter war, mußte sich sagen . . .: daß der Arzt, der Hilfe bringen 
sollte, den Tod brachte! . . . 

y. Wald heim, Ignaz Philipp Semmelweis. 16 



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— 242 - 

In der Geschichte der Geburtshilfe findet sich ein dunkles Blatt, es 
ist überschrieben: Semmelweis! Wer könnte sich de« gewaUigeti Eifidruckes seine» 
Buches verschließen? Noch heute könnten ganze Seiten seiner Deduktionen in der 
modernsten Arbeit stehen! Und die vernichtende Logik seiner Statistik! Wir Jüngeren, 
bei denen Antipathien undenkbar waren, denen die groben Tiraden des ^ver- 
kannten Genies" nur langweilig zu lesen sind, wir finden es oft unbegreiflich, 
daß die logische Konsequenz der Lehre von der Infektion nirgends gezogen 
wurde! 

Ich meine die lokale Therapie, sie war der Schlußstein, die Krone des 
ganzen Gebäudes! Fast überall hieß es noch in den sechziger Jahren: „es 
sei wohl etwas daran", man hielt auch, namentlich nach Veit 's trefflicher 
Darstellung des Kindbettfiebers, etwas auf Desinfektion, indessen man war 
doch weit entfernt davon, das Prinzip nach allen Eichtungen hin zur 
Geltung zu bringen. Das verdanken wir zweifellos erst der Chirurgie! 
Freilich hätte es umgekehrt kommen können und müssen. Wäre man den 
Schlüssen und Batschlägen von Semmelweis gefolgt^ hätten dann die Resultate mit 
der zwingenden Sprache der Statistik uns die Wahrheit seiner Lehre be- 
wiesen, so stünde vielleicht die Geburtshilfe an der Spitze des größten Fortschrittes 
in der Mediadn, seit es Ärzte und Arznei gibt! .... Wie lange hat es gedauert, 
bis die Anschauungen von Michaelis über das enge Becken die Diagnose, 
die Lehre vom Mechanismus und die therapeutischen Prinzipien der Praktiker 
umänderten! .... Da dürfen wir uns auch nicht wundem, wenn die un- 
bequeme, das Gewissen belastende, den Arzt verantwortlich machende Lehre 
von Semmelweis sich so schwer Eingang verschaffte. 

In der neuesten Zeit aber — seit Semmelweis — schlug doch bei allen 
Epidemien den klinischen Direktoren das Gewissen, so daß sie, zwar unvoll- 
ständig, aber doch wirksam, prophylaktisch-antiseptische Maßregeln trafen. 
Semmelweis hat ja das oft bemerkt." 

Um jene Zeit muß Virchow vorgeworfen worden sein, auch er 
habe seinerzeit Semmelweis' Bedeutung nicht erkannt und habe es mit 
verschuldet, daß dessen Antisepsis in Deutschland nicht allgemeine 
Anerkennung gefunden. Auf diesen Vorwurf reagierte Professor Dr. 
W. A. Freund in Straßburg in seinem Werke „Gynäkologische Klinik" 
(1885, p. 223). Er gedachte der Verdienste Virchow's um die Er- 
forschung der von ihm so benannten Parametritis in pathologisch- 
anatomischer Beziehung und bemerkte hierzu in einer Anmerkung 
(p. 340): 

„Ich sage „in pathologisch-anatomischer Beziehung". Wer seinen ge- 
rechten Schmerz über die etwa 18jährige Verzögerung der Anerkennung der 
großen, für Kranke und Gesimde segensreichen, für uns Ärzte erlösenden 
Entdeckung von Semmelweis unter anderen auch an Virchow 's Name aus- 
läßt, wendet sich an eine falsche Adresse. Virchow 's Autorität steht nicht 
für klinisch-ätiologische Forschung aufgerichtet und er hat nicht verlangt, 
daß man sich in diesen Fragen auf ihn berufe. Mitten im Genüsse einer be- 
glückenden Wohltat verbinden wir mit dem Dank fftr den Wohltäter gar 
gern den Groll gegen diejenigen, welche uns den Genuß eine Zeitlang vor- 
enthalten haben. Man sitzt zu Gericht. Kennt man nicht den Gung der Ge- 
schichte? weiß man nicht, daß die mächtige Tat Harvey's 30 Jahre des 
Elampfes gebraucht hat, um Anerkennung und noch mehr, um Wirkung zu 
erlangen? und welch ein Mann war Harvey! Greifb man Personen an, so 



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— 243 — 

müssen alle Personen herhalten. In Senimelweis war das Gefäß für den In- 
halt zu klein. Er war genial im Finden, fähig im Begreifen des Fundes, 
schwach, denselben auf seine Zeit zur vollen Wirkung zu bringen. Und dem- 
gemäß hat sich sein persönliches Schicksal erfüllt: begeistert und innerlich 
beglückt von der erkannten neuen Wahrheit, grollend ob der nicht sofortigen 
allgemeinen Anerkennung, keifend gegen den Widerspruch, endlich zerfallen. 
Beliebt es dem Schicksale, solche Naturen zu Propheten aufzurufen, so spielt 
sich stets ein Trauerspiel ab. Glücklich für die Menschheit, wenn die Pro- 
phetie nicht mit dem Propheten zugrunde geht — Man lese im Anschlüsse 
an das Gesagte die wahrheitsvolle klare und bescheidene Darstellung Spencer- 
Wells' von der Eiftwicklung der Ovariotomie ... Da ist kein Wort der 
Anklage gegen Männer, welche von den anfänglichen Mißerfolgen erschreckt 
an der Zukunft der Operation verzweifelten und in gutem Glauben vor der- 
selben warnen zu müssen sich gedrungen fühlten." 

Auf den guten Glauben kommt es eben an! Wer seine Über- 
zeugung verheimlicht und wider diese vor der Welt spricht und 
handelt, ist ein Betrüger. Ihn zu entlarven, ist eine gute Tat. Semmel- 
weis hatte ehrliche Gegner, die seine Lehre aus Überzeugung, in gutem 
Glauben bekämpften, und unehrliche, welche wider ihre Überzeugung 
handelten. Letzteren wies er ihre Unehrlichkeit, ihren „bösen Willen* 
nach, und daß er den Mut hatte, dies zu tun, muß ihm als Verdienst 
angerechnet werden. Die ehrlichen Gegner behandelte er als solche. 
Wenn aber seine Polemik vielfach den Eindruck einer nachgerade 
peinlich berührenden Keiferei macht — Keiferei deshalb, weil die- 
selben Vorwürfe immer wieder erhoben werden — so muß im Auge 
behalten werden, daß ein tief verbitterter, gemütskranker Mann es 
war, der das Werk geschrieben. 

Gewiß war auch Semmelweis nicht ohne Schuld. Das hat schon 
Brück hervorgehoben, und noch früher hatte Hegar treffend bemerkt: 

„Man kann nicht verkennen, daß Semmelweis selbst eine gewisse 
Schuld an dem Fehlschlagen seiner Bestrebungen trug, indem er 
einige Zeit hindurch bloß eine mündliche oder höchstens briefliche 
Propaganda machte. Er vermied selbst Vorträge in Fachvereinen oder 
Gesellschaften und erst im Jahre 1850 scheint er in dieser Weise ein- 
mal hervorgetreten zu sein. Freilich sprangen vielfach Andere und 
selbst sehr bedeutende Autoritäten, wie Skoda, für ihn ein. Allein 
das genügt doch nicht und man erwartet mit Recht, daß der Ver- 
fechter einer Lehre, selbst auf dem Kampfplatze erscheinend, die Mittel 
benutzt, welche ihm zur Geltendmachung seiner Ansichten zugebote 
stehen. Hätte Semmelweis zur rechten Zeit ein, wenn auch kurzes 
Expose seiner Doktrin mit Belegen, über welche er ja schon früh ver- 
fügte, veröffentlicht, so würde er wohl eher durchgedrungen sein. 
Wenigstens würde er sehr viele Mißverständnisse vermieden haben, 
besonders auch das äußerst nachteilige, nach welchem ihm unter- 
geschoben wurde, als beschuldige er vorzugsweise oder ausschließlich 
das Leichengift als den Infektionsstoff. '^ 

Semmelweis unterließ es auch, die Irrtümer seiner Freunde richtig- 
zustellen, und kam nie zu der Erkenntnis, daß die natürliche Folge 

16* 



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— 244 — 

all dieser Unterlassungen jene heillose Verwirrung war, welche ihm 
das Leben sa sehr verbitterte und Manchen hinderte, sein aufrichtiger 
Anhänger zu werden. 

Wenn aber Freund Angriffe auf Virchow vermieden haben 
wollte, so war er im Unrecht Virchow hatte sich in den klinisch- 
ätiologischen Streit persönlich eingemengt und mußte sich folglich 
auch gefallen lassen, bekrittelt zu werden. Die Tatsache steht fest, 
daß Virchow die Wahrheit, die Semmelweis entdeckt, lange nicht be- 
greifen mochte. Es mußte erst Li st er kommen, und dann war es 
wieder ein Billroth, der anfangs von Antisepsis nichts wissen wollte. 

Im Jahre 1885 erschien im Verlage der ungarischen medizinischen 
Büchereditionsgesellschaft in Budapest eine geschichtlich-medizinische 
Studie über Semmelweis aus der Feder des königl. ungarischen Landes- 
sanitätsrates Dr. Jakob Brück, der ehemals Sekundararzt der geburts- 
hilflich-gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses zu St. Rochus 
gewesen war. Zwei Jahre später erschien eine deutsche Bearbeitung 
der Schrift im Verlage von K. Prochaska unter dem Titel: Ignaz 
Philipp Semmelweis. 

Diese Arbeit ist für die Semmelweis-Forschung von ähnlicher 
Bedeutung geworden wie die feine Studie Hegar's. Die Erinnerung 
an die Person Semmelweis' hatte sich in den achtziger Jahren des 
vorigen Jahrhunderts in Budapest im Kreise der noch lebenden 
Freunde und Schüler ungeschwächt forterhalten, so daß Brück viel- 
fach aus dem Quell direkter Überlieferung schöpfen konnte. Eine 
wichtige Ergänzung sind ferner seine Mitteilung über die schrift- 
stellerische Tätigkeit, welche Semmel weis in der ungarischen medi- 
zinischen Wochenschrift „Orvosi hetilap" während der Jahre 1857 bis 
1865 entfaltete. 

Wir haben Bruck's Angaben in diesem Werke bei vielen Gelegen- 
heiten herangezogen und wollen hier nur noch wiedergeben, was 
Brück zu Hegar's Beurteilung der Gegner sagt: 

«Unstreitig sind nun diese Ausführungen Hegar's voll Geist und 
an sich voll feiner Beobachtung, doch scheinen sie uns weniger aus 
der Berücksichtigung der Tatsachen, als aus der durchaus edlen und 
achtenswerten Intention ihres Verfassers hervorgegangen zu sein, einen 
Schleier über die Vergangenheit zu werfen und eine Reihe sonst ver- 
dienstvoller Männer, die, wenn sie auch in der einen Frage gefehlt, 
den Fortschritt der medizinischen Wissenschaften in anderer Weise 
mächtig gefördert, von einer schwerwiegenden Beschuldigung zu ent- 
lasten. 

So unerquicklich eine solche Erörterung auch sein mag, man ist 
es Semmelweis schuldig, der Frage, wie weit seine Gegner persönlich 
für das Mißlingen seiner Bestrebungen verantwortlich gemacht werden 
dürfen, nicht aus dem Wege zu gehen, und es kann diesen der Vor- 
wurf nicht erspart werden, daß sie den Kampf nicht immer mit ehr- 
lichen Waffen geführt Solche Mittel sind einerseits die kon- 
sequente Ignorierung, und wo dies nicht angeht, die absichtliche und 



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— 246 — 

bewußte Entstellung jedes Gedankens, welcher in irgend einer Weise 
den althergebrachten Anschauungen gefährlich zu werden droht. 

Die ganze Geschichte der Entdeckung zeigt auf das Deut- 
lichste, wie verhängnisvoll für dieselbe gerade diese Mittel geworden."*) 

Am 2. September 1894 fand gelegentlich des VIII. Internationalen 
Kongresses für Hygiene und Demographie in Budapest unter dem 
Vorsitz des Professor Kezmärsky eine erhebende Semmelweisfeier 
statt. Im Prunksaale der Akademie der Wissenschaften hielt vor über 
500 Kongreßteilnehmern der Prager Professor der Hygiene, Hueppe, 
die Gedenkrede auf den Vorkämpfer der Antisepsis. „Mit dem Ge- 
dankenblitze des echten Genies erkannte Semmelwels 1847 mit einem 
Schlage den bisher stets vergebens gesuchten Zusammenhang." 
Hueppe verlas das bis dahin unbekannt gebliebene Schreiben Semmel- 
weis' an die Pester Akademie vom Jahre 1861 und zitierte zum 
Schlüsse einen Ausspruch Listers: ^Qhne Semmelweis wäre mein 
Wirken ein nichtiges; dem großen Sohne Ungarns, verdankt 
die neue Chirurgie das Meiste!" 

Nachher begab sich die ganze Versammlung nach dem Kerepeser 
Friedhofe, woselbst die vom Schmelzer Friedhof nach Budapest über- 
führten Überreste des Verstorbenen in einem Ehrengrabe beigesetzt 
worden waren. „Am Grabe, wo die Witwe des Verblichenen, dessen 
Tochter, Enkel, der Bruder, Verwandte**) und viele Kongreßmitglieder 
nebst einer großen Menschenmenge sich eingefunden hatten, ergriff 
Professor Kezmärsky das Wort, das Grabmal der jüngeren Genera- 
tion der Ärzte übergebend und das Andenken Semmelweis' allen 
Müttern empfehlend. Sodann legte Stabsarzt Dr. Th. Duka nach einer 
englischen Ansprache einen Riesenlorbeerkranz aufs Grab nieder, 
dessen Schleifen die Worte trugen: „A la memoire Semmelweis — Le 
VIII. Congrfes international d'hygifene et de demographie." Ein von 
Professor Chantemesse gehaltener Nachruf beendete die Feier."***) 

Zur Erinnerung an diese und den Kongreß ließ die ungarische 
Akademie der Wissenschaften ein Facsimile und eine französische 
Übersetzung des erwähnten Semmelweis'schen Schreibens zum Abdruck 
bringen und an sämtliche Mitglieder des Kongresses verteilen. 

Fünf Jahre später, 1899, erfreute Professor Kußmaul die medi- 
zinische Welt mit seinen interessanten „Jugenderinnerungen". Ein 



♦) p. 108, 109. 

**) Von Semmel weis' Geschwistern lebt noch die nun 90]äbrige Schwester als 
Witwe des Reichstagsabgeordneten Peter v. Roth in Budapest. Sein ältester Bruder, 
Karl Szemer^nyi, starb in den neunziger Jahren als Domherr in Preßburg. Seine 
Witwe wohnt mit ihrer Tochter Margit in Budapest. Semmel weis' einziger Sohn, 
B^la, starb am 14. September 1885. Ihm ging das Schicksal seines Vaters sehr 
zu Herzen und in Verkennung der modernen Vererbungstheorien fürchtend, daß auch 
er dem Irrsinn verfallen müsse, schied der erst Fünfundzwanzigjährige freiwillig aus 
dem Leben. Antonie, die Jüngste, welche als Brustkind die letzte traurige Fahrt nach 
Wien mitmachte, ist seit 1882 mit Exzellenz W. 6. v. Lehozky, Präsidenten der 
königlichen Tafel in Preßburg, verheiratet und glückliche Mutter von zwei erwachsenen 
Söhnen und zwei blühenden Töchtern. 

♦**) Wiener klinische Wochenschrift 1894. 



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— 246 — 

eigenes Kapitel darin widmete er Semmel weis. Wir haben seine Schilde- 
rung wiedergegeben. Hier nur sein Endurteil: 

„Der Name Semmelweis bleibt mit der Geschichte der jungen 

Wiener Schule innig verknüpft In der Geschichte der Medizin 

wird Semmelweis neben Lister als einer der größten Wohltäter der 
Menschheit fortleben. Sein Scharfsinn verdient kein geringeres Lob, als 
der des englischen Chirurgen. Dieser konnte sich auf Pasteur's 
epochemachende Untersuchungen stützen, Semmelweis schöpfte einzig 
und allein aus der klinischen Beobachtung und dem anatomischen 
Befund." 

Im Jahre 1903 endlich bemächtigte auch ein Poet sich der 
Semmelweis -Legende und schuf eine formvollendete, packende Novelle. 
Dr. Alfred Freiherr v. Berger entnahm den Stoff zu derselben ledig- 
lich Semmelweis' Schriften, Hegar's Monographie sowie Kußmaurs 
Jagenderinnerungen und bemj^hte sich, „das in und zwischen den 
Zeilen der Semmelweis'schen Publikationen enthaltene und verborgene 
autobiographische Material flüssig zu machen und zu verwerten."*) 

All das Schöne, Charakteristische, das sonst noch eingestreut, ist 
entweder der Ortsgeschichte entnommen oder farbenprächtiges Gebilde 
der Phantasie. 

Wir könnten zum Schlüsse noch anführen, was die moderne Ge- 
burtshilfe über Puerperalfieber lehrt, und nachweisen, wie wenig oder 
wie viel noch von Semmelweis' Lehre sich in de» heutigen Wissen- 
schaft erhalten hat. Wir unterlassen es, denn dies ist durchaus kein 
Maßstab für den objektiven, historischen Wert seiner Theorie, ndtta 
^si, sagte ein weiser Grieche. Alles fließt. Auch in der Wissenschaf t herrscht 
Bewegung, heute wenigstens. Aberwas bedeutet hier Bewegung? Daß unsere 
Begriffe von dem, was wir für wahr halten, fortwährenden Änderungen 
unterliegen. Was gestern galt, wird heute verworfen; was die Gegenwart für 
richtig hält, entlarvt die Zukunft als Irrtum. Immer neue Beobachtungen 
zwingen zu immer neuen, meist richtigeren Erklärungen, und so hat 
heute eine Theorie meist nur ein kurzes Dasein, auch wenn sie von 
einem Forscher ersten Ranges aufgestellt wurde. Sie mag ein Weg- 
weiser sein zur Wahrheit, aber die Wahrheit selbst ist sie niemals. 
Immer enthält sie Irrtum. Wird dieser erkannt, so fällt meist der 
ganze Bau zusammen. Eine Theorie ist höchstens nur eine Sprosse der 
Leiter, auf welcher die Menschheit immer tiefer in die Geheimnisse 
der Natur einzudringen sucht. Der Forscher benutzt sie, so lange sie 
ihm taugt, und schreitet über sie hinweg, sobald eine andere Sprosse 
neuen Ausblick verspricht. Vergänglich also ist die Herrschaft jeder 
Theorie, mag sie noch so fest gegründet erscheinen, mag sie Jahr* 
hunderte überdauern. Wenn sie aber einen Schritt vorwärts geführt 
zur Wahrheit, so hat sie bleibenden historischen Wert und ihres 
Schöpfers Verdienst wird durch ihre Entthronung nicht geschmälert. 
»Wer seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten." Mehr 



*) Briefliche MitteilaDg Baron Berger's. 



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— 247 — 

kann der Mensch nicht erreichen. Wie weit er auch vorausblicken 
mag, er bleibt doch immer ein Kind seiner Zeit und seine Leistungen 
können nur in ihr verstanden, gewürdigt werden. 

Von Semmelweis kann man sagen, daß er schon als junger Arzt 
das Wesen des Kindbettfiebers, welches ungefähr von 1825 bis 1850 
als verheerende Seuche in ganz Europa wütete, mit solcher Schärfe 
erkannt hat; daß ein tieferer Einblick in das Wesen dieser Krankheit 
damals überhaupt nicht möglich war. Den Gipfel erreichbarer Er- 
kenntnis hat er also erklommen und zählt darum zu den größten 
Naturforschern aller Zeiten. 



Sehlußbetraehtungf. 



Blicken wir zurück auf das Menschenschicksal, das wir in diesen 
Blättern teilnahmsvoll miterlebt, so fällt uns vor allem die kolossale 
Bedeutung auf, welche die Schule für das Leben dieses Mannes gehabt 
hat. Es war eine nach alten Schulmännerbegriffen recht schlechte 
Schule. Semmelweis gewann in ihr nicht die Herrschaft über seine 
Muttersprache, und dieser Mangel hat ihn zeitlebens gehindert, seine 
Entdeckung und seine Gedanken über die Entdeckung in geeigneter 
Form der Mitwelt mitzuteilen. Doch eben diese schlechte Schule ließ 
den fähigen Knaben ohne Drill und Druck frisch aufwachsen, so daß 
dessen geniale Beobachtungsgabe sich frei entwickeln und dessen 
heller Verstand das Beobachtete mit spielender Leichtigkeit in allerein- 
fachster Weise erklären konnte, während gelehrte Köpfe nicht sehen 
konnten, was sein Auge entdeckte, und seine Erklärungen als zu ein- 
fach verlachten. Daß die Schule den Knaben und Jüngling nicht über- 
bürdete, darin liegt das ganze Geheimnis ihres Erfolges. Unser heutiges 
Gymnasium läßt Semmelweis-Naturen nicht leicht aufkommen. Es schwächt 
unser Gedächtnis, indem es demselben zu viel Stoff zuführt; wir ver- 
lernen selbständig zu denken, weil uns beständig Gedanken anderer 
geboten werden. Unsere Sinne verkümmern, weil niemand sie pflegt 
und alles geschieht, was ihnen schädlich ist. Oft genug verkümmert 
auch der Körper, denn seiner Entwicklung wird bei uns noch lange 
nicht genügende Fürsorge zugewendet. Wir lernen schreiben, über- 
setzen, aber wir lernen nicht sprechen. Und was endlich den vor- 
erwähnten Wust von Wissen anlangt, der in unsere armen Gehirne 
hineingepfercht wird, so enthält er vielleicht nur 10 Prozent brauch- 
barer Wissenschaft, die einem im Leben nützlich ist. Das Ergebnis? 
Unpraktische Menschen! Wenn man mich vor die Wahl stellte: das 
Pester Gymnasium von anno dazumal, oder ein modernes Gymnasium 
— ich würde sofort ersterem den Vorzug geben. Lieber ein frischer 
Geselle, dem das Schreiben sauer wird, als ein nervenschwacher 
Schriftgelehrter, der über jeden Stein stolpert! Ein Arzt, der beob- 
achten kann, ist mehr wert als tausend „ Systemgelehrte !" 



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— 248 - 

Semmelweis war solch ein Arzt im Sinne Boers. Er verstand 
es, zu beobachten. Von einer einzigen, sicheren Beobachtung 
ausgehend, fügte er Tatsache zu Tatsache, zunächst, ohne deren Zu- 
sammenhang zu begreifen. Endlich kam eine neue, entscheidende Tat- 
sache hinzu, welche mit einemmale alles erklärte. Er war seiner Be- 
obachtungen so sicher, ihr innerer Zusammenhang war ihm so klar, 
daß er glaubte, jeder Mediziner müsse die Richtigkeit seiner Lehre 
erkennen. In seiner Bescheidepheit begriff er lange nicht, daß nicht 
jeder so klar sehe wie er. Aus Angst vor dem Schreiben beschränkte 
er sich auf mündliche Mitteilungen und überließ die Feder seinen 
edlen Gönnern, welche ahnungslos manchen Irrtum verbreiteten. So 
war zum Teil er selbst Schuld, wenn seine Lehre nicht sofort durch- 
drang. Zum Teil war es aber auch die Neuheit seiner Ideen, welche 
den Zeitgenossen schwer in die Köpfe ging. Zum Teil endlich waren es 
unredliche Gegner, welche öffentlich seine Lehre bekämpften, trotzdem 
sie von der Richtigkeit derselben überzeugt waren. Daß Semmelweis 
das Treiben dieser Gegner, denen er Unredlichkeit nachweisen zu 
können glaubte, schonungslos geißelte, wird jeder billigen, der das 
Herz auf dem rechten Fleck hat. 

Seine Beobachtungen bedeuten einen unermeßlichen Gewinn für 
die Menschheit. Die Bevölkerung der Erde würde heute wahrscheinlich 
um Millionen geringer sein, wenn Semmelweis nicht im Jahre 1847 
das Kindbettfieber verhüten gelehrt hätte. Zuerst zogen Wien und 
Österreich, dann Ungarn glückbringenden Gewinn von seiner Lehre. 
Und Österreichs Bevölkerung würde gegenwärtig um Hunderttausende 
größer sein, wenn man von Anfang an und besonders nach seiner 
Abreise von Wien sein Verfahren überall energisch durchgeführt hätte. 
Sein erstes Auftreten fiel in die große Zeit der Wiener Schule, da 
Rokitansky, Skoda und Hebra wißbegierige Hörer aus aller Welt 
nach der Stadt der Phaeaken lockten, und trug zu deren Ruhme nicht 
wenig bei. Und wie hat Wien, wie Österreich ihm für all den Segen 
gedankt? Mit Vergessen. In den klinischen Hörsälen Österreichs, zu- 
mal in den geburtshilflichen, wurde sein Name durch ein halbes Jahr- 
hundert geflissentlich verschwiegen und dadurch die Erinnerung an 
ihn, an sein Lebenswerk gründlich verwischt. Während man im 
Deutschen Reiche noch zu seinen Lebzeiten ihn schätzen lernte und 
geradezu als Wohltäter der Menschheit pries, wuchsen in Österreich 
ganze Generationen von Ärzten heran, welche, in seinem Geiste aus- 
gebildet, von ihm selbst nicht ein Sterbenswörtchen erfuhren. 

Die Verdienste Edward Jenner's ehrte das englische Volk durch 
ein Nationalgeschenk von 30.000 Pfund Sterling und im Jahre 1857, 
34 Jahre nach seinem Tode, durch Errichtung seiner Statue auf 
Trafalgar-Square in London.*) Und diese Engländer nennt man ver- 
ächtlich ein Volk von Krämern! Welche Bezeichnung gebührt dann 
uns Österreichern? Für Semmelweis' Andenken hat man in Österreich 



*) Haeser, Grundriß der Geschichte der Medisin. 



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— 249 — 

bisher keinen Finger gerührt, keinen Heller verausgabt. Da gilt es 
also, eine große Schuld zu tilgen. 

Noch steht das von Kaiser Josef errichtete Wiener Allgemeine 
Krankenhaus, die Stätte, an der Semmelweis seine fiir die ganze Mensch- 
heit segensreiche Entdeckung gemacht. Nur mehr wenige Jahre, und 
dieser alte erinnerungsreiche Bau wird dem Erdboden gleichgemacht 
sein und an seiner Stelle ein neues Stadtviertel erstehen. In diesem 
sollte künftig ein Platz seinen Namen tragen, dort sollte sich dereinst 
sein Denkmal erheben! 

Und die Wiener medizinische Fakultät, hat auch sie eine Schuld 
zu tilgen? Gewiß. Sie hat viel Unrecht gut zu machen, das von 
einzelnen ihrer Mitglieder ausgegangen, und sie hat die ehrenvolle 
Pflicht, das Andenken an einen ihrer Dozenten wach zu erhalten, 
welcher gleich Jenner, Pasteur, Lister, Koch und Behring und 
mehr denn irgend ein Mitglied der Wiener Universität ein Wohltäter 
der Menschheit geworden ist. Wenn die Fakultät daran geht, Semmel- 
weis' Büste im rechtsseitigen Arkadengange des Universitätsgebäudes auf- 
zustellen, dann mag sie sich mit Stolz erinnern, daß in den Jahren 1847 
bis 1850 sowohl der medizinische Lehrkörper, als die kaiserliche 
Akademie der Wissenschaften, wie endlich die k.k. Gesellschaft der 
Ärzte mit Begeisterung für die neue Lehre eingetreten und die Wiener 
medizinische Schule damals'auf dem besten Wege gewesen, zur Verhütung 
der Pyämie und Sepsis bei Gebärenden und bei chirurgischen Eingriffen 
die allgemeine Antisepsis einzuführen. Daß es nicht dazu kam und daß der 
Siegeslauf der Semmelweis'schen Lehre mit einem Ruck zum Stehen 
kam, das war nicht die Schuld der Fakultät. In dem reaktionären 
Österreich von damals erwies sich diese als völlig ohnmächtig gegen- 
über einigen verrosteten Finsterlingen. Und Unverstand der Einen, 
Gehässigkeit der Anderen taten das übrige, um die segensreiche Lehre 
wieder in Verruf zu bringen. 

Betrachtet man der Reihe nach diese Gegner und Feinde von 
Semmelweis, so fällt einem vor allem auf, in welchem Mißverhältnis 
bei den Meisten Wissen und Können zur Charakterbildung stehen. 
Bedeutende Fachgelehrte von europäischem Rufe ziehen an uns vor- 
über, doch wie klein erscheinen sie uns als Menschen! Kleinliche, 
egoistische, hochmütig eingebildete, eitle und rechthaberische Naturen! 
Mancher geradezu gewissenlos! 

Charaktergröße bewies keiner. Niemand schwang sich zu dem 
offenen Geständnis auf: Ich habe geirrt! 

Und wie haben sie sich geirrt! Zu welch einfältigen, ja wahn- 
witzigen Behauptungen haben sich diese Zunftgelehrten verstiegen! 

Dreierlei lernen wir. 

Unsere Schule bildet den Kopf, aber nicht den Charakter. 

Man kann als Gelehrter Hervorragendes leisten und dennoch ein 
grundschlechter Mensch sein. 

Man kann als verdienstvoller Gelehrter den furchtbarsten Irrtum 
lehren. 



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— 250 — 

Und kehren wir aus der Betrachtung der Vergangenheit zurück 
in die Gegenwart, so sehen wir zu unserem Erstaunen uns nicht mehr 
drunten stehen im Gewühle der hastenden Menschen, sondern auf 
höherer Warte. Überrascht erkennen wir in der Welt um uns die Welt, 
die war. Wie diese Leute alle ihr eigenes Ich überschätzen und 
den Nebenmenschen herabzusetzen suchen ! Wollen alle mehr scheinen, 
als sie sind. Wollen nur das gelten lassen, was von ihnen stammt, 
und unterschätzen das Fremde. Wollen mit allen Mitteln sich in die 
Höhe bringen und mißbrauchen dazu auch die Wissenschaft. Machen 
Lärm von sich, blähen sich auf als Gelehrte und markieren den Phil- 
antropen. Und in dieser Welt von Schreiern und Strebern verkündet 
mancher Tüchtige das Gute und Wahre — und wird nicht beachtet. 

Seien wir kritisch gegenüber der modernen Wissenschaft! Sie 
enthält viel Spreu, die als Korn ausgegeben wird. Erinnern wir uns, 
welch greulicher Unsinn vor 50 Jahren von manchem Katheder herab 
gelehrt wurde! Sind wir so sicher, daß dies heute nicht ebenso ge- 
schieht? Gehen wir nicht urteilslos mit der Menge, mit der Mode! 
Beachten wir jene, die einsam wandern! Besonders die Verfolgten, 
Verhöhnten. Wie, wenn ein Semmelweis auch unter uns lebte?! 



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— 261 



Inhaltsverzeiehnis. 



Arneth, Hofr. Dr. F. H. v., IV, 3, 19, 
26, 27, 76, 77, 78, 89, 96, 97, 98, 99, 
103, 113, 140, 141, 193. 

Auenbrugger, 165. 

Balassa, Prof. d. Chirurg., 92, 123, 167, 

196, 220, 221. 

Bamberger, Prof. d. int. Med., 88, 89. 
Bartsch, Prof. d. Geburtsh., 11, 12, 14, 

19, 42, 46, 71, 89, 197. 
Bathory, Dr., Stefan, 196, 220. 
Bednar, Dr.,. Kinderarzt, 47, 66. 
Behring, Prof. Dr., 87, 250. 
Berger, Dr. A. Freih. v., III, V, 246. 
B er res, Josef, 2. 
Birly, Prof. d. Geburtsh., 94, 96, 96, 117, 

119. 
Boehr, Dr., 233. 
Boer, Prof. d. Geburtsh., 5, 12, 26, 96, 

188 248 
Bökeis, Prof., 123, 220, 221. 
Braun, Dr. Karl, Prot d. Geburtsh., 45, 

86, 88, 105 bis 113, 114, 116, 120, 121, 

137, 142, 163, 186, 187, 207, 209 bis 211, 

236 bis 238. 
Breisky, Geburtsh., Prof. Dr., 182, 183, 

184, 202, 212. 
Breit, Dr , Prof. d. Geburtsh., 8, 16, 17, 

19, 45. 
Bronner, Dr, 21, 23, 26. 
Brück, Sanitätsr. Dr., IV, 78, 88, 92, 123. 

124, 189, 165, 170, 192, 193, 194, 196 bis 

197, 215, 218, 224, 244. 

Brücke. Prof. d. Physiol., 47, 54, 65, 90. 
Buhl, Prof. d. path. Anat.. 172, 181, 182, 

266. 
Busch, Prof. d. Geburtsh, 55, 56, 102, 

215. 
Cathrein, Dr. G., 151. 
Chiari, Dr. Johann, Primär, u. Prot, .3, 

47, 75, 77, 78, 89, 96, 99, 106, 113 bis 

115, 117, 125, 169. 
Churchill, GeburUh., 27, 98. 
Dekanat d. Wien. med. Fakultät, V, 3, 8, 16. 
Depaul, Dr., 131, 148, 149. 
Diescher, Prot d. Med., 224, 226, 234. 
Dietl, Prot d. int Med., 139, 142. 
Disse, 104. 



Dommes, Med. R., 180. 

Dubois, Prot d. Geburtsh., 96, 97, 147, 

148, 163. 
Dumontpallier, 201. 
Dumreicher, Prot d. Chirurgie, 40, 47. 
Ehrmann, Prot d. Geburteh., 140, 142, 
Eisenmann, 106, 227, 237 
Endlicher, St. L., Botaniker, 3, 4. 
Everken, Dr., Geburtsh., 139, 140. 
Faye, Prot d. Geburtsh-, 101. 
Feuchtersieben, Frh. v., 39. 
Fleischer, Dr., Geburtsh., 120, 121, 126, 

170, 225, 234, 238. 
Frank, Peter, 232, 233. 
Franqu6, Dr. O. v., 172, 173, 178. 
„Fremdenblatt", das, 222. 
Freund, Prot d. Geb., V, 242, 244. 
Fritsch, Prot d. Geburtsh., 241, 242. 
Grenser, Prot d. Geburtsh., 204. 
Habit, Dr., ItO, 203, 216. 
Haeser, Prot d. Gesch. d. Med., 241. 
Haller, Prim. Dr., 21, 44, 45, 46, 47, 77, 78. 
Hamernik, Prot d. int. Med., 63, 67, 68. 
Hartel, Dr. W., ünterrichtsmin., V. 
Hayne, Prof d. Tierheilk , 74, 78. 
Hebra, Ferdinand, Prot d. Dermat., III. 

IV, 4, 5, 20, 21, 23, 25, 26, 38, 39, 47, 
54, 64, 77, 78, 91, 135, 159, 168, 170, 
208. 220, 221, 149. 

Hebra, Hans, Prot d. Dennat., 20. 
Hebra, Johanna, IV, 20, 39, 219, 220, 221. 
Hecker, Prot d. Geburtsh., 181, 182, 

185, 202, 203, 204, 236. 
Hegar, Geheimr. Prot d. Geburtsh., III, 

V, 9, 86, 98, 122, 218, 226, 238, 239, 
240, 241, 843, 244, 246. 

Heiberg, Hjalmar, Prot d. path. A., 234. 
Kelly, R. v., Prot d. Geburtsh., 204. 
Helm, Prim. Dr., 7, 76. 77, 78. 
Herzig, Anton, Direktor, V. 
Hierl, Dr. F., 161, 162. 
Hildenbrand, Prot t interne Med., 2, 

4, 5, 6. 
Hirsch, Prot d. Med., 214, 215, 286, 

240, 241. 
Hirschler, Dr. Ignaz, V, 1, 2, 93, 96, 

96, 122, 123, 124, 126, 186, 153, 170, 288. 



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— 252 



Hohl, Prof. d. Geburtsh., 104. 
Hueppe, Dr. F , Prof. d. Hygiene, 171, 245. 
Hugenberger, Dr. Geburtsh., 192, 193. 
Hussa, Geburtsh., 215. 
Huze, Hermann v., Hofsekr., 5. 
Jaoquin, J. F. v., 2, «h, 4. 
Jenner, 38. 128, 179, 218, 249. 
Kaltenbach, Prof. d. Geburtsh., 240, 
K6zmärszky, Prof. d. Geburtsh.. 225, 245. 
Kilian, Dr. H. Fr, Prof. d. Geburtsh. 

66, 57. 
Ki wisch V. Rotterau, Prof. d. Geburtsh., 

26, 27, 28, 30, 53, 79 bis 84, 85, 96, 

100, 101, 102, 150, 161, 162, 163, 176 

215, 226, 227. 
Elebs, 239. 
Klein, Johann, 2, 5, 6, 7, 11, 12, 16, 21, 

2?, 23, 26, 40, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 

71, 77, 78, 89, 95, 108, 120, 121, 178. 
Kleinwächter, Prof. d. Geb., 239. 
Koch, Robert, 239, 250. 
Kolletschka, Dr. Jakob, Prof. d. ger. 

Med., 17, 18, 25, 149. 
Küchenmeister, Dr., 152. 
Kugelmann, Dr. L., 178, 179, 180 
Kußmaul, Prof.. V, 5, 21, 22,23,26, 39, 

43, 140, 245, 246. 
Kyri, Dr. J., Gynaekol. V. 
Lange, Prof. d. Geburtsh., 96, 185, 186, 

190, 203, 204, 2.H7. 
Lautner, Dr. Anatom., 39, 45, 46, 47, 53. 
Lebert, Dr. H.. Prof. d. Geburtsh., 150. 
Levy, Prof. d. Geburtsh., 32, 33, 34 bis 37, 

139, 141, 143, 144. 
Liebig, Justus v., 139, 149, 150. 
Lippich, Prof. d. int. Med., 7. 
Lister, Joseph, 234, 239, 241, 246, 246, 250. 
Li tz mann, Prof. d. Geburtsh., 34, 139, 

144, 145, 235. 
Löbel, Dr. Gustav, Internist, 7. 
Lorain, 104. 

Löschner, Prof. d. Geburtsh., 200, 203, 204 
Lumpe, Dr. Richard, Geburtsh., 74, 75, 

77, 78, 86 bis 87, 89, 108, 104, 105, 120. 
Marc d'Espine, Dr., 149. 
Markusovszky, Dr. Ludwig v., 8. 93, 

116, 123, 136, 170, 183, 184, 185, 195, 

196, 215, 218, 219, 224, 234. 
Martin, Anselm, Prof. d. Geburtsh., 131 

bis 134, 151, 152. 
Martin, E., Prof. d. Geburtsh., 152, 216, 

217. 
Martyn, 104. 

Mayrhofer, Dr. R., 203, 208, 228, 230. 
Meokel, 104. 
Mende, 105. 
Meynert, Prof, 222. 
Michaelis, Prof d. Geburtsh., 26, 31, 32, 

33, 34, 38, 53, 107, 143, 144, 145, 169, 

190, 242. 
Moleschott, 124. 

Murphy, Prof. d. Geburteh., 43, 131, 171. 
Nadherny, Prof. Dr. Ignaz v., 4, 7, 26. 
Naegele, Prof. d. Geburtsh., 21, 26, 96. 
Nnsser, Stadtphys Dr., 6. 



Olshausen, Prof. d. Geburtsh., 236, 241. 

Oppolzer, Prof. d. int. Med., 7,201,203. 

Orfila, Prof., 97, 177. 

Oslander, Prof. d. Geburtsh., 66. 

Pachner, Prof. d. Geburtsh., 120. 

Pasteur, 239, 246, 250. 

Patruban, Prof. v., 187. 

Pedellenamt der Wiener Universität, V, 
3, 4, 7. 

Pernice, Prof. d. Geburtsh., 178, 180. 

Petersburger Verhandlungen 193. 

Pippingsköld, 178, 180. 

..Presse," Die, 222. 

Puschmann, Prof. v., 5, 25, 47, 233. 

Ratter, Prim. Dr., 4. 

Retzius, Prof. d. Geburtsh., 104, 107, 111, 
187. 

Riedel, Direktor, 220, 221. 

Rokitansky, Prokop, Prof. d. path. Anat. 
III, 4, 5, 21, 45, 47, 48, 70, 77, 159, 168, 
203. 

Rosas, Edl. V., Ophihalmol., 2.40, 41,42, 
45, 47. 89. 

Rosshirt, Dr. J. E., Prof. d. Geburtsh., 
99, 100. 

Routh, Dr. F. H., 26, 43, 44, 56, 97, 131, 
171. 

Schiffner, Dir. d. allg. Krankenh., 4, 5, 
39. 

Schmidt, J. H., Prof. d. Geburtsh., 54, 
55, 139, 140. 

Schreiben. Abneigung gegen das 7, 136, 
170, 249. 

Schroeder, Dr. K., Prof. d. Geburtsh., 
233, 234. 

Schuh, Prof. d. Chirurgie, 40, 47. 

Schule, 1, 2, 248. 

Schwarz, Dr., 26, 31, 32, 34, 143, 203 

Scanzoni, Prof. d. Geburtsh., 67 bis 63, 
64, 67, 70, 71, 72, 78, 85, 102, 103, 105, 
116, 151, 162, 163, 166, 172, 173 bis 176, 
178, 187, 230 bis 232, 233. 

Semmel weis, Ign. Ph., Gymnasium 1, 2, 
Universität 2 bis 7. I. Dienstzeit 8 bis 15, 
abermals provis. Assist. 16, Reise n. Ve- 
nedig 17, II. Dienstzeit 17 bis 45, Kol- 
letschka's Tod 17, 1. Entdeckung 18, 19, 
Chlorwaschungen 20, Fehde zw. Skoda 
u. Klein 21 bis 90, Kußmaul in Wien 
21, 22, neue Entdeckungen 23, Hebras 
Anzeige 23 bis 25, Sektionswut 25, 26, 
Propaganda für d. Entdeckung 26, Simp- 
son's Antwort 27, Kiwisch als Referent 
27, 28, Tilanus' Antwort 29, 30, Michae- 
lis Antwort 31, Levy 's Standpunkt SO bis 
37, Zipfl gratuliert 37, Hebras 2. Ar- 
tikel 38, Revolution in Wien 39, Skodas 
Antrag im med. Lehrkörper 39, 40, Ro- 
sa's Verleumdungen 40, 41, Entscheidung 
d. Minist. 41, 42. Routh schreibt 43, 
H alleres Vortrag 44, Dienstverlftngemng 
nicht bewilligt 45, Tierversuche mit 
Lautner 4 5, Haller's Bericht 46, Auf- 
nahme in d. Ges. d. Ärzte 47, Die Be- 
nützung der Gebärhausprotokolle eine 



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•253 — 



Denunziation 48, Skoda's Vortrag 48 
bi853,Brüoke8 Mitarbeit54, Prof. Schmidt 
55 bis 56, Bednar, Kilian 56, Scanzoni's 
Verteidigung 57 bis 63, Seyfert's Artikel 
64 bis 67, Hamemik verwirft die Leichen- 
infektion 57, 58, 1. Vortrag von S. 68 
bis 70, 2. Vortrag 71 bis 73, Zipfl 
schwenkt zu den Gegnern 77, 3. Vortrag 
73 bis 77, Kiwisch' Stellungnahme 79 bis 
84, Lumpe's Artikel 86, 87, Bamberger's 
Theorie 88, 89, Dozent 89, Abreise nach 
Pest 90. 

St. Rochus-Spital in Pest 93, Honorar- 
primär. 94» Birly*s Oberzeugung 95, Tor- 
may's Regeln 96, Bewerbung in Prag 96, 
Ameth's Reise 97, 98, Ghiari's Vortrag 99, 
Kiwisch' Lehrb. 100 bis 103, Braun's 1. 
Gegenschrift 105 bis 113, Letzte Äuße- 
rung Chiari's 113, 115, Universitätspro- 
fessor 118, Braun der Nachfolger von 
Klein 121, Obelstände auf d. Klinik 122, 
Vorträge 128. Heirat 124, Kinder 125, 
amtliche Nase 127, Antwort 128, Gesuch 
an das Prof.-Koll. 129 bis 131, Martin 
will sich noch nicht entscheiden 131 bis 
134. Braun's Lehrb. 137. 

Briefe 139 bis 147, DuboU 147, Liebig's 
Urteil 149, Silberschmidt ausgezeichnet 
151, Vollendung des Buches 153. 

Auszug aus d. „Ätiol.^ 151 bis 167, 
Reinlichkeit bei Operationen 166 bis 167, 
Kritik 168 bis 170, Brief an d. ung. 
Akad. 171, Offene Briefe 172 bis 178, 
Kugelmann's Widmung 179, Breisky's 
Kritik 182, Markusovsky's Weitblick 183, 
184, Naturforscher zu Speyer 185, Brief 
an sämtl. Professoren 188 bis 191, Peters- 
burger Verhandl. 192. 

Gynäkologe 195 bis 197, Spaeth wird 
Infektionist 198 bis 207, Gutachten 203, 
Braun's Vortrag 209 bis 213, Hirsch' 
Werk 214, 215, Fixe Idee 218, Erkran- 
kung 219, Wiener Reise 220, Tod 221. 

Winckel, 226, Veit 228, Scanzoni 230, 
Schroeder 233, Braun 236, Hegar 238, 
Hirsch 240, Fritsch 241, Freund 242, 
Brück 244, Hueppe 245, KuBmaul 246, 
Jenner 249, Denkmal 250. 
Semmel weis, Josef, 1, 2, 8. 
Semmelweis, Therese, 1, 3. 
Seyfert, Prof. d. Geburtsh, 60, 64 bis 67, 

70, 71, 72, 78. 
Siebold, E. v., Prof. d. Geburtsh., 176, 
177, 179. 



Silberschmidt, Dr. H., 151, 163. 
Simpson, Prof. d. Geburtsh., 26, 27, 77, 

97, 98, 106, 171. 
Skoda, Josef, Prof. d. int. Med.. III, 4, 

5, 6, 7, 20, 21, 23, 26, 39, 40, 45, 47, 

48 bis 53, 54, 65, 57, 58, 59, 61, 64, 66, 

70, 76, 77, 78. 79, 80, 81, 83, 84, 85, 88, 

90, 91, 98, 101, 103, 105, 110, 120, 135, 

142, 149, 151. 159, 162, 168, 203, 232. 

243, 249. 
Sommaruga, Frh. v., ünterrichts- 

minister, 41. 
Spaeth, Prof. d. Geburtsh., 105,114.120, 

136, 172, 178, 187, J97 bis 203, 205 bis 208, 

212, 213. 215, 225, 226. 
Spiegelberg, Dr. O., Prof. d. Geburtsh., 

188, 235. 
Stamm, Dr., 213. 
Steiner, Josef, Kand. d. Ghir., 145, 146, 

147, 162. 
Stendrichs, Dr., 26. 29, 30, 
Stoltz, Prof. d. Geburtsh., 189, 140, 

141, 142. 
Storrs, engl. Geburtsh.. 27, 28, 80, 81. 
Streng, Dr. Johann, Prof. d. Geburtsh., 96 
Szemer6nyi, Marie, IV, 93, 124. 218, 

219 bis 221, 245. 
SzemerSnyi, Paul, 93. 
Tandler, Statthaltereirat v., 122, 126, 127. 
Tarnoffsky, Hebammen-Instr. 193. 
Tilanus, C. B., Prof. d. Geburtsh., 26, 

29, 31, 38, 107. 
Tilbury Fox, 187. 
Tilkowsky, Dr. A., Direktor, V. 
Tormay, Dr. Karl, 95, 96. 
Türkheim, Freih. v., 4. 7. 
Tyler Smith, 187. 
Unterrichtsministerium, Akten des, 

42, 45. 
Veit, Prof. d. Geburtsh., 136, 137, 169, 

217, 227, 228, 229, 230, 233, 235, 241. 
Virchow, Rudolf, 136, 149, 161, 185. 

203, 216. 242, 244. 
Wagner, Prof., 123, 220, 221. 
Walla, Primär. Dr., 122, 225. 
Wattmann, Prof. d. Chirurg., 2, 39. 
Weidenhofer Marie, 124. ^ 

Well, W. V., 21. ^ 

Wieger, Dr., 139, 140, 141, 142. 
„Wiener Zeitung", 17, 222. 
Win ekel, Prof. d. Geburtsh., 214, 22C, 

227, 233, 235. 
Zipfel, Dr., Gynaekol., 8, 37, 48, 73, 77, 

78, 79, 89. 180, 181. 



K. u. k. Hofbucbdruckcrei Carl Fromme in Wien. 



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— 264 — 



Literaturverzeiehnis. 



* Akten des Dekanates der Wiener med. 

Fakultät, 1843 bis 1847. 
* — des Pedellenamtes der Wiener Uni- 

yersität, 1844 bis 1845. 
* — des österr. Unterrichtsministeriums 

in Wien: Sitzungsprotokolle des 

mediz.Lehrkörpers, Nr. 1055/188, 1849; 
* — Antwort des Unterrichtsministeriums 

vom 18. Februar 1849; 
*— Erlaß vom 28. November 1850, 

Z. 9486/60. 
Arneth, Dr. Fr. H. v., Geburtshilfe in 

Frankreich und England, 1853. 
^Bericht über die Prager Gebäranstalt, 

Prag er Vierteljahrschr., 1863. 
Boehr, Stzg. d. Berl. Ges. f. Geburtsk. 

vom 26. Mai 1868. Monatsschr. f. Geb., 

1868. 
Braun Karl, Klinik d. Geburtsh. u. 

Gynäkol., 1855. 
*— Lehrb. d. Geburtsh., 1857. 
*— Bericht, Ost Zeitschr. f. prakt Heil- 
kunde, 1861. 
♦— Vorfrag, Vers. d. Naturf. u. Ä., 

Karlsbad, 1862. 

— Vortr. vom 15. April 1864, Med. 
Jahrb. 1864. 

— Lehrb. d. Gynäk., 2. Aufl., 1881. 
*Breisky, Kritik, Literar. Anzeig. d. 

Prag. Vierteljahrschr., 1861, 2. 
*— Prager Viertelj., 1863, 2. 
*— Prager Viertelj., 1864, 1. 
Brück, Ignaz Philipp Semmelweis. 

1885. 
Buhl, Klin. d. Geburtsk., 1861. 

— Monatsschr. f. Geburtsk., Bd. 23, 
p. 308. 



Busch, Prof. D. W. H., Über d. Ver- 
tilgung, Ztschr. f. Geburtskunde, 1852. 
*Cathrein, Inaug.-Diss.. 1859, Würzburg 
Chiari, Prim. Dr., Zeitschr. d. G^s. 
d. A., Dez. 1851; ebendaselbst, Febr. 
1866. 
Chiari, Braun u. Spaeth, Klinik d. 
Geburtsh. u. Gynäkol., 1865. 
♦Denham, Dubl.Quart3eview,Nov.l862. 
*Dis8e, Monatsh. f. Geburtsk., 5, 1865. 
Dumontpallier, L'ünion media d. 

Paris, 1862. 
*Flei8cher, Statist. Bericht, Wr. med. 
Woch. 1856, p. 534. 

— Gedenkrede auf Semmelweis. Orvosi 
hetilap, 1872. 

— Eeferat über die „Ätiologie", Gyö- 
gyÄszat, 1861. 

♦Franqu^, Die puerp. Erkr., 1859, in 
Scanzoni*s Beiträgen zur Geburtsk. 
u. Gynäkol., 1860. 

— Die puerp. Erkr., 1860, in Scanzoni*s 
Beitr., 1861. 

Freund, Gynäkologische T^bTiiV, I885f 
p. 223. 

Fritsch, Grundzüge d. Path. u. Ther. 
d. Wochenkrankheiten, 1884. 

Froriep's Notizen, 1861, II, Nr. 18. 

Garnier, L^union med. d. Paris, Nr. 99, 
1862, p. 365. 

Grenser, Nägeles Lehrb. d. G^b., 
V. Aufl. 
♦Habit, Eef. über Hecker*s Bericht, 

Prag. Vierteljahrschr., 1863, 4. 
♦— Ref., Med. Jahrb., 1865. 

Haeser, Grundriß d. Gesch. d. Medi- 
zin, 1884. 



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266 — 



♦Haller, Bericht in d. Sitzg. d. Ges. d. 

Ä. V. 23. Febr. 1849. Zeitschr. d. Ges. 

d. Ä., 1849. 
*— Direktionsbericht, Ztschr. d. G. d. 

Ä., 1849. 
Haussmann, Med. Zentralbl., 1868, 27. 

— Beitr. z. Geburtsh. u. GynÄk., Berl., 
m, 3, p. 311. 

Hebra Ferdin., „Höchst wichtige Er- 
fahrungen". Zeitschr. d. Ges. d. Ärzte 
in Wien. Dez. 1847. 

— ^Fortsetzung d. Erfahrungen". Zeit- 
schr. d. Ges. d. Ä., April 1848. 

Hecker, Klin. d. Geburtsk., 1861. 

— Gutachten, Med. Jahrb., 1865. 

— Beobachtungen u. Untersuchungen. 
Monatsschr. f. Geb., 1881. 

*— Intelligenzbl. bayer. Ärzte, 1862. 
He gar, J. Ph. Semmelweis. 1882. 

— Volkm., Klin. Vortr. 351, 1886 bis 
1890, Gynäk. 

Heiberg, Die puerperalen und pyämi- 
schen Prozesse, 1873. 

Helly, Bericht über d. Schuljahr 1861 
bis 1862. Prag Vierte^'ahrschr. 1863, 4. 
"^'Hierl, Inaug. Diss., München, 1800. 

Hirsch, Hdb. d. iiist geogr. Patho- 
logie, 1. Aufl., 1864. 

— 2. Aufl., 1883. 

Hirschler, Dr. Ignaz, Erinnerungen 
an Semmelweis. Manuskript, im Be- 
sitze Geheimr. Hegars. 

»Hohl, Prof. A. F.,Lehrb. d. Geburtsh. 

1855. II Aufl. 1861. 
Hueppe. Gedenkrede, Wr. Kl. Woch. 

1894. 
Hugenberger, Das Purperalfleber im 
St. Petersb. Hebammeninst. etc., 
Petersburg. 1863. 
Hussa, Lehrb. d. Geb. f. Hebammen. 
Wien, 1866. 

*Kaltenbach, Volkm., Klin. Vortr., 
Gynäk. 205. 1886 bis 1890. 

*Kilian, Prof. Dr. H., Geburtslehre, 
1850. 

*Ki wisch, „Einige Worte", Zeitschr. d. 
Ges. d. Ärzte zu Wien, 1850. 

♦— Klin. Vortr. über sp. Path. d. The- 
rapie d. weibl. Geschl., 1851. 

♦Kleinschmidt, Inaug-Diss., Halle, 
1874. 



Kl ein Wächter, Puerperium, Eulen- 
burg, Realencykl. 1882, 11. 
»Küchenmeister; Desinfektionsmittel, 

Deutsche Klinik, 1860, Nr. 13. 
»Kußmaul, Jugenderinnerungen eines 

alten Arztes. 1899. 
Lange, Vers. d. Naturf. u. Ä., Speyer, 
1861. 

— Gutachten, Med. Jahrb , 1865. 
Lebert, Lehrb. d. Geburtsh., 1859. 
Lieb ig, Chem. Briefe, 3. Aufl., 1849, 

4. Aufl. 1857. 
Litzmann, Kindbettfleber, 1844. 
»Lorain u. Belletre, Gaz. d. höp., 1855. 
"Löschner, Prag. Viertelj. f. prakt. 
Heilkd., 1862, 1. 

— Gutachten, Med. Jahrb. 1865. 
»Lumpe, Zeitschr. d. Ges. d. Ä. 1850. 
» — Kompend. Geburtsh., 1854. 

Mai er, Path. anat. Notizen z. Puerperal- 
fieber, Virch. Arch., 1864. 

Markusovszky. Orvosi hetilap, 1857 
bis 1865. 

Martin A., Zur Erf. d. Urs. d. epid. 
Puerp. Fieb., Monatschr. f. Geburtsk., 
4, 1857. 

Martin R, Monatschr. (. Geburtsk.. 
1860, 16. 

— Monatschr. f. Geburtsk., 1864. Bd. 23. 
»Martyn, Lancet, 1855. 

Mayrhofer, Untersuchungen, Med. 
Jahrb. 1863. 2. 

— Sitzg. d. Ges. d. Ä. in Wien, 27. Mai, 
3. Juni 1864. 

— Wr. aUg. med. Ztg. 1864, 23. 

— Monatsschr. f. Geburtsk., Febr. 1865. 
»Meckel, Charit^-Annalen, V. Bd. 
»Mewis, Inaug.-Diss., Straßburg, 1874. 

Murphy, What is Puerp. Fever? Du- 
blin quarterly Journ. of. Med. Science, 
1857. 
♦Oppolzer, Allg. Wien. med. Ztg., 1862, 
13 bis 15. 

— Gutachten. Med. Jahrb., 1865. 
»Osiander, „Wie können Geburtshelfer", 

in Siebolds Journal, VII., 1827. 
*Protokolld. Noe. Landes-Irrenanstal t, 
Nr. 449/441, 1865. 
Protokoll d. Verhandl. d. St. Peters- 
burger Ges. d. Ärzte über Ätiol. u. 
Prophyl. d. Kindbf., 1863. 



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— 256 — 



Retzius, Monatschr. f. Geb., 1861. 17. 

3. 
*Roßhirt, Prof.-Dr., Lehrb. d. Geburtsh. 
1851. 
Scanzoni, Prager Viertel] ahrschr. f. 

prakt. Heilkunde, 1850, 2. 26. Bd. 
♦- Prag. V. f. prakt. Hlkd., 1850, 3, 4. 

27. Bd. 
♦— Prag. V. f. prakt. Hlkd.. 1830, 28. Bd. 
♦-^ Lehrb. d. Geburtsh., III. Bd. 1852. 
*— Lehrb. d. Geburtsh., II. Aufl. 1852. 
* — Compendium d. Geburtsh., 1854. 
♦— Lehrb. d. Geburtsh., IV. Aufl. 1867. 
Scho efl, Wiener Spit. Ztg. 1864, 9—11. 
Schroeder, Lehrb. d. Geburtsh., 1871. 
Semmel weis, Ätiologie d. Kindbettf., 

1861. 
•— Vorträge, Ztschr. d. Ges. d. Ä, 1850. 

— Ätiolog d. Puerperalfiebers, Orvosi- 
hetilap, 1858. 

— Zwei offene Briefe an Dr. J. Spaeth 
. . . und an Hofr. Dr. F. W. Scanzoni, 
1861. 

— Zwei offene Briefe an Hofrat Dr. 
Siebold . . . und Ho£r. Scanzoni, 1861. 

— Offener Brief an sämtl. Professoren 
der Geburtshilfe, 1862, Ofen. 

— Beiträge und Referate, Orvosi heti- 
lap, 1857-1865. 

^Seyfert, ^Ergänzende Bemerkungen", 

Prag. Viertjschr. f. pr. Hlk., 1850. 

Siebold, Betracht, über d. Kindbett- 

fleber, Monatschr. f. Gebkd., 1861. 

— Gebuirtshilfl. Briefe. Braunschweig. 
Silber Schmidt, Hist. krit. Darst. d. 

Path. d. Kindbettf, Würzburg, 1869. 
Simpson, The Obstetric. Memoirs and 

contributions, Vol. II. p. 1 und 20 ff. 
Skoda, Vortrag, geh. in d. Wien. Ak. 

d. Wiss., Oktob. 1849. Zeitschr. d. 

Ges. d. Ä. 1850. 1. p. 107. 

— Gutachten, Med. Jahrb. 1865. 
♦Spaeth, Kompend. der Geburtsh., 1857. 

— Referat, Mediz. Jahrbuches, 1861, 4. 
♦— Ref., Med. Jahrb., 1862. 

— Vortrag v. 16. Jan. 1868, Med. Jahrb. 

1863, 1. 

*— Ref., Med. Jahrb. 1863. 

*— Vortrag v. 29. Jan. 1864, Med. Jahrb. 

1864. 1. 



♦Spaeth, Vortr. v. 5. Febr. 186* ebendas. 

*— Ref., Med. Jahrb. 1864. 2. 

*— Bericht über d. Jahr 186i. Med. 

Jahrb. 1866. 
Spiegelberg, Zur Geburtsh. in London 

etc., Monatschr: f. G^burtsk., 1856. 
*__ Cber das Wesen d. Puerperalfieber. 

Volkm. Klin. Vortr., Gynaek, 1—30. 
Stamm, Vortr. v. 29. Juni 1864, ßerl 

Klin. Wochenschr. 1864, p. 313. 

— Wien. med. Halle, 1864, 15—46. 

— Naturf. Vers, zu Gießen, 1864. 
♦Tormay, Dr. Karl, Wegweiser in d. 

Geburtskunde. Ein Hdb. f. Landhebam- 
men. Pest 1852. 
♦Unckel, Ina\ig.-Diss., Greifswald, 1875. 
Veit, Krankh. d. weibl. Geschlechtsorg.. 
Virch. Handb. d. spez. Pathologie. 
1. Aufl. n. 2. 1857. 

— Monatsschr. f. Geburtsk. 1866. 

— Krankh. d. w. G., Virch. Hdb., IL 
Aufl. 1867. 

Vers, deutsch. Naturf. u. Ä., Speyer. 

1861. 
♦— Karlsbad, 1862. 
V i r c h o w, Puerp. Fieb.-Epidemien, Vor- 
trag, Monatschr. f. Geburtsk., 1858. 

— Wiener Med. HaUe, 1864, 11. 

— Gutachten, Med. Jahrb. 1865. 

*— Vortrag v. 13. Febr. 1864, Monatschr. 

f. Geburtsk 1864, 23. Bd. 
Wegscheider, Monatschr. f. Ge- 
burtsk. Bd. 23. 
♦Wiener med. Wochenschr., Pester 

Briefe: L Jahrg. 1851; März 1855; 

1857, p. 543; Notizen: 19. Juli. 1. Aug. 

5. Sept., 24. Oktober 1856; Ref. über 

Ungar. Vortrag v. Semmel weis, 1857. 

p. 25; Depaul, Beitr. z. Kontagios. 

d. Puerp.-Fiebers 1856, Joumalrevue, 

p. 12; Depaul, Thesen 1859, p. 25; 

Marc d'Espine, 1859, p. 442. 
Winkel, Pathol. u. Ther. d. Wochen» 

bettes I. Aufl. 1866; 
*— n. Aufl , 1869. 
*- HL Aufl., 1877. 
*Zipfel, Vortrag, Ztschr. d. Ges. d. Ä, 

1850. 
*— Bericht, österr. Ztschr. f. p^akt 

Heilkunde, 1861, Nr. 50. 



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